Liebe Brüder,

der Anfang des Jahres war für mich durch zahlreiche Neujahrsempfänge in verschiedenen Institutionen geprägt. Das ist jedes Jahr die gleiche Routine. Doch in diesem Jahr fiel mir auf, dass der Toleranzgedanke stark in den Ansprachen/Reden in den Fokus gerückt wurde. Ob Politiker, Buchautor oder Wirtschaftsjournalist – alle hatten den Wunsch und das Begehren diesen (stetig) aktuellen und auch brisanten Begriff zu beleuchten.

„Toleranz tut weh“, hatte ich bereits in einem Editorial im letzten Jahr 2018 aufgegriffen. Keine neue Erkenntnis daher, aber immer wieder ein wichtiger Aspekt, ihn uns vor Augen zu halten. Besonders weil der Alltag einen schnell vergessen lässt. Da ist es wichtig manchmal auch laut Nachzudenken. So wie der Buchautor Michael Schmidt-Salomon, der auf dem Neujahrsempfang der GL “Royal York“ in Berlin in einer bemerkenswerten und mitreißenden Art die Grenzen der Toleranz aufzeigte. Viele bekannte und unbekannte Sichtweisen wurden an diesem Tag dem Zuhörer vor Augen geführt.

Quintessenz war und ist es, die offene Gesellschaft zu verteidigen. Das macht die aktuelle Debattenkultur in Funk und Fernsehen deutlich. Doch was ist eine offene Gesellschaft?! Sicherlich ist dazu die o.g. tolerante Haltung eines jeden von uns notwendig und auch eine Art Grundbedingung – doch alleine reicht diese Tatsache nicht aus. Es gibt viele Situationen in unserer Gesellschaft, die keine Toleranz verdient haben. Denken wir nur an die Feinde einer offenen Gesellschaft, die durch Radikalität in politischen, religiösen oder auch gesellschaftlichen Verhaltensweisen „auffallen“. Vom Grundsatz her ist das erlaubt, solange dies im Rahmen des Rechtsstaates passiert. Tolerieren müssen wir dieses Verhalten nicht! Der Empörialismus, wie ihn Schmidt-Salomon nennt, ist dabei das Problem unserer heutigen Zeit. Besonders radikale Kräfte nutzen ihn zur Stimmungsmache. Dabei gilt oft: „Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge! Die Verletzung der grundlegenden Standards rationalen Denkens – aber auch des über sich selbst nachzudenken – und die Aushöhlung des Wahrheitsbegriffes gefährden unsere Gesellschaft. Auch hier gelingt es Schmidt-Salomon mit dem Zitat „auf hohlen Köpfen lässt sich gut Trommeln“ – in unnachahmlicher Art die Sache auf den Punkt zu bringen. Nach- und Mitdenken über das was um einen herum passiert, ist erlaubt, nein- ich meine: eine bürgerliche Pflicht!

Doch wie gelingt eine offene Gesellschaft?! Michael Schmidt -Salomon hat dazu vier Eckpfeiler parat. Diese lauten Freiheit und Gleichheit, Selbstbestimmung statt Gruppenzwang, Säkularismus und Bildung für alle. Das eingebettet in eine funktionierende Streitkultur kann dazu beitragen die offene Gesellschaft mit all ihren Vorzügen u.a. von Freiheit, Demokratie und Wohlstand zu erhalten.

Für uns Freimaurer bedeutet das: wachsam, aufmerksam und auch aktiv zu sein. Gerade wir profitieren von Freiheit und schreiben uns viele Werte einer offenen Gesellschaft auf die Fahnen. Ganz zu schweigen von den Urvätern, die dafür gekämpft haben. Wir sind also gefordert in unserem Wirkungskreis das deutlich zu machen. Klassisches Schwarz-weiß denken sollte uns fremd sein. Und was wir nicht tolerieren können – auch das ist jedermann sein gutes Recht – das aber im Rahmen des Rechtstaates möglich ist, dem kann immer noch durch zivilgesellschaftliches Engagement / Ehrenamt von jedem von uns entgegengewirkt werden. Das ist für mich eine Verpflichtung, um meinen Anteil zur offenen Gesellschaft zu leisten. Ξ

Euer Bruder

Torsten Küster