Die Lehre des Mullahs

Jemand beobachtet des Nachts Nasrudin, wie dieser etwas auf dem Boden unter einer Laterne sucht. „Was hast du verloren, Nasrudin“, fragte er. „Meinen Schlüssel“, antwortete der Mullah. Beide lagen nun auf den Knien und suchten. Nach einer Weile fragte der andere: „Wo hast du ihn denn verloren?“ „Dort hinten“, und Nasrudin zeigte in die Dunkelheit. „Aber warum suchst du dann hier unter der Laterne?“ „Weil es hier hell ist.“

Für die Logik des Mullahs ist es klar: Er sucht das Verlorene im Hellen, nicht in der Dunkelheit. Denn dort sieht er ja nichts. Vielleicht schmunzeln wir jetzt über die Logik des Mullahs – und handeln doch tagtäglich selbst so. Wenn wir mit einem Problem konfrontiert werden, greifen wir erst einmal auf die gewohnten Lösungswege zurück. Die sind uns vertraut, also sichtbar. Wir blenden unbewusst Informationen aus, die im Dunklen, im Verborgenen liegen. Frei nach Bert Brecht: Man sieht nur die (Lösungen) im Lichte, die im Dunklen sieht man nicht. Ich kann auch statt „Lösungen“ sagen: Maßnahmen, Schritte, Ideen, Hoffnungen, Möglichkeiten, Antworten, etc. Wir erleben gerade die Brüchigkeit unseres Lebens. Vielleicht haben wir es immer geahnt, dann aber erfolgreich ignoriert. Wie aber wollen wir in Zukunft leben angesichts der offensichtlichen Verwundbarkeit der Welt? Die wird uns jetzt deftig bewusst gemacht. Ist ein „Weiterso“ im vertrauten Licht der Laterne möglich? In uns steckt eine Urangst vor dem Verlorensein, vor dem Bedrohtsein, das im Dunklen lauert. Bis eben meinten wir, dass wir diese Urangst in unserer abgesicherten Gesellschaft besiegt hätten. Und nun stellt sich heraus, dass wir sie nur verdeckt haben mit der Patina der Zivilisation. Wir sind auf Überleben, auf Funktionieren getrimmt. Doch dieses bedenkenlose Funktionieren ist durch ein Unsichtbares rissig geworden. Jetzt müssen wir den Mut haben, aus dem vertrauten Laternenschein ins Dunkle zu gehen, um dort nach Möglichkeiten zu suchen. Vielleicht müssen wir furchtlos zur Kenntnis nehmen: Ein Leben mit Corona ist auch ein Leben!
Johannis der Täufer verkündet in diesen Tagen: Metanoeite – die Blickrichtung ändern, umdenken – die Beherztheit haben, ins Dunkle zu blicken, sprich: in unser Unbewusstes. Wir wünschen uns Harmonie und Ausgeglichenheit und versuchen Konflikte mit unserer Umwelt zu vermeiden. Und bleiben dabei an der Oberfläche. Die Wirklichkeit, so wie wir sie plötzlich erleben, also der Stillstand und die erzwungene „Einsamkeit“ bieten jetzt für jeden von uns die einmalige Chance, eine Konfrontation mit sich selbst zu führen: Wer bin ich? Habe ich den Mut zur inneren Auseinandersetzung mit mir und meinen Werten? Wie reagiere ich auf die aktuellen Zumutungen und Beschneidungen meines Lebensgefühls? Zum Beispiel auf den Verzicht menschlicher, brüderlicher Nähe? Trägt mein Vertrauen zum Dreifach Großen Baumeister auch jetzt in der Krise? Bin ich der Souverän meines Lebens? Wenn ja, dann sollte ich jetzt umdenken und den vertrauten Laternenschein verlassen und mutig mein inneres Königreich betreten – ohne Angst vor dem Unbekannten. Denn nur dort finde ich den verlorenen Schlüssel zu meinem (!) Selbst wieder. Der ist mir abhandengekommen im profanen Alltag und der täglichen Routine. Die sich überstürzenden bzw. bestürzenden Veränderungen des Gewohnten, der erlebte Verlust der Normalität rütteln uns wach und bieten uns jetzt die Chance, neue Möglichkeiten zu geistig-seelischem Wachstum zu erproben. Wir haben in der Vergangenheit erfahren, wie wir unsere spirituelle Entwicklung fördern können – in der Stille und Schönheit der Arbeit im Tempel. Dies ist momentan nicht möglich. Also muss ich meine Möglichkeiten im Allgemeinen und im Speziellen erweitern. Jede Umgestaltung einer vertrauten Gewohnheit hat ihren Preis, denn ich weiß nicht, was sich dann im Gefüge meines Lebens noch so ändern könnte. Aber probieren will ich es.

Konkret ersetze ich hier und jetzt die Arbeit im Tempel durch „meditative Waldspaziergänge“. Bewusst nehme ich die Waldluft wahr und die Geräusche, das Wispern und Zwitschern zwischen den Bäumen, und lasse mich Schritt für Schritt in das Grün des göttlichen Gewahrseins fallen – wie in einem stillen Gebet. Klingt sehr pathetisch – ist es auch im positiven Sinne von feierlich, eindrucksvoll. Dennoch ist es nur ein bescheidener Ersatz für die Tiefenwirkung im vertrauten Tempel inmitten der Bruderschaft. Aber ich werde es nicht zulassen, dass ein „Laternenschein“ mich zur Bequemlichkeit verlockt und diesen, meinen laufenden Entfaltungsprozess stoppt. Dank Nasrudin weiß ich jetzt, wie sinnleer es ist, unter einem zufälligen Laternenschein nach dem verlorenen Schlüssel zu suchen, und dass ich sehr wohl die Chance habe, trotz Tempelverbot an meiner Bewusstheitserweiterung zu arbeiten. Danke, Mullah!

Br. Volker von Beesten