Manfred Rischbieter, Cuxhaven

***

Mit diesem Artikel möchte ich die freimaurerische Humanität in Erinnerung rufen und, daraus resultierend, die Einrichtung der Zinnendorf -Stiftung ein wenig beleuchten, die seit einiger Zeit so ein wenig aus dem Zenit mancher unserer Logen verschwunden ist.

Die Freimaurerei ist, wie es allgemein anerkannte Lexika ausweisen, eine international verbreitete Bewegung von humanitärer, der Toleranz verschriebener Geisteshaltung. Der Begriff Humanität, so beschreibt es das ‚Internationale Freimaurer-Lexikon’, leitet sich ab vom lateinischen humanitasund bedeutet vorzugsweise die harmonische Ausbildung der Anlagen des Gemütes und des Verstandes.

Im freimaurerischen Sinne bedeutet demgemäss Humanität die Lehre vom Menschen und seiner Würde, die Menschlichkeit im Sinne von Wertung des Menschen undder in ihm liegenden Eigenschaften fordert.

Daraus ergeben sich als praktische Folgerungen der freimaurerischen Humanitätslehre:

 

  1. die Achtung vor dem Menschen
  2. die Anerkennung seiner Menschenrechte
  3. die Verpflichtung zur Menschenliebe

 

Dem hingegen dürfte es wohl  unbestritten sein, dass die Inhalte der Gegenwartsgesellschaft weitgehend ausgefüllt sind durch nahezu gnadenloses Materialismusstreben. Das wiederum drückt sich aus durch toleranzarmes Ellenbogendenken und darauf ausgerichtetes Handeln.

Und die internationalen, aktuell vielfach radikal-religiös geprägten oder auch hasserfüllten, nationalistischen Feindseligkeiten, die Ausdruck in menschenverachtendem, terroristischen, kriegerischen, gleichsam wahn-witzigen Aktionismus finden – bis hin zu Auswirkungen in bestialischen Dimensionen – sie dokumentieren wohl am deutlichsten das Gegenteil dieser Humanität, das Gegenteil dieser Achtung vor dem Menschen und der Verpflichtung zur Menschenliebe.

Friedrich Schiller – obwohl Nicht-Freimaurer – zweifelsfrei aber fest in der Gedanken- und Symbolwelt der Freimaurerei stehend,  hat einmal seinen Humanitätsgedanken folgendermaßen formuliert:

„Der Humanitätnachzustreben, ist die echte menschliche Philosophie. Es ist der wunderbare Ewigkeitswert dieser Philosophie, dass sie an nichts gebunden ist als an den Menschen – an den Menschen, der in ihren Gedanken denkt und lebt.Immer handelt es sich bei ihr um die vom Menschlichen ausgehende Verwirklichung der Idee des Guten in der Welt.“

 Und genau dieses ist das Ziel der Freimaurerei und der freimaurerischen Humanitätslehre – es ist in besonderem Maße das Streben nach Menschlichkeit – Förderung und Erhalt des Friedens zwischen den Menschen, ihren sozialen Verbänden wie ihren Völkern – Verurteilung des Dogmas der Gewalt

Pessimisten werden in dieser Lehre bestenfalls einen gleichsam blauäugigen Traum erblicken, der zudem dazu angetan zu sein scheint, den Menschen in Illusionen zu verstricken. Gewiss, wer im Menschen nichts anderes erkennt als ein der Tierwelt kaum entwachsenes Wesen, der wird für solche scheinbare Träumerei nichts übrig haben. Denn es entspringt der landläufige Pessimismus oftmals lediglich einer bequemen Seelenhaltung. Sie hat zudem den Vorteil, den ‚Bequemling’ der mühsamen Arbeit zu entheben, das Positive zu suchen. Ich möchte dabei keineswegs einem leichtgeschürzten Optimismus das Wort reden – einem Optimismus, der alles und jedes dem ‚ach so gütigen himmlischen Vater‘ überlässt, es seinerseits zum Besten zu wenden.

Nein, wir Menschen müssen schon selbst mitwirken – wir müssen uns schon gestaltend einbringen, deutlich und sichtbar Aktivitäten entwickeln – auch und gerade wir Freimaurer!

Wir Freimaurer müssen uns gestaltend einbringen

Wir nehmen für uns in Anspruch, mit unserer Lehre uns selbst zur Humanität zu erziehen. Da kann und darf es nicht unsere Prämisse sein,  uns mehr oder weniger selbstzufrieden und gesättigt, gar selbstgefällig im Sessel zurücklehnen – auch und schon gar nicht nach geistiger und leiblicher Stärkung in Tempelarbeit und Tafelloge. Denn dann drohte, dass in unseren Zusammenkünften die wegweisende geistige Arbeit sich kontinuierlich reduzierte und mehr und mehr zu einem weitgehend reinen geselliges Beisammensein verkäme.

Nein – ohne jede Einschränkung sei bekräftigt, dass unsere rituellen Arbeiten – geistvoll zelebriert – von immenser Bedeutung, geradezu unverzichtbar sind und einen hohen Stellenwert genießen müssen, um mit der Arbeit an uns selbst im Sinne unseres Schutzpatrons Johannes des Täufers eine innere Umkehr – „Ändert euren Sinn“ – zu erreichen.

Aber auch das kann und darf nicht alles sein – denn es kann doch wohl nicht damit getan sein, dass wir unsere maurerischen Werkzeuge bei unseren Zusammenkünften verzückt betrachten, sie gleichsam putzen, um sie dann nach beendeter Tempelarbeit sorgsam ‚bis zum nächsten Male‘ in der prächtigen Schatulle unserer diskreten brüderlichen Verschwiegenheit zu verwahren.

Die Natur oder, wenn man so will, der Weltenlenker hat dem Menschen – hat uns – gewisse Grundkräfte zur Verfügung gestellt, auf denen der Bau des Menschheitstempels als Ausdruck dieser Humanität – dieses Strebens nach Menschlichkeit – ruhen soll. Es sind dies Weisheit, Schönheit und Stärke.

Niemand, der mit offenen Sinnen und denkend durchs Leben schreitet, wird verkennen, welch unendliche Weisheit, welch immense Schönheit und welche jede Vorstellung übersteigende Kraft dem Weltganzen zugrunde liegen.

Weisheit kann der Mensch der Welt kaum beifügen, wohl auch nur begrenzt Schönheit, geschweige denn Kraft. Aber, Liebe – Liebe kann er in die Erdenwelt tragen.

Nicht, dass Liebe ohne ihn nicht wäre – sie ist eine Gotteskraft. Doch dem Menschen bleibt es überlassen und anheimgestellt, diese Liebe aus Freiheit heraus hier auf der Erde zu verwirklichen.

Das größte Liebesgenie, das je auf Erden wandelte – Jesus Christus, unser Obermeister – hat der Menschheit dieses Tun vorgelebt, ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohlergehen – sich selbst, sogar sein höchstes Gut – sein Leben – märtyrerhaft opfernd.

Immer wieder, auch in unserer Zeit, finden sich vorbildhafte Beispiele in der freimaurerischen Kette, die diese humanitäre Liebe in die Welt tragen – im Kleinen wie im Großen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Br. Karl-Heinz Böhm sei nur stellvertretend für viele genannt.

Aber, wir alle müssen uns vergegenwärtigen, dass diese freimaurerische Humanität eine geforderte Tatsache ist, die wir – ein jeder für sich selbst – zuerst einmal verinnerlichen müssen.

Sie muss für jeden Br. ein Selbstverständnis sein– gerade auch im Sinne einer persönlichen Leistungs- und Opferbereitschaft.

Humanität muss ein Selbstverständnis sein

Mit anderen Worten – philosophisch – ausgedrückt:

Durch Überwindung des Selbst zur Liebe zum Nächsten zu gelangen,  um zur eigenen Zufriedenheit mit dem Schicksal zu kommen.

Die Liebe zum Nächsten – die Menschenliebe ist daher wohl der bedeutendste Ausdruck der freimaurerischen Humanitätslehre. Sie umzusetzen, sollte folglich auch unsere vornehmste Aufgabe und für jeden Br. wirklich selbstverständlich sein.

Von uns wird erwartet, dass sich unsere maurerisch-christlichen Wertmaßstäbe in der Gesellschaft umfassender manifestieren, dass w i r  sie unübersehbar vorleben und dadurch in dieser Zeit der „Ich“-Bezogenheit beispielhafte Maßstäbe setzen.

Nicht selten wird daher in Gesprächen mit Außenstehenden nicht nur Auskunft darüber gefordert, was wir innerhalb, sondern auch, was wir ‚außerhalb unserer Mauern‘ tun.

Dahinter lauert durchaus der Verdacht, dass wir uns zwar gern in der Sonne unserer edlen Gedankenwelt aufhalten, es aber dann auch womöglich dabei bewenden lassen.

Und, meine BBr. – seien wir wenigstens ehrlich gegen uns selbst – ist das nicht auch der Eindruck, den wir zu-weilen selbst gewinnen – in unseren eigenen Reihen, in unserer eigenen Loge, in uns selbst – ganz persönlich?

Aber, wir brauchen die Antwort nicht schuldig zu bleiben, ob wir auch praktische Taten vorweisen können.

Ohne uns mit den diversen Service-Clubs messen zu wollen, deren karitatives Wirken oftmals weitgehend aus Spendenaufkommen der Öffentlichkeit resultiert, finden wir immer wieder Personen und Institutionen, die wir mit unseren ureigenen ‚Gaben der Liebe‘ unterstützen.  Und wir sollten uns auch nicht mit den Service-Clubs in einen vergleichenden, wettbewerbsähnlichen, gleichsam prahlerischen Leistungsdruck begeben – unser Motto lautet bekanntlich:

„Tue Gutes und sprich nicht darüber!“

Dieses Motto findet übrigens seine Quelle in der Bibel – in der Bergpredigt – wo es u.a. heißt:

„Wenn du einem Menschen wohltun willst, so sollst du das nicht vor dir ausposaunen lassen, wie die Heuchler … es tun, damit sie von den Leuten gelobt werden. Wenn du aber Menschen wohltun willst, dann lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit deine  Wohltätigkeit im stillen geschieht!“

Und gleichfalls finden wir in der Bergpredigt den deutlichen Hinweis auf die Barmherzigkeit – dort heißt es: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Und auf die freimaurerische Tugend der ‚Wohltätigkeit‘ , dieeines jeden Freimaurers Pflicht sein sollte, werden wir alle schon in unserer Aufnahme durch den Logenmeister deutlich hingewiesen.

Manche der Freimaurerlogen haben in zurückliegender Zeit, wie aktuell, immer mal wieder helfend gewirkt – vor Ort wie auch überregional. Und einzelne Brüder wirken ganz persönlich im Sinne eines freimaurerischen Selbstverständnisses – im Sinne der freimaurerischen Ideologie.

Jedoch völlig unabhängig von diesem individuellen Wirken hat sich die GLLdFvD, deren Mitglied ein jeder von uns seit seiner Aufnahme ist, in ihrer Gesamtheit einer Aufgabe gestellt, die unser aller Unterstützung dringend benötigt.

Mit der Formulierung unser aller Unterstützung meine ich alle unsere Logen einerseits,  alle unsere BBr. andererseits und aus allen Teilen unseres Vaterlandes.

Mit der Gründung unserer seit 1991 aktiven Zinnendorf-Stiftung hat unser Orden eine Einrichtung ins Leben gerufen, die schwerstbehinderten, schwerstpflegebedürftigen jungen Menschen eine freie, individuelle, menschenwürdige Lebensgestaltung ermöglichen soll.

Namensgeber dieser Einrichtung, die mit ihrem Angebot des ‚Wohnens-in-der-Pflege‘ sozial-politisch als bundesweites Vorbild gilt, ist der Gründer unserer Grossloge Br. Johann Wilhelm von Zinnendorf, der im 18. Jahrhundert als Generalfeldstabsmedikus im Siebenjährigen Krieg sein hohes Ideal menschlicher Solidarität verdeutlichte.

Dem erschütternden Elend der Kriegsopfer sah er nicht tatenlos zu, ließ das Berliner Kriegsinvalidenhaus bauen und wurde zum Leitbild nacheifernswerter, freimaurerisch-humanitärer, christlicher Verantwortung.

Diese in der Zinnendorf Stiftung ermöglichte menschenwürdigen Lebensgestaltung ist Ausdruck der freimaurerischen Humanitätslehre – der Lehre vom Menschen und seiner Würde, dem Streben nach Menschlichkeit, der Verpflichtung zur Menschenliebe.

Die Zinnendorf Stiftung ermöglicht menschenwürdige Lebensgestaltung

D i e s e Philosophie ist es gewesen, die damals unsere Bruderschaft zur Gründung dieser Zinnendorf Stiftung veranlasst hat.

In der erklärten Bereitschaft, mit diesem ‚Mehr‘ aus einer ‚Versorgung‘ eine ‚Umsorgung‘ zu machen, manifestiert sich unser Bekenntnis zur Solidarität mit Menschen, die durch tragische Schicksalsumstände an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden und – vielfach auch gegenwärtig- noch immer werden.

Da darf auch die These nicht gelten, dass sich dieses Pflegeheim doch betriebswirtschaftlich im Rahmen der Pflegekostensätze selbst tragen müsse. Die gerade  so  begründete Minimierung des Leistungsangebots verhindert letztlich, diesen schwerstbehinderten jungen Menschen d a s  Maß an persönlicher Zuwendung zuteil werden zu lassen, das ihnen die zitierte menschenwürdige Lebensgestaltung ermöglicht.

Wenn wir nicht mehr bereit wären, mit aller Kraft diese Einrichtung und dieses aus einem ‚Versorgen‘ ein ‚Umsorgen‘ machende ‚Mehr‘  sichern zu helfen, dann wäre unser Anspruch an uns selbst gescheitert. Mit diesem Anspruch würden wir uns allerdings von einer gewissen gegenwartsgesellschaftlichen Tendenz abheben, die da medienwirksam lautet: „Geiz ist geil!“

Fühlen wir uns wirklich dieser Tendenz verhaftet? Sollten – nein wollen wir uns nicht tatsächlich leiten lassen von der Prämisse, die schon die Bibel als Leitlinie des menschlichen Zusammenlebens ausweist „Geben ist seliger denn nehmen!“

Ein freiwilliges Geben, und das nicht nur in brisanten, spektakulären, medienwirksamen Notfällen, kann vor Gleichgültigkeit, Vergessen, sozialer Kälte bewahren und in besonderem Maße zum Ausdruck von Solidarität und unserer freimaurerischen, humanitären Menschenliebe werden.

Es sind Brüder unseres Ordens, die sich im Vorstand dieser Zinnendorf-Stiftung in ganz besonderem Maße engagieren.

Gestatten Sie mir, einen dieser BBr. zu zitieren: „Ich unterstütze die Zinnendorf Stiftung, weil sie verkörpert, was dieser Gesellschaft fehlt: Solidarität mit denen, die schwach sind und Hilfe brauchen. Und weil wir uns viel zu oft um fernes Leid kümmern, aber für die Not im eigenen Land blind sind.“

Und es sind gleichfalls Ordensbrüder, die im Vorstand des Fördervereins der Zinnendorf Stiftung in arbeitsreichem und verantwortungsvollem Engagement diese von freimaurerischer, humanitärer Menschenliebe abhängige Einrichtung zu stützen und zu garantieren versuchen. Sie und diese Einrichtung verdienen und – vor allem – sie benötigen unsere Unterstützung.

Aber, gerade daran mangelt es zuweilen und reduziert nur zu oft auch deren notwendiges Budget. Ich befürchte, so manche unsere Logen haben  aus unterschiedlichen Gründen in einigen zurückliegenden Jahren der Zinnendorf- Stiftung zuweilen diese Unterstützung versagt.

Es bedarf folglich einerseits der regelmäßigen Unterstützung durch unsere Logen, aber – und gerade daran möchte ich mit Nachdruck animieren – es bedarf auch der Mitgliedschaft vieler, möglichst aller Ordensbrüder  im Förderverein der Zinnendorf Stiftung. Beides zusammen würde das Budget und zugleich diese sichern und garantieren helfen sowie unsere aus Menschenliebe begründete Opferbereitschaft dokumentieren.

Wären  alle  Ordensbrüder zugleich Fördervereinsmitglied, so wäre der Bestand der Zinnendorf-Stiftung auf Dauer gesichert.

Lassen sie mich schließen mit der dem A.F.u.A.M.-Ritual entnommenen Forderung „Kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken!“ sowie dem gleichsam appellierenden Wort:  „Es gibt nichts Gutes – es sei denn, man tut es!“

Möge in diesem Sinne dieser Appell zugleich eine Initialzündung sein.