„Gehe in deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“

Liebe Brüder,

einige von Euch werden sich jetzt an die Stirn tippen mit den Worten: „Wie kann er nur in diesen Zeiten? Ist er jetzt völlig neben der Spur?“ Ist er, ganz eindeutig. Mein Leben ist aus den Fugen geraten. Die Isolation durch die Ausgangsbeschränkungen hat mich auf mich selbst zurückgeworfen. 

Müsste ich nicht tagtäglich im Homeoffice Mails sichten, löschen oder beantworten, zwei bis drei Artikel pro Woche schreiben oder auch mit dem Hund vor die Tür gehen, wäre ich schon verrückt geworden. Doch trotz aller Isolation fülle ich meinen Tag mit Aktionen: Ich sortiere die Wäsche aus, hänge Pullover, die den Winter über im Schrank gelegen haben zum Durchlüften in den Garten, zupfe dort das erste Unkraut aus den Beeten, putze zum zweiten oder dritten Mal Küche und Bad. 

Fülle ich den Tag trotz oder wegen der Isolation mit anderen Aktionen? Egal: Jedenfalls jagt eine Beschäftigung die Andere. Toll, werden einige jetzt sagen, was der so alles schafft. Der ist bestimmt froh, dass er das jetzt so nebenbei erledigen kann. Ja und Nein. Toll ist es vor allem für den Teil in mir, der nicht gut mit sich allein sein kann. Der unruhig wird, wenn es Leerlauf gibt oder in der Loge nicht irgendetwas in die Hand nehmen kann.

Ich könnte die Ruhe jetzt für mich nutzen

Nein, denn eigentlich könnte ich die Ruhe jetzt für mich nutzen, 

könnte das Radio ausschalten, oder das Internet nur sporadisch besuchen, kein Facebook, kein WhatsApp, keine Mail lesen, sondern einfach mal nur ich selber und mit mir selbst alleine sein. Doch ganz ehrlich: Will ich das? Kann ich das? Halte ich mich aus? 

Gehe in Deine Zelle,  und die Zelle wird Dich alles lehren 

diese Weisheit der Wüstenväter bekommt in diesen Tagen für mich eine ganz neue Bedeutung und eine für mich bislang ungeahnte eine nie dagewesene Aktualität. War es bei den Wüstenvätern, den Vorläufern unserer Mönchsorden, eine freiwillige oder für Gott gewählte Einsamkeit, ein Ausscheiden aus der Welt auf dem Weg zur Gottes-Erkenntnis, ist die Isolation unserer Tage eine völlig andere:

Fremdbestimmt, unheimlich, weil angstbesetzt und von unbestimmter Dauer. Im Gegensatz zu den Mönchen können wir die Isolation, die uns von den Behörden zur Eindämmung des Corona-Virus auferlegt wurde, nicht einfach abbrechen. Wir müssen ausharren und ertragen, was uns – ja wer eigentlich? aufgebürdet hat. Lasst uns die Fragen, die dazu auftauchen, nacheinander abarbeiten.

Woher kommt das Virus? So unklar auch ist, ob es von einem Schuppentier oder einer Fledermaus auf einen Menschen übertragen wurde, eine Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten ist es sicher nicht. Denn egal, was Evangelikale und andere religiöse Fanatiker auch sagen: Diese brutale Gottes-Bild widerspricht eindeutig dem Charakter des neuen Bundes, wie er in der Heiligen Schrift, unserem höchsten Licht, zwischen Gott und Mensch beschrieben wird.

Hier wird ein liebender Gott beschrieben, der mit den Menschen leidet und sich in Christus als Mensch dem Leiden stellt. Den Verschwörungstheoretikern sei gesagt: Nichts weist darauf hin, dass das Virus als Biowaffe in einem Labor erzeugt und von dort freigelassen wurde. 

Es gibt vielmehr deutliche Hinweise, dass wir Menschen, weil wir der Natur zu dicht auf die Pelle rücken, alle jene Faktoren begünstigt haben, die eine Mutation und damit ein Überspringen von der Fledermaus oder einem schuppentragenden Säugetier auf den Menschen möglich gemacht haben. Diese sogenannten Zoonosen werden weiter zunehmen, sagen Forscher, weil wir der Natur zu wenig Raum lassen und weil die Viren sich durch unsere hohe Mobilität schnell verbreiten können.

Diese Mobilität ist nun massiv eingeschränkt. Wir dürfen nicht mal mehr in den Nachbarort, wenn wir nicht einkaufen wollen oder zu zweit Spazieren gehen wollen.  Daraus ergibt sich die nächste Frage: Was will uns diese Situation sagen?

„Was für ein esoterischer Quatsch!“ werden jetzt manche sagen.Ihnen entgegne ich: Das ist keine esoterische, sondern vorrangig eine sehr praktische Frage. Und Sie lässt sich mit weiteren Fragen konkretisieren: Was mache ich mit der Zeit, die ich plötzlich übrighabe, weil die Fahrt zur Arbeit wegfällt? Wie verhalte ich mich, wenn ich meinen Partner oder meine Partnerin, ja sogar die Kinder den ganzen Tag ungefiltert um mich habe? Was fange ich mit meinem Job zuhause an, bzw. wie kann ich dort arbeiten? Wie erlebe ich mich in dieser neuen Situation? Halte ich mich aus, wenn ich mir und meinen Grenzen so oft begegne? 

Dies, meine Brüder, sind ganz konkrete Fragen an jeden von uns,ob Freimaurer oder nicht. Oft wissen wir, weiß ich keine Antwort auf diese Fragen, denn sie haben sich mir und uns nie so konkret gestellt. Wir waren zu beschäftigt, busy, wichtig. Jetzt erfahren wir hautnah, was eine ehemalige Kollegin über manch‘ ach so wichtigen Geschäftsmann sagte, der vor Bedeutung kaum gehen konnten: „Der ist wichtig, der ist ein Wicht!“

Wir stehen plötzlich nackt vor uns selbst

Corona wirft mich auf mich selbst zurück. Und oft muss ich erkennen:  „Mit diesem Wicht bin ich nicht gerne alleine.“Wenn die Betäubungsmittel „Job“ und „Karriere“ nicht mehr wirken, wenn die Scheuklappen „Kalender“ und „Smartphone“ wegfallen, Wenn Ablenkungsmanöver wie Dienstwagen und Senator-Card nicht mehr ziehen, dann stehen wir plötzlich fast nackt vor uns selbst, sehen den Wicht hässlich und ungeschminkt. 

Und dann kann ich sagen: Was ich sehe gefällt mir nicht. Oder im übertragenen Sinn: Für so einen Körper wurden Kleider erfunden, zumindest aber Dinge, die diesen unangenehmen Kerl gut verstecken. Aber das hilft mir jetzt nicht weiter. Wie das Kind im Märchen „Des Königs neuen Kleider“ ruft Corona jetzt: „Der Kerl ist nackt.“ 

Nur dieses Mal lacht niemand, weil alle nackt sind. Wir werden unruhig, gereizt, laut. Unsere dunklen Seiten wollen ans Licht, weil sie die jahrelange Gefangenschaft der Verleugnung nicht mehr dulden. Was uns zur dritten Frage bringt: Was kann ich tun? Darauf antworten die Wüstenväter: „Gehe in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“ Das heißt: Halte Dich selbst aus, ringe mit Dir und Deinen Dämonen. Stelle Dich Deiner inneren Wahrheit – also der Tatsache, dass Du nicht nur gut und schön bist, sondern auch all das, was Du am liebsten ausblendest: ungeduldig, ängstlich, zornig, ungerecht, maßlos, ….

Diese dunkle Seite hat von Alters her einen Namen: der Teufel. Es ist jener Versucher in uns, dem sich unser Obermeister stellen musste, als er für 40 Tage zum Beten und Fasten in die Wüste ging. Die 40 Tage der Fastenzeit sollen übrigens genau an diese Wüstenzeit unseres Obermeisters erinnern. Unsere Versucher zeigen sich in der Ablenkung, die wir suchen, in den Mitteln, mit denen wir unseren Blick auf unser wahres Selbst trüben: Fernsehen, Internet, Smartphone, ein tolles Projekt im Haus oder Garten, ein Buch, ein Gesellschaftsspiel und und und….

Kurz: Alles, was uns hindert uns als ganzen Menschen zu erkennen. Und jetzt? Geh in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren. Kümmern wir uns darum, dass wir diese Zelle in- und auswendig kennen, dass wir zu jederzeit blind in dieser Zelle alles finden, was wir suchen – egal ob dunkel oder hell, wohl- oder übelriechend, weich oder kratzig, zärtlich oder rau. 

Nutzen wir die Wüstenzeit, die uns Corona schenkt, um unsere eigenen Teufeleien zu durchschauen. Schauen nach innen oder wie Johannes der Täufer gesagt hat:  Ändert euren Sinn!

Stefan Szych