Beten ist kein Wunschkonzert!

 

Der fromme Rabbi Salman ließ keinen Tag zu Ende gehen, ohne nicht vor dem Einschlafen ein Nachtgebet zu sprechen. Dieses Nachtgebet beendete er immer mit demselben Satz: „Oh Herr, gib mir die Chance und lass mich wenigstens einmal im Lotto gewinnen.“ So ging das jahraus, jahrein. Eines Nachts, er hatte gerade sein Nachgebet beendet, riss ein Windstoß das Fenster auf, Blitze zuckten, der Donner grollte und aus dem Donnergrollen hörte er die Stimme des Herrn: „Salman, gib auch mir eine Chance und fülle wenigstens einmal den Lottoschein aus!“

(aus „Der Indianer und die Grille“, Storys zum Nachdenken von Gerhard Reichel)

Unser Rabbi Salman verwechselt Gott mit einer kosmischen „Wünsch-dir-was Box“ – Wunschzettel abgeben und abwarten. So verhalten sich auch manchmal Brüder, indem sie sich der Königlichen Kunst gegenüber passiv verhalten. Durch Nichtstun zum Erfolg? So einfach ist es leider nicht. Obwohl auch ich erst einmal lernen musste, dass es nicht damit getan ist, im Tempel beim Ritual stumm und teilnahmslos zu sitzen und abzuwarten – in der Hoffnung, irgendwann wird sich ja die Bewusstseinserweiterung schon einstellen. Tut sie aber nicht.

Manchmal höre ich dann eine innere Stimme: „Du bist nicht identisch mit deinem Aussehen. Du bist nicht identisch mit der Arbeitstafel oder dem Ritual. Du bist nicht identisch mit deinen Vorträgen und deren Inhalte. Du bist nicht identisch mit deiner Familie oder deinen Brüdern. Du bist nicht identisch mit den Geschichten, die man über dich hier und dort erzählt. Nein – du bist nur ganz und gar du selbst. Nun sei auch du selbst! Hör auf mich!“

Wer spricht da? Mein innerer Führer? Und woher hat der die Weisheit, die er mir verkündet? Ist das mein so genanntes Höheres Selbst? Ich habe mal gelesen, dass es diese besserwisserische Spiritualität gibt – das sei eine wohltuende Selbsttäuschung. In der Loge, auch in der Öffentlichkeit zeige so ein Mensch sich spirituell entwickelt und voller wohlwollender Weisheit. Doch das sei nur eine äußere Hülle, nicht der wahre Kern. Und auf die Dauer schmerze diese Zerrissenheit, dieser Widerspruch zwischen innen und außen. Das sähe man an der Körpersprache, Körperhaltung, insbesondere an der Mimik.

Was dem einen sein Lottogewinn, ist dem anderen sein Erkenntnisgewinn – und auch der wird nicht geschenkt. Da hilft kein Beten. Beten ist kein Wunschkonzert, sondern innerlich Sein, stille Sein, aktives Zuhören. Ich werde jetzt zwar keinen Lottoschein ausfüllen, aber aktiv bei der Tempelarbeit im Ritual mitschwingen und intensiver auf meine innere Stimme hören, ehe sie mich mit Donnergrollen anzählt.

Br. Volker von Beesten