Weisheit – Stärke – Schönheit

Darf man lügen?

Mark Twain wurde zu einer Gesellschaft beim Gouverneur geladen. Ihm wurde die Ehre zugeteilt, die Gattin des Gastgebers zu Tisch zu führen.

Höflich wie er war, sagte Twain: „Wie fantastisch Sie aussehen, Madame.“

Die hochnäsige Dame entgegnete schnippisch: „Schade, dass ich nicht dasselbe von Ihnen behaupten kann, Herr Twain.“

Worauf dieser entgegnete: „Machen Sie es wie ich, werte Dame, lügen Sie einfach.“

(Mark Twain – Anekdote)

 

 

Oh, hätte die Dame doch geschwiegen! Mark Twains Lüge hätte ihr gut getan und alle wären zufrieden gewesen. Bleibt die Frage: Darf man denn lügen? Ich behaupte: Ja, wenn es einen guten Zweck dient wie in der Anekdote. Die nackte Wahrheit hätte die Dame vielleicht nur verletzt. Wäre das für sie besser gewesen?

Vor Gericht sind wir gehalten, immer die Wahrheit zu sagen. Auch bei Selbstbelastung? Oder wenn ich damit einem Menschen schade? Lügen zu politischen Zwecken gibt es seit Ewigkeit – wie am Beispiel der drei Weisen aus dem Morgenland deutlich wird.

Die drei Weisen besuchten in Jerusalem den König Herodes und fragten, wo der neue König geboren sei. Herodes erschrak und scheinheilig bat er die drei Weisen, ihm auf ihrem Rückweg über Jerusalem den Aufenthaltsort zu benennen, damit er dem neuen König huldigen könne. Eine glatte Lüge. Die drei Weisen versprachen es – und logen ihrerseits.

Sind Wahrheit und Lüge Gegenpole wie Licht und Schatten? So einfach ist es wohl nicht, weil jede Wahrheit relativ ist und jede Lüge konkret.

Lügt der Kreter Epimenides, wenn er behauptet, dass alle Kreter lügen?[i]Das ist eine Antinomie, ein logischer Widerspruch. Sagt Epimenides die Wahrheit, dann lügt er – und umgekehrt. Mein Nachbar ist Stadtabgeordneter und behauptete während der vergangenen Bundestagswahl mehrmals, dass alle Politiker lügen. Auf den Widerspruch zu seiner Position angesprochen, sah er mich erstaunt an und beendete das Gespräch.

Jesus, unser Obermeister, sagte: „Ich bin die Wahrheit und das Leben.“[ii]Was ist Wahrheit? Die Frage des Pontius Pilatus wartet noch immer auf eine verbindliche Antwort. Ich behaupte, es gibt nicht die Wahrheit. Jeder Mensch hat seine Wahrheit, die sein Leben bestimmt und ihn erhält. Jesus darf von sich behaupten, er sei die Wahrheit. Könnte ich das Recht mir auch anmaßen? Nein, kein Mensch kann das. Ich habe eine Wahrheit, ja, aber ich bin nicht die Wahrheit. Meine Wahrheit ist nicht zeitlos absolut, sondern passt sich meinem geistigen und seelischen Entwicklungstand an – Metanoia: Immer wieder gewinne ich eine neue Weltsicht. Was ich heute für die Wahrheit halte, war mir „gestern“ noch fremd.

In meiner Aphorismen-Sammlung habe ich einst notiert: „Ehrlichkeit ist was für starke Menschen. Die Schwachen wählen die Lüge.“ Heute behaupte ich das Gegenteil: Starke Menschen wählen die Lüge, wenn Ehrlichkeit verletzt.

Das ist heute meine Wahrheit: Ich kann und darf es mir erlauben, bewusst zu lügen, wenn es meinem Leben und dem Leben meiner Mitmenschen dient. Ich verschweige die Wahrheit, wenn sie Schaden anrichtet. Ich lüge, wenn ich merke, dass so eine Lüge dem Mitmenschen hilft, vielleicht sogar aufbaut, stützt und heilt. Folglich schwebe ich immer in einem schmerzhaften Zwiespalt: Soll ich jetzt in diesem Moment die Wahrheit aussprechen oder besser schweigen oder gar „schönreden“? Aber könnte gerade das Schweigen wieder missdeutet werden? Ganz forsch behaupte ich jetzt zu meiner Entlastung: Eine heilsame Lüge ist erlaubt, sie stärkt und schützt Leben!

Ergo: Darf man lügen?

Nein, denn der notorische Lügner/oder die notorische Lügnerin vergiftet auf Dauer mit seinen bzw. ihren Entstellungen und Verdrehungen unser Leben und unsere Seele.

Ja, wenn es der leiblichen oder seelischen Gesundheit meiner Mitmenschen dient, schlicht: dem Leben dient und niemand dadurch Schaden erleidet.

 

Br. Volker von Beesten

 

[i]Nach Epimenides – lebte im 5., 6. oder 7. Jahrhundert v.Chr. in Knossos auf Kreta

[ii]Johannes 14, 6