Liebe Brüder,

als 2015 die Ebola Epidemie in Westafrika ca. 10.000 Todesopfer forderte, waren sich, bei allem Schmerz, die Vorauschauenden einig, die Welt hatte noch einmal Glück. Wurde doch der auslösende Virus nicht durch die Luft übertragen, konnte nur die bettlägerigen Patienten anstecken und verbreitete sich, ausschließlich regional.

Ökonomisch Denkende, egal, ob praktisch als Unternehmer oder theoretisch als Volks- und Betriebswirte, beschäftigen sich seit Jahrhunderten, neben Mathematikern, Theologen, Philosophen und Medizinern stets mit Fragen des, wie wir es heute nennen, Risikomanagements. Darum ist es nicht erstaunlich, dass 2015 ein Unternehmer schrieb: “Ein anderes Virus kann schon übertragbar sein, wenn sich die Kranken noch gesund fühlen.“ Und: „Wenn etwas in den nächsten Jahrzehnten über zehn Millionen Menschen tötet, dann wird es höchstwahrscheinlich ein hochansteckendes Virus sein und kein Krieg.“ Dieser Unternehmer wollte, insbesondere die Politiker, warnen. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht nur ein Mahner, Vorsorge zu treffen, sondern auch einer der größten Sponsoren der Weltgesundheitsorganisation. Seine Stiftung finanzierte den Kampf gegen die Kinderlähmung genauso, wie heute die Pandemie Simulationen der John-Hopkins-Universität.

Obwohl der Unternehmer Bill Gates (geb. 1955) bereits 2015 hinreichend bekannt war und seine Mahnung im Internet über 23 Millionen mal angesehen wurde, zeigte sie kaum politische Reaktionen. Auch anderen Mahnern ging es so. Der Finanzökonom und Philosoph Nicholas Taleb (geb. 1960), welcher Pandemien seit Jahren als Ergebnis fragiler globaler Gesellschaftsentwicklung diskutiert und deshalb China als besonderen potentiellen Ausgangspunkt für diese sieht, wurde nicht gehört. Sind Bill Gates, Nicholas Taleb und viele andere Risikoforscher Hellseher? Nein. Sind sie weitsichtig? Ja. Wussten die Weitsichtigen, wie heute von Verschwörungstheoretikern behauptet, dass dieses Jahr ein Virus namens „Corona“ Deutschland lahmlegt, Unsicherheit und Leid verbreitet? Nein. Wissen die Risikoexperten, wann wir unser gewohntes soziales Leben und damit auch unsere rituellen freimaurerischen Arbeiten wieder aufnehmen können? Nein.

Was ein Risikoforscher oder -manager aber kennt, sind die verschieden Strategien wie man mit einem Risiko, hier eine Pandemie, umgehen kann. Da gibt es die, auf den Apotheker, Chemiker, Dichter und ersten deutschen Hygieniker, Max von Pettenkofer (1818-1901) zurückgehende These, die Bekämpfung einer Seuche darf nicht das gesamte gesellschaftliche Leben lahmlegen. Deshalb darf die Pandemie nicht verhindert werden, sondern muss kontrolliert ablaufen. Ist die Masse (Herde) einmal infiziert, hat der Erreger kaum noch Ansteckungsmöglichkeiten. Das funktioniert oft nur bei frühzeitigen Einsatz und Schutz bestimmter Gruppen.

Die Gegenstrategie setzt man seit dem 14. Jahrhundert ein. Es ist die der Suppression (Unterdrückung) der Ausdehnung durch Quarantäne und Mitigation (Milderung durch aktive Maßnahmen). So soll insbesondere die unkontrollierte Ausbreitung der Pandemie und die Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden.

Diese Strategien sind in einem bestimmten Stadium mixbar und können auch gewechselt werden. Sie haben ein Einstiegs- und ein Ausstiegsszenario. Dies vor Augen, habe ich im Rundschreiben an unsere Logenmeister von Anfang März 2020 den regionale und lokale Einstieg in die Phase der geänderten sozialen Kontakte empfohlen und andererseits für die GLL eine Absage der zentralen Termine bis 31.5.2020 bekanntgegeben. Die Logenmeister wurden so angehalten, sich an die Weisungen und Empfehlungen ihrer örtlich zuständigen Stellen zu halten. Sie haben dies getan und dafür bin ich sehr dankbar.

Auch der Ausstieg aus der jetzigen gesellschaftlichen Situation wird nach meiner Meinung nicht einheitlich vollzogen werden können. Aus Planspielen des Risikomanagements wissen wir, dass man Beschränkungen für Gebiete, Branchen, Altersgruppen aufheben und mindern aber temporär auch wieder einführen und verschärfen kann. Deshalb werden wir als Logen auch wieder dezentral reagieren und nur für die GLL zu gegebener Zeit eine Ansage machen.

Ich bitte um Entschuldigung für die theoretischen Ausführungen, vielleicht liegt es daran, dass meine Vorlesung zum Risikomanagement Ende April wegen Corona ausfällt?

Liebe Brüder, bleibt gesund oder werdet es schnell wieder!

Herzlichst Euer Bruder Uwe Matthes