Verschlimmbessern oder Mehr-des-Guten?

Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoss, und den er ungemein wert hielt. Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: „Ein wenig zu plump bist du doch! All deine Zierde ist die Glätte. Schade! Doch dem ist abzuhelfen,“ fiel ihm ein. „Ich will hingehen und den besten Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen.“ Er ging hin und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen – und was hätte besser auf einen Bogen gepasst als eine Jagd? Der Mann war voller Freude. „Du verdienst diese Zierrate, mein lieber Bogen.“ Indem will er ihn versuchen; er spannt ihn, und der Bogen – zerbricht.

Gotthold Ephraim Lessing

 

Das ist ein typischer Fall von „verschlimmbessern“.

Gerade die klare Einfachheit machte die Stabilität des Bogens aus. Je feiner, desto fragiler – diese Erfahrung hat sich hier wieder bestätigt.

Ich erinnere mich an einen Vortrag über das Thema „Charisma“, den ich einmal gehalten habe. Die Vorbereitungszeit war extrem kurz, und so sprach ich wie mir der Schnabel gewachsen war. Trotzdem waren der Auftraggeber und das Publikum begeistert. Nun sollte ich den Vortrag noch einmal halten vor einem anderen Zuhörerkreis. Jetzt aber setzte ich mich hin und feilte und drechselte und ersetzte die Alltagsfloskeln durch wohlklingende Wörter aus dem klassischen humanistischen Bildungswortschatz: Mein Vortrag sollte so richtig prätentiös klingen. Und – machte eine Bauchlandung: Ich hatte den Vortrag verschlimmbessert.

Ich denke, es gehört zum Leben, dass wir immer wieder Mehr-vom-Guten wollen und dabei manchmal das richtige Maß verlieren. Jedes Zuviel stresst und laugt uns aus – aber jedes Zuwenig bedeutet Stagnation, bringt Leere und Langeweile. Es geht schlicht um die Balance, um das rechte Maß in allen angestrebten Veränderungen, es geht um die Meistertugend Mäßigkeit. Es ist sicher keine Schande, wenn wir merken, dass uns das rechte Maß abhandengekommen ist, aber es spottet unserer Intelligenz und unserer inneren Triebfeder, wenn wir uns nicht bemühen – wahrhaftig bemühen – überall Verbesserungen zu suchen, zu finden und sie für eine Weile zu halten. Wäre dieser Trieb nicht in uns angelegt, so würden wir noch heute in den einstigen Höhlen hausen. Das ist die Krux, dass wir Menschen oft nicht erkennen, wann wir „den Bogen überspannen“. So ist es auch mit unserem aktuellen liberalen Wirtschaftssystem. Natürlich hat der „ach so böse Kapitalismus“ uns allen einen ungeahnten Wohlstand gebracht, den wir genießen wollen und sollen. Aber da sind auch dauerhafte Schäden entstanden – nicht nur in der Umwelt, sondern auch in unserem Selbstverständnis, in unserem Körper und in unserem Geist, unserer Seele. Leider haben wir Menschen auch hier zu viel des Guten getan bzw. tun es noch immer – schleichend haben sich die negativen Veränderungen in uns und um uns eingenistet.

Unter Verschlimmbessern leide ich auch immer wieder bei Theater- oder Opernbesuchen. Wenn denn Hamlet im Fahrstuhl auf die Bühne einstolpert und im Stakkato hastig seinen Text herunterrasselt, dann weint es in mir. Es gibt immaterielle Güter, die sollte man nicht verbessern wollen – oder wie würde es klingen, wenn wir im Vaterunser plötzlich beten: „Und gewähre uns Pardon für unsere Sünden“?

Zu diesen abstrakten Wert-Gütern zähle ich auch unsere Rituale, unsere Legenden und Symbole in allen Erkenntnisstufen. Klar könnten wir sie dem Zeitgeist anpassen, aber dann würden sie ihre Kraft und Ausstrahlung verlieren. Rituale, Legenden, Symbole sollen ja nicht unseren Verstand ansprechen, sondern an dem Diktator Verstand vorbei unsere Seele, unser Selbst berühren und erweitern. Gerade in der Distanz zur Alltagssprache liegt die Kraft unserer Rituale: Jetzt tauche ich ein in eine andere Welt und lockere mich in der gedankenleeren Gegenwart. Ähnlich ergeht es mir auch beim Yoga und besonders in der Meditation mit der Affirmation: In Ruhe und Sammlung schöpfe ich Kraft für Körper, Geist und Seele.

Hinter allem Bemühen um Veränderung steckt nach meiner Erfahrung immer eine positive (!) Absicht des Handelnden – natürlich aus seiner subjektiven Sicht. So wollte ich ja meinen Vortrag nicht versaubeuteln, sondern verbessern. Und unser kapitalistisches Wirtschaftssystem hatte ja nicht von vornherein die Absicht, die Umwelt und das Menschsein zu zersetzen. Das Problem ist, dass wir Menschen mit unserem begrenzten Verstand nie die nachfolgenden Auswirkungen unseres Wollens und Handelns voraussehen können. Der Schöpfer hat uns nun mal mit einem freien Willen ausgerüstet; auch den freien Willen zum Unfug. Vielleicht ist das aber auch für uns die einzige Möglichkeit, aus Erfahrung zu lernen und sich zu entfalten.

Ich werde nie wieder einen Vortrag „aufbrezeln“ mit verkopften Sätzen. Der Mann mit dem Bogen wird nie wieder einen Bogen mit Jagdbildern verzieren wollen. Ein Aspekt auf dem Weg der Selbsterkenntnis ist die Erfahrung, dass im richtigen Maß des Wollens das Geheimnis der (spirituellen) Entfaltung, der Zufriedenheit, der inneren Harmonie und des Frohsinns liegt.

Volker von Beesten

 

Schick Sal – geschicktes Heil

Es lebte einmal ein Mann auf einer kleinen Insel.
Eines Tages spürte er, dass die Insel unter ihm zitterte.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Aber als die Insel zu zittern aufhörte, beschloss er, erst einmal abzuwarten.
Wenig später brach ein Stück der Küste und fiel tosend ins Meer. Der Mann war beunruhigt.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Da er aber auch gut ohne das Stück leben konnte, beschloss er, weiter abzuwarten.
Kurz danach fiel ein zweites Stück seiner Insel ins Meer. Der Mann erschrak nun heftiger.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Doch als nichts weiter passierte, beschloss er, abzuwarten.
“Bis jetzt” sagte er sich, “ist ja alles gut gegangen.”
Es dauerte nicht lange, da versank die ganze Insel im Meer und mit ihr der Mann, der sie bewohnt hatte.
“Vielleicht hätte ich doch etwas tun sollen,” war sein letzter Gedanke, bevor er ertrank.

Nach Franz Hohler (u.v.a. Träger des Alice-Salomon-Poetik-Preises 2014)

 

Der Mann auf der Insel, das bin ich, das sind wir alle. Wir leben alle auf einer kleinen Insel. Das ist unsere Lebensinsel. Manchmal zittert unsere Insel-Welt. Ganz leise, denn das „Schicksal“ kommt immer erst mit leisen Schritten, mit leisen Ankündigungen. So habe ich es – ganz banal – erlebt im eigenen Garten. Erst war das Unkraut in der Kräuterspirale winzig und ich beachtete es nicht näher. Weil mir das Unkrautjäten lästig war. Doch dann breitete es sich mehr und mehr aus; wurzelte tief und erstickte die wunderbaren Küchen-Kräuter. Letztendlich musste ich die Kräuterspirale Stück für Stück umgraben, alle Kräuter vernichten – und fluchte leise vor mich hin: „Vielleicht hätte ich doch früher etwas tun sollen.“

Dramatischer traf es meinen Freund Werner: verheiratet, erfolgreicher Geschäftsmann und begeisterter Fußballer. Er hatte kaum Zeit für die Familie und überhörte all die Bitten seiner Frau und seiner Tochter nach mehr Gemeinsamkeit. Eines Morgens sah er in der Diele seines Hauses eine Schultüte – da erfuhr er, dass heute seine Tochter eingeschult werden würde. Einen Moment zögerte er, ob er den Bitten seiner Frau und seiner Tochter nachkommen sollte – aber dann entschloss er sich, doch den wichtigen Geschäftstermin wahrzunehmen: „Ihr schafft das schon alleine!“

Ein paar Monate später zeigte seine Frau ihm ein Last-Minute-Angebot einer Reise nach Zypern – wie oft hatten sie doch in der Verlobungszeit davon geschwärmt: Zypern – die Götterwelt und Sonne und Meer. Aber jetzt schüttelte Werner den Kopf: da sei ein wichtiges Fußballspiel seiner Mannschaft, da ginge es um Klassenerhalt etc. Und so flog seine Frau mit Tochter alleine nach Zypern. Kurz über lang – genau dort auf Zypern lernte seine Frau einen Mann kennen und beantragte bald die Scheidung. Werners Insel versank im Meer – heute ist er ein „alter“ Mann – ohne Saft und Kraft.

Das Schicksal tönt nicht mit Pauken und Trompeten, sondern klopft leise an. Gut, wenn wir sensibel sind und auf das Klopfen hören und reagieren. Schicksal halten viele Menschen für Kismet, für gegeben, dagegen sei der Mensch machtlos. Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. Für mich ist jedes Ereignis eine Chance, mich auf meinem Lebensweg zu orientieren. Schicksal ist für mich „Schick-Sal“ – „geschicktes Heil“! Ich achte bewusst auf Zeichen aus meiner Umgebung: Da schnappe ich im Vorübergehen einen Satz auf, der eigentlich gar nicht für mich bestimmt ist – da ich ihn aber höre, nehme ich ihn auf als Hinweis, als Tipp, als Bote. Da sehe ich ein Buch, eine Zeitungsnotiz, und natürlich jede Begegnung mit einem Menschen – so banal all das zu sein scheint – für mich sind das Hinweise, manchmal auch Handlungsanweisungen, die ich umsetzen soll. Eben „geschicktes Heil“.

Mein Vater ist im 2. Weltkrieg als Pilot siebenmal hinter der russischen Front abgeschossen worden – und hat sich immer wieder in die eigenen Reihen durchgeschlagen. Er lebte nach dem Motto: Du bist deines Schicksals Schmid. Anpacken, nie aufgeben. Das hat sich bei mir eingeprägt. In diese meine aufnahmebereite Stimmung passte der Schlager von Conny Froboess: „Auch du hast dein Schicksal in der Hand“. Klingt alles sehr banal, aber hat mich bis heute geprägt – und lebenstauglich gemacht. Ich bin nicht hilflos einem anonymen Geschick ausgeliefert, sondern kann die Fäden meines Lebens in der Hand halten. Egal was passiert, ich sehe darin immer eine Aufforderung zum „Sollte ich etwas tun?“ und eine Chance „Was kann ich daraus lernen?“ Natürlich lebe ich zurzeit – wie wir alle – in einer Komfortzone. Meine Frau hat recht, wenn sie daraufhin weist, dass in einem Kriegsland, im Unwetter á la Dorian auf den Bahamas, im Tsunami oder bei einer bösartigen Krankheit á la Krebs etc. es schwer fallen dürfte, dass als „geschicktes Heil“ anzunehmen. Ich antworte dann meiner Frau immer, dass man ja in den Ereignissen oder gerade mit den Ereignissen wachsen kann. Jedenfalls bemühe ich mich, meine Insel intensiv im Auge zu behalten und auf alle Warnzeichen zu reagieren. Manchmal brachen wirklich große Teile meiner Lebensinsel ab – doch im Nachherein haben sich die schmerzhaftesten Abbrüche stets als die größten Chancen für meine Weiterentwicklung und spirituellen Erkenntniswinkel erwiesen. Immer und immer wieder hat sich meine Insel verändert, teils verkleinert, aber auch erweitert. Ich bin meinem „Schicksal“ sehr dankbar – für mich ist es ist wirklich „geschicktes Heil“.

Br. Volker von Beesten