„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Mephistopheles im Faust I.

 

Ich bin immer wieder fasziniert, von dem scheinbaren Widerspruch und der Aktualität des Satzes. „Dank“ Mephistopheles ist das Böse in der Welt – doch warum lässt ein allgütiger, allwissender und allmächtiger Gott das Übel zu? Die Frage hat sich schon Hiob gestellt. Und schon vor Christi Geburt haben sich die Stoiker in Griechenland die Frage gestellt: „Warum müssen wir in dieser Welt leiden?“ Oder aktuell die Frage: Warum gibt es auf der Welt Viren, die Leiden verursachen?

In der abendländischen Tradition der Mythologie und Theologie wurden immer wieder Versuche unternommen, dem Leiden einen Sinn zu geben und zu erklären. Nach Überzeugung des Pessimisten Friedrich Nietzsche (1844-1900) kann nur der überleben, wer im Leiden einen Sinn findet. Doch worin liegt der Sinn des Leidens? Eine Antwort hat der deutsche Philosoph und Allroundwissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz 1710 versucht zu geben mit seinem Buch „Die Theodizee. Von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels.“  Warum müssen wir Menschen leiden? Leibnitz einfache Antwort lautet sinngemäß: Weil der Mensch den Sinn des Leidens nicht versteht. Leibnitz geht davon aus, dass Gott das Böse in der Welt zulässt, damit der mit Freiheit ausgestattete Mensch sich entfalten kann, indem er das Böse nicht als Hemmnis ansieht, sondern als Aufforderung zum Überwinden des Bösen und damit zur Persönlichkeitsentwicklung.

In unserer heutigen durchrationalisierten Welt hat Gott einer aufgeklärten Vernunft Platz machen müssen. Darin ist Leiden einfach Teil des Lebens. Somit stellt sich für die meisten Menschen die Frage nach dem Sinn gar nicht mehr. Und wenn doch, dann heißt es lapidar: Akzeptiere dein Leid und stelle dich dem Leben.

Damit liegt der Sinn des Leidens in der Chance, das Böse umzuwandeln, um daraus Pluspunkte für die persönliche Lebensentwicklung zu gewinnen. Ich verweise hier auf die Geschichte von Adam und Eva, die von der Schlange (Mephistopheles) verführt werden – und nun das Überleben im Schweiße ihres Angesichts verdienen müssen. Liegt der Sinn der Vertreibung aus dem Garten Eden in der Aktivierung ungeahnter Ressourcen, die im paradiesischen Leben nicht erforderlich waren und verkümmert wären? Oder wie es der libanesische Philosoph Khalil Gibran (1883-1931) positiv formulierte: „Aus dem Leiden gingen die stärksten Seelen hervor.“

Es gibt viele Beispiele, die wir alle erlebt haben und noch erleben. Da ist zum Beispiel eine Krankheit, die erst Ängste fördert, dann aber den Lebensmut weckt und „die Seele stärkt“. Oder – wie es mein Vater immer sagte – wetterfest macht. Das Übel muss gar nicht am eigenen Leib erfahren werden. Es reicht auch aus, wenn ich es unmittelbar miterlebe bzw. davon erfahre und es mich betroffen macht.

Die Antwort auf die Frage Nietzsches „Hat das Leiden einen Sinn“ kann nur lauten: Ja, denn das Böse ist Mittel zum guten Zweck – auch wenn wir das im Moment nicht erkennen können. Denn das Übel ist kein Zufall, sondern bewusst von Gott eingesetzt, um uns Menschen einen Stoß in die richtige Richtung zu geben. So könnte Gott zum Beispiel die Weltkriege und Diktaturen des 20. Jahrhunderts zugelassen haben, damit die Menschen Achtung vor dem individuellen Leben, Gedankenfreiheit, Mitgefühl, Schamgefühl, Solidarität usw. erkennen und wertschätzen.

Wenn Gott, der dreifach große Baumeister allmächtig ist, dann ist er auch Herr über die Zeit – und weiß heute schon was Morgen, in der Zukunft sein wird. Uns aber ängstigt heute das aktuelle Übel, weil wir den Sinn noch nicht sehen können. Immer aber ist aus all dem Bösen in der Welt Gutes gewachsen.  Aus der grauenvollen „dunklen Zeit“ zwischen 1939 und 1945 entstand beispielsweise eine stabile Demokratie auf deutschem Boden, die auch der aktuellen Corona-Krise trotzen kann. Vielleicht sollen wir durch das „teuflische“ Virus aufgerüttelt und aus einem „Paradies“ vertrieben werden? Der Blick in die Zukunft ist uns verwehrt, aber dank Mephistopheles wissen wir: Aus jedem Übel wächst das Gute unaufhaltsam.

Volker von Beesten