Als Madame de Staël nach Deutschland kam, machte sie auch Goethes Bekanntschaft. Der schöngeistige Weimarer Damenkreis um Adele Schopenhauer wollte nun von ihr wissen, welchen Eindruck er auf sie gemacht hätte. Mit kokettem Augenaufschlag bemerkte die geistvolle Französin: „Wer so gut spricht, dem hört man gerne zu. Ich habe kein Wort sagen können.“

Goethe seinerseits berichtete seinen Freunden: „Es war eine interessante Begegnung. Sie spricht gut, aber viel, sehr viel. Ich bin gar nicht zu Wort gekommen.“[i]

[i]Heiterer Anekdotenschatz, Geschichten von bekannten und berühmten Persönlichkeiten, Gondrom Verlag, Bindlach, 1996)

Das ist für mich sehr trostreich; wenn so prominente Geistesgrößen eine gemeinsam erlebte Situation so unterschiedlich interpretieren, dann mache ich mir keine Vorwürfe mehr. 

Denn wie oft erfahre ich, dass meine Frau und ich eine zusammen besuchte Einladung bei Freunden völlig anders erlebt haben. Am nächsten Morgen beim Frühstück staune ich nur über das, was meine Frau hinterfragt. Waren wir auf verschiedenen Veranstaltungen? Ist meine Wahrnehmung gestört? Ich weiß ja, dass ich immer nur das höre bzw. sehe, was ich hören und sehen kann. Aber manchmal ist der Filter denn doch zu krass.

Die Polizei kann ein Lied davon singen – nach einem Auto-Unfall schildern fünf Personen, die unmittelbar und zeitgleich beim Unfallort anwesend waren, fünf verschieden Versionen. Und alle können beschwören, dass es so abgelaufen ist. Die mannigfache Wahrnehmung ist keine Erscheinung der Neuzeit, sondern ein uraltes Menschheitsproblem. Ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Betrachtung findet sich bereits in den apokryphen Schriften. Dort beschwert sich Petrus, als Vertreter der Männergruppe, dass Maria (Magdalena) zu viel redet, er würde gar nicht zu Wort kommen. Anderswo sagt Maria, sie traue sich kaum noch, etwas zu sagen, weil sie sich von Petrus eingeschüchtert fühle.

Extrem erlebe ich jetzt Mitte April die unterschiedliche Sicht auf die Corona-Situation. In der Nachbarschaft läuft ein älteres Ehepaar auch in der eigenen Wohnung mit Mundschutz herum und winkt nur sehr von Ferne über die Hecke. Ganz anders interpretieren die aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen ein paar Menschen, die sich wie eh und je in ihrer Kneipe zum Pokern treffen – unbeeindruckt von dem allgegenwärtigen Virus: Das betrifft doch sie nicht! 

Don Juan ist ein indianischer „Mann des Wissens“, der durch die Bücher des Anthropologen Carlos
Castaneda
Weltruhm erlangt hat. Don Juan sagt, dass wir deswegen außerstande sind, die Welt so zu sehen wie sie ist, weil unser Energiefeld in unserem Gefühl eigener Wichtigkeit eingeschlossen bleibt – in dem also, was manche philosophischen Systeme unser „Ich“ nennen. Wir sind dann wie Fernsehgeräte, die nur einen einzigen Kanal empfangen können: denjenigen Sender, der für unser persönlichen Anliegen und unserer Lebensgeschichte am wichtigsten ist.

Das heißt, alles was ich sehe und höre und erlebe, existiert nur in Beziehung zu mir. Der Filter meiner Wahrnehmung ist ausschließlich durch meine Lebensgeschichte bestimmt. Was bedeutet das für mich im Umgang mit meiner Umgebung? Was ist daran so bedenklich?

Nun, weil die meisten kommunikativen Missverständnisse durch diese unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen. Ich halte meine Sicht der Dinge für die (wahre) Realität – und reagiere aus meiner Realitätssicht entsprechend darauf. Schon haben wir den schönsten Streit. Was ist zu tun?

Ich muss mir angewöhnen, die dargestellte Erlebniswelt des Anderen als mögliche Wahrscheinlichkeit, sogar als Fakt zu akzeptieren. Das ist schwer, wie ich immer wieder an mir erlebe. Denn ich muss ja etwas anerkennen, was ich so gar nicht gesehen, gehört, geschweige denn erlebt habe. Ergo: Ich muss einen zweiten Fernsehkanal in mir öffnen und dieses neue Bild auch als Möglichkeit in Erwägung ziehen. Jetzt habe ich zwei Bilder, die sich überlagern oder – im besten Falle – ergänzen zu einem Gesamtbild des Geschehens. An diesem zweiten Fernsehkanal arbeite ich noch – wie an meinem Rauen Stein, der zu meinem Leben gehört.

Volker von Besten