Legenden und Wirklichkeit n der Geschichte der Freimaurerei

Die „moderne“ Freimaurerei feierte 2017 ihr 300. Jubiläum. Doch schon seit längerem ist klar, dass weder das behauptete Gründungsjahr noch der damit verbundene Mythos einer seriösen primärwissenschaftlichen Betrachtung Stand halten. So haben kürzlich die Historiker Susan Mitchell Sommers, Saint Vincent College Pennsylvania und Andrew Prescott, University of Glasgow, mehrere Arbeiten publiziert, die die Autorität der offiziellen Freimaurerchronik infrage stellen.

Beide Wissenschaftler gehören zu den international renommiertesten Freimaurerforschern, ohne selbst Freimaurer zu sein. Je intensiver sie sich mit der Chronik und den „Constitutions“ des Reverend James Anderson von 1738 beschäftigten, desto stärker wurde ihr Verdacht, dass die Freimaurer im alten England die eigene Chronik manipuliert haben. Dass das in der Freimaurerei im Laufe der Jahrhunderte leider viel zu oft passiert ist, wissen wir mittlerweile. So wird auch der Gründungsmythos der Freimaurerei von 1717 verständlicher.

Mit Beginn vor rund 30 Jahren schreitet die Quellenforschung international nun aber durch Öffnung der meisten Logenarchive und durch Recherchen in sonstigen Archiven sowie akribische Einsichtnahmen in Mitgliederlisten, Protokollen etc. voran. Freimaurerische Quellenforschung arbeitet mit historischen Tatsachen, im Gegensatz zur Literaturforschung. Letztere beschränkt sich naturgemäß oft darauf, vorangegangene Schriften auszuwerten, wobei die große Gefahr besteht, Legenden und Fehlinformationen mitzuschleppen und als allgemeines und richtiges Wissensgut zu behandeln. So präsentierten Prescott und Sommers bereits auf der Sondertagung der englischen Quatuor Coronati Lodge No 2076, London, im September 2016 in Queens´ Cambridge eine sehr interessante und viel beachtete Studie: „Searching for the Apple Tree“. Darin wird gesprochen vom Gründungs-Mythos der Freimaurerei „1717“.

Am 15. Februar 2018 fand dann in London ein QC-Symposium „1717 – & all that´“ statt, um zu klären, ob man 1717 oder 1721 zum Gründungsdatum erklärt. Zusammenfassend: Die von Anderson erst 1738 (!) beschriebene „Geschichte“ der Ersten Groß-Loge wird von Historikern gründlich auseinander genommen. Sie erweist sich angesichts neu entdeckter Original-Dokumente und neu evaluierter alter Dokumente als „fake news“. Anscheinend wurde sie im Auftrag der „Ersten Großloge“ von England erstellt, als 1735 die Großloge von Schottland und 1738 die Großloge von Frankreich sich gründeten und daher das Alter der „Ersten Großloge“ herausgehoben werden sollte – auch gegen Yorck, Irland usw., die tatsächlich viel ältere freimaurerische Traditionen darstellen. Erst ab 1721 kann man definitiv von einer Großloge sprechen; zu diesem Zeitpunkt gibt es mehrere zeitgenössische Dokumente, die sich auch gegenseitig stützen.

Die anlässlich der Heidelberger Gespräche von dem Vorsitzenden der Freimaurerischen Forschungsvereinigung FREDERIK, Klaus Bettag, gehaltenen Ausführungen vor interessiertem Publikum stützten sich im wesentlichen auf zwei Vorträge, die Louis Trébuchet auf der ICOM 2017 am 30. Mai 2017 in Toulon gehalten hat. Trébuchet ist Vorsitzender Meister der Nationalen Foschungsloge „Maquis de La Fayette“ der Grande Loge de France und Organisator der ICOM 2017. Zum Schluss der Heidelberger Gespräche gab Klaus Bettag den Teilnehmern noch folgendes mit auf den Weg: „Einfache Polarisierungen vordergründiger Art bringen gar nichts. Ein Gegeneinander-Anreiten der Positionen verdeckt nur die Dramatik der untergründigen Geistes-Bewegungen, denen wir uns auch heute noch stellen müssen: Legitimität und Rechtfertigung politischer und religiöser Autorität und Machtausübung vor dem Geist der Freiheit und Liebe des erwachsenen Menschen, der sich selbst aber erst in einem individuellen Entwicklungsprozess entwickelt – das bleibt unser Spannungsboden, wie und wo auch immer wir uns positionieren, außerhalb und innerhalb der Freimaurerei. Sind wir deshalb den Jakobiten verpflichtet, oder doch eher den Moderns? Ein jeder prüfe sich selbst – ein jeder Ritus sich auch. Für interessierte Brüder ist ein Manuskript der Heidelberger Gespräche „Legenden und Wirklichkeit“ wieder einige Zeit unter viveritatis@gmail.com als PDF erhältlich.

Text: Br. Ralph-Dieter Wilk