Versuch einer Definition der Baustelle eines Freimaurers.

Vortrag auf einem Gästeabend

„Wenn Begeisterung den Boden düngt, damit Erfolge gedeihen, dann fördert Ordnung die Zielerreichung.“

In einer Broschüre eines Unternehmens aus dem Bauhandwerk fand ich folgende Informationen: Ordnung ist ein wichtiger Erfolgsbaustein, der maßgebend zum Image eines Unternehmens beiträgt. Überall im Unternehmen, im Lager, im Büro, im Sozialraum – aber vor allem auf der Baustelle – ist Ordnung die Grundlage dafür, ob dauerhaft mit Gewinn oder Verlust abgeschlossen wird. Ordnung hat auch Auswirkungen auf das Betriebsklima. Nicht selten führen unordentliche und chaotische Baustellen, Firmenfahrzeuge oder Sozialräume zu Ärger und Konflikten zwischen den Kollegen. Vom ersten optischen Eindruck einer Baustelle schließen Kunden, Passanten oder Handwerkskollegen aus anderen Gewerken auf die gesamte Arbeitsweise des Betriebes. Kurz: Ordnung am Arbeitsplatz bringt Ruhe, Motivation, Erfolg und hilft, effektiver zu arbeiten und sich besser zu fühlen.

Das sind klare Aussagen. Ordnung wurde als Erfolgsfaktor erkannt und die positiven Wirkungen beschrieben. Bei der Arbeit Ordnung halten und nach getaner Arbeit aufräumen sind für den Handwerker verbindliche Größen. Doch wie ist das bei uns, die keine Handwerker sind? In meinem Vortrag spreche ich über unsere eigenen ‚Baustellen‘ und fokussiere dabei auf die heutige Freimaurerei. Als Erstes stelle ich mir die Frage: Auf welcher Baustelle baut heute der Freimaurer?

Die Baustelle(n) des Freimaurers: 

„Mein Leben“, ist die Baustelle, auf der ich als Mensch und auch als Freimaurer arbeite. Wer durch die ausgestellten Plakate gegangen ist, der hat bereits meine thematischen Ableitungen erfasst. Diese basieren auf die vier Fragen Kants: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Die Antworten führen unweigerlich zu Erkenntnistheorie, Ethik, Religionsphilosophie sowie Anthropologie. Auf dem ersten Blick ist nicht viel von Freimaurerei zu entdecken. Daher sind die kommenden 10 Minuten einigen Aspekten der spekulativen Freimaurerei vorbehalten, wie wir sie hier in der Großen Landesloge von Deutschland gestalten und erleben. 

In unserem Freimaurerorden – so nennen wir unsere Großloge ebenfalls – gibt es Fragebücher, die die Ordenslehre transportieren und seit mehr als zweihundert Jahren die Brüder zum Denken und Nachdenken anregen. Sie helfen dabei, das Wesen und die Arbeit in der Freimaurerloge zu erkennen.

Dort wird die Frage nach dem was ein Freimaurer ist, gestellt und beantwortet: Er sei ein freier Mann, der seine Neigungen zu überwinden, seine Begierden zu mäßigen und seinen Willen den Gesetzen der Vernunft zu unterwerfen weiß. Und über die wichtigsten Pflichten der Freimaurer wird folgendes ausgesagt: Er soll über seine Gedanken und Worte nachdenken und seine Handlungen bemessen. 

Das Gebiet auf dem die Brüder arbeiten und forschen ist weder Handwerk noch Universität. Vielleicht kann man sagen, sie haben sich ein ‚eigenes Universum‘ geschaffen, das unabhängig von geltender Wissenschaft und jeder theologischen wie philosophischen Spekulation ist. Ihr Gebiet liegt im Bereich des religiös-sittlichen Bewusstseins. Nennen wir es die ‚Freimaurer Wissenschaft‘. Wir beschreiben deren Inhalt in etwa so: „Die Freimaurer Wissenschaft sei die Lehre von der Erhebung des Menschen durch Tugend zum Licht“, diese Definition sowie die Anregung zur Herleitung entnahm ich einer Rede eines Berliner Bruders* aus dem Jahre 1882. Er sagte weiter: „diese Begriffsbestimmung zeigt deutlich, dass die Freimaurerei die höchsten sittlichen Zwecke verfolgt, dass ihr Ziel die Selbsterziehung, die Heiligung des Menschen ist.“ Eine Definition, wie sie heute auch noch Bestand hat. Vielleicht würden wir modernere Worte wählen, doch das ändert nichts am Arbeitsgegenstand.
*(Festrede Stiftungsfest der JL zum goldenen Pflug am 8. November 1882 in Berlin | Br. Seckt)

Der Freimaurer spricht vom „Tempelbau“ – Doch was meint er damit?

‚Das wüsste ich auch gerne!‘ wäre die einfachste Antwort und ich könnte Sie dann zur Diskussion aufrufen. Nur befürchte ich, die Antworten wären zwar bunt und vielfältig, wie meine Leserschaft selbst, doch zugleich auch eine bunte Mischung aus Vermutung (aus den Wünschen eines Suchenden heraus) und Wissen (aus dem Erleben eines Bruders mit dem was er in seiner Erkenntnisstufe schon erlebt hat). Aber führt das zu Gewissheit und etwas Verbindlichem? Ich will es präziser, daher habe ich mich auf die Suche begeben und lege ihnen jetzt meine Ergebnisse da. 

Die gefundenen Bezüge deuten zum Salomonischen Tempel in Jerusalem. Dieser Tempel ‚in dem Gott bei seinem auserwählten Volk wohnt‘ wurde bereits zweimal gebaut und auch zweimal zerstört. Heute einen dritten Tempel an gleicher Stelle erneut zu errichten, wäre weder zeitgemäß noch friedensfördernd. Ja viel mehr als grobfahrlässig zu bezeichnen. Daher ist die Formulierung des Tempelbaus, wenn wir sie heute verwenden wollen, im Geistigen anzusiedeln. Vielleicht erklärt Sie jetzt besser, warum ich Sie vom Handwerk kommend über den Umweg der Freimaurer Wissenschaft zur geistigen Arbeit führte. Als nächstes skizziere ich zwei unterschiedliche Positionen der heutigen Freimaurerei.

Es gibt in der Freimaurerei unterschiedliche Wege sich dem Tempelbau zu nähern.

Es gibt in der Freimaurerei unterschiedliche Wege sich dem Tempelbau zu nähern. Für die eine Gruppe der Freimaurer, die sich von den spirituellen christlichen Wurzeln „ein wenig entfernt“ haben, steht der Begriff des Tempelbaus für ein geistiges Bauwerk, dass sie als „Tempel der Humanität“ benennen. Was darunter zu verstehen ist? Es ist eine Umschreibung eines moralisch integren Lebensstils, der vieles umfassen kann. Er ist von dem gekennzeichnet, was Jeder oder Jede für „Menschlichkeit“ ansieht. Es lohnt sich damit zu beschäftigen und den Austausch mit anderen darüber zu pflegen. Ich lasse es als eine Orientierung stehen, auch wenn wir hier im Freimaurerorden eine andere Ausrichtung wählten, um uns dem Ziel unserer Arbeit zu nähern. 

Die moralischen und ethischen Werte bestimmen das Zusammenleben im Orden

Wie Sie vielleicht schon wissen, wir bekennen uns zu den spirituellen christlichen Wurzeln der Freimaurerei und gehen auch heute noch explizit diesen Weg. Und so heißt es in unseren Ordensregeln, das der Orden sich auf die wahre Lehre Jesus Christi gründet. Auch hier legt man sich noch nicht fest, was darunter zu verstehen ist. Was ich bereits sagen kann, ist dass die Bibel und die darin enthaltenen Aussagen von Jesus ein unverrückbares Fundament für die Arbeit eines jeden Bruders Freimaurers unseres Ordens bilden – allerdings ist das nicht mit einem Bibelunterricht zu verwechseln, den wird man hier nicht finden. Auch findet hier keine Auslegung einer christlichen Konfession statt. Vielmehr steht die Suche nach einem ‚gottgefälligen Leben‘ im Mittelpunkt. Die moralischen und ethischen Werte bestimmen das Zusammenleben im Orden. Im Mittelpunkt ‚Jesus Worte‘. Dahin zu gelangen ist eine Reise mit vielen Stationen. Die Erkenntnis über die menschliche Abstammung, die Erschaffung durch Gott und dem Erkennen des göttlichen Funken in einem jeden Menschen, sind nur zwei Stationen dabei. Doch das Ziel ist weit aus höher: Unser Tempelbau findet in uns statt. Er prägt und veredelt das Wesen eines Jeden, der an sich selbst arbeitet. 

Doch wie geschieht das? Zunächst ist es die freimaurerische Symbolsprache, die es uns erleichtert, unser Leben zu erkennen, darüber zu sprechen und in die richtigen Bahnen zu lenken, es positiv zu beeinflussen. Es sind die gleichen Forderungen, wie ich sie im letzten Jahr in meinem Vortrag zu den Freimaurerischen Werten dargestellt habe – ausgehend von den Meistertugenden Barmherzigkeit, Mäßigkeit, Vorsichtigkeit und Verschwiegenheit. 

Zurück zum persönlichen Tempelbau. Im Fokus der Forderung, die ich an meinen Tempelbau stellen soll, steht zum Ersten, das Geistige vor das Körperliche zu stellen, zum Zweiten, die Nächstenliebe vor den Narzissmus zu verfolgen und weiter, die Anstrengungen für das Gemeinwohl in die Dimension des Tuns für das Eigenwohl zu setzen. Das sind sehr hohe Forderungen, die zwar leicht klingen, doch in Konsequenz nur mit sehr viel Bewusstsein und Maß gelingen können – wenn überhaupt!

Was kann mir dabei helfen? In der Bibel als höchstes aller Gebote steht, dass man Gott mit seinem ganzen Herzen, mit seiner ganzen Seele sowie mit seinem ganzen Sinn lieben soll. Die zweite aller Forderungen verlangt, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Ich finde es ist unabhängig, was Gott für Sie bedeutet, es ist auf jeden Fall ein das Leben bejahende und auf das friedliche Zusammenleben gerichtete Forderung.

Was meint das aber auf mich als Person bezogen? Ich muss das Niedrige und Gemeine erkennen und aus meinem Herzen kehren sowie den Lastern und Fehlern entsagen? Gleichzeitig das Geben höher dem Empfangen setzen? – ‚Autsch, nicht einfach!‘ Wie kann das Gelingen? Machen wir einen kleinen Ausflug, der uns vielleicht zu den Wurzeln führen kann.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm sagte sinngemäß: „Es stimmt, dass selbstsüchtige Menschen unfähig sind, andere zu lieben; sie sind jedoch genauso unfähig, sich selbst zu lieben.“ Fromm beschäftigte sich mit der Liebe und klassifizierte, konkretisierte und schrieb bereits 1956 seinen Bestseller: Die Kunst des Liebens. Er kann sehr wohl Selbstsucht und Eigenliebe unterscheiden.

Auf mich selbst bezogen heißt das, ich bin aufgefordert, mit meinen Fehlern umgehen zu lernen, meine Unvollkommenheit zu erkennen und mich trotzdem zu lieben. Genauso bedeutet es, dass ich mich dabei nicht über andere stellen darf. 

Wenn ich das betrachte, so erscheint es mir als ein gangbarer Weg, die jahrtausend alte Morallehre der Bibel zu nutzen. Selbst bei einer Beschränkung auf die zehn Gebote, würde ich mich diesen Idealen nähern können. Eine Anleihe im christlichen finde ich hier in Mitteleuropa in vielen anderen alltäglichen Dingen. So z.B. wird unser Alltag durch Grundgesetz und Bürgerliches Gesetzbuch geformt. In beiden sind christliche Werte klar wieder zu erkennen. Und so habe ich für mich entschieden, dass mein freimaurerisches Leben – mitten in Europa beheimatet – und meine Arbeit an mir selbst, mich auch näher dem Christentum bringen werden. Das andere Menschen andere Wege einschlagen, kann ich sehr gut verstehen.

Hat das noch etwas mit den Baustellen zu tun, wie ich sie Eingehens erwähnte? Oder eröffnen sich bei Ihnen gerade ganz neue Baustellen, wenn sie das Gehörte mit Ihrem eigenen Leben vergleichen? Ich gehe davon aus, dass Sie dort den Überblick haben. 

Was dabei helfen kann, ist Ordnung. Den Ruf nach Ordnung setzen wir daher sehr häufig an markanten Stellen des freimaurerischen Lebens ein. Zum Beispiel zu Beginn des heutigen Abends. In Form seines Hammerschlags, ordnete unser Vorsitzender Meister die willkürlichen Gespräche und fokussierte Ihre Aufmerksamkeit. Ich finde, das ist eine schöne Parallele zur Baustelle. 

Mein Tempelbau umschließt mein Leben und mein Wirken in der Gesellschaft

Ich fasse noch einmal zusammen um Orientierung zu geben, das Gehörte zu sortieren, und Ihnen eine Abstraktion zu ermöglichen: Mein Tempelbau umschließt mein Leben und mein Wirken in der Gesellschaft. Dazu gibt es den Weg der Selbstvervollkommnung, der mit der Selbsterkenntnis beginnt. Als ein weiterführender vertiefender Weg kann die Freimaurerei dienen. Der Freimaurerorden bietet dabei eine von mehreren Lehrarten des freimaurerischen Erlebens. Die den Orden bestimmenden Ordenslehre, baut dabei auf christlich religiöse Grundlagen auf. Und ja, es gibt auch ganz andere Wege, um ein nützliches Glied des gesellschaftlichen Lebens und der menschlichen Entwicklung zu sein.

Vielleicht versöhnlich mit allen Menschen kommt Erich Fromm zum Schluss, dass … „das letzte Ziel der Religion nicht der rechte Glaube, sondern das richtige Handeln sei“. Nutzen wir den (uns vielleicht von Gott gegebenen) freien Willen, um unsere Gesellschaft lebenswert zu gestalten und gleichzeitig die Erde als den, das Leben unterstützenden Ort des friedlichen Miteinanders zu erhalten. 

JL „Zum Todtenkopf und Phönix“ (der Verfasser ist der Redaktion bekannt)