In der Krise der Moderne etwas schaffen, was wir nicht kennen

Die Form des Paradieses – das ist es, was wir Menschen gerade in diesen als so unruhig empfundenen Zeiten suchen. Mit Paradies ist meist ein abgeschlossener Garten gemeint, der Garten Eden. „Das Paradies auf Erden gibt es nur in unserer Seele“ meinte Jean-Paul Sartre. Das glaube ich auch, trotzdem sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben und uns auf die Suche für unser profanes Leben machen. Damit wir das Paradies nicht nur fühlen, sondern auch real als Ziel anvisieren. Utopische Ideen sind gefordert! Gerade in dieser Zeit wo wir doch gern mit der Demokratie ins Fitness-Center gehen würden. Denn nur Utopien retten ein sinkendes Schiff – aber wir betrachten uns beileibe nicht als sinkendes Schiff, wohl aber doch in unruhigem Fahrwasser stampfend. Ob Utopien oder Visionen hilfreich sein können? Den Beweis hat Kanzlerin Merkel vor Jahren gegeben als sie den Deutschen versprach: „Ihr Bargeld, Ihre Renten sind sicher“. Das war eine Utopie, eine unmögliche Vision – aber sie wirkte erfolgreich. So wird aus Utopie Realpolitik. Eine neue Utopie? Dazu brauchen wir verschiedene Zeiten: 1774 und 2018. Wir brauchen Licht, das ist der Große Baumeister und unser Verstand. Und wir müssen uns wandeln. Dazu brauchen wir die Fantasie, mit dem Ziel der Utopie.

Willkommen im Jahresthema in der Johannisloge „Zum rothen Adler“. Mit einem Bruder kann ich gemeinsam denken! Und genau dazu möchte ich Sie liebe Brüder jetzt einladen: Lassen Sie uns vier Schritte gemeinsam denken – nur mit Brüdern geht das: gemeinsam denken. Erster Schritt auf dem Weg zur Utopie: die Methode Es geht um ein Land, das nur in der Fantasie existiert. Das Wort kommt aus dem Altpersischen. Damit ist ein abgeschlossener Garten gemeint, der Garten Eden. Der große Baumeister aller Welten hat dort alles für uns Menschen aufbereitet – später verlassen die Menschen den Garten, also Gottes Nähe und sie lernen die Folgen der Sünde kennen. Heute suchen wir das Paradies – und meinen damit unsere Lebensbedingungen.

Eine gerechte Gesellschaft. niemand leidet Not. Geld gibt es nicht. Städte dürfen nur eine bestimmte Größe erreichen. Über- und Unterbevölkerung wird durch Migration ausgeglichen. Privateigentum gibt es nicht. Ist das real? Wohl kaum. Tomas Morus veröffentlichte 1516 diesen philosophischen Dialog über die ideale Gesellschaft. Dabei blickt er nie zurück, er zieht nie die Vergangenheit zu rate – er bewegt sich voll in der Zukunft. Der Blick geht klar nach vorn. Das ist die Methode Utopie. Zweiter Schritt auf dem Weg zur Utopie: die Form Nur im Paradies wird aus Lehm ein Mann. Und aus einer Rippe eine Frau. Und in der realen Welt vielleicht aus Lego-Steinen ein Bagger. Aus dem denkbar Einfachsten etwas schaffen für die Zukunft. Das kann nur Gott. Oder ein Kind. Einreißen, aufbauen, Schöpfungsgeschichte nach Lego-Art. Es ist das Wesen eines kreativen Prozesses. Einfach aus nichts etwas schaffen – das ist Lego. Wenn mein Enkel nachmittags circa gefühlte 5000 Legosteine auf den Boden kippt, dann steht ein großer kreativer Prozess bevor. Kein Blick zurück auf den gestern gebauten Turm. Die Inhalte ergeben sich, sie wandeln sich von Zeit zu Zeit. Lego ist die Form. Form an Form. Daraus ergeben sich Tag für Tag neue Inhalte.

Kein Blick zurück. Form an Form – daraus wird ein Schöpfungsakt. Er steckt in uns Menschen. Es kommt aus uns selbst heraus. Lego gibt die Form – wir machen daraus etwas Ordentliches! Wie auf unserer Arbeitstafel die beweglichen Kleinodien: sie bestimmen die Form, den Plan der Entwicklung für die Ewigkeit: Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei. Wir haben nun die Methode und die Form auf der Suche nach der Utopie gefunden. Und nun im dritten Schritt lassen wir auf dem Weg zur Utopie die Vergangenheit ganz hinter uns. Der Soziologe Zygmunt Baumann sagte: „Wer sich führen lässt, braucht keine Angst zu haben, sich zu verlaufen“. Das Vertraute tröstet, beruhigt – der Blick zurück ist vertraut, er beruhigt. Also Retro. Das Problem: So wird der Mensch wieder fehlbar. Eine neue Aufklärung, ein neuer Humanismus, eine Demokratie, die im Fitness-Center war, ist nicht in Sicht. Nein, das Gegenteil läuft ja: Utopien ja – aber rückwärts gedacht.

Retro. Das betrifft unsere Gesellschaft. Das betrifft uns als Einzelmenschen. Das betrifft vielleicht ja auch die Freimaurerei. Bestimmt die Vergangenheit unsere Zukunft? Bestimmt die Vergangenheit unsere Zukunft? „Make America great again“ – also nicht vorwärts soll es gehen, nein es geht zurück zu alter Größe. Brexit. Katalonien. Die Menschen haben keine Hoffnung mehr auf die Zukunft, stattdessen muss die gute alte Zeit herhalten. Die Zukunft scheint nicht beherrschbar. Zukunft hat heute einen schlechten Leumund. Um die Zukunft ist es schlecht bestellt – nicht in der Realität – aber in der Meinung darüber. 60% der Jüngeren glauben, dass ihre persönliche Zukunft schlechter ist als es die ihrer Eltern ist. Der schlechteste Wert seit langem. Schon Oscar Wilde wusste: „Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien“. Wenn wir Fortschritt wollen, dann hat die gute alte Zeit das nostalgische Denken verloren. Wachstum immer wieder ist nur rückwärts gedacht. Fortschritt braucht Utopien. Wir dürfen nicht versuchen den Problemen von heute mit den Lösungen von gestern beizukommen. Die Frage stellt sich: War die Aufklärung eine Utopie? Die Frühaufklärung blickte ab 1700 schon nach vorn, mit hoher Kreativität, schöpferisch. Und unsere Gründer, was waren die zukunftsorientiert, schöpferisch, mutig, ja utopisch. Das wirklich neue bei Ihnen waren die Form und die Inhalte. Auch die Freimaurerei entstammt dieser Epoche. Freiheit und Vernunft, Glauben und Gewissen wurden erhöht und als Zukunftspotenzial eingebunden. Es wurde neues gedacht, neues gewagt, neu gehandelt. Ohne Blick zurück. Verwandlung und Transformation. Das Christentum erneuerte sich, wurde moderner. Auf unserer Arbeitstafel begleiten uns die drei Zierrate – sie zeigen uns den Weg: musivischer Fußboden, der flammende Stern und das Vereinigungsband. Wir gehen ihn von Westen nach Osten und dabei leuchtet unser maurisches Licht immer mehr. Das steht für mich auch für den Weg der Aufklärung bis heute. Fortschritt braucht Utopien Vielleicht kennen einige von uns Ghandis utopischen Fingerzeig in die Zukunft.

1948 machte Mahatma Ghandi, hinduistischer Mönch, sich auf, der Welt die Leviten zu lesen. Er schuf, fast nebenbei – den wunderbar formulierten Kanon der Todsünden der Menschheit. Er bezog sich auf die Vergangenheit – und forderte die Menschheit heraus, kreativ und schöpferisch diese Todsünden in der Zukunft zu vermeiden. Mit neuen utopischen Ideen. Das sind seine Todsünden: Politik ohne Prinzipien, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Geschäft ohne Moral, Religion ohne Opfer, Genuss ohne Gewissen, Reichtum ohne Arbeit, Wissen ohne Charakter. Auf unserer Arbeitstafel zeigt das Andreaskreuz im Reißbrett auf die Entwicklung hin. Das Reißbrett liegt im Zentrum, im Schnittpunkt der Schräg-Achsen der Arbeitstafel, des grossen rechteckigen Raumes. Entwicklung auf Freimaurer-Art. Ghandis Todsünden wurden leider kaum beachtet. Nun sind wir auch am Ende unserer gedanklichen Reise: im vierten Schritt fragen wir uns, und was ist mit der Freimaurerei? Wie kann sie helfen, uns zu Utopien anzuleiten, für die Gesellschaft, für uns Menschen und für die Freimaurerei? Im Zuge der Aufklärung entstand die Freimaurerei. Mit Inhalten, die sich ständig weiterentwickelten. In einer Form, die Jahrhunderte überstehen konnte und noch in Hunderten von Jahren Gültigkeit haben wird. Der Verstand, das Gewissen, Der große Baumeister aller Welten, der Zeremonienmeister, der Tempel, die Brüder – alles fügt sich zusammen zu einer Form.

Form an Form – das ergibt die Inhalte. Die Sonne auf der Arbeitstafel, das Senkblei, das brüderliche Band, der Norden als Himmelsrichtung – alles ist Teil der Form. Arbeit am Rauen Stein heißt: Formen nutzen und nun kreativ sein! Inhalte schaffen. Sein Selbst entdecken! Neuland betreten. Das neue bisher nicht gedachte wirklich denken – das ist unsere Aufgabe liebe Brüder. Utopisch denken – was könnte das sein?

Wir schreiben das Jahr 2050. Das Haus der Zinnendorf Stiftung ist in den letzten 20 Jahren um 200 Plätze erweitert worden, 20.000 Hamburger sind Mitglied im Förderverein der Stiftung. Eine neue Freimaurer-Stiftung wurde 2030 gegründet. Ziel: allen Kindern und Jugendlichen ohne gehobene Bildung wird Ethik und Philosophie-Unterricht vermittelt, organisiert von den Hamburger Freimaurern.

Parallel hat die neue Zinnendorf-Uni Hamburg ihre Arbeit im Jahre 2040 aufgenommen. In einer großen Pressekonferenz 2050 wurde bekannt, dass nun in Hamburg der 50.000 Freimaurer-Bruder aufgenommen wurde. Und dass damit die große Idee der Freimaurerei nach Brüderlichkeit, Humanität und Toleranz in jeder Grundschule als Fach gelehrt wird. Das ist freimaurerische Utopie – das Unmögliche denken. In Hamburg wurde der 50.000 Freimaurer-Bruder aufgenommen Wir sind zurück im Jahre 2018. 1774 waren Form und Inhalt neu. Davon zehren wir noch heute. In der Gesellschaft, wir als Individuen und die Freimaurerei. Heute nutzen wir noch die Formen, nur was ist mit den Inhalten? Wir dürfen die Inhalte der Freimaurerei nicht Retro denken, wir müssen heute utopisch das neue denken, das was bisher noch nie gedacht wurde.

Das Paradies von 1774 existierte 1774, unser Paradies können wir nur mit utopischen Ideen von heute schaffen. Die Utopie ist häufig eine neue, unbelastete, fast reine Wirklichkeit. Sie ist der Schlüssel zu wirklich neuem. Und die Freimaurerei muss ihre Form wahren, aber im Inhalt utopisch werden.Wir sind vier Schritte gemeinsam gegangen: Methode, Form, kein Retro, also kein Blick zurück und Inhalte neu zu denken, so wie es bisher noch nie gedacht war – so wie Ghandi seinerzeit. Nun fehlt nur noch das Licht. Das größte Symbol: unser Glaube. An unsere Weisheit, an unsere Stärke, dann ist auch die Schönheit einer neuen Utopie nicht weit. Jetzt heißt es, in der Krise der Moderne die Gestalt des Neuen, des Morgen zu entdecken. In uns selbst. Ferdinand von Schirach meint: „Wir wissen immer mehr um die Kälte und die Größe des Weltalls. Wir bekommen einen immer klareren Begriff von der Belanglosigkeit unseres Lebens. Wir finden keine Erlösung in der Moderne.

Das können wir kaum ertragen.“ Liebe Brüder, vielleicht doch – mit Denken, was noch nicht gedacht wurde, mit einer Utopie 2018?

Wolfgang Henkel