Unsere Beziehung zum Salomonischen Tempel.

 

Noch bevor ein Suchender aufgenommen wird, erfährt er aus Büchern oder dem Internet, dass wir Freimaurer am Tempel Salomos bauen. Doch was es damit auf sich hat, mit diesem ideellen Tempel, das sagen wir ihm nicht, oder wir bleiben vage. Deshalb möchte ich diesen Tempel heute etwas näher betrachten. Also: Was ist das, der Tempel Salomo? Oder noch anders: Was ist ein Tempel überhaupt und was hat er mit uns zu tun?

 

Tempel gibt es seit etwa 5800 Jahren. Mit dem Wort sind grundsätzlich Gebäude gemeint, in denen rituelle Handlungen ausgeführt werden, meist in Verbindung mit einer Weltanschauung oder Religion. Bei den Etruskern und Römer waren Tempel lediglich besondere Räume oder Plätze, von denen aus die Auguren den Vogelflug beobachteten. Anhand des Fluges meinten sie, die Zukunft vorhersagen zu können. [1]

 

Das wichtigste an diesen Räumen oder Plätzen: Sie waren der normalen Welt entrückt, für normale Menschen nicht zugänglich und den Auguren, also Priestern, vorbehalten.

Im Laufe der Jahre veränderte sich nicht nur die Gestalt der Tempel, sondern auch ihr Charakter. Letztendlich wurden sie zur Wohnung und Ort der Anbetung des jeweiligen Gottes. Rund um die Tempel entwickelte sich soziales, politisches und wirtschaftliches Leben. Und je stärker der Gott in das Leben der Menschen einzugreifen berechtigt war, umso lebhafter, lebendiger, weltlicher wurde das Umfeld des Tempels.

Als negativen Auswuchs beschreibt die Bibel diese Entwicklung im Jerusalemer Tempel. Zornig vertreibt Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem sogenannten Herodianischen Tempel. Das war der von König Herodes, dem Großen, in Auftrag gegebene Nachbau des Salomonischen Tempels.

Dieser Salomonische Tempel, der 1. Tempel, ist aus der sogenannten Stiftshütte hervorgegangen, jenem mobilen Heiligtum, das die Israeliten bei ihrer Flucht aus Ägypten mit sich führten. Laut Bibel gab Gott selbst Mose die Anweisung, wie er das Stiftszelt zu gliedern hat.

Es gliederte sich in drei Teile, deren Bau in der Bibel genau beschrieben wird. JHWH beginnt in der Bibel bei seiner Beschreibung von innen nach außen.

Zuerst beschreibt er wie die Bundeslade auszusehen hat, die Heimstadt für die beiden Gesetzestafeln mit den zehn Geboten. Dann folgt die Beschreibung des Allerheiligsten, in dem er, Gott, in Form der Tafeln wohnt. Danach beschreibt das Aussehen des heiligen Raumes und des Vorhofes. Bis ins kleinste Detail gibt er Mobiliar und Material und Sinn für alle Tempelteile vor.

Nun, im übertragenen Sinn nähert sich JHWH mit dieser Beschreibung von innen nach außen den Menschen: Ausgehend von seinem Wort, dem „Ich bin der ich bin“ und dem Dekalog, den zehn Geboten, über das dem Hohepriester vorbehaltene Allerheiligste und dem heiligen Raum der Priester bis zum Vorhof, in dem das einfache Volk wartete und betete.

Dabei ist der Tempel nicht nur Ort der Anbetung – nein – er ist zuallererst die Wohnung JHWH. Der hat Mose den Auftrag für die Schaffung des Stiftszelts gegeben, damit er – JHWH – „unter ihnen wohne“2

Die Gliederung des Stiftszeltes wurde im Salomonischen Tempel übernommen. In seinem Büchlein „Der salomonische Tempel“ 3  beschreibt unser Ordensbruder Giovanni Grippo die Ausmaße des Tempels:

 

„Der Tempel hatte (…) eine Länge von 35 Metern. Er bestand aus drei nacheinander angeordneten Räumen. Der Tempel bestand aus einer Vorhalle (Ulam) von 5 x 10 x 15 Meter, einem Hauptraum (Heiliges / Hekal) von 20 x 10 x 15 Meter und dem Allerheiligsten (Debir) von 10 x 10 x 10 Meter.“Das stand wahrscheinlich erhöht auf einem Podest.

Bei diesem Allerheiligsten ist also die Länge gleich der Breite und der Höhe. Es ist ein Würfel, ein Kubus, ähnlich dem, der uns durch die Grade hinweg begeleitet.

Unser freimaurerischer Tempel ist diesem salomonischen Tempel nachempfunden, nicht überall direkt baulich, aber in seiner rituellen Gliederung. Anders als in Salomos Tempel liegt bei uns die Tempeltür im Westen. Das hat historische Gründe: Seit Jerusalem für die Christen heilig ist, sind alle Heiligtümer der Christenheit mit dem Altar nach Osten ausgerichtet und die Tempeltür liegt immer dem Altar gegenüber.

Der Vorhof, den wir durch die Tempeltür betreten, reicht von dieser Tür im Westen bis unmittelbar vor die Pulte der beiden Aufseher. Aufseher und Wachthabender sitzen also im für alle zugänglichen Vorhof des Tempels.

Zwischen den beiden Aufsehern führt eine symbolische Tür in dem Mittleren Raum, den Hauptraum, das Heilige. Hier liegt unsere Arbeitstafel und in diesem Raum der Priester wird gearbeitet, mit Gott gesprochen, dem Dreifach Großen Baumeister der ganzen Welt.

 

Der Hauptraum reicht von den Pulten der Aufseher bis etwa auf Höhe der Pulte von Sekretär/ Redner auf der einen und Schatzmeister/Zeremonienmeister auf der anderen Seite. Die Arbeitstafel schließt an dieser Seite mit dem Vereinigungsband ab.

Und genau hier auf Höhe des Vereinigungsbandes liegt in der zweiten symbolischen Wand des heiligen Raumes, die Tür zum Allerheiligsten. Das ist zwingend, denn das Vereinigungsband stellt unter anderem jenes Band dar, das den Vorhang zum Allerheiligsten zusammenhielt.

Und so erklärt sich auch ein Vorgang im Aufnahmeritual, den jeder Bruder erlebt hat.

Wenn nämlich der Leidende mit den drei merkwürdigen Schritten über den Teppich geführt wird, kurz vor dem Winkelmaß und dem Vereinigungsband ankommt,

steht er unmittelbar an der symbolischen Tür zum Allerheiligsten. Dort macht er blind und Hand in Hand mit den Aufsehern eine Verbeugung vor dem Dreifach Großen Baumeister, verkörpert durch den Logenmeister.  Der sitzt genau gegenüber dieser symbolischen zweiten Tür und der Weg zu ihm führt nur über das große Licht, das Wort Gottes, die Bibel, die auf dem Altar liegt.

Doch noch darf sich der Leidende dem Allerheiligsten nicht nähern.

Zunächst wird er blind und rückwärts über die Arbeitstafel zurückgeführt, als Ehrerbietung vor Gott. Erst wenn ihm im Vorhof Salomos Siegel, das Siegel der Verschwiegenheit, aufgedrückt wurde, darf sich der Leidende durch die zweite symbolische Tür dem Allerheiligsten nähern und dort am Altar vor dem Dreifach Großen Baumeister der ganzen Welt das Gelübde ablegen.

Wenn also der Logenmeister vom Altar aus mit den beiden Aufsehern spricht, spricht symbolisch der Dreifach Große Baumeister mit dem Menschen außerhalb des Tempels. Und wie die Leviten im Heiligen Raum des salomonischen Tempels gearbeitet haben, so arbeiten wir Brüder im Mittelsten Raum unseres Tempels.

Doch, meine Brüder, wir wären nicht Freimaurer, wenn wir diese an sich schon herrlich verschränkte Symbolik nicht noch auf die Spitze treiben würden.

Bei uns Freimaurern wird aus dieser doppelten Tempel-Symbolik nämlich eine Dreifache.

Wir haben hier einen Matryoschka-Tempel: drei Tempel ineinander verschachtelt wie die traditionelle russische Steckpuppe.

Bei uns Freimaurern wird aus dieser doppelten Tempel-Symbolik nämlich eine Dreifache.

Da ist zunächst die Welt, in der wir am weltumspannenden Salomonischen Tempel bauen.

Darin steht unser freimaurerischer Tempel, das Abbild jenes Salomonischen Tempels.

Und mitten im Tempel liegt unsere Arbeitstafel, die wiederum nur ein Symbol für ein neues Arbeitsfeld ist. Sie steht für den Bruder. Denn jeder von uns ist ein Tempel, sein eigener Tempel.

Das wird deutlich, wenn der Logenmeister vor Öffnung der Loge fragt:

„Bruder 2. Aufseher, was ist die Pflicht eines guten Freimaurers, bevor die Loge geöffnet wird, insbesondere des zweiten Aufsehers?“ Der antwortet: „Nachzusehen, ob die Loge recht und gehörig gedeckt ist.“

Wenn daraufhin der Logenmeister seinen Auftrag erteilt und der 2. Aufseher ihn ausführt, haben die Brüder Zeit zu prüfen, ob sie alle profanen Gedanken, alles Störende beiseitegeschoben haben und die Arbeit beginnen können. Das, meine Brüder, ist nichts anderes als die „Inspektion“ unseres inneren Tempels, der sich hier kurzzeitig mit den anderen beiden Tempeln verbindet. Dabei bilden Augen, Ohren, Zunge, Hände und Nase die Tempeltür. Vorbei an Verstand und Gewissen geht es dann zu unsrem innersten Raum, unserem Heiligtum.

Doch dieses Heiligtum zu erreichen ist nicht leicht. Es ist zwar da, immer, ewig unzerstörbar.

Doch wir können es nur gut vorbereitet betreten, nur wenn wir alles aus diesem Tempel entfernen, es vor die Tür kehren, pro fanum, oder übersetzt: vor das Heiligtum. Das tun wir, in dem wir schweigen.

Alles was wir im Leben tun, tun wir also nicht nur in der profanen Welt, sondern auch in einem Heiligtum, das vom Schöpfer selbst gestaltet wurde und in dem er gleichzeitig anwesend ist, Teil dieser Schöpfung ist. Dieses „in der Schöpfung wohnen“ – wir erinnern uns an den Auftrag Gottes an Mose – wird auch bei uns symbolisiert durch das Allerheiligste, in dem der Logenmeister als lebendiges Symbol des Göttlichen sitzt.

Wenn wir dieses Bild weiterspinnen und die Arbeitstafel als Abbild des inneren Tempels, also als Skizze des Innenlebens des Bruders sehen, muss es etwas auf der Arbeitstafel geben, das dieses Allerheiligste symbolisiert.

Daraus, meine Brüder, ergibt sich eine zwingende Frage für jeden von uns:

Wenn dieses Symbol auf der Arbeitstafel gezeigt wird, muss dieses Symbol nicht auch eine Entsprechung in uns haben? Und wenn dem so ist; was bedeutet das für uns und unseren Ordensweg?

Mit diesen Anregungen, meine Brüder, beschließe ich meinen Vortrag und schicke Euch in den Tempel, den Ihr untrennbar immer in euch tragt.

 

Br. Stefan Szych