Interview mit dem ehem. Mitglied des Päpstlichen Rates, Mons. Michael Weninger, Botschafter a.D.

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Werner H. Heussinger, Landesgroßredner und Pressesprecher der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (Freimaurerorden),traf Monsignore Michael Weninger in Wien. Daraus entwickelte sich ein lebendiger Dialog und es entstand das nachfolgende Interview. Michael Weninger bringt durch sein akribisches Quellenstudium Licht in den vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) ermöglichten Dialogprozess zwischen römisch-katholischer Kirche und Freimaurerei. Insbesondere ist es Monsignore Weninger zu verdanken, dass ein Stück der historischen Lebensleistung von Franz Kardinal König (1905 – 2004) an zentraler Stelle hervorgehoben und gewürdigt wird.

Die römisch-katholische Kirche und die Freimaurerei sind zwei universale Kräfte, welche von ihrer Genese her stets welt- und gesellschaftsverändernd gewirkt haben und dies auch weiterhin tun. Sie wissen um ihre Verantwortung, die aus ihrem je spezifischen Selbstverständnis getragen wird, für das Wohl der Menschen im Jetzt und für die Zukunft. Ihr Verhältnis zueinander war durch Jahrhunderte hindurch von Zwiespalt, Unverständnis, Aversionen und ja, auch offener Feindschaft geprägt. Die Zeit der Aussöhnung ist schon längst gekommen. Auch und gerade des gemeinsamen Wirkens wegen, wenngleich auf verschiedene Weise, für den Kampf um eine menschenwürdige Welt, die jedem gleichermaßen Heimat und Ausblick auf eine gelingende Zukunft bieten kann.

Der katholische Priester, langjährige höchstrangige österreichische Diplomat und enger Mitarbeiter der Päpste an der römischen Kurie widmet sich seit langen Jahren der Aussöhnung und dem Dialog dieser zwei ungleichen aber doch so engen Geschwister: Kirche und Freimaurerei. Seine jüngste Veröffentlichung „Loge und Altar“ hat weltweites Echo gefunden.

DDDr. Dr.h.c.mult. Michael Heinrich Weninger war fast neun Jahre römisch-katholischer Geistlicher an der vatikanischen Kurie und vorher langjähriger österreichischer Botschafter. Vor Kurzem ist er in die Erzdiözese Wien zurückgekehrt. Noch während seiner sehr erfolgreichen Laufbahn als Diplomat ist Michael Weninger in den geistlichen Stand getreten und ist somit der erste Botschafter in der Geschichte Österreichs, der zum Priester geweiht wurde. Er war unter anderem erster österreichischer Botschafter sowohl in Kiew als auch in Belgrad, also in den damals neu entstandenen Staaten Ukraine und Serbien. Von 2001 bis 2007 diente er als erster Österreicher als Politischer Berater der Präsidenten der Europäischen Kommission Romano Prodi und Jose Manuel Barroso, zuständig für den Dialog mit den Religionen, Kirchen und Weltanschauungen. Papst Benedikt XVI. berief Michael Weninger zum 1. November 2012, wieder als ersten Österreicher, in den Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog. Michael Weninger ist Autor des Buches „Loge und Altar“, in dem er sich mit der Versöhnung der katholischen Kirche mit der Freimaurerei auseinandersetzt und auch dafür eintritt.

Werner H. Heussinger:

Wie kam es überhaupt dazu, dass Ihr Werk „Loge und Altar – über die Aussöhnung von katholischer Kirche und regulärer Freimaurerei“ letztlich als Dissertation (Bewertung: Summa cum laude) mit der Überschrift „Weisheit. Stärke. Schönheit“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom am Institut für Spiritualität eingereicht werden konnte? Machen diese Umstände Ihr Buch nicht allein schon zu einem Politikum in gewisser Hinsicht?

Mons. Michael Weninger:

Die Genese zu meinem Buch, das trotz COVID-Pandemie, bereits die Vorbereitung zur 3. Auflage erforderlich macht, ist im Grunde so einfach wie dramatisch. Schon während meiner Funktion als persönlicher politischer Berater der Präsidenten der Europäischen Kommission in den Jahren 2001 bis 2007, haben sehr viele freimaurerische Delegationen aus aller Welt und aller Obedienzen unter Leitung ihrer jeweiligen Großmeister der Europäischen Kommission einen Besuch abgestattet und mir gegenüber sehr oft eine ernste Klage zum Ausdruck gebracht. Sie lautete kurzgefasst so: Hundert Tausende von Mitgliedern des Bruderbundes gehören der römisch-katholischen Kirche an, sie sind sowohl glaubensfeste Katholiken als auch glühende Arbeiter am rauhen Stein, als den sie sich symbolisch verstehen.

Sind diese aufrechten Männer nun exkommuniziert, einfach deshalb, weil sie an sich freimaurerisch arbeiten, um noch bessere Menschen zu werden und gleichzeitig ihrem christlichen Glauben treu bleiben? Um ehrlich zu sein, ich habe damals keine Antwort gewusst. Aber dieser Konflikt hat mich in meinem Gewissen bewegt und nicht losgelassen. So bin ich diesem Problem mit allem gebotenen Ernst nachgegangen.

Dann, als römisch-katholischer Priester, hat sich das Problem radikal zugespitzt. Nämlich, als nicht wenige katholische Freimaurer zu mir mit ihren Bitten und Fragen gekommen waren, die Beichte ablegen zu dürfen, akzeptiert als Tauf- und Firmpate und zugelassen zum Altarsakrament zu werden sowie schließlich eine katholische Beerdigung zu erhalten.

Ich habe diese Situation und die Seelenqualen dieser Männer geradezu als skandalös empfunden. Wie kann es denn sein, dass es in der römisch-katholischen Kirche ein solches Unverständnis und eine solche Unbarmherzigkeit geben könne? Offensichtlich haben auch andere Priester und Theologen diese schreiende Ungerechtigkeit erkannt. Denn eines Tages wurde ich von der von den Jesuiten getragenen führenden Universität der Weltkirche, der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, eingeladen, zu dieser Frage zu forschen und eine für die Zukunft tragfähige Position zu erarbeiten.

So kam es zu diesem Buch, das das erste dieser Art ist. Es orientiert sich strikt an den Quellen und bietet eine grundsätzliche und umfassende Disputation des Fragenkomplexes. Als Mitglied der römischen Kurie hatte ich dabei das Privileg, auch die Bestände von Archiven, die sonst verschlossen wären und die des päpstlichen Geheimarchivs konsultiert haben zu dürfen. Auch deshalb ist dieses Buch solitär.

Meine Bemühungen muss die akademischen Gremien der Gregoriana beeindruckt haben, sonst hätten sie die Arbeit nicht mit „summa cum laude“ bewertet und als erst 16.(!) Publikation im Fachbereich der Spiritualität zur Veröffentlichung textvollinhaltlich frei gegeben haben. Aus diesem Text ist dann das etwas erweiterte Buch „Loge und Altar“ im Wiener Verlag Löcker erschienen.

Werner H. Heussinger:

Ist die Zeit gekommen, dass die von vielen Menschen gewünschte endgültige Versöhnung zwischen römisch-katholischer Kirche und regulärer Freimaurerei stattfinden kann – ganz im Sinne des ehemaligen Erzbischofs von Wien, Franz Kardinal König?

Mons. Michael Weninger:

Genau genommen ist die Aussöhnung zwischen der römisch-katholischen Kirche und der Freimaurerei mit dem gültigen Kirchenrecht, dem Codes Iuris Canonici (CIC), aus dem Jahr 1983 bereits Wirklichkeit geworden. Papst Johannes Paul II. hat mit seiner Apostolischen Konstitution Sacrae Disciplinae Leges vom 25. Januar 1983 das neue Kirchenrecht (CIC) promulgiert und mit derselben Konstitution verfügt, dass es am ersten Adventsonntag desselben Jahres, dem 27. November 1983, in Kraft trete. Das CIC/1983 enthält nicht mehr die seit Jahrhunderten gültig gewesene Verfügung der Exkommunikation für Katholiken, die gleichzeitig Mitglied im Bruderbund der Freimaurer waren, und noch mehr: die Freimaurerei selbst wird mit keinem einzigen Wort mehr erwähnt, daher auch nicht verurteilend! Also, die schon seit Langem erwünschte Aussöhnung ist, sozusagen kirchenamtlich, bereits mit dem neuen Kirchenrecht von 1983 Wirklichkeit geworden.

Es war dies vor allem die Frucht der Bemühungen von Kardinal König, der, gestützt auf die Expertise von ihn begleitenden Theologen, mit führenden Vertretern des Bruderbundes über Jahrzehnte einen vertrauensvollen Dialog geführt hatte. Dieser war übrigens nur möglich gewesen, weil er auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils und auf Wunsch der Päpste geführt worden war. Und er war ein gesamtkirchlicher, globaler Dialog, ganz im Gegensatz zum deutschen Partikulardialog der Jahre 1974 – 1980. Dieser endete bekanntlich im Desaster.

Dieses Geschehen in Deutschland war es auch, das bestimmenden Einfluss auf die Entscheidungen des Heiligen Stuhls dergestalt hatte, dass die römische Glaubenskongregation am 26. November 1983, also einen Tag (!) vor dem Inkrafttreten des neuen Kirchenrechts, eine Deklaration veröffentlichte, der zufolge das „Urteil der Kirche gegenüber der Freimaurerei unverändert“ sei und damit auch das Faktum der Exkommunikation für die katholischen Freimaurer weiterhin bestehe.

Diese Deklaration stellte einen dramatischen Rückschlag für die Bemühungen um Aussöhnung dar. Bei den Katholiken unter den Freimaurern rief sie verständlicherweise Verbitterung und abgrundtiefe Enttäuschung hervor und bei den Gegnern unverhohlene Schadenfreude. Bis heute zeigt sich eine gewisse Ratlosigkeit, wie man diese Deklaration bewerten solle. Unter den Fachleuten hat sich die gut begründete Auffassung durchgesetzt, dass mit dieser das geltende Kirchenrecht nicht derogiert worden wäre. Auch folgte kein rechtsverbindliches Umgießen in entsprechende Canones und deren Einfügung in den CIC/1983.

Juridisch ist die Aussöhnung also erfolgt. Wünschenswert, um den Gegnern endgültig ihre Angriffe zu verunmöglichen und auch um den katholischen Mitgliedern des Bruderbundes eine endgültige Sicherheit zu gewähren, wäre eine öffentliche kirchliche Geste, ein symbolischer Akt der endgültigen Versöhnung.

Werner H. Heussinger:

Sehen Sie für das Verständnis des Dialogprozesses einen Vorteil in der christlich ausgerichteten Freimaurerei mit ihren Hochgradsystemen gegenüber der vom Wesen her genuinen dreigradigen Johannismaurerei oder anders ausgedrückt: könnte hier nicht per se eine differenzierende Betrachtungsweise angebracht sein?

Mons. Michael Weninger:

Ganz grundsätzlich besteht eine überaus beklagenswerte Problematik in der Tatsache, dass nie versucht worden war, die doch ziemlich bunte Vielfalt der freimaurerischen Wirklichkeit als solche in den Blick zu nehmen. Immer noch wird unverantwortlich verallgemeinernd von „der“ Freimaurerei gesprochen. Nur „die“ Freimaurerei hat sui generis so nie existiert und tut dies heute umso weniger, als „Freimaurer“, „Freimaurerei“ usw. marken- und namensrechtlich nicht geschützt sind. Jeder kann sich so nennen. Der diesbezügliche Wildwuchs, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heutzutage, an mitunter krass obskuranten Erscheinungen, ist nicht zu übersehen. Dazu kommt noch, dass das Wissen um die Freimaurerei generell, und solcherart eben auch um die genuine, gerechte, vollkommene und reguläre Logenarbeit, wenn überhaupt, nur äußerst mangelhaft ist. Dies gilt umso mehr für die kirchlichen Entscheidungsträger, die bis heute in großer Zahl ihr negatives Verdikt gegen die genuine Freimaurerei und deren katholische Mitglieder vertreten. Eine Unterscheidung der Geister, um hier Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens zu zitieren, tut also Not.

Neben dieser Holschuld gibt es gleichzeitig eine Bringschuld seitens der Bruderschaft, nämlich das urteilbildende Wissen zu vermitteln und eine aufklärende Informationspolitik zu betreiben. Auch deshalb ist der Dialog zwischen der katholischen Kirche und der Freimaurerei so wichtig. Missverständnisse und Vorurteile müssen aus der Welt geschafft werden, was nur durch eine faktengemäße Vermittlung an Kenntnis durch die eine und dessen seriöse Aneignung durch die andere Seite gelingen wird können. Die christliche Freimaurerei hat diesbezüglich einen gewissen Vorteil für das dialogale Geschehen.

Werner H. Heussinger:

Inwiefern hat das Bild bzw. der Zustand der italienischen Freimaurerei den Dialogprozess zwischen römisch-katholischer Kirche und regulärer Freimaurerei negativ beeinflusst, insbesondere wenn man in Betracht zieht, dass einige Freimaurer das Amt des italienischen Ministerpräsidenten ausübten bzw. einflussreiche Minister waren, von der Loge Propaganda Due (P2) ganz zu schweigen?

Mons. Michael Weninger:

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die geschichtlichen Verhältnisse gerade in Italien, aber nicht nur dort, gewisse Parallelen können auch für die Entwicklungen in Frankreich und Belgien gezogen werden, besonders des 18. und 19. Jahrhunderts die Herausbildung des absolut negativen Bildes der Kirche über „die“ Freimaurerei maßgeblich geprägt haben. Auch diesbezüglich gilt, dass Papst und Kurie kaum zwischen den politischen Akteuren und ihren Organisationen differenziert hatten.

Tatsache ist, werfen wir den Blick beispielsweise auf das „Risorgimento“, den italienischen Einigungsprozess, dass viele und führende Freimaurer zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckten, weder von militärischer noch von legislativ-administrativer oder terroristischer Gewalt. Ziel war ja neben anderen die Eroberung des Kirchenstaates, die Entmachtung der kirchlichen Autoritäten in allen Regionen Italiens und die Zerschlagung sämtlicher kirchlicher Strukturen, sprich: die Zerstörung der Kirche. In der Folge kam es zu schrecklichen Exzessen der Gewalt, deren Täter selbst vor Mord und Totschlag nicht zurückschreckten.

Die Freimaurerei in Italien war in dieser Epoche, auf den Punkt gebracht, politisch extremistisch, radikal antiklerikal und antipäpstlich sowie immanent laizistisch gewesen. Was blieb denn unter diesen Umständen den im Grunde völlig wehrlosen Päpsten anderes übrig, als fortgesetzt, und bedauerlicherweise undifferenziert, die Exkommunikation gegen „die“ Freimaurer zu verhängen.

Die Freimaurerei in Italien war in jenem Zeitenlauf, um den italienischen Historiker T. Astori zu zitieren, weitgehend degeneriert, zu einer laizistisch-antikirchlichen Ideologie verkommen und zu einer extrem radikalen politischen Partei mutiert. Und so muss man anfügen, hat sie sich um Welten von der genuinen, regulären Freimaurerei der angelsächsischen Tradition entfernt, die sich stets als humanistische und kosmopolitische Institution zur moralischen Vervollkommnung des Einzelnen ohne konfessionelle und parteipolitische Vereinnahmung verstanden hatte, und dies bis heute tut. In meinem Buch „Loge und Altar“ habe ich zu dieser Problematik ausführlich Stellung bezogen.

Werner H. Heussinger:

Der Freimaurer sieht sich seinem Selbstverständnis nach als Suchender. Hat der Freimaurer hier nicht etwas gemeinsam mit dem Mönchtum, welches das Suchen als zentralen spirituellen Begriff kennt?

Mons. Michael Weninger:

Die Menschheit benötigt mystische, fromme, in Berufung zu Heiligkeit und aus dem Charisma des Dienstes an Gott und den Nächsten lebende Menschen. So versteht sich der Christ dann nach Jesu eigenen Worten auch als ein zwar nicht von dieser Welt, aber in ihr und für sie Lebender. In dieser seiner so qualifizierten Bestimmung realisiert er seine Existenz wesensgemäß stets als ein Suchender, Forschender und Fragender!

Im Bruderbund der Freimaurer versammeln sich traditionell „freie Männer von gutem Ruf“, um – nach Maß und Ziel jeder für sich und im Verein mit den anderen Brüdern – an sich zu arbeiten, ein „wahrer“ Mensch, ein homo homini homo, zu werden. So verpflichtet sich jeder Freimaurer in seiner je eigenen freien Entscheidung in profilierter Weise nach Wahrheit, Menschenliebe, Selbstkritik und Selbsterkenntnis sowie Toleranz zu streben.

Ein Freimaurer versteht sich solcherart also, ganz seinem Wesen gemäß, als Suchender und Fragender. Er kann gar nicht anders! Allerdings tappt er nicht, sozusagen voraussetzungslos und ohne Orientierung, und schon gar nicht, wenn er ein christlicher Bruder ist, plan- und ziellos umher. Er wird sich in seinem von Gott gegebenen Auftrag, Mitschöpfer an der Schöpfung und Befreier seiner selbst von den weltlichen Verstrickungen zu sein, um vertieften Erwerb von Kenntnissen über den Schöpferwillen, um Wissen um die großen Zusammenhänge von Welt und Mensch bemühen und um gestalterisches Eingreifen entsprechend dem großen Bauplan des Universums. Das Fragen und das Suchen des Freimaurers sind radikal, weil sie an den Urgrund und Ursprung allen Seins reichen und worauf alles hinausläuft und warum eben nicht Nichts ist.

So kann festgehalten werden, dass sich die genuinen Freimaurer stets auch geistesverwandt mit den mönchischen, priesterlichen, asketischen Menschen empfunden haben. Die von ihm willentliche Arbeit zur eigenen Veredelung, damit er sich in den großen Bau der Menschenliebe harmonisch einfügen kann, weist ihn als Werktätigen von Gnaden aus. Das Ziel, symbolisch gesprochen, aus dem „rauen“ einen „ebenmäßigen“ Stein zu formen, das weiß jeder Freimaurer selbst, zu erreichen, heißt einen oft genug mühsamen Weg gehen zu müssen und einen, der auch eine zeitweilige Absonderung vom Lärm der Welt nötig macht. So zieht sich der Bruder Freimaurer von Zeit zu Zeit folgerichtig zu einer spirituellen, rituellen Arbeit aus der Profanität zurück, in einen Raum geistig/geistlicher Abgesondertheit. Klingt hier nicht wie von ferne das ora et laborader benediktinischen Spiritualität nach?

Selbst wenn der Freimaurer die höchsten Sprossen der meisterlichen Kunst erreicht haben mag, so bleibt sie doch der Vorläufigkeit und Endlichkeit verhaftet. Jeder Mönch weiß um die letztliche Unzulänglichkeit und Erlösungsbedürftigkeit seines irdischen Tuns. Gerade dieses Wissen bestärkt ihn jedoch, das Seine in freier Entscheidung zu leisten, um das „Werde, was du bist“, soweit es ihm mit seinen Charismen eben geschenkt ist, zu verwirklichen. Hat er sich, nach bestem Wissen und Gewissen redlich bemüht, an der Schwelle seines irdischen Lebens schließlich angelangt, stets ein meisterlich Suchender, ein Fragender und Zweifelnder geblieben zu sein, wird er mit dem Apostelfürsten Paulus bekennen dürfen: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten“ (2 Tim 7)! Seine Hoffnung auf gerechte Entlohnung wird dann nicht enttäuscht werden!

In dieser Meisterschaft der Lebensbewältigung und -gestaltung sind sich Mönch und Freimaurer sehr nahe.

SALON des Ordens+Meisters
mit
Prof. Dr. Karl Pilny
„China – Aufklärung und ihr Gegenteil mittels Digitalisierung“

Im Salon des Ordens+Meisters stellen aktive Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur aktuelle und zukunftsgerichtete Themen vor und treten anschließend in eine Diskussion. Dr. Jonas Moßler, KI-Start-up-Unternehmer und Gast beim Salon im Ordenshaus in Berlin-Dahlem am 20. Oktober 2021 bringt es auf den Punkt: „Beim Salon des Ordens+Meisters wird der Beweis erbracht, dass Freimaurerei auch eine Plattform sein kann, damit unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt und in Kommunikation treten können.“ Mimoza Ahmetaj, Botschafterin der Republik Kosovo in Straßburg und ebenfalls Gast beim Salon, ergänzt: „…dies ist wichtig, um Brücken zu bauen und um scheinbar unüberwindbare Differenzen doch zu bewältigen. Daher erfüllt dieser Salon eine wichtige Aufgabe.“ In jedem Fall schwingt beim Salon des Ordens+Meisters aus- oder unausgesprochen die Frage mit: „Brauchen wir eine zweite Aufklärung – und wenn ja, brauchen wir dazu die Freimaurerei?“.


-von links: Prof. Dr. Karl Pilny, Werner H. Heussinger, Ralph-Dieter Wilk, Horst Reimann und Dr. Uwe Matthes-

Der Referent und Diskussionsgast am 20. Oktober 2021 war Prof. Dr. Karl Pilny. Er gehört zu den gefragtesten deutschen Asienkennern und ist ein gern gesehener Gast in Botschaften und auf nationalen und internationalen Kongressen. Einem breiteren Publikum ist er durch seine zahlreichen Bücher und seine regelmäßige Medienpräsenz bekannt (u.a. als kompetenter Interviewgast und Kommentator bei den Fernsehsendern n-tv, n24 / Welt und 3sat). Karl Pilny ist Mitglied des Präsidiums des Bundesverbands Deutsche Seidenstraße Initiative, dem zentralen Ansprechpartner zum Thema Seidenstraße für Politik, Kultur und die Interessen der deutschen Volkswirtschaft auf allen Ebenen. Er arbeitete am Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Steuer- und Wettbewerbsrecht als Referent für Japan und lehrte als Gastprofessor deutsches Recht an den Universitäten Kyōto und Osaka. Als international erfolgreicher Anwalt leitete Karl Pilny die Büros bedeutender Anwaltskanzleien in Hongkong, Tokio, Brüssel, Paris und London u.a. als Partner der renommierten und ältesten Anwaltskanzlei der City of London, Travers Smith.


-Das Impulsreferat und die Diskussion wurden in Ton und Bild festgehalten-

Nach der Begrüßung durch den Landesgroßmeister Horst Reimann und einer inhaltlichen Einführung in den Abend durch den Landesgroßredner Werner H. Heussinger startete der Salon mit einer musikalischen Untermalung durch die chinesische Pianistin Shuizi Tong. Die junge Pianistin, geboren in Jingzhou, Provinz Hubei, China, begann in frühester Kindheit Klavier zu spielen und gewann schon früh Wettbewerbe. Seit 2019 studiert sie an der Akademie für Musik Berlin bei Prof. Ya-ou Xie. „Die Akademie für Musik Berlin hat ihr im Januar 2020 das Schimmel-Stipendium und den Sonderpreis für Kammermusik verliehen“, kommentierte der Laudator Ralph-Dieter Wilk ihre außergewöhnliche und künstlerisch anspruchsvolle musikalische Begleitung an diesem Abend.

Prof Dr. Karl Pilny machte den Gästen des Salons klar, dass wir in einer historischen Zeitenwende leben. Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg Chinas zur globalen Supermacht ist für Pilny in jedem Fall in aller Munde. Manche Beobachter sprechen ihm zu Folge bereits von einer tektonischen Plattenverschiebung. Prof. Pilny wörtlich: „Die Ablösung der gegenwärtigen Supermacht USA durch China und die Frage, ob dies friedlich geschehen wird, ist sicherlich von zentraler Bedeutung.“ Und der Ordens+Meister, Dr. Uwe Matthes, spitzte zu: „China setzt grundsätzlich die Möglichkeiten der Digitalisierung wie kein anderes Land viel rigoroser um. Das Reich der Mitte propagiert einen neuen Sozialismus chinesischer Prägung, ja einen neuen Menschen- und Gesellschaftsentwurf. Welchen Platz wird in der sich neu ordnenden Welt die Freimaurerei einnehmen?“ Nach einer lebendigen und inhaltsstarken Diskussion zwischen Prof. Dr. Karl Pilny und dem OrdensMeister Dr. Uwe Matthes wurden die Gespräche im Clubraum und im Preußenzimmer des Ordenshauses bei Wein und kleinen Speisen in gemütlicher und vertraulicher Atmosphäre fortgesetzt.

-Botschafterin Mimoza Ahmetaj und Landesgroßmeister Horst Reimann-

Text und Bilder: Werner H. Heussinger

Vorankündigung für den SALON des Ordens+Meisters
am Freitag, 28. Januar 2022
Kirche, Humanismus und zweite Aufklärung
Warum die Aufrechterhaltung westlicher Werte von Demokratie und geistiger Freiheit überlebenswichtig sind.

Der katholische Geistliche an der römischen Kurie DDDr. Dr.h.c.mult. Michael Heinrich Weninger war österreichischer Botschafter und Mitglied im Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog im Vatikan. Als Autor des Buches „Loge und Altar“ setzt er sich für die Versöhnung der katholischen Kirche mit der Freimaurerei ein.

Hintergrundinformation zum Salon des Ordens+Meisters:

Die Protektoren und Orden+Meister des christlichen Freimaurerordens (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland) hatten und haben seit über 250 Jahren die geistigen Schätze des Ordens zu beschützen und zu entwickeln. Das auch, indem sie diese mit und in den geistigen Auseinandersetzungen ihrer Zeit konfrontieren. Sie sind somit „Spiritus rector“ für die Bruderschaft. Außerhalb der Freimaurerei waren sie Generäle, Wissenschaftler, Kaufleute ja sogar Herrscher, wenn man an den ersten Protektor Friedrich den Großen oder den Ordensmeister und Kronprinzen, den späteren Kaiser Friedrich III. denkt.

Auf der Hauptversammlung (HV) der GLLFvD am 11. September 2021 wurde unser Br. Horst Reimann zum neuen Landesgroßmeister gewählt. Mit großer Mehrheit setzte sich der neue Landesgroßmeister bereits im ersten Wahlgang durch.

Damit löst er Br. Uwe Matthes ab, der dankenswerterweise fast zwei Jahre in der Doppelfunktion von Ordens✠Meister und Landesgroßmeister fungierte und die GLLFvD gut durch die schwierigen Phasen der Coronapandemie und den Umbau des Ordenshauses geführt hatte. Dafür wurde Br. Uwe Matthes auf der HV ausdrücklich großer Dank ausgesprochen.

Das Besondere an diesem HV-Wochenende war die enge Vernetzung zwischen Wahl und Einsetzung. Denn bereits am darauffolgenden Sonntag erfolgte die Einsetzung des neuen Landesgroßmeisters und seiner Beamten im neuen Tempel des Ordenshauses. Unter Anwesenheit verschiedener Großmeister anderer Lehrarten fand eine harmonische Tempelarbeit statt.

Generell war die Stimmung an diesem Wochenende von Aufbruch geprägt. Man merkte den Brüdern aus der ganzen Republik an, dass ein Wiedersehen nach der langen Coronapause für viel Freude und Tatendrang sorgte. Bereits am Freitag hatten zahlreiche Brüder mit ihren Frauen den Begrüßungsabend und die Hausbesichtigung des „neuen“ Ordenshauses zum Ankommen in Berlin genutzt. Begleitet wurde das HV Wochenende durch zwei kulturelle Höhepunkte. Zum einen mit der Ausstellungseröffnung von Bruder Kay Voigtmann. Dieser hatte bereits zur Tempelweihe im Juni, im Vorfeld des Ordensfestes, eine ganze Reihe seiner eindrucksstarken Bilder präsentiert. Und zum anderen mit einem festlichen Konzert auf der neuen Orgel von und mit Bruder Bertrand Fromageot und Ensemble. So konnten die Brüder beschwingt in dieses intensive Wochenende mit seinen vielen Weichenstellungen für die Zukunft der GLLFvD gehen.

Br. Torsten Küster

 

Noch immer hat uns die Corona-Pandemie ein Stück im Griff. Unsere Logen haben deshalb ihre Aktivitäten noch stark auf das nichtrituelle Geschehen verlagert.

Sie, wie auch die Großloge, sind sie aber auch schon eifrig dabei, rituelle Zusammenkünfte wieder vorzubereiten. Hierfür sind uns die Festlegung aus dem März 2020 eine große Hilfe. Sichern sie doch, dass wir uns an die geltenden Bestimmungen sowohl der Behörden wie die unseren halten.

Konkret werden wir die Einweihung des neuen Tempels in Berlin Mitte dieses Monats vornehmen und einen Tag später das Große Ordensfest feiern. Schon jetzt bereiten sich viele Brüder auf das Johannismeisterseminar Ende August vor und wir planen die Hauptversammlung der Großloge für den September.

Insofern sind die klassischen Logenferien dieses Jahr kürzer. Das auch deshalb, weil es außer diesen zentralen Terminen viele in unseren Logen gibt. Ganz wichtig sind dabei die Sommerfeste, welche wir mit interessierten Gästen und unseren Familien feiern wollen.

Für alle diese Vorhaben wünsche ich uns Gesundheit und Erfolg!

Ihr Bruder Uwe Matthes

Ordens+Meister und Landesgroßmeister

Meine lieben Brüder,

in der ZK Januar 2019 befasste sich der  Landesgroßredner und ZK-Schriftleiter Br. Torsten Küster mit dem Begriff Toleranz und Freimaurerei. Er formulierte u.a. „Der Anfang des Jahres war für mich durch zahlreiche Neujahrsempfänge in verschiedenen Institutionen geprägt. Das ist jedes Jahr die gleiche Routine. Doch in diesem Jahr fiel mir auf, dass der Toleranzgedanke stark in den Ansprachen/Reden in den Fokus gerückt wurde. Ob Politiker, Buchautor oder Wirtschaftsjournalist – alle hatten den Wunsch und das Begehren diesen stetig aktuellen und auch brisanten Begriff zu beleuchten. Besonders, weil der Alltag einen schnell vergessen lässt. Daher ist es wichtig, manchmal auch laut nachzudenken.

Sicherlich ist dazu die tolerante Haltung eines jeden von uns notwendig und auch eine Art Grundbedingung – doch alleine reicht diese Tatsache nicht aus.

Es gibt viele Situationen in unserer Gesellschaft, die keine Toleranz verdient haben! Denken wir nur an die Feinde einer offenen Gesellschaft, die sich durch Radikalität in politischen, religiösen oder auch gesellschaftlichen Verhaltensweisen „hervortun“.

Vom Grundsatz her ist das erlaubt, solange dies im Rahmen des Rechtsstaates passiert. Tolerieren aber müssen wir dieses Verhalten nicht!                                                                    

Verhaltensforschungen stellen sehr deutlich fest: „Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge! Die Verletzung der grundlegenden Standards rationalen Denkens und die Aushöhlung des Wahrheitsbegriffes gefährden unsere Gesellschaft.

Und auch darum: Nach- und Mitdenken über das, was um einen herum passiert, ist nicht nur erlaubt, nein- das ist eine bürgerliche Pflicht!

Für uns Freimaurer bedeutet das: wachsam, aufmerksam und auch aktiv zu sein. Gerade wir profitieren von Freiheit und schreiben uns viele Werte einer offenen Gesellschaft auf die Fahnen. Ganz zu schweigen von unseren Urvätern, die dafür gekämpft haben.

Wir sind also gefordert, in unserem Wirkungskreis das deutlich zu machen.Klassisches Schwarz-weiß denken sollte uns fremd sein. Und was wir nicht tolerieren können – denn auch das ist jedermanns  gutes Recht – dem kann immer noch durch zivilgesellschaftliches Engagement / Ehrenamt von jedem von uns entgegengewirkt werden. Das ist für mich eine Verpflichtung, um meinen Anteil zur offenen Gesellschaft zu leisten.“

Soweit Br. Torsten Küster.

Kaum aber ist ein Begriff  in der heutigen Zeit so umstritten, wie der der Toleranz  In dieser unruhigen und wohl auch immer unberechenbareren Welt wird Toleranz oft sehr beliebig definiert und nur zu oft auch krass missbraucht. Und solcher Missbrauch geschieht nicht nur in der großen Welt, sondern leider zuweilen auch in unseren Reihen – auch zwischen Brüdern.

Manchmal verfestigt sich der Eindruck, als gäbe es kein gesundes Mittelmaß, sich dieser Tugend zu nähern. Von der Null-Toleranz-Haltungbis zu deren gleichsam unter Selbstaufgabe erfolgenden bedingungslosen Anerkennungscheint es vielfach, zumindest in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen, nur noch die Extreme zu geben. Dabei steckt hinter dieser Tugend viel mehr, gibt es viel mehr als nur die beiden Pole des entweder – oder.

Aber, bekanntermaßen erweist sich der Mensch im Umgang mit seinen Artgenossen häufig als Problemfall. Nun, das ist nicht etwa darin begründet, dass die Welt mit einem Übermaß an Toleranz gesegnet sei. Ganz im Gegenteil, weil diese vielfach nahezu völlig fehlt oder aber gegenüber der Intoleranz zunehmend ins Hintertreffen gerät.

Toleranz aber ist die Grundlage für ein funktionierendes, sich gegenseitig achtendes und rücksichtsvolles menschliches Zusammenleben – wenn dieses denn funktionieren soll! „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen, unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt– gefördert durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens.

Sie ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht.“ So die Formulierung der UNESCO in ihren Erklärungen von Prinzipien der Toleranz.

Toleranz – eine Kultur des Friedens gegen den Kult des Krieges! Schon so oft – zum Bedauern wohl auch großer Teile der Menschheit auch gegenwärtig wiederum notwendiger denn je!

Das weltweite Ausmaß von Flucht und Vertreibung – verursacht durch Krieg, Gewalt und Verfolgung hat weltweit wohl den höchsten jemals registrierten Stand erreicht. Diesbezüglich spielen wohl insbesondere religiöse und ethnische Vorurteile die maßgebliche Rolle. Aber, leider auch vielfach menschenverachtender Hass.Und Vorurteile und gerade auch fehlende Bildung sind es, die das Wesen der Intoleranz prägen.

Schon Br. Voltaire schrieb vor mehr als 250 Jahren in seinem Plädoyer „Über die Toleranz“, einer Kampfansage an die Dummheit, den Fanatismus, der törichten Tyrannei und der Borniertheit der Menschen:„Die Menschheit ist bereit, selbst den größten Unsinn zu glauben, wenn das denn den eigenen Vorurteilen und Interessen dient.“

Auch heute noch sieht es in den Köpfen vieler Erwachsener noch spätmittelalterlichunaufgeklärt aus, gerade so, als hätte es die klugen Köpfe der Aufklärung und die schlechten Beispiele der Geschichte nie gegeben.

Hader, Streit, Missgunst, Hass, Gegnerschaft bis hin zu Bestialität prägen nur zu oft das Geschehen, im Großen wie auch im Kleinen.

Sich weltweit ausweiternder Nationalismus – auch in unserem Vaterland – Fremden-feindlichkeit, Rassismus – ich rufe hier die uns allen bekannten fremdenfeindlichen, rassistischen Attentate  in Erinnerung. Gerade auch die der jüngeren Zeit.

Und dann auch wieder deutlich aufkeimender Antisemitismus– 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, des in hohem Maße menschenverachtenden Deutschen Nationalsozialismus, der Befreiung der Konzentrationslager – sprechen da Bände.

Große Teile der Menschheit weigern sich auch weiterhin konstant, schlau zu werden, Vernunft anzunehmen, zumindest aber wenigstens tolerant zu sein.

Antisemitismus war schließlich immer, wird nur zu gern als gleichsam entschuldigende Begründung herangezogen.

Nun, meine lieben BBr., ich kann da nur für mich selbst sprechen, hoffe jedoch, dass möglichst viele aus unseren Reihen ähnlich denken.

Ich kann mich ob dieses Antisemitismus, dieser Fremdenfeindlichkeit, dieses Rassismus und auch einer solchen, doch recht oberflächlichen Begründung nur schämen!

Warum eigentlich fällt es so vielen Menschen häufig so schwer, tolerant zu sein – auch uns ganz persönlich? Die gelebte Gleichberechtigung unter uns Menschen, auch der verschiedenen Rassen, unterschiedlichen Glaubens und auch differenter Ansichten muss Basis sein. Aber leider verwechseln nicht wenige Menschen die Toleranz gegenüber Andersartigen oder auch nur Andersdenkenden mit einem teilweisen Verlust oder gar Angriff auf die eigene Identität oder Kultur.

Wie aktuell, wo doch gerade wieder einmal der weltweite Freihandel bedroht ist und durch die Intoleranz einiger weniger Mächtiger zur Disposition steht, übrigens nicht nur, aber auch seitens des sogen. „Trumpialismus“. Bloß nicht nachgeben, nicht einmal Kompromissbereitschaft – denn das könnte ja als Schwäche ausgelegt werden.

Die rationale Auseinandersetzung zwingt dazu, den eigenen Standpunkt, das eigene Sein zu überdenken. Zumindest das ist unbequem und erfordert Mut.

Tolerant zu sein ist nie bequem und erfordert Arbeit an sich selbst.

Öffnet man sich aber anderen Meinungen, anderen Kulturen und Moralvorstellungen, bedeutet das nicht zwangsläufig, die eigenen Wertvorstellungen ablegen zu müssen, aber vielleicht ja doch, diese klarer und realistischer zu gestalten.

Meine BBr., der Gedanke der Toleranz ist das geistige Fundament unseres Bundes, er ist freimaurerische Grundhaltung. Wir können und dürfen ihn niemals aufgeben, ohne uns selbst in Frage zu stellen!

Bleibt für uns Frm. noch die Frage nach den Grenzen der Toleranz, denn diese muss eine Grenze haben und hat sie auch, ansonsten wäre Toleranz einfach nur Beliebigkeit.

In religiöser Hinsicht müssen die Grenzen dort gezogen werden, wo die Glaubensfreiheit in einen pseudoreligiösen Kult abgleitet, der den Menschen nicht aufrichtet, sondern aus allen sozialen Bindungen löst, innerlich zerstört und zum willenlosen Werkzeug macht.

In politischer Hinsicht sind die Grenzen dort zu ziehen, wenn Ideen und Handlungen auf eine gewaltsame Veränderung unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung abzielen.

Und in ethisch-moralischer Hinsicht sind es die unveränderlichen Menschenrechte, bei deren Einschränkung oder Verletzung keine Kompromisse möglich sind und auch zukünftig niemals sein dürfen.

„Wir müssen auch wissen, dass uneingeschränkte Toleranz geradezu zwangsläufig zum Verschwinden der Toleranz führt. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf den Intoleranten ausdehnen – wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen – dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“

Br. Manfred Rischbieter

 

 

 

 

 

 

 

Seit 14. KW hat das Untergeschoss unseres Neubaues in Berlin eine Decke. Herzlichen Dank an die Handwerker!

 

Liebe Brüder,

als 2015 die Ebola Epidemie in Westafrika ca. 10.000 Todesopfer forderte, waren sich, bei allem Schmerz, die Vorauschauenden einig, die Welt hatte noch einmal Glück. Wurde doch der auslösende Virus nicht durch die Luft übertragen, konnte nur die bettlägerigen Patienten anstecken und verbreitete sich, ausschließlich regional.

Ökonomisch Denkende, egal, ob praktisch als Unternehmer oder theoretisch als Volks- und Betriebswirte, beschäftigen sich seit Jahrhunderten, neben Mathematikern, Theologen, Philosophen und Medizinern stets mit Fragen des, wie wir es heute nennen, Risikomanagements. Darum ist es nicht erstaunlich, dass 2015 ein Unternehmer schrieb: “Ein anderes Virus kann schon übertragbar sein, wenn sich die Kranken noch gesund fühlen.“ Und: „Wenn etwas in den nächsten Jahrzehnten über zehn Millionen Menschen tötet, dann wird es höchstwahrscheinlich ein hochansteckendes Virus sein und kein Krieg.“ Dieser Unternehmer wollte, insbesondere die Politiker, warnen. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht nur ein Mahner, Vorsorge zu treffen, sondern auch einer der größten Sponsoren der Weltgesundheitsorganisation. Seine Stiftung finanzierte den Kampf gegen die Kinderlähmung genauso, wie heute die Pandemie Simulationen der John-Hopkins-Universität.

Obwohl der Unternehmer Bill Gates (geb. 1955) bereits 2015 hinreichend bekannt war und seine Mahnung im Internet über 23 Millionen mal angesehen wurde, zeigte sie kaum politische Reaktionen. Auch anderen Mahnern ging es so. Der Finanzökonom und Philosoph Nicholas Taleb (geb. 1960), welcher Pandemien seit Jahren als Ergebnis fragiler globaler Gesellschaftsentwicklung diskutiert und deshalb China als besonderen potentiellen Ausgangspunkt für diese sieht, wurde nicht gehört. Sind Bill Gates, Nicholas Taleb und viele andere Risikoforscher Hellseher? Nein. Sind sie weitsichtig? Ja. Wussten die Weitsichtigen, wie heute von Verschwörungstheoretikern behauptet, dass dieses Jahr ein Virus namens „Corona“ Deutschland lahmlegt, Unsicherheit und Leid verbreitet? Nein. Wissen die Risikoexperten, wann wir unser gewohntes soziales Leben und damit auch unsere rituellen freimaurerischen Arbeiten wieder aufnehmen können? Nein.

Was ein Risikoforscher oder -manager aber kennt, sind die verschieden Strategien wie man mit einem Risiko, hier eine Pandemie, umgehen kann. Da gibt es die, auf den Apotheker, Chemiker, Dichter und ersten deutschen Hygieniker, Max von Pettenkofer (1818-1901) zurückgehende These, die Bekämpfung einer Seuche darf nicht das gesamte gesellschaftliche Leben lahmlegen. Deshalb darf die Pandemie nicht verhindert werden, sondern muss kontrolliert ablaufen. Ist die Masse (Herde) einmal infiziert, hat der Erreger kaum noch Ansteckungsmöglichkeiten. Das funktioniert oft nur bei frühzeitigen Einsatz und Schutz bestimmter Gruppen.

Die Gegenstrategie setzt man seit dem 14. Jahrhundert ein. Es ist die der Suppression (Unterdrückung) der Ausdehnung durch Quarantäne und Mitigation (Milderung durch aktive Maßnahmen). So soll insbesondere die unkontrollierte Ausbreitung der Pandemie und die Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden.

Diese Strategien sind in einem bestimmten Stadium mixbar und können auch gewechselt werden. Sie haben ein Einstiegs- und ein Ausstiegsszenario. Dies vor Augen, habe ich im Rundschreiben an unsere Logenmeister von Anfang März 2020 den regionale und lokale Einstieg in die Phase der geänderten sozialen Kontakte empfohlen und andererseits für die GLL eine Absage der zentralen Termine bis 31.5.2020 bekanntgegeben. Die Logenmeister wurden so angehalten, sich an die Weisungen und Empfehlungen ihrer örtlich zuständigen Stellen zu halten. Sie haben dies getan und dafür bin ich sehr dankbar.

Auch der Ausstieg aus der jetzigen gesellschaftlichen Situation wird nach meiner Meinung nicht einheitlich vollzogen werden können. Aus Planspielen des Risikomanagements wissen wir, dass man Beschränkungen für Gebiete, Branchen, Altersgruppen aufheben und mindern aber temporär auch wieder einführen und verschärfen kann. Deshalb werden wir als Logen auch wieder dezentral reagieren und nur für die GLL zu gegebener Zeit eine Ansage machen.

Ich bitte um Entschuldigung für die theoretischen Ausführungen, vielleicht liegt es daran, dass meine Vorlesung zum Risikomanagement Ende April wegen Corona ausfällt?

Liebe Brüder, bleibt gesund oder werdet es schnell wieder!

Herzlichst Euer Bruder Uwe Matthes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Brüder,

die Corona-Epidemie beschleunigt das Leben unserer Brüder, welche als Ärzte, Pfleger, Bürgermeister, Polizisten, Banker, Unternehmer u.a. im Abwehrkampf  stehen. Sie entschleunigt aber auch, bei denen, welche zu Hause sein müssen. Spaziergänge führen so zu Gedankengängen und für das Lesen ist auch mehr Zeit. Insofern darf ich auf ein Geschenk hinweisen:

Zum 250. Geburtstag haben drei Brüder unserer Großen Landesloge und eine Schwester den Brüdern und allen anderen Leserinnen und Lesern ein Geschenk gemacht. Es ist das in der Münchner Verlagsgruppe erschienen Buch: „Freimaurer“ der Autor(in)nen Heussinger, Snoek, Görner und Wilk (ISBN 978-3-95972-303-9). Ein tolles Geschenk, ein Spitzenbuch, weil eine neue Sichtweise auf Freimaurerei öffentlich bekannt wird.

„Die Freimaurerei wirkt weniger als Organisation denn als eine Bewegung, ein Netzwerk Gleichgesinnter“ (S. 26 f.) „Der Einfluss und die Durchschlagskraft … manifestieren sich  … nicht durch die Großlogen … sondern durch das Handeln einzelner Mitglieder …“, denn wie im Ritual „… so in der Wirkung … das Individuum … ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens.“ (S. 27).

Wie dies passiert und warum sowie auf welchen Grundlagen, dies alles kann man nachlesen. Danke für das Geschenk!

Zeigen wir in diesem Sinne, dass unser Netzwerk sich in der Krise bewährt. Bleiben Sie gesund oder werden Sie es schnell wieder!

Uwe Matthes