Das Editorial der Zirkelkorrespondenz Februar 2018

Liebe Brüder,

Das Jahr ist jetzt schon wieder fast zwei Monate alt. Ich möchte nicht die Floskel gebrauchen „die Zeit vergeht wie im Fluge“, aber gefühlsmäßig passt sie eben doch oft.

Viele ereignisreiche Momente liegen hinter uns. Manche guten und manche schlechten Erfahrungen sind dabei gewesen. Und mit den zahlreichen Erlebnissen verblasst auch mit der Zeit das Detail. Gut erkennbar ist das immer, wenn am Ende eines Jahres ein kleiner Rückblick auf das vergangene erfolgen soll. Wie oft fallen einem „Dinge“ nicht ein – oder erst viel später. Wie oft wird der Rückblick auf Vergangenes von einzelnen Höhe- oder (meist) Tiefpunkten geprägt. Dabei ist das Jahr eine Summe vieler Teilchen, die oft und auch sehr leicht verloren gehen können. So hat mich zu Silvester 2017 ein Radiobeitrag motiviert diesem Sammelsurium an Erlebnissen in einem Jahr endlich mal eine Struktur zu geben.

„Mir einen Denkzettel verpassen…“ – ist zwar im ersten Moment eine negativ anmutende Formulierung. Besonders auch, weil sie historisch negativ belegt ist. Im 16. Jahrhundert hängte man Schülern in den Klosterschulen und anderen Ausbildungsstätten bei mehrmaligen Vergehen gegen die Ordnung des jeweiligen Instituts sogenannte Schandzettel an einer Schnur um den Hals, auf denen die Vergehen gelistet waren. Je nach Art der Verfehlung hatten die Schüler diese Denkzettel mehrere Tage bei ihren Freigängen und während des Unterrichts zum Gespött der Mitschüler zu tragen. Daher ist dieser Begriff erst einmal belastet. Doch das stört mich nicht. Ich habe als Quintessenz aus dem Radiobeitrag mitgenommen, dass man ruhig über das Jahr verteilt sich kleine Denkzettel schreiben sollte. Immer wieder, wenn es gute und vielleicht auch „lehrreiche“ Momente gab, kann man diese auf einem kleinen Stück Papier vermerken und z.B. in einer Box sammeln. Man glaubt nicht, was am Ende des Jahres alles wiederentdeckt wird, wenn man z.B. zum letzten Silvester zurückblicken möchte. Wie viele kleine, schöne Momente einem – ohne Denkzettel – gar nicht wieder eingefallen wären, weil sie im Alltag untergegangen sind. Oft sind es die stillen, schönen und kleinen Erlebnisse, die einem viel im Leben geben, die aber im Alltag und in der Flut der Impressionen nicht lange in unseren Köpfen bleiben. Nicht selten hört man nur die Klage, dass Menschen im eigenen Umfeld das vergangene Jahr als negativ betrachten. Doch die Bilanz hat immer zwei Seiten und auch viele Unterkonten, die nicht mehr im Blick sind. Mit einem Denkzettel kann ich diese Momente wieder offenlegen, mich erinnern und erkennen, dass das Leben doch viele positive Momente zu bieten hat, mehr als ich eigentlich vermutete!

Autor: Torsten Küster