Im April veranstaltete die Johannisloge „Licht am Stein“ ihren ersten musikalisch-literarischen Salon zum Thema „Der deutsche Idealismus und die Frühromantik“. Knapp 60 Schwestern, Brüder und Gäste waren der Einladung in das Logenhaus in Stuttgart gefolgt. Der Salon bot ein Zusammenspiel aus Musik, Poesie und Philosophie. Die Besetzung der Künstler war hochkarätig.

Bruder Peter Jochen Kemmer, Schauspieler, Synchronsprecher und Autor, trug Gedichte und Denkschriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert vor, die Einblicke in jene Zeit gewährten. Die musikalische Darbietung erfolgte meisterhaft von Konzertpianist und Musikdozent Ralph Bergmann. Das Programm bildeten Stücke von Beethoven, Schubert und Schumann. Vorgetragen wurden Auszüge aus Schriften von Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling sowie Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff, Friedrich Hölderlin und Georg Philipp Friedrich von Hardenberg alias Novalis.

Der Salon knüpfte dabei ganz bewusst an die Tradition jener Zeit an, um die Verbindung von Philosophie, Literatur und Musik in jener Hochblüte des deutschen Geisteslebens wieder aufleben zu lassen. Bruder Michael Kecker, neu eingesetzter Logenmeister von „Licht am Stein“, unterstrich die tiefe Analogie zwischen dem deutschen Idealismus, der frühen Romantik und der Freimaurerei. Es sei der Umgang mit den Themen Verantwortung, Mythologie und die Verbindung zwischen Natur und Geist, durch die die Freimaurerei so eng mit der Aufklärung und dem Idealismus verwoben ist. Die Freimaurerei gehe traditionell von einem ganzheitlichen Menschenbild aus, welches ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in der westlichen Welt allmählich verloren ging. In diesem Menschenbild waren Verstand und Phantasie, Wissenschaft und Religion noch keine Gegensätze, sondern zwei Seiten, die in einer gesunden Balance zu einander stehen sollen.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als zahlreiche Freimaurerlogen und Salons als Orte bürgerlicher Geselligkeit entstanden, trafen sich Adlige, Künstler und wohlhabende Bürger zu Lesungen und musikalischen Darbietungen, aber auch zu politischen Diskussionen und wissenschaftlichen Vorträgen. Im vorrevolutionären Frankreich bereiteten Philosophen wie Voltaire oder Diderot den Boden für das Ende des Absolutismus und den Einzug freiheitlicher Gedanken und Geisteshaltungen. Auch in Deutschland blühte die Salonkultur in jener Zeit auf, nicht jedoch mit dem Ziel das Herrschaftssystem zu stürzen, sondern vielmehr das Bürgertum in die Lebensart des Adels zu erheben. Frauen standen im Mittelpunkt dieser romantischen Zirkel. Sie prägten durch ihren Geist und durch ihre Bildung, durch die Kunst ihres Gesprächs und ihrer Briefe, aber auch durch ihre weibliche Anziehungskraft das gesellige Leben jener Jahre. Zu den bekanntesten dieser Frauen gehörten Caroline Böhmer, Dorothea Veit, Sophie Mereau, Karoline von Gründerode, Bettina Brentano, Sophie Tieck. Sie hatten sich den Künsten und der Philosophie verpflichtet. An bürgerliche Konventionen und Normen fühlten sie sich jedoch nicht sonderlich gebunden, sondern traten für freies Denken, freie Liebe und freien gedanklichen Austausch ein. In diesem freigeistigen, mitunter für damalige Verständnisse skandalträchtigen Umfeld, entwickelte sich eine Kultur des künstlerischen und bildungsbürgerlichen Austauschs.

Es gab verschiedene Formen von Salons: literarische Salons, künstlerische, politische oder von jedem etwas. Vor allem in Berlin kamen hochgestellte Gäste aus Politik und Kultur zusammen. Hier prägten vor allem Henriette Herz und Rahel Varnhagen das Geschehen. Sie boten Foren für Schriftsteller, deutsche und französische Gelehrte, Künstler und Wissenschaftler, in denen sie sich frei austauschen und Kontakte knüpfen konnten. Der frühe Berliner Salon war geprägt von den Elementen der Aufklärung, Sturm und Drang sowie der klassischen deutschen Musik. Es ging nicht um die negative Ablehnung von Konventionen und gesellschaftlichen Normen, sondern um die positive Entfaltung des freien Geistes und des Selbst.

Die Salons waren Zentren kulturellen Lebens, sie waren der Versuch einer Überwindung sozialer, religiöser und bildungsbedingter Grenzen. Die Räumlichkeiten, welche die Frauen zur Verfügung stellten, waren mitunter intim und von elegantem Wohlstand. Es trafen Männer und Frauen verschiedenster Herkunft, Konfession, politischer Ausrichtung und unterschiedlicher Berufsfelder aufeinander. Die überaus starke Rolle der Frauen in den Salons war zukunftsweisend und legte die Grundlage für Errungenschaften interreligiöser und interkultureller Verbindungen, die nicht selten als Errungenschaften des 20. Jahrhunderts wahrgenommen werden. Dies kann als das erste zarte Aufblühen der modernen Grundlagen der später folgenden Emanzipation betrachtet werden.

In den Salons verwirklichten sich Individualitäten und Persönlichkeiten auf unterhaltende, gesellige und künstlerische Art. Im Schutze einer sogenannten privaten Öffentlichkeit konnten in den Salons Themen und Ideen besprochen werden, die ob der tatsächlichen öffentlichen Debatte oder aufgrund von Zensur nicht ohne weiteres möglich gewesen wäre, was zum Beispiel für ein besseres Verständnis der Umwälzungen von 1848 nicht unerheblich ist. Doch auch für spätere Entwicklungen eines aufstrebenden Bürgertums und libertäre Gedanken waren die Salons zukunftsweisend.

Mit dem Salon hat die Loge „Licht am Stein“ ein neues altes Format vorgestellt, das auch in Zukunft fortgeführt werden soll. In seinem Schlusswort machte Bruder Michael Kecker deutlich: Frei von Zwängen, den Künsten verpflichtet, verbindend und bildend – diese Eigenschaften sind auch für heutige Zusammenkünfte erstrebenswert: „Die Arbeit mit Verknüpfungen und Entsprechungen vermag es Brücken zu bauen, wo sonst nur Trennendes zu sehen ist, aber auch an seine eigenen verborgenen Fähigkeiten heranzukommen und durch sein Verhalten dazu beizutragen, dass die Welt morgen ein klein wenig besser ist als heute.“

Br. Adrian Messe