Die Krone des Lebens

 

 „Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen, aber er schreit in unserem Schmerz. Der Schmerz ist sein Megafon, um die taube Welt zu wecken.“ Clive Staples

 

Die Coronavirus-Epidemie hat unsere ganze Gesellschaft schlagartig erwischt und jeder von uns ist auf die eine oder andere Weise betroffen. Wir wissen noch nicht wie lange sie anhält und in welchem Umfang die Konsequenzen ausfallen werden, eins ist aber jetzt schon sicher: die Epidemie zeigt uns in aller Deutlichkeit unseren Platz auf dieser Welt und lässt uns auf eine drastische Weise mit den Grundfragen des Lebens auseinandersetzen, vor allem wer wir sind und warum wir auf diese Welt gekommen?

Die Ironie der Geschichte ist, dass wir Menschen uns selbst für die K r o n e  d e r  S c h ö p f u n g  halten, werden aber jetzt grade mit einem winzigen unsichtbaren Lebewesen konfrontiert, dass uns dazu zwingt, Demut zu üben und über die wirkliche Bedeutung von diesem unserem Status nachzudenken. Es liegt an uns, diese Gelegenheit als Chance zu erkennen und uns den Tiefen des Mysteriums namens Leben zu widmen und uns mit verstärkter Intensität an unsere freimaurerischen Grundfeste zu besinnen.

Die meisten von uns brauchen nicht mit dem Tod zu rechnen und was wir im nun stark veränderten Alltag zu tun haben, sagen uns unser Erster Aufseher und all die Nachrichten in den Medien. Damit kommen wir gut durch die schwierigen Zeiten und werden die Krise früher oder später in den Griff bekommen. Die uns aber dabei begleitenden Gefühle der Unruhe und Verunsicherung verwechseln wir oft viel zu schnell mit dem Zweiten Aufseher in uns und es ist genau an dieser Stelle, wo wir als Freimaurer besonders aufpassen müssen. Zwar wurden uns all die nötigen Werkzeuge in die Hand gegeben, um auch in unsicheren Zeiten das Vertrauen in unsere wahre Quelle der Stärke zu bewahren, wir müssen diese aber auch richtig einzusetzen wissen.

Vor allem ist es wichtig zu erkennen, dass es keinesfalls der Zweite Aufseher ist, der in uns die Ängste und die mulmigen verunsichernden Gefühle erzeugt, sondern ein Impostor, eine aktive Kraft in uns, die seinen Platz einnimmt und uns mit voller Wucht ins Weltliche, Irdisch-vergängliche zu drücken versucht. Genau gegen diese Kraft, die „stets das Böse will“, haben wir während der Aufnahme vom Zweiten Aufseher das Siegel der Verschwiegenheit auf die Zunge gedrückt bekommen, auf die Stelle wo die doppelte Natur des Menschen am stärksten zum Ausdruck kommt und sowohl für das  W o r t  als auch für den  V e r d a u –   u n g s t r a k t  steht. Die Zunge ist der Inbegriff des Materiellen und Verderblichen und beides hat hier ihre wichtigsten Schnittstellen. Ist es denn ein Zufall, dass sich der Coronavirus auch hauptsächlich durch den Mund bis zu den Lungen vorarbeitet?

Als Teil der chemisch-elektrischen Belohnungssystems in unserem Körper ist das Gefühl ein Sprecher des Irdisch-vergänglichen und solange es spricht, ist es für uns nicht leicht, den wahren Zweiten Aufseher zu hören, der für das  G e w i s s e n  steht und die Verbindung zur echten Weisheitsquelle in uns aufzubauen vermag. „Ganz leise“spricht diese Quelle in uns, um unsere Willensfreiheit nicht zu gefährden. Um ihr wirklich zuhören zu können, müssen wir das Gefühlschaos in uns mäßigen oder „temperieren“.  Diesem Ziel dienen unsere Tempelarbeitenund genau aus diesem Grund ruft uns unser innerer Logenmeister ständig zur Ordnung. Je stärker das Leiden in uns ist, desto lauter muss er werden, um sich Gehör zu verschaffen.

Es drängt sich aber die Frage auf, was können wir tun, während die Tempelarbeiten ausgesetzt werden?

Im 4. Jahrhundert nach Christus schrieb der in Kappadokien predigende Gregor von Nazianz:„Der Mensch ist nicht Mikrokosmos im Makrokosmos, sondern umgekehrt – es ist die große Welt in eine kleine Welt eingesperrt“. Alles was die erschaffene Welt, der Kosmos beinhaltet, ist im Menschen vorhanden, es gibt aber auch etwas, was dem Kosmos fehlt, die Gabe nämlich, das  E b e n b i l d   G o t t e s zu sein. Der Mensch ist nach einem speziellen göttlichen Plan erschaffen und soll über die Welt bzw. den Kosmos herrschen. So steht es auch auf der allerersten Seite der Bibel, die wir im Freimaurerorden „unser Größtes Licht“nennen: „Seid fruchtbar, und vermehrt euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“

Diese Gabe ermöglicht es uns, den Kontakt zur Urquelle aufzunehmen, und wenn unser Erster Aufseher den Weg zur Weisheit durch das intellektuelle Räsonnieren aufzeigt, weiß unser Zweiter Aufseher die Abkürzung durch die versteckte innere Tür in unserem Herzen zu nehmen. Während der Tempelarbeiten öffnen wir aktiv diese Tür und tauchen in eine besondere mystische Zeit ein, die uns aus dem Alltäglich-profanen herausbringt und die Berührung mit dem Ewigen ermöglicht. Das Öffnen dieser Tür geschieht durch das Gebet, das am Anfang der Tempelarbeit erfolgt, aber auch das freimaurerische Klopfen ist eine spezielle Form des Gebets, die sich auf die Worte des Matthäus-Evangeliums bezieht: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Fern vom Logenhaus und den anderen Brüdern können wir kein komplettes Ritual der Tempelarbeit durchführen, der Weg des inneren Gebets steht uns aber weiterhin zur Verfügung und wir können und sollen diese wunderbare Möglichkeit auf jeden Fall nutzen, grade angesichts der Tatsache, dass auch unser Körper ein Tempel ist: „Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Korinther 3:16). Die geistige Ebene erfordert allerdings eine viel intensivere Art der inneren Arbeit, bei der wir nicht bloß entspannt das Geschehen im Tempel beobachten und dem Wortaustausch der Beamten lauschen können. Hier müssen wir alles selbst tun, können uns aber auf wahre Entdeckungen gefasst machen, sollte uns durch die göttliche Gnade die Tür von der anderen Seite geöffnet werden.

Wenn wir die Inhalte des I. Grades wirklich verstanden und unsere göttliche Herkunft mit dem ganzen Herzen akzeptiert haben, werden wir auch wissen, worum wir zu bitten haben. Als Freimaurer arbeiten wir daran, unsere Seele „gottähnlich zu gestalten“, um es mit den Worten von Bruder Hieber zum Ausdruck zu bringen. Wir lernen, uns aus der Abhängigkeit vom Irdisch-vergänglichen zu befreien und lassen unser inneres Licht auf unsere Gedanken, Regungen und Handlungen leuchten und genau darum soll es in unseren Gebeten gehen.

Es macht keinen Sinn, nach dem gesellschaftlichen und finanziellen Erfolg oder nach der Beliebtheit beim anderen Geschlecht und dadurch einer noch größeren Verankerung im Weltlich-profanen zu fragen, denn wenn wir mit uns selbst wirklich ehrlich sind, werden wir erkennen, dass uns diese Abhängigkeit nicht gut tut. Nichts spricht gegen den Erfolg an sich, es ist aber diese Sucht danach, die uns von dem Weg der Erleuchtung abhält und uns täglich verzehrt. Abgesehen davon können wir mit unserem begrenzten Verstand die Vorgänge auf der Welt nicht überblicken und auch die Folgen eines solchen Erfolges nicht absehen. Als gutes Beispiel gibt es dazu eine freie Version des berühmten Märchens von Gebrüder Grimm „Von dem Fischer und seiner Frau“

Der alte Mann hat einen Goldfisch gefangen und sagt: „Ich möchte jung, schön, reich und berühmt sein und an meiner Seite möchte ich eine schöne junge Frau haben, die mich vergöttert!“ Der Fisch antwortet: „Es geschehe also!“ Der alte Mann lässt ihn los und sieht plötzlich, dass er auf einem weichen Bett in einem luxuriösen Palastschlafzimmer liegt. Durch das Fenster beleuchten die Strahlen der aufgehenden Sonne das Laub eines herrlichen Hofparks. Die Tür öffnet sich und eine bildhübsche junge Dame in einem durchsichtigen Negligé betritt den Raum, geht auf ihn zu, küsst ihn sanft und sagt mit einem Lächeln: „Ferdinand, Liebes, steh auf, wir müssen nach Sarajevo …“

(Für die es nicht wissen, mit der Ermordung des Erben des österreichisch-ungarischen Reichsthrons Ferdinand in Sarajevo begann der Erste Weltkrieg.)

Wie ist es denn mit dem Beten um das schnellere Enden des Leidens auf der Welt, vor allem des Leidens der „Unschuldigen“? Grade in Krisenzeiten entsteht oft die Frage „warum lässt Er es zu?“. Es gibt sogar Menschen die es wirklich meinen:„wenn es Gott gäbe, hätte er all das nicht zugelassen“. Darauf können wir nur antworten: „Warst du es, der an Seiner Stelle gekreuzigt wurdest?“Wenn wir jemanden hören: „wo war Gott als die Ärzte aus letzter Kraft für das Überleben der Kranken gekämpft haben?“,ist die einzig richtige Antwort: „Er war da, denn es ist für Ihn üblich, am Kreuz zu sein!“

Lassen wir unsere Herzen öffnen und sie bis zum Rande mit Vertrauen und Zuversicht erfüllen, uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen und uns mit Gelassenheit um einander kümmern! Die aktuelle Epidemie lehrt uns, diese Welt ist vergänglich, unsere fragile Stabilität kann jederzeit zusammenbrechen und unsere wirtschaftliche Lage zu einem Desaster verkommen. Es sind aber nicht die Börsenwerte, die uns stark machen, sondern die L i e b e  in unseren Herzen. Niemand kann sie uns nehmen, diese stärkste aller Kräfte, von der es steht: „Nun aber bleibt  G l a u b e,  H o f f n u n g,  L i e b e, diese drei; aber die  L i e b e ist die größte unter ihnen.“(1. Korinther 13:13 )

Wenn die Krise vorbei ist, haben wir als Gesellschaft die Wahl, entweder nichts daraus zu lernen und weiterhin ein hedonistisch sorgloses Leben mit kurzfristigen Zielen zu führen, das unsere Schwächen und Begierden bedient, oder die in der Not erfahrenen Liebe und Zuwendung zu Norm zu machen und sie wie das wertvollste Gut von Herz zu Herz weiter zu reichen. Erst dann werden wir der Worte würdig: „Glückselig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er sich bewährt hat, wird er die  K r o n e  d e s L e b e n s  empfangen, welche der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben.“(Jakobus 1,12)

 Br. B.K., Redner der altehrwürdigen St.-Johannisloge „Zum rothen Adler“, Hamburg