Weisheit – Schönheit – Stärke –

Wer bist Du?

Es war einmal ein Mann, der schwer erkrankt war und im Koma lag. Auf einmal erschien es ihm, als sei er im Himmel und stünde vor einem Richterstuhl.

Wer bist du?“, fragte eine Stimme.

Ich bin der Bürgermeister.“

Ich habe nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern: Wer dubist.“

Ich bin der Ehemann von Marta, der Lehrerin in unserem Dorf.“

Ich habe nicht gefragt, wessen Ehemann du bist, sondern: Wer dubist.“

Ich bin Mitglied im Golfclub.“

Ich habe nicht gefragt, in welchem Verein du bist, sondern: Wer bist du.“

Ich bin der Vater von drei Kindern.“

Ich habe nicht gefragt, wessen Vater du bist, sondern: Wer bist du.“

Ich bin Christ“, kam jetzt die Antwort, schon ratloser.

Ich habe nicht nach deiner Religion gefragt, sondern: Wer bist du.“

Und so ging es immer weiter. Alles, was der Mann erwiderte, schien keine befriedigende Antwort zu sein auf die Frage: Wer bist du.

Der Mann war aber keineswegs tot, sondern erwachte wenig später aus dem Koma. Zum Erstaunen aller wurde er bald wieder ganz gesund. Der Mann beschloss nun, der Frage „Wer bin ich?“ auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, wer er denn wirklich sei.

Nach Anthony de Mello

Wer bin ich: Das ist eine der grundlegenden Fragen des Menschen, mehr oder weniger bewusst. Uns Freimaurer treibt die Frage bewusst um. Es geht um Selbsterkenntnis nach dem markanten Spruch von Delphi „Gnothi Seautón“ – „Erkenne dich selbst“. Eine schwierige Übung. Wenn vor dem Richterstuhl alle Antworten mit meinen Alltags-Rollen nicht zählen, was bleibt dann übrig? Dann muss ich zwangsläufig den Blick von außen nach innen wenden. Dafür bietet der November die beste Gelegenheit. Jetzt zieht sich die Natur in sich selbst zurück, um dann mit neuer Kraft wieder ins Außen gehen zu können. Auch wir können in diesen dunklen Tagen uns zurücknehmen und mehr nach innen schauen. Jetzt sollten wir unserem Innenleben, unserem Selbst, diesem „angeborenen und unveränderlichen Charakter“ (Schopenhauer), die größte Aufmerksamkeit widmen. Die Wissenschaftler wie Psychologen und Soziologen behaupten, dass es den „unveränderlichen Charakter“, also das wahre, konstante Ich, in uns nicht gibt, ja, nicht geben kann, weil der ständige Austausch mit der Umwelt es immer wieder umformt. Das wäre auch sinnvoll, weil nur durch diese Anpassungsfähigkeit wir im Wettkampf des Lebens bestehen können. Dem kann ich nicht zustimmen.

Für mich geht die Schöpfung Mensch auf ein geistiges Urbild aus dem Licht zurück. Und im Zentrum meines Herzens ist das göttliche Gesetz eingewoben und jede Seele ist bestrebt, ihr wirkliches Selbst, den göttlichen Lichtfunken im Herzen zu erkennen. Deshalb meine ständige Suche nach Selbsterkenntnis, nach meiner Individualität, meiner Authentizität.

Auch Dietrich Bonhoeffer musste sich mit der Frage „Wer bin ich?“ auseinandersetzen. Im Juni 1944 in der Gefängniszelle hat er sie in einem Gedicht aufgearbeitet. Er verdichtet in diesen Versen den Widerspruch zwischen der Fremdwahrnehmung durch seine Wärter und Mitgefangenen und seiner eigenen Selbstwahrnehmung: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?…Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich?“ Bonhoeffer beschreibt schonungslos den Zwiespalt seiner Existenz im Gefängnis: Einerseits wirkt er auf seine Umwelt wie ein Gutsherr in seinem Schloss. In seiner Selbst-Wahrnehmung allerdings erlebt er sich als schwach, voller Angst und Zweifel. Diesen Zwiespalt erlebe ich häufig auch an mir/in mir. Im Alltag schiebe ich ihn dann schnell beiseite.

Bonhoeffers Gedicht endet mit „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“ Selbst wenn ich mich diesem starken Glauben anschließen kann, beantwortet das für mich noch nicht meine Frage „Wer bin ich?“.

Mit dieser Frage haben sich schon alle Philosophen (Descartes, Wittgenstein, u.v.m.) mehr oder weniger intensiv auseinandergesetzt. Nietzsche zum Beispiel fordert mich auf: „Werde wer du bist.“ Und? Zeigt er mir auch einen Weg auf? Richard David Precht hat sogar sein Buch mit der Frage betitelt: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Aber auch hier geht es eher um die vielen Rollen, die ich im Leben spiele, weniger um die letzte Erkenntnis meiner Selbst. Ich will aber eine Antwort finden, die vor dem Richterstuhl Bestand hat.

Im Johannesevangelium stehen sieben Ich-bin-Worteunseres Obermeisters: u.a. „Ich bin das Licht der Welt“ (6,35) und „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (14,6). Nach Licht und Wahrheit streben wir Ordensbrüder. Und die Lehre des Obermeisters kann uns dabei die Wegmarke schlechthin sein. Vielleicht finde ich auf diesem Weg zu mir – zu der Antwort: Wer bin ich?

Die Basis der Ich-bin-Worte ist die alttestamentarische Offenbarungsformel Gottes mit der Kernaussage „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14). Aber ich kann mich doch nicht hinstellen und auf die Frage „Wer bist du?“ antworten mit „Ich bin, der ich bin“. Oder doch? Klingt das nicht ziemlich anmaßend? Und zweitens – weiß ich dann, wer ich bin oder weiche ich nur aus, um mich nicht festzulegen?

Was also würde ich vor dem Richterstuhl antworten? Nach meiner heutigen Erkenntnis vielleicht so: Ich bin ein Teil der göttlichen Schöpfung, einmalig, unverwechselbar, mit einer göttlichen Gabe in mir – Kurz: Ich bin ich.

 

Es geschehe also

Br. Volker von Beesten

JL Alma an der Ostsee, Kiel

volker@vonbeesten.eu