Meine lieben Brüder,

in der ZK Januar 2019 befasste sich der  Landesgroßredner und ZK-Schriftleiter Br. Torsten Küster mit dem Begriff Toleranz und Freimaurerei. Er formulierte u.a. „Der Anfang des Jahres war für mich durch zahlreiche Neujahrsempfänge in verschiedenen Institutionen geprägt. Das ist jedes Jahr die gleiche Routine. Doch in diesem Jahr fiel mir auf, dass der Toleranzgedanke stark in den Ansprachen/Reden in den Fokus gerückt wurde. Ob Politiker, Buchautor oder Wirtschaftsjournalist – alle hatten den Wunsch und das Begehren diesen stetig aktuellen und auch brisanten Begriff zu beleuchten. Besonders, weil der Alltag einen schnell vergessen lässt. Daher ist es wichtig, manchmal auch laut nachzudenken.

Sicherlich ist dazu die tolerante Haltung eines jeden von uns notwendig und auch eine Art Grundbedingung – doch alleine reicht diese Tatsache nicht aus.                                                   Es gibt viele Situationen in unserer Gesellschaft, die keine Toleranz verdient haben! Denken wir nur an die Feinde einer offenen Gesellschaft, die sich durch Radikalität in politischen, religiösen oder auch gesellschaftlichen Verhaltensweisen „hervortun“.

Vom Grundsatz her ist das erlaubt, solange dies im Rahmen des Rechtsstaates passiert. Tolerieren aber müssen wir dieses Verhalten nicht!                                                                    Verhaltensforschungen stellen sehr deutlich fest: „Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge! Die Verletzung der grundlegenden Standards rationalen Denkens und die Aushöhlung des Wahrheitsbegriffes gefährden unsere Gesellschaft.

Und auch darum: Nach- und Mitdenken über das, was um einen herum passiert, ist nicht nur erlaubt, nein- das ist eine bürgerliche Pflicht!

Für uns Freimaurer bedeutet das: wachsam, aufmerksam und auch aktiv zu sein. Gerade wir profitieren von Freiheit und schreiben uns viele Werte einer offenen Gesellschaft auf die Fahnen. Ganz zu schweigen von unseren Urvätern, die dafür gekämpft haben.

Wir sind also gefordert, in unserem Wirkungskreis das deutlich zu machen.Klassisches Schwarz-weiß denken sollte uns fremd sein. Und was wir nicht tolerieren können – denn auch das ist jedermanns  gutes Recht – dem kann immer noch durch zivilgesellschaftliches Engagement / Ehrenamt von jedem von uns entgegengewirkt werden. Das ist für mich eine Verpflichtung, um meinen Anteil zur offenen Gesellschaft zu leisten.“                                        Soweit Br. Torsten Küster.

Kaum aber ist ein Begriff  in der heutigen Zeit so umstritten, wie der der Toleranz  In dieser unruhigen und wohl auch immer unberechenbareren Welt wird Toleranz oft sehr beliebig definiert und nur zu oft auch krass missbraucht. Und solcher Missbrauch geschieht nicht nur in der großen Welt, sondern leider zuweilen auch in unseren Reihen – auch zwischen Brüdern.

Manchmal verfestigt sich der Eindruck, als gäbe es kein gesundes Mittelmaß, sich dieser Tugend zu nähern. Von der Null-Toleranz-Haltungbis zu deren gleichsam unter Selbstaufgabe erfolgenden bedingungslosen Anerkennungscheint es vielfach, zumindest in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen, nur noch die Extreme zu geben. Dabei steckt hinter dieser Tugend viel mehr, gibt es viel mehr als nur die beiden Pole des entweder – oder.

Aber, bekanntermaßen erweist sich der Mensch im Umgang mit seinen Artgenossen häufig als Problemfall. Nun, das ist nicht etwa darin begründet, dass die Welt mit einem Übermaß an Toleranz gesegnet sei. Ganz im Gegenteil, weil diese vielfach nahezu völlig fehlt oder aber gegenüber der Intoleranz zunehmend ins Hintertreffen gerät.

Toleranz aber ist die Grundlage für ein funktionierendes, sich gegenseitig achtendes und rücksichtsvolles menschliches Zusammenleben – wenn dieses denn funktionieren soll! „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen, unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt– gefördert durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens.

Sie ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht.“So die Formulierung der UNESCO in ihren Erklärungen von Prinzipien der Toleranz.

Toleranz – eine Kultur des Friedens gegen den Kult des Krieges! Schon so oft – zum Bedauern wohl auch großer Teile der Menschheit auch gegenwärtig wiederum notwendiger denn je!

Das weltweite Ausmaß von Flucht und Vertreibung – verursacht durch Krieg, Gewalt und Verfolgung hat weltweit wohl den höchsten jemals registrierten Stand erreicht. Diesbezüglich spielen wohl insbesondere religiöse und ethnische Vorurteile die maßgebliche Rolle. Aber, leider auch vielfach menschenverachtender Hass.Und Vorurteile und gerade auch fehlende Bildung sind es, die das Wesen der Intoleranz prägen.                                       Schon Br. Voltaire schrieb vor mehr als 250 Jahren in seinem Plädoyer „Über die Toleranz“, einer Kampfansage an die Dummheit, den Fanatismus, der törichten Tyrannei und der Borniertheit der Menschen:„Die Menschheit ist bereit, selbst den größten Unsinn zu glauben, wenn das denn den eigenen Vorurteilen und Interessen dient.“

Auch heute noch sieht es in den Köpfen vieler Erwachsener noch spätmittelalterlichunaufgeklärt aus, gerade so, als hätte es die klugen Köpfe der Aufklärung und die schlechten Beispiele der Geschichte nie gegeben.

Hader, Streit, Missgunst, Hass, Gegnerschaft bis hin zu Bestialität prägen nur zu oft das Geschehen, im Großen wie auch im Kleinen.                                                                         Sich weltweit ausweiternder Nationalismus – auch in unserem Vaterland – Fremden-feindlichkeit, Rassismus– ich rufe hier die uns allen bekannten fremdenfeindlichen, rassistischen Attentate  in Erinnerung. Gerade auch die der jüngeren Zeit.                                                                                                                             Und dann auch wieder deutlich aufkeimender Antisemitismus– 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, des in hohem Maße menschenverachtenden Deutschen Nationalsozialismus, der Befreiung der Konzentrationslager – sprechen da Bände.

Große Teile der Menschheit weigern sich auch weiterhin konstant, schlau zu werden, Vernunft anzunehmen, zumindest aber wenigstens tolerant zu sein.                                                                                                                     „Antisemitismus war schließlich immer, wird nur zu gern als gleichsam entschuldigende Begründung herangezogen.

Nun, meine lieben BBr., ich kann da nur für mich selbst sprechen, hoffe jedoch, dass möglichst viele aus unseren Reihen ähnlich denken.                                                                Ich kann mich ob dieses Antisemitismus, dieser Fremdenfeindlichkeit, dieses Rassismus und auch einer solchen, doch recht oberflächlichen Begründung nur schämen!

Warum eigentlich fällt es so vielen Menschen häufig so schwer, tolerant zu sein – auch uns ganz persönlich? Die gelebte Gleichberechtigung unter uns Menschen, auch der verschiede-nen Rassen, unterschiedlichen Glaubens und auch differenter Ansichten muss Basis sein.   Aber leider verwechseln nicht wenige Menschen die Toleranz gegenüber Andersartigen oder auch nur Andersdenkenden mit einem teilweisen Verlust oder gar Angriff auf die eigene Identität oder Kultur.

Wie aktuell, wo doch gerade wieder einmal der weltweite Freihandel bedroht ist und durch die Intoleranz einiger weniger Mächtiger zur Disposition steht, übrigens nicht nur, aber auch seitens des sogen. „Trumpialismus“. Bloß nicht nachgeben, nicht einmal Kompromissbereitschaft – denn das könnte ja als Schwäche ausgelegt werden.

Die rationale Auseinandersetzung zwingt dazu, den eigenen Standpunkt, das eigene Sein zu überdenken. Zumindest das ist unbequem und erfordert Mut.                                                                                                                            Tolerant zu sein ist nie bequem und erfordert Arbeit an sich selbst.

Öffnet man sich aber anderen Meinungen, anderen Kulturen und Moralvorstellungen, bedeutet das nicht zwangsläufig, die eigenen Wertvorstellungen ablegen zu müssen, aber vielleicht ja doch, diese klarer und realistischer zu gestalten.

Meine BBr.,der Gedanke der Toleranz ist das geistige Fundament unseres Bundes, er ist freimaurerische Grundhaltung. Wir können und dürfen ihn niemals aufgeben, ohne uns selbst in Frage zu stellen!

Bleibt für uns Frm. noch die Frage nach den Grenzen der Toleranz, denn diese muss eine Grenze haben und hat sie auch, ansonsten wäre Toleranz einfach nur Beliebigkeit.

In religiöser Hinsicht müssen die Grenzen dort gezogen werden, wo die Glaubensfreiheit in einen pseudoreligiösen Kult abgleitet, der den Menschen nicht aufrichtet, sondern aus allen sozialen Bindungen löst, innerlich zerstört und zum willenlosen Werkzeug macht.

In politischer Hinsicht sind die Grenzen dort zu ziehen, wenn Ideen und Handlungen auf eine gewaltsame Veränderung unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung abzielen.  Und in ethisch-moralischer Hinsicht sind es die unveränderlichen Menschenrechte, bei deren Einschränkung oder Verletzung keine Kompromisse möglich sind und auch zukünftig niemals sein dürfen.

„Wir müssen auch wissen, dass uneingeschränkte Toleranz geradezu zwangsläufig zum Verschwinden der Toleranz führt. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf den Intoleranten ausdehnen – wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen – dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“

Br. Manfred Rischbieter