Legenden

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Ehrwürdiger Meister, meine lieben Brüder!

Vor kurzem hat man auf einem Dachboden in Schweden eine Kiste gefunden, in der sich viele alte Schriften befanden. So z.B. eine Zeichnung, die zum 2. Stiftungsfest der JL „Zu den drei Rosen“ im Jahr 1772, also vor fast 250 Jahren, aufgelegt wurde. Sie entspricht in ihrem blumigen Gewand und ihrer Ausführlichkeit dem Gedankengut der damaligen Zeit und doch müssen wir feststellen, dass sich heute kaum etwas geändert hat. Sie sollte uns zum Nachdenken anregen. (Br. Gernot Riebenstein)

Die Zeichnung (der Vortrag) trägt den Titel: „Über den Werth der Menschen“

Wenn der Mensch über etwas nachzudenken Ursache hat, so ist es über sich selbst. Zwar geschieht dieses von den meisten, denn sinnt nicht der Ehrgeitzige nur immer darauf, wie er einen höhern Rang und mehr Ehre erlange, der Wollüstige, wie er seine sinnlichen Begierden befriedige, und der Geitzige, wie er Schätze sammle? Das nennen sie, über sich selbst nachdenken. Aber von einem solchen Nachdenken kann in einer Versammlung von Freymaurern die Rede nicht seyn. (Versammlung bedeutet Tempelarbeit). Hier kömt es nicht auf den Reichthum oder auf die Schätze oder auf andre äußerliche Vorzüge an, die nur dem Scheine nach Vorzüge sind, und so wenig einen Einfluß auf die Glückseeligkeit der Menschen haben, daß sie selbige vielmehr hindern und öfters ganz zerstöhren.

Ganz anders ist das Nachdenken eines vernünftigen Mannes, eines Freymaurers, über sich selbst beschaffen. Er denkt blos an den Zustand, in welchem sich seine Seele befindet, wie weit er sich von den Lastern entfernt und an Tugenden zugenommen hat. Dieß beschäftigt ihn täglich, und giebt ihm Anlaß, sich immer mehr von den Unvollkommenheiten loszureißen und sich der Göttlichkeit seines Ursprungs wieder zu nähern.

Ich zweifle nicht daran, meine Brüder, daß Sie sämtlich diese Prüfung ihrer selbst, welche uns auch schon die Gesetze unsers Ordens so sehr anempfehlen, zum öftern anstellen. Freylich finden wir nicht selten, indem wir dieses thun, vieles, das uns außerordentlich demüthigt, und es werden wenig Menschen seyn, welche nicht diese oder jene Stelle aus ihrem Leben hinweg wünschen sollten. Bisweilen aber finden wir doch auch Ursachen, mit uns nicht unzufrieden zu seyn, wenigstens mit einzeln Handlungen. Doch auch der Beste wird dabey gewahr, daß er nicht zu allen Stunden gleich edel denkt und handelt, und daß er sehr auf seiner Hut seyn muß, damit das moralische Gebäude, an welchem er Jahre lang gearbeitet hat, nicht in einer unglüklichen Minute wieder einstürze.

Diese Gedanken, meine Brüder, führen mich auf einen sehr natürlichen Gange zu einigen Betrachtungen über den Werth der Menschen, welche ich ihnen jetzo mitzutheilen die Ehre haben werde, wenn Sie mir indes ein geneigtes Gehör gönnen wollen, das ich mir um desto sichrer verspreche, je wichtiger der Gegenstand meiner Rede ist, wenn auch gleich die Ausführung desselben nur unvollkommen ist.

Wenn ich von dem Werthe der Menschen spreche, so versteht es sich von sich selbst, daß darunter kein solcher Werth gemeint sey, nach welchem barbarische Nationen ihm Sclaven zu schätzen pflegen, da freylich ein junger starker Kerl theurer ist als hundert Gellerts. (verstorbener schwächlicher Gelehrter). Eben so wenig kommen hier Talente und Gemüthsgaben in Betrachtung. Helden, Staatsmänner, Philosophen, Gelehrte, Künstler, so groß sie immer seyn mögen, wenn ihr Herz diesen Eigenschaften nicht entspricht, so sind sie unsres Beyfalls ganz unwürdig.

Unter dem Werthe der Menschen verstehe ich hier blos ihren moralischen Werth; die übrigen Eigenschaften derselben mögen beschaffen sein, wie sie wollen. Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht   und klein, ein König könte Sclav, ein Sclave König seyn. Hier kömt alles aufs Herz an; das Herz, das heischen Gesinnungen und Thaten, das Herz allein macht den wahren Werth der Menschen aus, und nach selbigem beurtheilen und schätzen wir alle und jeden. Der bekannte grose Philosoph, der in seinen seltsamen Meinungen nur zu oft recht hat, giebt den Menschen schuld, daß sie nichts in seiner natürlichen Beschaffenheit lassen, sondern alles verderbten. Was aber haben sie wohl mehr verderbt als sich selbst; dafür haben sie eine Menge falscher Begriffe und Vorurtheile eingeführt, daß eine Erfahrung von vielen Jahren auch den aufmerksamsten und scharfsinnisgsten Beobachter kaum die Helfte davon entdeken und vermeiden lehrt.

Wohin ich mein Auge werfe, herrscht Thorheit oder Betrug, und um kein Sonderling zu scheinen, muß man sich der Welt wenigstens gleich stellen. Nur zu oft wird der wahre Werth eines Menschen, dem es an diesem oder jenem Äusserlichen Scheine fehlt, verkannt, und Verdienste bey dem einen übersehen, von welchen ein andrer kaum die Helfte besitzt, und sich damit die Verehrung eines ganzen Königreichs zuzuziehen weiß. Dieser wird um einer Handlung willen in den Kerker geworfen, durch welche ein andrer auf den Gipfel der Hoheit steigt.

Unsinnige Sterbliche, wann werdet ihr Wahrheit vom Betruge, Schein vom Wesen und Größe vom Dunste unterscheiden lernen! Doch es ist schwer, durch alle die labyrinthischen Krümmen hindurch zu schauen, zwischen welche sich der betrügerische Mensch verbirgt. Hinter der Larve der Demuth wohnt Hochmuth, Dienstfertigkeit ist Eigennutz, Freundschaft Haß, Höflichkeit Verachtung, und es giebt kein Laster, das nicht eine Tugend oder gute Eigenschaft hätte, deren Namen und Gewand es zu erborgen pflegt. Es gehört ein sehr aufmercksamer Beobachter dazu, dieses allezeit von jenem zu unterscheiden. Wie glücklich wären wir, wenn wir nach dem Wunsche jenes alten Weltweisen Fenster in die Brust machen, das ist alle Verstellung aus dem menschlichen Herzen verbannen könten. Ich hoffe wenigstens, daß niemand von uns etwas dagegen einzuwenden haben dürfte. Wenn es wahr ist, daß noch kein Mensch seine Talente und Fähigkeiten so hoch getrieben hat, als er sie hätte treiben können; so ist auch wenigstens eben so gewiß, daß noch niemand seinen moralischen Werth zu einer solchen Höhe gebracht, als er denselben hätte bringen können. Zu jenem sind nur wenig Menschen, nemlich solche, die vor andern vorzügliche Gaben besitzen, fähig; diese könten wir alle, denn der ehrliche, der rechtschaffene Mann ist auch ohne Talent schätzbar, und es ist mehr ein witziger Einfall eines unserer besten Schriftsteller, wenn er sagt, man wäre sehr wenig, wenn man weiter nichts als ein ehrlicher Mann wäre als daß er’s im Ernst hätte meinen sollen. (Lessing in Minna von Barnhelm). In Absicht auf die große Welt mag sein Ausspruch gelten, aber in Ansehung der Moralität ist dieses der erste, der vornehmste Character; ein Character, den man nothwendig haben muß, um in unsere Gesellschaften den Eingang zu erhalten.

Der großmüthige, der freygiebige, der Mann, der mit einem Worte Tugend hat, kann dieser nicht in der That seyn, wenn ihm jenes fehlt, so glänzend auch seine andern Eigenschaften seyn mögen. Bey der Welt kömt vieles darauf an, daß man, um hochgeschätzt zu werden, selbst etwas aus sich mache. Es gehört Grimasse dazu, sich in ein gewisses Ansehen zu setzen, und wer diese nicht machen kann, spielt gemeiniglich eine sehr schlechte Rolle auf diesem Schauplatze. Sehen Sie, wohin Sie wollen, und Sie werden finden daß die Sache sich wirklich so verhält.

Alles dieses glänzende Wesen aber, diese gierige Minen, womit der große Name auf geringere herablächelt, diese andächtige Stellung, womit uns Philander von seiner Frömmigkeit überzeugen will, Stephans Eifer, womit er uns zu dienen sucht, sind blos ein Firnis, hinter welchem wir gerade das Gegentheil von dem was sie seyn wollen, erblicken würden, wenn wir Gelegenheit fänden, ihnen diesen Firniß abzuziehen. Unsre Gesetzbücher bedienen sich eines vortreflichen Sinnbilds, wenn sie von den Fehlern des menschlichen Herzens reden; sie nennen sie Risse und Lücken und haben uns diese Mauerkelle gegeben, selbige damit zu bewerfen und auszufüllen. Manche Münze hat ein schönes Gepräge und den Schein des edelsten Metalls; allein der Probier und der Schmelztiegel geben uns einen weit geringern Gehalt zu erkennen, als wir gedacht hätten.

Der war gewiß kein flüchtiger Beobachter von dem Werthe der Menschen, welcher sagte, die meisten verdienten nicht, daß man sie mehr als einmal sähe, und es würde schwer fallen ihm das Gegentheil zu beweisen. Ich glaube nun so viel von dem moralischen Werth der Menschen gesagt zu haben, als jeder von uns zur Prüfung seiner Selbst und andre brauchen dürfte. Denn dieser eine Werth ist es, wie Sie wissen, worauf bey der Maurerey am meisten gesehn wird. Nach demselben beurtheilen wir unsere Mitglieder, darum ist es geschehen, daß unser Orden den Unterschied der Stände aufgehoben hat, welcher so vieles Unheil in der Welt anrichtet.

Man nenne mir ein Laster, das nicht seinen Ursprung wenigstens zum Theil demselben zu dancken hätte. Wer würde etwas vom Neid, dem Stolz und von der Habsucht wissen, wenn nicht die ursprüngliche Gleichheit aufgehoben worden wäre. Diese niedrigen, unnatürlichen Laster, welche den grösten Monarchen unter seinen geringsten Unterthan herabsetzen! Doch was Monarchen! Blos jene Laster haben sie uns nothwendig gemacht, wenn sie anders nothwendig sind, und wenn man nicht in einem Staate, wo jeder einander gleich wäre, glücklicher zu leben vermag. Doch diese Untersuchung würde mich zu weit führen. – Aber trotz diesem Unterschiede der Stände wohnen auch in Hütten Edle und in Pallästen Armseelige. –

Schon durch diese Gleichheit ist die Freymaurerey, wenn sie auch sonst nichts gutes hätte, die vortreflichste aller Gesellschaften. Wie glücklich sind wir, daß wir Freymaurer sind. Das heist, Leute, welche die Vorurtheile der Welt von Rang, Ehre, Reichthum, abgelegt haben, und jeden blos nach seinem moralischen Preise schäzen. Eine Wahrheit, die uns zwar schon das Recht der Vernunft lehrt, die aber von allen ohne Ausnahmen verkannt, und blos noch von den Freymaurern ausgeübt wird. Wie glücklich würden die Weltbürger seyn, wenn sie diesen Grundsatz annähmen, und wie nützlich würde auch aus dieser Betrachtung die Ausbreitung, und wenn ich so sagen darf, die Algemeinheit der Freymaurerey werden! Doch dieses ist, wie vieles Gute in der Welt mehr zu wünschen als zu hoffen.

Die Feyer des heutigen Tages, meine Brüder, es ist, wie Ihnen bekannt ist, der Stiftungstag der gerechten und vollkommenen Loge zu den drey Rosen, setzt mein Herz in eine freudige Bewegung, die, ich bin überzeugt, alle diejenigen, welche an dem Wohl der Maurerey überhaupt und insbesondre an dem Flor der Rosenloge theil nehmen, gleich starck empfinden. Es sind nicht länger als 2 Jahre, da diese Loge unter dem Beystande des göttlichen Baumeisters errichtet ward, und doch kann sie in Ansehung auf Menge und Würdigkeit ihrer Mitglieder sich mit den ältesten Logen messen. Wir zehlen an Mitgliedern über 60, von denen aber verschiedene abwesend sind, und unsere geehrteste Schwesterloge zur goldenen Kugel hat ebenfals ihren Anfang von uns genommen. Etwas zum Lobe unsrer Mitglieder zu sagen, verbietet mir ihre Bescheidenheit. Es ist genug, wenn ich vor ihnen sämtlich behaupte, daß sie gute Maurer sind. Lassen Sie uns, meine theuersten Brüder, den heutigen Tag mit dankvollen Empfindungen gegen unseren obersten Baumeister begehen, und dann uns unter einander und über einander freuen, daß wir Maurer sind und den algütigen Vater dieses Alls bitten, daß er uns auch künftig unter seinen Schutz nehme, und sich unsre Arbeiten wohlgefallen lasse. Ξ

Ehrwürdiger Meister, meine Zeichnung ist beendet.

Br. Gernot Riebenstein, Altlogenmeister der JL „Zu den Drei Rosen“, hielt diesen Vortrag am 28.03.2019 bei der JL „Absalom zu den drei Nesseln“.

Die Geschichte der Loge „Anschar zum Friedenshafen“ zu Cuxhaven mit vielen Höhen aber auch mit den Tiefen von 1874 bis in die Gegenwart, 2019, lässt sich in drei wichtige Abschnitten darstellen:

  1. Die Jahre 1874 bis 1935

Schon sehr früh, ab 1814, ist das Wirken der Freimaurer in Cuxhaven nachweisbar. Ab 1873 gab es die ersten Zusammenkünfte, daraus entstand am 7. Februar 1874 ein Freimaurerisches Kränzchen. Brüder, vor allem aus Hamburg, die in Cuxhaven ihrem Beruf nachgingen, trafen sich fortan regelmäßig. Später, ab 1891, begann die Initiative für eine Logengründung. Am 30. Oktober 1894 wurde das Grundstück für die Loge (Grüner Weg 18) gekauft. Ein Jahr später, am 15. Oktober 1895, war das neue, heute noch genutzte, sehr repräsentative Logenhaus fertiggestellt. Am 10. November 1895 erfolgte die feierliche Weihe der Freimaurerloge ”Anschar zum Friedenshafen” (AzF) zu Cuxhaven. Mit 16 Brüder begann die Loge 1895.

Im Jahre 1900 war die Loge schon auf 41 Brüder angewachsen. Auch in der Zeit des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 kamen die Brüder im Logenhaus regelmäßig zusammen. Der Gesellschaftsraum im Erdgeschoss diente allerdings als Reservelazarett. Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Bruderschaft weiter. Ab 1928 plante man wegen der beginnenden Raumnot ein neues Logenhaus zu bauen. 1929 erreichte die Loge mit 154 Brüder ihren Höchststand. Mit den aufkommenden Nazis und den entwürdigenden Angriffen und der Hetze gegen die Freimaurer traten ab 1931 /1932 nach und nach viele Brüder aus. Sie fürchteten vor allem um ihr berufliches Fortkommen. Neuzugänge gab es nicht mehr. Die Angriffe der Nazis verstärkten sich mit deren Machtergreifung ab 1933. 1935 mussten sich die Logen wegen des Verbots durch die Nazis auflösen. Zuletzt waren es noch 35 Brüder. Auch die Freimaurerische Vereinigung auf Helgoland von 1903 gab es nicht mehr.

  1. Die Jahre 1945 bis 1995

Cuxhaven wurde am Ende des 2. Weltkrieges, am 8. Mai 1945, von den königlich-britischen Truppen besetzt. Der Stadtkommandant war in Großbritannien Freimaurer. Bei einem Gang durch die Stadt stieß er in der Mittelstr. auf eine Tischlerei mit dem Zunftzeichen der Tischler (Zirkel, Winkel und Hobel). Der Offizier fragte den Inhaber, ob er ein „Freemason“ (Freimaurer) sei. Man schickte ihn zu Johann Krooß in die Prinzessinnentrift. Dort sah er an der Wand das Logenschwert von 1895, das seit 1935 privat aufbewahrt wurde. Major Trotter empfahl Bruder Krooß, für die Loge einen Antrag auf Vereinsgründung zu stellen. Sofort kamen die früher amtierenden Brüder zusammen. Man formulierten den Antrag in englischer Sprache und brachten ihn dem britischen Stadtkommandanten. Der Antrag wurde schon am 31. Mai 1945 genehmigt und am selben Tag ins Vereinsregister eingetragen. Es war die erste Eintragung eines Vereins nach dem Kriege in Cuxhaven und es war zugleich auch die erste Genehmigung, eine Loge in Deutschland nach dem Kriege wieder zu errichten. Allerdings funktionierte keine Postversorgung und so trafen sich erst am 14. Juni 1945, einen Monat und sechs Tage nach Kriegsende, 31 treu verbliebene Brüder. Die königlich-britische Militärregierung hatte zudem dafür gesorgt, dass den Brüdern in ihrem früheren Logenhaus, was zu der Zeit noch als Heimatmuseum der Stadt Cuxhaven fungierte, zunächst ein Raum für die Zusammenkünfte zur Verfügung gestellt wurde. Am 14. Juni 1945 wurde beschlossen, das Johannisfest 10 Tage später, am 24. Juni 1945 zu begehen. Für dieses Treffen wurde der Bruderschaft empfohlen, doch bitte Essbesteck und Teller für ein einfaches Mahl mitzubringen. Das 50. Stiftungsfest im November 1945 viel mangels Heizmaterial aus. Man beschloss, lieber im Sommer 1946 zusammenzukommen.

Die mit der AzF-Loge befreundete Nachbar-Loge „Zu den drei Ankern“ in Bremerhaven nutzte ab Sommer 1946 auch die Räumlichkeiten der Loge in Cuxhaven, da es in Bremerhaven erst ab 1949 möglich war, wieder eine Loge einzurichten. Die Brüder beider Logen hielten nicht nur damals, sondern bis heute einen engen brüderlichen Kontakt. Der weitere Aufbau der Loge „Anschar zum Friedenshafen“ folgte. 1950 wurde das Logenhaus wieder Eigentum der AzF.

1955 wurde das 60. Stiftungsfest würdevoll begangen. Bruder Ernst Fischer stiftete seiner geliebten Loge „Anschar zum Friedenshafen“ eine besondere Skulptur: „Der Bruder“. Diese Figur ist ein besonderes Schmuckstück im Vorraum des Tempels. Abgüsse wurden der Provinzialloge von Niedersachsen in Hamburg und auch der Großen Landesloge in Berlin übergeben. Eine erste Restaurierung des Hauses erfolgte in den 50er-Jahren. 1988 begannen die gründlichen Umbauten der Räume im Logenhaus. Das einladende Treppenhaus erhielt seine frühere Pracht zurück und auch der Tempel im Obergeschoss erstrahlt seither in eindrucksvoller Stärke und Schönheit. 1994 konnten die Brüder der AzF eine Tochterloge, die Loge „Zum goldenen Steig“ in Passau gründen. Ein Jahr später, 1995, beging die Loge „Anschar zum Friedenshafen“ ihr 100. Stiftungsfest.

  1. Die Jahre von 1995 bis 2019

Von 1996 bis 2001 und von 2003 bis 2013 konnten mehrere neue Mitglieder aufgenommen werden, jedoch verlor die Loge in den Zeiträumen u. a. durch viele Sterbefälle mehr Brüder. Augenblicklich (2019) steigt die Zahl der Mitglieder wieder leicht an. Eine andere Form der Öffentlichkeitsarbeit, das monatliche „Freimaurer-Forum“, zeigt wohl Wirkung.

Um einen weiteren Interessentenkreis für die Loge zu erreichen, wird voraussichtlich Ende April 2019 ein Buch „Auf den Spuren der Freimaurer im Elbe-Weser-Dreieck“ vorgestellt. Beteiligt sind die Logen aus Bremerhaven, Cuxhaven und Stade. In dem Werk werden u. a. Namen von Freimaurern zu finden sein, die z. B. durch Straßennamen in der Region geehrt worden sind.

Text und Bild: Br. Manfred Mittelstedt, JL „Anschar zum Friedenshafen“ zu Cuxhaven

Versuch einer Definition der Baustelle eines Freimaurers.

Vortrag auf einem Gästeabend

„Wenn Begeisterung den Boden düngt, damit Erfolge gedeihen, dann fördert Ordnung die Zielerreichung.“

In einer Broschüre eines Unternehmens aus dem Bauhandwerk fand ich folgende Informationen: Ordnung ist ein wichtiger Erfolgsbaustein, der maßgebend zum Image eines Unternehmens beiträgt. Überall im Unternehmen, im Lager, im Büro, im Sozialraum – aber vor allem auf der Baustelle – ist Ordnung die Grundlage dafür, ob dauerhaft mit Gewinn oder Verlust abgeschlossen wird. Ordnung hat auch Auswirkungen auf das Betriebsklima. Nicht selten führen unordentliche und chaotische Baustellen, Firmenfahrzeuge oder Sozialräume zu Ärger und Konflikten zwischen den Kollegen. Vom ersten optischen Eindruck einer Baustelle schließen Kunden, Passanten oder Handwerkskollegen aus anderen Gewerken auf die gesamte Arbeitsweise des Betriebes. Kurz: Ordnung am Arbeitsplatz bringt Ruhe, Motivation, Erfolg und hilft, effektiver zu arbeiten und sich besser zu fühlen.

Das sind klare Aussagen. Ordnung wurde als Erfolgsfaktor erkannt und die positiven Wirkungen beschrieben. Bei der Arbeit Ordnung halten und nach getaner Arbeit aufräumen sind für den Handwerker verbindliche Größen. Doch wie ist das bei uns, die keine Handwerker sind? In meinem Vortrag spreche ich über unsere eigenen ‚Baustellen‘ und fokussiere dabei auf die heutige Freimaurerei. Als Erstes stelle ich mir die Frage: Auf welcher Baustelle baut heute der Freimaurer?

Die Baustelle(n) des Freimaurers: 

„Mein Leben“, ist die Baustelle, auf der ich als Mensch und auch als Freimaurer arbeite. Wer durch die ausgestellten Plakate gegangen ist, der hat bereits meine thematischen Ableitungen erfasst. Diese basieren auf die vier Fragen Kants: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Die Antworten führen unweigerlich zu Erkenntnistheorie, Ethik, Religionsphilosophie sowie Anthropologie. Auf dem ersten Blick ist nicht viel von Freimaurerei zu entdecken. Daher sind die kommenden 10 Minuten einigen Aspekten der spekulativen Freimaurerei vorbehalten, wie wir sie hier in der Großen Landesloge von Deutschland gestalten und erleben. 

In unserem Freimaurerorden – so nennen wir unsere Großloge ebenfalls – gibt es Fragebücher, die die Ordenslehre transportieren und seit mehr als zweihundert Jahren die Brüder zum Denken und Nachdenken anregen. Sie helfen dabei, das Wesen und die Arbeit in der Freimaurerloge zu erkennen.

Dort wird die Frage nach dem was ein Freimaurer ist, gestellt und beantwortet: Er sei ein freier Mann, der seine Neigungen zu überwinden, seine Begierden zu mäßigen und seinen Willen den Gesetzen der Vernunft zu unterwerfen weiß. Und über die wichtigsten Pflichten der Freimaurer wird folgendes ausgesagt: Er soll über seine Gedanken und Worte nachdenken und seine Handlungen bemessen. 

Das Gebiet auf dem die Brüder arbeiten und forschen ist weder Handwerk noch Universität. Vielleicht kann man sagen, sie haben sich ein ‚eigenes Universum‘ geschaffen, das unabhängig von geltender Wissenschaft und jeder theologischen wie philosophischen Spekulation ist. Ihr Gebiet liegt im Bereich des religiös-sittlichen Bewusstseins. Nennen wir es die ‚Freimaurer Wissenschaft‘. Wir beschreiben deren Inhalt in etwa so: „Die Freimaurer Wissenschaft sei die Lehre von der Erhebung des Menschen durch Tugend zum Licht“, diese Definition sowie die Anregung zur Herleitung entnahm ich einer Rede eines Berliner Bruders* aus dem Jahre 1882. Er sagte weiter: „diese Begriffsbestimmung zeigt deutlich, dass die Freimaurerei die höchsten sittlichen Zwecke verfolgt, dass ihr Ziel die Selbsterziehung, die Heiligung des Menschen ist.“ Eine Definition, wie sie heute auch noch Bestand hat. Vielleicht würden wir modernere Worte wählen, doch das ändert nichts am Arbeitsgegenstand.
*(Festrede Stiftungsfest der JL zum goldenen Pflug am 8. November 1882 in Berlin | Br. Seckt)

Der Freimaurer spricht vom „Tempelbau“ – Doch was meint er damit?

‚Das wüsste ich auch gerne!‘ wäre die einfachste Antwort und ich könnte Sie dann zur Diskussion aufrufen. Nur befürchte ich, die Antworten wären zwar bunt und vielfältig, wie meine Leserschaft selbst, doch zugleich auch eine bunte Mischung aus Vermutung (aus den Wünschen eines Suchenden heraus) und Wissen (aus dem Erleben eines Bruders mit dem was er in seiner Erkenntnisstufe schon erlebt hat). Aber führt das zu Gewissheit und etwas Verbindlichem? Ich will es präziser, daher habe ich mich auf die Suche begeben und lege ihnen jetzt meine Ergebnisse da. 

Die gefundenen Bezüge deuten zum Salomonischen Tempel in Jerusalem. Dieser Tempel ‚in dem Gott bei seinem auserwählten Volk wohnt‘ wurde bereits zweimal gebaut und auch zweimal zerstört. Heute einen dritten Tempel an gleicher Stelle erneut zu errichten, wäre weder zeitgemäß noch friedensfördernd. Ja viel mehr als grobfahrlässig zu bezeichnen. Daher ist die Formulierung des Tempelbaus, wenn wir sie heute verwenden wollen, im Geistigen anzusiedeln. Vielleicht erklärt Sie jetzt besser, warum ich Sie vom Handwerk kommend über den Umweg der Freimaurer Wissenschaft zur geistigen Arbeit führte. Als nächstes skizziere ich zwei unterschiedliche Positionen der heutigen Freimaurerei.

Es gibt in der Freimaurerei unterschiedliche Wege sich dem Tempelbau zu nähern.

Es gibt in der Freimaurerei unterschiedliche Wege sich dem Tempelbau zu nähern. Für die eine Gruppe der Freimaurer, die sich von den spirituellen christlichen Wurzeln „ein wenig entfernt“ haben, steht der Begriff des Tempelbaus für ein geistiges Bauwerk, dass sie als „Tempel der Humanität“ benennen. Was darunter zu verstehen ist? Es ist eine Umschreibung eines moralisch integren Lebensstils, der vieles umfassen kann. Er ist von dem gekennzeichnet, was Jeder oder Jede für „Menschlichkeit“ ansieht. Es lohnt sich damit zu beschäftigen und den Austausch mit anderen darüber zu pflegen. Ich lasse es als eine Orientierung stehen, auch wenn wir hier im Freimaurerorden eine andere Ausrichtung wählten, um uns dem Ziel unserer Arbeit zu nähern. 

Die moralischen und ethischen Werte bestimmen das Zusammenleben im Orden

Wie Sie vielleicht schon wissen, wir bekennen uns zu den spirituellen christlichen Wurzeln der Freimaurerei und gehen auch heute noch explizit diesen Weg. Und so heißt es in unseren Ordensregeln, das der Orden sich auf die wahre Lehre Jesus Christi gründet. Auch hier legt man sich noch nicht fest, was darunter zu verstehen ist. Was ich bereits sagen kann, ist dass die Bibel und die darin enthaltenen Aussagen von Jesus ein unverrückbares Fundament für die Arbeit eines jeden Bruders Freimaurers unseres Ordens bilden – allerdings ist das nicht mit einem Bibelunterricht zu verwechseln, den wird man hier nicht finden. Auch findet hier keine Auslegung einer christlichen Konfession statt. Vielmehr steht die Suche nach einem ‚gottgefälligen Leben‘ im Mittelpunkt. Die moralischen und ethischen Werte bestimmen das Zusammenleben im Orden. Im Mittelpunkt ‚Jesus Worte‘. Dahin zu gelangen ist eine Reise mit vielen Stationen. Die Erkenntnis über die menschliche Abstammung, die Erschaffung durch Gott und dem Erkennen des göttlichen Funken in einem jeden Menschen, sind nur zwei Stationen dabei. Doch das Ziel ist weit aus höher: Unser Tempelbau findet in uns statt. Er prägt und veredelt das Wesen eines Jeden, der an sich selbst arbeitet. 

Doch wie geschieht das? Zunächst ist es die freimaurerische Symbolsprache, die es uns erleichtert, unser Leben zu erkennen, darüber zu sprechen und in die richtigen Bahnen zu lenken, es positiv zu beeinflussen. Es sind die gleichen Forderungen, wie ich sie im letzten Jahr in meinem Vortrag zu den Freimaurerischen Werten dargestellt habe – ausgehend von den Meistertugenden Barmherzigkeit, Mäßigkeit, Vorsichtigkeit und Verschwiegenheit. 

Zurück zum persönlichen Tempelbau. Im Fokus der Forderung, die ich an meinen Tempelbau stellen soll, steht zum Ersten, das Geistige vor das Körperliche zu stellen, zum Zweiten, die Nächstenliebe vor den Narzissmus zu verfolgen und weiter, die Anstrengungen für das Gemeinwohl in die Dimension des Tuns für das Eigenwohl zu setzen. Das sind sehr hohe Forderungen, die zwar leicht klingen, doch in Konsequenz nur mit sehr viel Bewusstsein und Maß gelingen können – wenn überhaupt!

Was kann mir dabei helfen? In der Bibel als höchstes aller Gebote steht, dass man Gott mit seinem ganzen Herzen, mit seiner ganzen Seele sowie mit seinem ganzen Sinn lieben soll. Die zweite aller Forderungen verlangt, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Ich finde es ist unabhängig, was Gott für Sie bedeutet, es ist auf jeden Fall ein das Leben bejahende und auf das friedliche Zusammenleben gerichtete Forderung.

Was meint das aber auf mich als Person bezogen? Ich muss das Niedrige und Gemeine erkennen und aus meinem Herzen kehren sowie den Lastern und Fehlern entsagen? Gleichzeitig das Geben höher dem Empfangen setzen? – ‚Autsch, nicht einfach!‘ Wie kann das Gelingen? Machen wir einen kleinen Ausflug, der uns vielleicht zu den Wurzeln führen kann.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm sagte sinngemäß: „Es stimmt, dass selbstsüchtige Menschen unfähig sind, andere zu lieben; sie sind jedoch genauso unfähig, sich selbst zu lieben.“ Fromm beschäftigte sich mit der Liebe und klassifizierte, konkretisierte und schrieb bereits 1956 seinen Bestseller: Die Kunst des Liebens. Er kann sehr wohl Selbstsucht und Eigenliebe unterscheiden.

Auf mich selbst bezogen heißt das, ich bin aufgefordert, mit meinen Fehlern umgehen zu lernen, meine Unvollkommenheit zu erkennen und mich trotzdem zu lieben. Genauso bedeutet es, dass ich mich dabei nicht über andere stellen darf. 

Wenn ich das betrachte, so erscheint es mir als ein gangbarer Weg, die jahrtausend alte Morallehre der Bibel zu nutzen. Selbst bei einer Beschränkung auf die zehn Gebote, würde ich mich diesen Idealen nähern können. Eine Anleihe im christlichen finde ich hier in Mitteleuropa in vielen anderen alltäglichen Dingen. So z.B. wird unser Alltag durch Grundgesetz und Bürgerliches Gesetzbuch geformt. In beiden sind christliche Werte klar wieder zu erkennen. Und so habe ich für mich entschieden, dass mein freimaurerisches Leben – mitten in Europa beheimatet – und meine Arbeit an mir selbst, mich auch näher dem Christentum bringen werden. Das andere Menschen andere Wege einschlagen, kann ich sehr gut verstehen.

Hat das noch etwas mit den Baustellen zu tun, wie ich sie Eingehens erwähnte? Oder eröffnen sich bei Ihnen gerade ganz neue Baustellen, wenn sie das Gehörte mit Ihrem eigenen Leben vergleichen? Ich gehe davon aus, dass Sie dort den Überblick haben. 

Was dabei helfen kann, ist Ordnung. Den Ruf nach Ordnung setzen wir daher sehr häufig an markanten Stellen des freimaurerischen Lebens ein. Zum Beispiel zu Beginn des heutigen Abends. In Form seines Hammerschlags, ordnete unser Vorsitzender Meister die willkürlichen Gespräche und fokussierte Ihre Aufmerksamkeit. Ich finde, das ist eine schöne Parallele zur Baustelle. 

Mein Tempelbau umschließt mein Leben und mein Wirken in der Gesellschaft

Ich fasse noch einmal zusammen um Orientierung zu geben, das Gehörte zu sortieren, und Ihnen eine Abstraktion zu ermöglichen: Mein Tempelbau umschließt mein Leben und mein Wirken in der Gesellschaft. Dazu gibt es den Weg der Selbstvervollkommnung, der mit der Selbsterkenntnis beginnt. Als ein weiterführender vertiefender Weg kann die Freimaurerei dienen. Der Freimaurerorden bietet dabei eine von mehreren Lehrarten des freimaurerischen Erlebens. Die den Orden bestimmenden Ordenslehre, baut dabei auf christlich religiöse Grundlagen auf. Und ja, es gibt auch ganz andere Wege, um ein nützliches Glied des gesellschaftlichen Lebens und der menschlichen Entwicklung zu sein.

Vielleicht versöhnlich mit allen Menschen kommt Erich Fromm zum Schluss, dass … „das letzte Ziel der Religion nicht der rechte Glaube, sondern das richtige Handeln sei“. Nutzen wir den (uns vielleicht von Gott gegebenen) freien Willen, um unsere Gesellschaft lebenswert zu gestalten und gleichzeitig die Erde als den, das Leben unterstützenden Ort des friedlichen Miteinanders zu erhalten. 

JL „Zum Todtenkopf und Phönix“ (der Verfasser ist der Redaktion bekannt)

Liebe Brüder,

der Anfang des Jahres war für mich durch zahlreiche Neujahrsempfänge in verschiedenen Institutionen geprägt. Das ist jedes Jahr die gleiche Routine. Doch in diesem Jahr fiel mir auf, dass der Toleranzgedanke stark in den Ansprachen/Reden in den Fokus gerückt wurde. Ob Politiker, Buchautor oder Wirtschaftsjournalist – alle hatten den Wunsch und das Begehren diesen (stetig) aktuellen und auch brisanten Begriff zu beleuchten.

„Toleranz tut weh“, hatte ich bereits in einem Editorial im letzten Jahr 2018 aufgegriffen. Keine neue Erkenntnis daher, aber immer wieder ein wichtiger Aspekt, ihn uns vor Augen zu halten. Besonders weil der Alltag einen schnell vergessen lässt. Da ist es wichtig manchmal auch laut Nachzudenken. So wie der Buchautor Michael Schmidt-Salomon, der auf dem Neujahrsempfang der GL “Royal York“ in Berlin in einer bemerkenswerten und mitreißenden Art die Grenzen der Toleranz aufzeigte. Viele bekannte und unbekannte Sichtweisen wurden an diesem Tag dem Zuhörer vor Augen geführt.

Quintessenz war und ist es, die offene Gesellschaft zu verteidigen. Das macht die aktuelle Debattenkultur in Funk und Fernsehen deutlich. Doch was ist eine offene Gesellschaft?! Sicherlich ist dazu die o.g. tolerante Haltung eines jeden von uns notwendig und auch eine Art Grundbedingung – doch alleine reicht diese Tatsache nicht aus. Es gibt viele Situationen in unserer Gesellschaft, die keine Toleranz verdient haben. Denken wir nur an die Feinde einer offenen Gesellschaft, die durch Radikalität in politischen, religiösen oder auch gesellschaftlichen Verhaltensweisen „auffallen“. Vom Grundsatz her ist das erlaubt, solange dies im Rahmen des Rechtsstaates passiert. Tolerieren müssen wir dieses Verhalten nicht! Der Empörialismus, wie ihn Schmidt-Salomon nennt, ist dabei das Problem unserer heutigen Zeit. Besonders radikale Kräfte nutzen ihn zur Stimmungsmache. Dabei gilt oft: „Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge! Die Verletzung der grundlegenden Standards rationalen Denkens – aber auch des über sich selbst nachzudenken – und die Aushöhlung des Wahrheitsbegriffes gefährden unsere Gesellschaft. Auch hier gelingt es Schmidt-Salomon mit dem Zitat „auf hohlen Köpfen lässt sich gut Trommeln“ – in unnachahmlicher Art die Sache auf den Punkt zu bringen. Nach- und Mitdenken über das was um einen herum passiert, ist erlaubt, nein- ich meine: eine bürgerliche Pflicht!

Doch wie gelingt eine offene Gesellschaft?! Michael Schmidt -Salomon hat dazu vier Eckpfeiler parat. Diese lauten Freiheit und Gleichheit, Selbstbestimmung statt Gruppenzwang, Säkularismus und Bildung für alle. Das eingebettet in eine funktionierende Streitkultur kann dazu beitragen die offene Gesellschaft mit all ihren Vorzügen u.a. von Freiheit, Demokratie und Wohlstand zu erhalten.

Für uns Freimaurer bedeutet das: wachsam, aufmerksam und auch aktiv zu sein. Gerade wir profitieren von Freiheit und schreiben uns viele Werte einer offenen Gesellschaft auf die Fahnen. Ganz zu schweigen von den Urvätern, die dafür gekämpft haben. Wir sind also gefordert in unserem Wirkungskreis das deutlich zu machen. Klassisches Schwarz-weiß denken sollte uns fremd sein. Und was wir nicht tolerieren können – auch das ist jedermann sein gutes Recht – das aber im Rahmen des Rechtstaates möglich ist, dem kann immer noch durch zivilgesellschaftliches Engagement / Ehrenamt von jedem von uns entgegengewirkt werden. Das ist für mich eine Verpflichtung, um meinen Anteil zur offenen Gesellschaft zu leisten. Ξ

Euer Bruder

Torsten Küster

Manfred Rischbieter, Cuxhaven

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Mit diesem Artikel möchte ich die freimaurerische Humanität in Erinnerung rufen und, daraus resultierend, die Einrichtung der Zinnendorf -Stiftung ein wenig beleuchten, die seit einiger Zeit so ein wenig aus dem Zenit mancher unserer Logen verschwunden ist.

Die Freimaurerei ist, wie es allgemein anerkannte Lexika ausweisen, eine international verbreitete Bewegung von humanitärer, der Toleranz verschriebener Geisteshaltung. Der Begriff Humanität, so beschreibt es das ‚Internationale Freimaurer-Lexikon’, leitet sich ab vom lateinischen humanitasund bedeutet vorzugsweise die harmonische Ausbildung der Anlagen des Gemütes und des Verstandes.

Im freimaurerischen Sinne bedeutet demgemäss Humanität die Lehre vom Menschen und seiner Würde, die Menschlichkeit im Sinne von Wertung des Menschen undder in ihm liegenden Eigenschaften fordert.

Daraus ergeben sich als praktische Folgerungen der freimaurerischen Humanitätslehre:

 

  1. die Achtung vor dem Menschen
  2. die Anerkennung seiner Menschenrechte
  3. die Verpflichtung zur Menschenliebe

 

Dem hingegen dürfte es wohl  unbestritten sein, dass die Inhalte der Gegenwartsgesellschaft weitgehend ausgefüllt sind durch nahezu gnadenloses Materialismusstreben. Das wiederum drückt sich aus durch toleranzarmes Ellenbogendenken und darauf ausgerichtetes Handeln.

Und die internationalen, aktuell vielfach radikal-religiös geprägten oder auch hasserfüllten, nationalistischen Feindseligkeiten, die Ausdruck in menschenverachtendem, terroristischen, kriegerischen, gleichsam wahn-witzigen Aktionismus finden – bis hin zu Auswirkungen in bestialischen Dimensionen – sie dokumentieren wohl am deutlichsten das Gegenteil dieser Humanität, das Gegenteil dieser Achtung vor dem Menschen und der Verpflichtung zur Menschenliebe.

Friedrich Schiller – obwohl Nicht-Freimaurer – zweifelsfrei aber fest in der Gedanken- und Symbolwelt der Freimaurerei stehend,  hat einmal seinen Humanitätsgedanken folgendermaßen formuliert:

„Der Humanitätnachzustreben, ist die echte menschliche Philosophie. Es ist der wunderbare Ewigkeitswert dieser Philosophie, dass sie an nichts gebunden ist als an den Menschen – an den Menschen, der in ihren Gedanken denkt und lebt.Immer handelt es sich bei ihr um die vom Menschlichen ausgehende Verwirklichung der Idee des Guten in der Welt.“

 Und genau dieses ist das Ziel der Freimaurerei und der freimaurerischen Humanitätslehre – es ist in besonderem Maße das Streben nach Menschlichkeit – Förderung und Erhalt des Friedens zwischen den Menschen, ihren sozialen Verbänden wie ihren Völkern – Verurteilung des Dogmas der Gewalt

Pessimisten werden in dieser Lehre bestenfalls einen gleichsam blauäugigen Traum erblicken, der zudem dazu angetan zu sein scheint, den Menschen in Illusionen zu verstricken. Gewiss, wer im Menschen nichts anderes erkennt als ein der Tierwelt kaum entwachsenes Wesen, der wird für solche scheinbare Träumerei nichts übrig haben. Denn es entspringt der landläufige Pessimismus oftmals lediglich einer bequemen Seelenhaltung. Sie hat zudem den Vorteil, den ‚Bequemling’ der mühsamen Arbeit zu entheben, das Positive zu suchen. Ich möchte dabei keineswegs einem leichtgeschürzten Optimismus das Wort reden – einem Optimismus, der alles und jedes dem ‚ach so gütigen himmlischen Vater‘ überlässt, es seinerseits zum Besten zu wenden.

Nein, wir Menschen müssen schon selbst mitwirken – wir müssen uns schon gestaltend einbringen, deutlich und sichtbar Aktivitäten entwickeln – auch und gerade wir Freimaurer!

Wir Freimaurer müssen uns gestaltend einbringen

Wir nehmen für uns in Anspruch, mit unserer Lehre uns selbst zur Humanität zu erziehen. Da kann und darf es nicht unsere Prämisse sein,  uns mehr oder weniger selbstzufrieden und gesättigt, gar selbstgefällig im Sessel zurücklehnen – auch und schon gar nicht nach geistiger und leiblicher Stärkung in Tempelarbeit und Tafelloge. Denn dann drohte, dass in unseren Zusammenkünften die wegweisende geistige Arbeit sich kontinuierlich reduzierte und mehr und mehr zu einem weitgehend reinen geselliges Beisammensein verkäme.

Nein – ohne jede Einschränkung sei bekräftigt, dass unsere rituellen Arbeiten – geistvoll zelebriert – von immenser Bedeutung, geradezu unverzichtbar sind und einen hohen Stellenwert genießen müssen, um mit der Arbeit an uns selbst im Sinne unseres Schutzpatrons Johannes des Täufers eine innere Umkehr – „Ändert euren Sinn“ – zu erreichen.

Aber auch das kann und darf nicht alles sein – denn es kann doch wohl nicht damit getan sein, dass wir unsere maurerischen Werkzeuge bei unseren Zusammenkünften verzückt betrachten, sie gleichsam putzen, um sie dann nach beendeter Tempelarbeit sorgsam ‚bis zum nächsten Male‘ in der prächtigen Schatulle unserer diskreten brüderlichen Verschwiegenheit zu verwahren.

Die Natur oder, wenn man so will, der Weltenlenker hat dem Menschen – hat uns – gewisse Grundkräfte zur Verfügung gestellt, auf denen der Bau des Menschheitstempels als Ausdruck dieser Humanität – dieses Strebens nach Menschlichkeit – ruhen soll. Es sind dies Weisheit, Schönheit und Stärke.

Niemand, der mit offenen Sinnen und denkend durchs Leben schreitet, wird verkennen, welch unendliche Weisheit, welch immense Schönheit und welche jede Vorstellung übersteigende Kraft dem Weltganzen zugrunde liegen.

Weisheit kann der Mensch der Welt kaum beifügen, wohl auch nur begrenzt Schönheit, geschweige denn Kraft. Aber, Liebe – Liebe kann er in die Erdenwelt tragen.

Nicht, dass Liebe ohne ihn nicht wäre – sie ist eine Gotteskraft. Doch dem Menschen bleibt es überlassen und anheimgestellt, diese Liebe aus Freiheit heraus hier auf der Erde zu verwirklichen.

Das größte Liebesgenie, das je auf Erden wandelte – Jesus Christus, unser Obermeister – hat der Menschheit dieses Tun vorgelebt, ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohlergehen – sich selbst, sogar sein höchstes Gut – sein Leben – märtyrerhaft opfernd.

Immer wieder, auch in unserer Zeit, finden sich vorbildhafte Beispiele in der freimaurerischen Kette, die diese humanitäre Liebe in die Welt tragen – im Kleinen wie im Großen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Br. Karl-Heinz Böhm sei nur stellvertretend für viele genannt.

Aber, wir alle müssen uns vergegenwärtigen, dass diese freimaurerische Humanität eine geforderte Tatsache ist, die wir – ein jeder für sich selbst – zuerst einmal verinnerlichen müssen.

Sie muss für jeden Br. ein Selbstverständnis sein– gerade auch im Sinne einer persönlichen Leistungs- und Opferbereitschaft.

Humanität muss ein Selbstverständnis sein

Mit anderen Worten – philosophisch – ausgedrückt:

Durch Überwindung des Selbst zur Liebe zum Nächsten zu gelangen,  um zur eigenen Zufriedenheit mit dem Schicksal zu kommen.

Die Liebe zum Nächsten – die Menschenliebe ist daher wohl der bedeutendste Ausdruck der freimaurerischen Humanitätslehre. Sie umzusetzen, sollte folglich auch unsere vornehmste Aufgabe und für jeden Br. wirklich selbstverständlich sein.

Von uns wird erwartet, dass sich unsere maurerisch-christlichen Wertmaßstäbe in der Gesellschaft umfassender manifestieren, dass w i r  sie unübersehbar vorleben und dadurch in dieser Zeit der „Ich“-Bezogenheit beispielhafte Maßstäbe setzen.

Nicht selten wird daher in Gesprächen mit Außenstehenden nicht nur Auskunft darüber gefordert, was wir innerhalb, sondern auch, was wir ‚außerhalb unserer Mauern‘ tun.

Dahinter lauert durchaus der Verdacht, dass wir uns zwar gern in der Sonne unserer edlen Gedankenwelt aufhalten, es aber dann auch womöglich dabei bewenden lassen.

Und, meine BBr. – seien wir wenigstens ehrlich gegen uns selbst – ist das nicht auch der Eindruck, den wir zu-weilen selbst gewinnen – in unseren eigenen Reihen, in unserer eigenen Loge, in uns selbst – ganz persönlich?

Aber, wir brauchen die Antwort nicht schuldig zu bleiben, ob wir auch praktische Taten vorweisen können.

Ohne uns mit den diversen Service-Clubs messen zu wollen, deren karitatives Wirken oftmals weitgehend aus Spendenaufkommen der Öffentlichkeit resultiert, finden wir immer wieder Personen und Institutionen, die wir mit unseren ureigenen ‚Gaben der Liebe‘ unterstützen.  Und wir sollten uns auch nicht mit den Service-Clubs in einen vergleichenden, wettbewerbsähnlichen, gleichsam prahlerischen Leistungsdruck begeben – unser Motto lautet bekanntlich:

„Tue Gutes und sprich nicht darüber!“

Dieses Motto findet übrigens seine Quelle in der Bibel – in der Bergpredigt – wo es u.a. heißt:

„Wenn du einem Menschen wohltun willst, so sollst du das nicht vor dir ausposaunen lassen, wie die Heuchler … es tun, damit sie von den Leuten gelobt werden. Wenn du aber Menschen wohltun willst, dann lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit deine  Wohltätigkeit im stillen geschieht!“

Und gleichfalls finden wir in der Bergpredigt den deutlichen Hinweis auf die Barmherzigkeit – dort heißt es: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Und auf die freimaurerische Tugend der ‚Wohltätigkeit‘ , dieeines jeden Freimaurers Pflicht sein sollte, werden wir alle schon in unserer Aufnahme durch den Logenmeister deutlich hingewiesen.

Manche der Freimaurerlogen haben in zurückliegender Zeit, wie aktuell, immer mal wieder helfend gewirkt – vor Ort wie auch überregional. Und einzelne Brüder wirken ganz persönlich im Sinne eines freimaurerischen Selbstverständnisses – im Sinne der freimaurerischen Ideologie.

Jedoch völlig unabhängig von diesem individuellen Wirken hat sich die GLLdFvD, deren Mitglied ein jeder von uns seit seiner Aufnahme ist, in ihrer Gesamtheit einer Aufgabe gestellt, die unser aller Unterstützung dringend benötigt.

Mit der Formulierung unser aller Unterstützung meine ich alle unsere Logen einerseits,  alle unsere BBr. andererseits und aus allen Teilen unseres Vaterlandes.

Mit der Gründung unserer seit 1991 aktiven Zinnendorf-Stiftung hat unser Orden eine Einrichtung ins Leben gerufen, die schwerstbehinderten, schwerstpflegebedürftigen jungen Menschen eine freie, individuelle, menschenwürdige Lebensgestaltung ermöglichen soll.

Namensgeber dieser Einrichtung, die mit ihrem Angebot des ‚Wohnens-in-der-Pflege‘ sozial-politisch als bundesweites Vorbild gilt, ist der Gründer unserer Grossloge Br. Johann Wilhelm von Zinnendorf, der im 18. Jahrhundert als Generalfeldstabsmedikus im Siebenjährigen Krieg sein hohes Ideal menschlicher Solidarität verdeutlichte.

Dem erschütternden Elend der Kriegsopfer sah er nicht tatenlos zu, ließ das Berliner Kriegsinvalidenhaus bauen und wurde zum Leitbild nacheifernswerter, freimaurerisch-humanitärer, christlicher Verantwortung.

Diese in der Zinnendorf Stiftung ermöglichte menschenwürdigen Lebensgestaltung ist Ausdruck der freimaurerischen Humanitätslehre – der Lehre vom Menschen und seiner Würde, dem Streben nach Menschlichkeit, der Verpflichtung zur Menschenliebe.

Die Zinnendorf Stiftung ermöglicht menschenwürdige Lebensgestaltung

D i e s e Philosophie ist es gewesen, die damals unsere Bruderschaft zur Gründung dieser Zinnendorf Stiftung veranlasst hat.

In der erklärten Bereitschaft, mit diesem ‚Mehr‘ aus einer ‚Versorgung‘ eine ‚Umsorgung‘ zu machen, manifestiert sich unser Bekenntnis zur Solidarität mit Menschen, die durch tragische Schicksalsumstände an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden und – vielfach auch gegenwärtig- noch immer werden.

Da darf auch die These nicht gelten, dass sich dieses Pflegeheim doch betriebswirtschaftlich im Rahmen der Pflegekostensätze selbst tragen müsse. Die gerade  so  begründete Minimierung des Leistungsangebots verhindert letztlich, diesen schwerstbehinderten jungen Menschen d a s  Maß an persönlicher Zuwendung zuteil werden zu lassen, das ihnen die zitierte menschenwürdige Lebensgestaltung ermöglicht.

Wenn wir nicht mehr bereit wären, mit aller Kraft diese Einrichtung und dieses aus einem ‚Versorgen‘ ein ‚Umsorgen‘ machende ‚Mehr‘  sichern zu helfen, dann wäre unser Anspruch an uns selbst gescheitert. Mit diesem Anspruch würden wir uns allerdings von einer gewissen gegenwartsgesellschaftlichen Tendenz abheben, die da medienwirksam lautet: „Geiz ist geil!“

Fühlen wir uns wirklich dieser Tendenz verhaftet? Sollten – nein wollen wir uns nicht tatsächlich leiten lassen von der Prämisse, die schon die Bibel als Leitlinie des menschlichen Zusammenlebens ausweist „Geben ist seliger denn nehmen!“

Ein freiwilliges Geben, und das nicht nur in brisanten, spektakulären, medienwirksamen Notfällen, kann vor Gleichgültigkeit, Vergessen, sozialer Kälte bewahren und in besonderem Maße zum Ausdruck von Solidarität und unserer freimaurerischen, humanitären Menschenliebe werden.

Es sind Brüder unseres Ordens, die sich im Vorstand dieser Zinnendorf-Stiftung in ganz besonderem Maße engagieren.

Gestatten Sie mir, einen dieser BBr. zu zitieren: „Ich unterstütze die Zinnendorf Stiftung, weil sie verkörpert, was dieser Gesellschaft fehlt: Solidarität mit denen, die schwach sind und Hilfe brauchen. Und weil wir uns viel zu oft um fernes Leid kümmern, aber für die Not im eigenen Land blind sind.“

Und es sind gleichfalls Ordensbrüder, die im Vorstand des Fördervereins der Zinnendorf Stiftung in arbeitsreichem und verantwortungsvollem Engagement diese von freimaurerischer, humanitärer Menschenliebe abhängige Einrichtung zu stützen und zu garantieren versuchen. Sie und diese Einrichtung verdienen und – vor allem – sie benötigen unsere Unterstützung.

Aber, gerade daran mangelt es zuweilen und reduziert nur zu oft auch deren notwendiges Budget. Ich befürchte, so manche unsere Logen haben  aus unterschiedlichen Gründen in einigen zurückliegenden Jahren der Zinnendorf- Stiftung zuweilen diese Unterstützung versagt.

Es bedarf folglich einerseits der regelmäßigen Unterstützung durch unsere Logen, aber – und gerade daran möchte ich mit Nachdruck animieren – es bedarf auch der Mitgliedschaft vieler, möglichst aller Ordensbrüder  im Förderverein der Zinnendorf Stiftung. Beides zusammen würde das Budget und zugleich diese sichern und garantieren helfen sowie unsere aus Menschenliebe begründete Opferbereitschaft dokumentieren.

Wären  alle  Ordensbrüder zugleich Fördervereinsmitglied, so wäre der Bestand der Zinnendorf-Stiftung auf Dauer gesichert.

Lassen sie mich schließen mit der dem A.F.u.A.M.-Ritual entnommenen Forderung „Kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken!“ sowie dem gleichsam appellierenden Wort:  „Es gibt nichts Gutes – es sei denn, man tut es!“

Möge in diesem Sinne dieser Appell zugleich eine Initialzündung sein.

… es sei mir gestattet, einen Zwischenruf einzuwerfen:

Es gibt die weit verbreitete – und eigentlich richtige –  Meinung in der Bruderschaft, dass ein jeder Freimaurer die KK nach eigenem Gutheißen für sich auslegen darf, ja sogar soll.

Das möchte ich kurz in 3 Sätzen kommentieren, ich will „dazwischen rufen“!

  1. Satz: „Niemand kann etwas so komplexes, wie die KK „eben mal so“ für sich verstehen und auslegen, ohne ein jahrelanges gewissenhaftes Studium der Rituale, der Fragebücher und der Quelltexte dieser beider Werke!“
  2. Satz: „Wer dieses Studium der KK nicht absolviert – aus welchen Gründen auch immer – nicht genügend Zeit, keine Aus- und Weiterbildung durch seine Brüder LM, Paten, Einführende oder Redner, derjenige Bruder wird sich nur ein Zerrbild der Freimaurerei denken oder vorstellen können, welches es ihm nicht möglich macht, sich mit „ausgebildeten“ Brüdern adäquat auszutauschen und seinen Weg zur Erkenntnis erfolgreich weiter zu beschreiten.“
  3. Satz: „Damit alle Brüder das Studium der KK erfolgreich ausüben können, rufe ich dazwischen: „Brüder LM, seid Lehrer, seid Professoren, leitet eure, euch anvertrauten, wissbegierigen Brüder an, bildet sie aus, zeigt ihnen, wo sie anfangen müssen, gebt ihnen die Rituale und die Fragebücher zum Lesen, legt ihnen die Bibel ans Herz, sagt ihnen, dass nur diese Werke die Grundlage der Lehre der KK sind, alles andere Gesagte und Geschriebene ist diskutierbar und schönes Beiwerk, mehr nicht!“

Nun hoffe ich, dass dieser Ruf Gehör gefunden hat! Jeder Bruder wird sich seine eigene Freimaurerei definieren können, wenn er das Grundstudium erfolgreich beendet hat. Dann werden Gespräche unter Brüdern das hervorbringen, was ich – und das ist meine Meinung – als einen Teil des freimaurerischen Geheimnisses bezeichne!

Danke meine Brüder, danke für eure Aufmerksamkeit!

Jürgen Wenzel

Blue night

JL “Eintracht an der Elbe”, Hamburg, Moorweidenstraße 36

Der erste Gästeabend in dieser Form war aus unserer Sicht ein toller Erfolg! Wir durften fünf Gäste im Alter zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig begrüßen. Drei unserer Brüder hielten jeweils einen 30-minütigen Vortrag mit dem Thema “3 Freimaurer in 90 Minuten – warum Sie es wurden, sind und immer bleiben”. Anschliessend entstand eine lebhafte Diskussion, aus der ersichtlich wurde das gerade junge Männer auf der Suche sind und wir durchaus einige Antworten auf die drei Grundfragen “woher komme, wer bin bin und wo gehe ich hin” haben. Die nächste “Blue Night Hamburg” wird am 28.Januar 2019 stattfinden.

Br. Jürgen Höncke

In der Krise der Moderne etwas schaffen, was wir nicht kennen

Die Form des Paradieses – das ist es, was wir Menschen gerade in diesen als so unruhig empfundenen Zeiten suchen. Mit Paradies ist meist ein abgeschlossener Garten gemeint, der Garten Eden. „Das Paradies auf Erden gibt es nur in unserer Seele“ meinte Jean-Paul Sartre. Das glaube ich auch, trotzdem sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben und uns auf die Suche für unser profanes Leben machen. Damit wir das Paradies nicht nur fühlen, sondern auch real als Ziel anvisieren. Utopische Ideen sind gefordert! Gerade in dieser Zeit wo wir doch gern mit der Demokratie ins Fitness-Center gehen würden. Denn nur Utopien retten ein sinkendes Schiff – aber wir betrachten uns beileibe nicht als sinkendes Schiff, wohl aber doch in unruhigem Fahrwasser stampfend. Ob Utopien oder Visionen hilfreich sein können? Den Beweis hat Kanzlerin Merkel vor Jahren gegeben als sie den Deutschen versprach: „Ihr Bargeld, Ihre Renten sind sicher“. Das war eine Utopie, eine unmögliche Vision – aber sie wirkte erfolgreich. So wird aus Utopie Realpolitik. Eine neue Utopie? Dazu brauchen wir verschiedene Zeiten: 1774 und 2018. Wir brauchen Licht, das ist der Große Baumeister und unser Verstand. Und wir müssen uns wandeln. Dazu brauchen wir die Fantasie, mit dem Ziel der Utopie.

Willkommen im Jahresthema in der Johannisloge „Zum rothen Adler“. Mit einem Bruder kann ich gemeinsam denken! Und genau dazu möchte ich Sie liebe Brüder jetzt einladen: Lassen Sie uns vier Schritte gemeinsam denken – nur mit Brüdern geht das: gemeinsam denken. Erster Schritt auf dem Weg zur Utopie: die Methode Es geht um ein Land, das nur in der Fantasie existiert. Das Wort kommt aus dem Altpersischen. Damit ist ein abgeschlossener Garten gemeint, der Garten Eden. Der große Baumeister aller Welten hat dort alles für uns Menschen aufbereitet – später verlassen die Menschen den Garten, also Gottes Nähe und sie lernen die Folgen der Sünde kennen. Heute suchen wir das Paradies – und meinen damit unsere Lebensbedingungen.

Eine gerechte Gesellschaft. niemand leidet Not. Geld gibt es nicht. Städte dürfen nur eine bestimmte Größe erreichen. Über- und Unterbevölkerung wird durch Migration ausgeglichen. Privateigentum gibt es nicht. Ist das real? Wohl kaum. Tomas Morus veröffentlichte 1516 diesen philosophischen Dialog über die ideale Gesellschaft. Dabei blickt er nie zurück, er zieht nie die Vergangenheit zu rate – er bewegt sich voll in der Zukunft. Der Blick geht klar nach vorn. Das ist die Methode Utopie. Zweiter Schritt auf dem Weg zur Utopie: die Form Nur im Paradies wird aus Lehm ein Mann. Und aus einer Rippe eine Frau. Und in der realen Welt vielleicht aus Lego-Steinen ein Bagger. Aus dem denkbar Einfachsten etwas schaffen für die Zukunft. Das kann nur Gott. Oder ein Kind. Einreißen, aufbauen, Schöpfungsgeschichte nach Lego-Art. Es ist das Wesen eines kreativen Prozesses. Einfach aus nichts etwas schaffen – das ist Lego. Wenn mein Enkel nachmittags circa gefühlte 5000 Legosteine auf den Boden kippt, dann steht ein großer kreativer Prozess bevor. Kein Blick zurück auf den gestern gebauten Turm. Die Inhalte ergeben sich, sie wandeln sich von Zeit zu Zeit. Lego ist die Form. Form an Form. Daraus ergeben sich Tag für Tag neue Inhalte.

Kein Blick zurück. Form an Form – daraus wird ein Schöpfungsakt. Er steckt in uns Menschen. Es kommt aus uns selbst heraus. Lego gibt die Form – wir machen daraus etwas Ordentliches! Wie auf unserer Arbeitstafel die beweglichen Kleinodien: sie bestimmen die Form, den Plan der Entwicklung für die Ewigkeit: Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei. Wir haben nun die Methode und die Form auf der Suche nach der Utopie gefunden. Und nun im dritten Schritt lassen wir auf dem Weg zur Utopie die Vergangenheit ganz hinter uns. Der Soziologe Zygmunt Baumann sagte: „Wer sich führen lässt, braucht keine Angst zu haben, sich zu verlaufen“. Das Vertraute tröstet, beruhigt – der Blick zurück ist vertraut, er beruhigt. Also Retro. Das Problem: So wird der Mensch wieder fehlbar. Eine neue Aufklärung, ein neuer Humanismus, eine Demokratie, die im Fitness-Center war, ist nicht in Sicht. Nein, das Gegenteil läuft ja: Utopien ja – aber rückwärts gedacht.

Retro. Das betrifft unsere Gesellschaft. Das betrifft uns als Einzelmenschen. Das betrifft vielleicht ja auch die Freimaurerei. Bestimmt die Vergangenheit unsere Zukunft? Bestimmt die Vergangenheit unsere Zukunft? „Make America great again“ – also nicht vorwärts soll es gehen, nein es geht zurück zu alter Größe. Brexit. Katalonien. Die Menschen haben keine Hoffnung mehr auf die Zukunft, stattdessen muss die gute alte Zeit herhalten. Die Zukunft scheint nicht beherrschbar. Zukunft hat heute einen schlechten Leumund. Um die Zukunft ist es schlecht bestellt – nicht in der Realität – aber in der Meinung darüber. 60% der Jüngeren glauben, dass ihre persönliche Zukunft schlechter ist als es die ihrer Eltern ist. Der schlechteste Wert seit langem. Schon Oscar Wilde wusste: „Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien“. Wenn wir Fortschritt wollen, dann hat die gute alte Zeit das nostalgische Denken verloren. Wachstum immer wieder ist nur rückwärts gedacht. Fortschritt braucht Utopien. Wir dürfen nicht versuchen den Problemen von heute mit den Lösungen von gestern beizukommen. Die Frage stellt sich: War die Aufklärung eine Utopie? Die Frühaufklärung blickte ab 1700 schon nach vorn, mit hoher Kreativität, schöpferisch. Und unsere Gründer, was waren die zukunftsorientiert, schöpferisch, mutig, ja utopisch. Das wirklich neue bei Ihnen waren die Form und die Inhalte. Auch die Freimaurerei entstammt dieser Epoche. Freiheit und Vernunft, Glauben und Gewissen wurden erhöht und als Zukunftspotenzial eingebunden. Es wurde neues gedacht, neues gewagt, neu gehandelt. Ohne Blick zurück. Verwandlung und Transformation. Das Christentum erneuerte sich, wurde moderner. Auf unserer Arbeitstafel begleiten uns die drei Zierrate – sie zeigen uns den Weg: musivischer Fußboden, der flammende Stern und das Vereinigungsband. Wir gehen ihn von Westen nach Osten und dabei leuchtet unser maurisches Licht immer mehr. Das steht für mich auch für den Weg der Aufklärung bis heute. Fortschritt braucht Utopien Vielleicht kennen einige von uns Ghandis utopischen Fingerzeig in die Zukunft.

1948 machte Mahatma Ghandi, hinduistischer Mönch, sich auf, der Welt die Leviten zu lesen. Er schuf, fast nebenbei – den wunderbar formulierten Kanon der Todsünden der Menschheit. Er bezog sich auf die Vergangenheit – und forderte die Menschheit heraus, kreativ und schöpferisch diese Todsünden in der Zukunft zu vermeiden. Mit neuen utopischen Ideen. Das sind seine Todsünden: Politik ohne Prinzipien, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Geschäft ohne Moral, Religion ohne Opfer, Genuss ohne Gewissen, Reichtum ohne Arbeit, Wissen ohne Charakter. Auf unserer Arbeitstafel zeigt das Andreaskreuz im Reißbrett auf die Entwicklung hin. Das Reißbrett liegt im Zentrum, im Schnittpunkt der Schräg-Achsen der Arbeitstafel, des grossen rechteckigen Raumes. Entwicklung auf Freimaurer-Art. Ghandis Todsünden wurden leider kaum beachtet. Nun sind wir auch am Ende unserer gedanklichen Reise: im vierten Schritt fragen wir uns, und was ist mit der Freimaurerei? Wie kann sie helfen, uns zu Utopien anzuleiten, für die Gesellschaft, für uns Menschen und für die Freimaurerei? Im Zuge der Aufklärung entstand die Freimaurerei. Mit Inhalten, die sich ständig weiterentwickelten. In einer Form, die Jahrhunderte überstehen konnte und noch in Hunderten von Jahren Gültigkeit haben wird. Der Verstand, das Gewissen, Der große Baumeister aller Welten, der Zeremonienmeister, der Tempel, die Brüder – alles fügt sich zusammen zu einer Form.

Form an Form – das ergibt die Inhalte. Die Sonne auf der Arbeitstafel, das Senkblei, das brüderliche Band, der Norden als Himmelsrichtung – alles ist Teil der Form. Arbeit am Rauen Stein heißt: Formen nutzen und nun kreativ sein! Inhalte schaffen. Sein Selbst entdecken! Neuland betreten. Das neue bisher nicht gedachte wirklich denken – das ist unsere Aufgabe liebe Brüder. Utopisch denken – was könnte das sein?

Wir schreiben das Jahr 2050. Das Haus der Zinnendorf Stiftung ist in den letzten 20 Jahren um 200 Plätze erweitert worden, 20.000 Hamburger sind Mitglied im Förderverein der Stiftung. Eine neue Freimaurer-Stiftung wurde 2030 gegründet. Ziel: allen Kindern und Jugendlichen ohne gehobene Bildung wird Ethik und Philosophie-Unterricht vermittelt, organisiert von den Hamburger Freimaurern.

Parallel hat die neue Zinnendorf-Uni Hamburg ihre Arbeit im Jahre 2040 aufgenommen. In einer großen Pressekonferenz 2050 wurde bekannt, dass nun in Hamburg der 50.000 Freimaurer-Bruder aufgenommen wurde. Und dass damit die große Idee der Freimaurerei nach Brüderlichkeit, Humanität und Toleranz in jeder Grundschule als Fach gelehrt wird. Das ist freimaurerische Utopie – das Unmögliche denken. In Hamburg wurde der 50.000 Freimaurer-Bruder aufgenommen Wir sind zurück im Jahre 2018. 1774 waren Form und Inhalt neu. Davon zehren wir noch heute. In der Gesellschaft, wir als Individuen und die Freimaurerei. Heute nutzen wir noch die Formen, nur was ist mit den Inhalten? Wir dürfen die Inhalte der Freimaurerei nicht Retro denken, wir müssen heute utopisch das neue denken, das was bisher noch nie gedacht wurde.

Das Paradies von 1774 existierte 1774, unser Paradies können wir nur mit utopischen Ideen von heute schaffen. Die Utopie ist häufig eine neue, unbelastete, fast reine Wirklichkeit. Sie ist der Schlüssel zu wirklich neuem. Und die Freimaurerei muss ihre Form wahren, aber im Inhalt utopisch werden.Wir sind vier Schritte gemeinsam gegangen: Methode, Form, kein Retro, also kein Blick zurück und Inhalte neu zu denken, so wie es bisher noch nie gedacht war – so wie Ghandi seinerzeit. Nun fehlt nur noch das Licht. Das größte Symbol: unser Glaube. An unsere Weisheit, an unsere Stärke, dann ist auch die Schönheit einer neuen Utopie nicht weit. Jetzt heißt es, in der Krise der Moderne die Gestalt des Neuen, des Morgen zu entdecken. In uns selbst. Ferdinand von Schirach meint: „Wir wissen immer mehr um die Kälte und die Größe des Weltalls. Wir bekommen einen immer klareren Begriff von der Belanglosigkeit unseres Lebens. Wir finden keine Erlösung in der Moderne.

Das können wir kaum ertragen.“ Liebe Brüder, vielleicht doch – mit Denken, was noch nicht gedacht wurde, mit einer Utopie 2018?

Wolfgang Henkel

unser seinerzeitiger Abg. Logenmeister, Br. Albrecht Jansen, Prov. Redner, ließ 1951 einen Artikel in der Zirkelkorrespondenz drucken. Ich halte den Artikel für so interessant, daß ich ihn heute vortrage. Br. Jansen war übrigens seit 1927 Mitglied unserer Loge.

Wie Ihnen allen ja bekannt ist, wurde Br. Lessing in unsere Loge als Freimaurer aufgenommen und so ist es mir als Rosenbruder einerseits, sowie als Stellvertretender Vorsitzender der Lessing-Gesellschaft andererseits ein Bedürfnis, Ihnen diesen Artikel nahe zu bringen. Ich meine, wir sollten doch möglichst viel über diesen unseren Bruder wissen. Allerdings möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich jetzt versuchen werde, einen Schriftsatz zu verlesen, der nicht speziell als mündlicher Vortrag ausgearbeitet wurde. Das Thema des Artikels lautet: „Lessing als Freimaurer.“ Zitat: „Als Lessing in Berlin als freier Schriftsteller lebte, weil leider Friedrich der Grosse ihn als Bibliothekar ablehnte, trat in Hamburg eine Gruppe wohlhabender und kunstliebender Kaufleute zusammen, die die Mittel zur Gründung eines Deutschen Nationaltheaters in Aussicht stellten. Fast alle diese Männer waren Freimaurer. Im Gründungsausschuss waren die BBr. Abel Seyler und Adolph Bubbers, der spätere Sekretär der Rosenloge, die führenden und treibenden Köpfe. Abel Seyler war kein gebürtiger Hamburger, sondern 1730 in der Nähe von Basel geboren. Als junger Kaufmann kam er nach London und trat hier einer Loge bei. Dann siedelte er nach Hamburg über und wurde schließlich Theaterdirektor.

Adolph Bubbers machte den umgekehrten Weg. Er war zuerst Schauspieler, wurde dann Kaufmann. Am 2. April 1776 wurde das Nationaltheater am Gänsemarkt feierlich eröffnet und ganz Deutschland schaute aufmerksam nach Hamburg. Bereits 1766 hatte man Lessing zu Besprechungen nach Hamburg eingeladen. Nun wollte man ihn als Theaterdirektor gewinnen. Er lehnte jedoch diesen Posten ab, da er keiner von denen war, die leicht produzieren können. Um ihn aber auf jeden Fall mit dem neuen Unternehmen in Verbindung zu bringen, verpflichtete man ihn als Dramaturgen und Kritiker, versprach ihm sogar das damals hohe Gehalt von 800 Talern.

Unter dem Titel „Hamburgische Dramaturgie“ sind seine kritischen Abhandlungen in die Literaturgeschichte eingegangen. Als Uraufführung brachte man zuerst seine „Minna von Barnhelm“ heraus; aber die Hamburger fanden an diesem klassischen Lustspiel so wenig Gefallen, dass bei der Wiederholung Luftakrobaten zwischendurch zur Aufbesserung der Stimmung ihre Künste zeigen mussten. Das neue Theater wurde bald eine herbe Enttäuschung für Lessing. Eine zweite sollte schnell folgen. Das führende Mitglied der Loge „Absalom“, Br. Joachim Christoph Bode, befreundete sich schon in den ersten Wochen mit unserem Dichter und schlug ihm vor, in seiner Druckerei und Verlagsbuchhandlung Teilhaber zu werden. Lessing, der in Berlin seine Bibliothek verkauft und somit etwas Kapital hatte, willigte auch ein; aber bei-de verstanden von geschäftlichen Dingen sehr wenig. 1769 trennte sich daher Lessing freundschaftlich von Bode und der Dichter hatte für die nächsten Jahre schwer an den übernommenen Schulden zu tragen, zu-mal man auch bald sein Gehalt stark kürzte.

Im Allgemeinen waren aber diese Hamburger Jahre jedoch mit die schönsten seines Lebens. Als gewandter und geistreicher Weltmann verkehrte er bald in den ersten Kreisen der Stadt. Bei seinem Arzt, Dr. Johann Friedrich Grund, bei dem Kaufmann Schuback und bei dem Münzmeister Knorre war der Dichter oft zu Gast. Alle drei waren Freimaurer, Knorre in unserer Loge. Im gastfreien Haus Knorre lernte er auch den Freiherrn von Rosenberg kennen, dem man eine umfassende Bildung nachrühmt. Schuback, der noch heute in Hamburg bekannt ist, schenkte seinem Freund nicht nur das hochzeitliche Kleid, sondern richtete ihm und Eva König am 8. Oktober 1776 auf seinem Landsitz in Jork im Alten Lande, auch die Hochzeit aus. Zu den genannten freimaurerischen Persönlichkeiten kamen später noch zwei hinzu: der große Schauspieler Konrad Ekhof, Mitglied der Rosenloge und Herder, der der Loge „Zum Schwerdt“ in Riga beigetreten war und kurze Zeit in Hamburg weilte. Bereits 1767 trat Lessing an seinen Freund Bode heran und bat ihn, ihn als Suchenden für die Loge „Absalom“ anzumelden.

Doch dieser hatte große Bedenken. Er befürchtete, daß Lessings „feurigem Charakter zu große Langsamkeit der Fortschritte in seinem System“ missfallen würden. Aber der Hauptgrund war der, dass „Absalom“ wegen der „Strikten Observanz“ alle Arbeiten eingestellt hatte. Über die Ablehnung war Lessing umso mehr enttäuscht, weil er auf Grund mehrerer Gespräche mit Bode bereits sein Aufnahmegesuch entworfen hatte. Wie stark sich der Dichter bereits in den Jahren mit der FM beschäftigt hatte, sehen wir auch daran, daß er zu diesem Zeitpunkt anfing, die „Freymäurergespräche Ernst und Falk“ in ersten Umrissen zu skizzieren. Allerdings begann er erst als Bibliothekar in Wolfenbüttel mit der Niederschrift von „Ernst und Falk“. In seinem neuen Wirkungskreis kam der Dichter wieder in enge Verbindung mit freimaurerischen Kreisen. Nicht nur sein Herzog Karl und dessen drei Söhne, sondern auch sehr viele vornehme Braunschweiger Herren waren Logenmitglieder, allerdings in Logen der „Strikten Observanz“, deren Großmeister Herzog Ferdinand, ein Schwager Friedrich des Großen, war.

Am letzten Augusttag 1771 fuhr der Dichter mit der Postkutsche nach HH, um hier seinen Urlaub zu verleben. Drei Dinge wollte er diesmal unbedingt zum Abschluß bringen: Eine Ausgabe seiner Trauerspiele, sich mit Eva König verloben und Freimaurer werden. Wieder sprach er darüber eingehend mit Bode, er-fuhr aber erneut eine Ablehnung. Von diesen Gesprächen hörte der Logenmeister der zwei Jahre vorher gegründeten neuen Loge „Zu den drei Rosen“. Rosenberg war sogleich entschlossen, diesen berühmten Mann für seine Loge zu gewinnen. Welche Gründe hatte wohl Lessing, immer wieder die Aufnahme in den Orden zu betreiben? Im Wesentlichen waren es wohl folgende: Er hoffte, als Bruder mehr über die Freimaurerei zu erfahren. Ferner dachte er, dass er dann gewissermaßen berechtigt sein würde, die Freimaurergespräche, die er als Handschrift mitgebracht hatte, zu veröffentlichen, auch mochte er wohl hoffen, das Freundschaftsband mit seinen vielen freimaurerischen Freunden noch enger zu knüpfen, und schließlich hatte er damals den Gedanken, selbst in Wolfenbüttel eine Loge zu gründen.

Rosenberg hat also keineswegs Lessing angelockt oder gar verleitet. Zwischen beiden waren Ekhof und Knorre die Verbindungsmänner. Kaum acht Tage nach des Dichters Eintreffen in Hamburg konnte Rosenberg seinem Großmeister von Zinnendorf in Berlin melden, er hoffe, Zitat: „mit ehestem unsern berühmten Lessing im Orden zu haben“. Am 8. Sept. 1771 schrieb Rosenberg in dieser Sache ausführlich nach Berlin: Zitat: „Eben vernehme ich, dass Herr Lessing ein Manuskript jemandem hat zu lesen gegeben, welches er will drucken lassen. Es betitelt sich: <Der wahre Orden der Freimaurer aus den ältesten Urkunden hergeleitet und mit Gründen bewiesen.> Ich stelle alles Unmögliche an, ihm habhaft zu werden Und habe ihm sogar versprechen lassen, gratis zu rezipiren…. Wäre es nicht angebracht, wenn Sie an ihn schrieben? Ich will ihm das Schreiben selbst einhändigen, denn er ist gesonnen, noch acht oder vierzehn Tage hier zu bleiben. Soviel ich habe vernehmen können, muss er durch die Wolfenbütteler Bibliothek viele Kenntnisse vom Orden bekommen haben.“ Zitat Ende.

Am 17. Sept. war Lessing noch einmal wieder von Bode abgewiesen worden. Zusammen mit Knorre fuhr er bald nach Berlin zu seinem Verleger Christian Friedrich Voß, der Freimaurer war. Knorre hatte von seinem Logenmeister den Auftrag, in der Sache Lessing persönlich mit dem Großmeister zu sprechen. Dieser beauftragte Knorre, falls Lessing sich aufnehmen lassen würde, ihn dabei offiziell zu vertreten. Unterwegs haben die beiden sicherlich eingehend über die Rosenloge und die königliche Kunst gesprochen. Anfang Oktober waren sie wieder in Hamburg und jetzt erklärte sich Lessing bereit, Mitglied der „Rosenloge“ zu werden. Das Angebot Rosenbergs, ihn kostenlos aufzunehmen, kam ihm sehr gelegen, denn er war ohne Vermögen, hatte zudem Schulden und musste Eltern und Geschwister häufig noch unterstützen. Für Rosenberg war der Verzicht auf die Gebühren auf jeden Fall ein spürbares Opfer, denn nach damaliger Sitte standen ihm als dem Gründer, der sich auch Großmeister nennen durfte, ein Drittel der anfallenden Gelder zu. In den sogenannten Regeln, den Statuten der „Rosenloge“, ist unter Punkt 19 vermerkt, dass ein Apprentif (also ein Lehrling) 3 Louisdor für die Loge und 1 Louisdor für den Sekretär, ferner 1 Speziestaler für den dienenden Bruder zu zahlen hatte; dasselbe musste ein Compagnon (also ein Geselle) entrichten; vom Maitre (also einem Meister) verlangte man sogar insgesamt 10 Louisdor. Dazu kamen noch für alle Grade die Almosengelder. Am 14 Oktober wurde Lessing als Mitglied Nr. 56 in Rosenbergs Wohnung in Gegenwart von Knorre „privatim“, oder wie man auch sagt „historisch“ aufgenommen. Rosenberg hatte damals ein Ritualbuch geschrieben, dem eine Reihe Zeichnungen von Teppichen, teilweise farbig, beigefügt sind. Anhand dieses Materials hat der LM dem neuen Bruder wohl alles erklärt.

Aus eigener Machtvollkommenheit nahm er Lessing gleich in alle drei Grade auf. Das geschah sonst höchstens bei fürstlichen Persönlichkeiten und dann auch nur in geöffneter und gesetzmäßiger Loge. Von Zinnendorf hat diese Eigenmächtigkeit eines Logenmeisters später auch in einem Brief in vornehmer Weise gerügt. Am anderen Tage händigte man Lessing, der wieder nach Wolfenbüttel zurück wollte, das üblich Logenzertifikat ein. Diese Urkunde ist noch heute im Archiv der GLL von Dänemark vorhanden. Wir haben übrigens für interessierte Brüder Kopien angefertigt. Nach Lessings Tode kam dieses Zertifikat und alle freimaurerischen Scripturen in den Besitz des Herzogs Ferdinand, der in seinem Testament diese Sachen dem Landgrafen Carl von Hessen vermachte, der damals dänischer Statthalter in Altona war. Nach ihm ist übrigens die FO-Loge hier im Haus „Carl zum Felsen“ benannt. 1836 starb dieser und jetzt kamen des Dichters Fm-papiere nach Kopenhagen. Diese Urkunde ist in französischer Sprache geschrieben, da zu jener Zeit in der Rosenloge auch nur in dieser Sprache gearbeitet wurde. Sie hat folgenden Wortlaut: „Wir, die sehr Hochwürdigen Meister und die Würdigen Brüder der Freimaurergesellschaft in Hamburg geben bekannt, dass wir den würdigen Bruder Gotthold Ephraim Lessing zum Lehrling, Gesellen und Meister, Freien und Akzeptierten Freimaurerarbeiter der Loge der 3 Rosen anerkennen. Auf Grund dessen empfehlen wir unseren genannten Würdigen Bruder unseren gesamten, vereinigten oder über die ganze Welt verstreuten Brüdern. Gegeben in Hamburg am 15. des Monats Oktober des Jahres 1771. G.J. Baron von Rosenberg, Großmeister, J.H. Detenhoff, Dr., 2. Aufseher, F.H.A. von Sudthausen, 1. Auf-, Adolph Bubbers, Sekretär.“

Fünf Tage später schrieb von Zinnendorf dem neuen Bruder folgenden Brief nach Hamburg. Zitat: „Der Bruder Freiherr von Rosenberg hat mir das Vergnügen gemacht, mir unterm 15. dieses (Monats) zu berichten, dass er Sie zum Bruder Freimaurer auf- und angenommen hat. Ich wünsche Ihnen und uns zu diesem vollführten Schritte das beste Glück. Sie haben durch denselben eine Bahn betreten, die, und ich getraue mir zu behaupten, die einzigste in ihrer Art und diejenige ist, welche forschbegieriger Geist zum all-gemeinen Wohl der Menschen auszuspähen und zu ergründen je gewünscht habe und mag…. Jetzt will ich von demjenigen insbesondere mit wenigem sagen, was ich Ihretwegen wünsche und der Orden der Freimaurer von Ihnen in den Gegenden Ihrer jetzigen Bestimmung mit Zuversicht erwartet. Suchen Sie diesem nach, bitte ich, alldort zuvörderst derjenige zu werden, der Sokrates ehedem den Athenern war; allein dem widrigen Schicksal zu entgehen, welches leider seine Tage verkürzte, müssen Sie den Zirkel nicht überschreiten, den Ihnen die Freimaurerei jedesmal vorzeichnet und jederzeit gedenk bleiben, daß wir nur hinter verschlossenen Türen, auch allein gegen Brüder, welche mit uns gleiche Erkenntnisse haben, von der Freimaurerei reden und die uns darin aufgegebenen Arbeiten nie anders verrichten dürfen….Ich erwarte hierüber nach der mir ebenfalls den Br. Frh. von Rosenberg getanen Anzeige, Dero mir angenehme nähere Erklärung zuversichtlich, gleichwie die Schrift, welche Sie vor dem Eintritt in den Orden durch den öffentlichen Druck ganz zu Unrecht bekannt zu machen den Gedanken gehabt haben sollen…“. Soweit der Brief des Großmeisters.

Dieser Brief ist in mehrfacher Sicht außerordentlich wichtig. Die Erwähnung von Sokrates, der den Giftbecher trinken musste, hat Mathilde Ludendorff in ihrer 1937 erschienenen Schrift „Lessings Kampf und Lebensschicksal“ veranlasst, die ungeheuerliche Behauptung aufzustellen, die Freimaurer hätten Lessing durch Gift zur Seite gebracht, weil er in „Ernst und Falk“ Geheimnisse verraten habe. Mit dem erwähnten Brief des Großmeisters erhielt auch von Rosenberg ein Schreiben aus Berlin, in dem zum Schluß die Bitte ausgesprochen wurde, dass Zinnendorf bald die „Freimaurergespräche Ernst und Falk“ erhalte. Von Zinnendorf hat dann später, gleich Bode, dringend von einer Drucklegung abgeraten. Es ist natürlich sehr oft die Frage aufgeworfen, weshalb Lessing niemals die „Rosenloge“ oder eine andere betreten hat.

Was Bode später darüber geschrieben hat, ist mit größter Vorsicht aufzunehmen denn es war der „Strikten Observanz“ nicht angenehm, dass Lessing nun in eine Loge schwedischer Lehrart eingetreten war. Lessing soll mit seinem Bruder Karl über die Aufnahme gesprochen haben, aber auch dessen Mitteilungen kommen nicht aus erster Hand. Der Dichter selber hat nichts darüber geschrieben, es sei denn, man wolle aus Bemerkungen in „Ernst und Falk“ Schlüsse ziehen. Die Aufnahmezeremonie und was ihm dabei geoffenbart wurde, ist sicherlich nicht Grund zur späteren Enttäuschung gewesen. Das beweist eindeutig der Brief, den Rosenberg gleich nach der Aufnahme nach Berlin schrieb. Hier wird auch betont, dass die historische Aufnahme auf Lessings eigenen Wunsch stattgefunden habe. Weiterhin ist bemerkenswert, daß der Dichter darum gebeten hat, seinen Beitritt in Hamburg und Braunschweig vor-erst geheim zu halten.

Ausdrücklich betont Rosenberg dann noch, daß Lessing die Absicht habe, in Wolfenbüttel eine eigene Loge zu gründen. Am 19. Oktober 1771 schrieb der Großmeister von Zinnendorf, dass Rosenberg den neuen Bruder darüber unterrichten solle, welche ordensgesetzlichen Bestimmungen dann zu berücksichtigen wären. Auf keinen Fall ist also Lessing gleich nach der Aufnahme enttäuscht gewesen, zumal er bei dieser Gelegenheit den Wunsch äußerte, auch die Andreasgrade zu erhalten. Im Allgemeinen neigt man zu der Ansicht, dass es der bereits erwähnte Brief Zinnendorfs gewesen ist, der Lessing bestimmte, der Loge fernzubleiben. Es kann auch die Rücksicht auf seinen Landesherrn gewesen sein, denn Braunschweig war damals die Hochburg der Strikten Observanz und Herzog Karl dessen Protektor.

Eine Logengründung in Wolfenbüttel hätte ihn unter Umständen das Amt gekostet. Seine Verbindung mit freimaurerischen Kreisen hat Lessing nicht nur fortgesetzt, sondern sogar noch erweitert. Das zeigt ganz deutlich die Tatsache, dass er bei seinem Besuch in Wien mit Ignaz von Born, dem Logenmeister der Loge „Eintracht“, freundschaftlich zusammenkam. Bode und Knorre kamen nach Wolfenbüttel zu Besuch. Knorre war noch 1780 dort und lieh dem Dichter für seine geplante Reise nach Hamburg sogar 200 Taler. Auch mit dem Verleger Campe, einem Freimaurer und den Rosenbrüdern Joh. Heinr. Voß und Matth. Claudius, trat Lessing in enge persönliche Beziehungen. Offiziell gedeckt hat Lessing die Loge niemals und der Freimaurerei als Idee ist er auch nie untreu geworden. Das beweist sein Brief, den er am 19.Oktober1778 an Herzog Ferdinand schrieb dem er „Ernst und Falk“ gewidmet hatte. Er nennt diesen Fürsten den „ersten und würdigsten Freimaurer“.

Besonders für unsere Untersuchungen ist folgender Satz: „Alles, was man mir vertraut hat, liegt noch tief in mir verborgen. Ich habe nichts getan, was mit freiwillig von mir übernommenen Verpflichtungen auf irgendeine Art streite. Ich habe keine geheimen Kenntnisse entheiligt.“ Der Dichter hat auch niemals behauptet, daß er kein Freimaurer mehr sei. Das darf man aus einem Brief des Herzogs Ferdinand an ihn vom 21. Oktober 1778 schließen. Hier heißt es: „Sie wissen, daß ich Sie selbst für einen Freimaurer Meister, Sie mögen regelmäßig oder nicht regelmäßig aufgenommen sein, halte.“ In der Widmung von „Ernst und Falk“ an den erwähnten Herzog heißt es: „Durchlauchtigster Herzog, auch ich war an der Quelle der Wahrheit und schöpfte. Wie tief ich geschöpft habe, kann nur der beurteilen, von dem ich die Erlaubnis erwarte, noch tiefer zu schöpfen.“

Aus diesen Worten nun aber zu schließen, dass Lessing die Absicht gehabt habe, der Strikten Observanz beizutreten, ist völlig abwegig. So sehr wir bedauern, daß Lessing ein verlorener Sohn der Rosenloge und der GLL wurde, freuen wollen wir uns aber doch darüber, daß er einmal unser war, denn durch ihn ist die „Rosenloge“ in die Literaturgeschichte eingegangen. In einem kann Lessing uns allen ein Vorbild sein: Er war sein ganzes Leben ein eifrig Suchender nach Licht und Wahrheit. Das beweisen seine Worte: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, in seiner Linken aber den Trieb nach Wahrheit, wenn auch immer mit dem Zusatz mich immer und ewig zu irren, hielte, und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke. <Herr, gib, die reine Wahrheit ist nur für Dich!>“

Damit endet der Zirkelkorrespondenz-Artikel von Br. Albrecht Jansen.

Br. Gernot Riebenstein, Alt VM JL „Zu den drei Rosen“