Br. Uwe Matthes wird am 28. März 2020 in Hamburg feierlich in sein Amt eingesetzt!

Der Weiseste Ordens+Meister, Br. Achim Strassner, ist uns in den ewigen Osten vorausgegangen… Credendo Vides…

 Wir werden sein Andenken in Ehren halten. Möge sein Glauben Schauen und seine Hoffnung Erfüllung geworden sein.

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Verschlimmbessern oder Mehr-des-Guten?

Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoss, und den er ungemein wert hielt. Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: „Ein wenig zu plump bist du doch! All deine Zierde ist die Glätte. Schade! Doch dem ist abzuhelfen,“ fiel ihm ein. „Ich will hingehen und den besten Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen.“ Er ging hin und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen – und was hätte besser auf einen Bogen gepasst als eine Jagd? Der Mann war voller Freude. „Du verdienst diese Zierrate, mein lieber Bogen.“ Indem will er ihn versuchen; er spannt ihn, und der Bogen – zerbricht.

Gotthold Ephraim Lessing

 

Das ist ein typischer Fall von „verschlimmbessern“.

Gerade die klare Einfachheit machte die Stabilität des Bogens aus. Je feiner, desto fragiler – diese Erfahrung hat sich hier wieder bestätigt.

Ich erinnere mich an einen Vortrag über das Thema „Charisma“, den ich einmal gehalten habe. Die Vorbereitungszeit war extrem kurz, und so sprach ich wie mir der Schnabel gewachsen war. Trotzdem waren der Auftraggeber und das Publikum begeistert. Nun sollte ich den Vortrag noch einmal halten vor einem anderen Zuhörerkreis. Jetzt aber setzte ich mich hin und feilte und drechselte und ersetzte die Alltagsfloskeln durch wohlklingende Wörter aus dem klassischen humanistischen Bildungswortschatz: Mein Vortrag sollte so richtig prätentiös klingen. Und – machte eine Bauchlandung: Ich hatte den Vortrag verschlimmbessert.

Ich denke, es gehört zum Leben, dass wir immer wieder Mehr-vom-Guten wollen und dabei manchmal das richtige Maß verlieren. Jedes Zuviel stresst und laugt uns aus – aber jedes Zuwenig bedeutet Stagnation, bringt Leere und Langeweile. Es geht schlicht um die Balance, um das rechte Maß in allen angestrebten Veränderungen, es geht um die Meistertugend Mäßigkeit. Es ist sicher keine Schande, wenn wir merken, dass uns das rechte Maß abhandengekommen ist, aber es spottet unserer Intelligenz und unserer inneren Triebfeder, wenn wir uns nicht bemühen – wahrhaftig bemühen – überall Verbesserungen zu suchen, zu finden und sie für eine Weile zu halten. Wäre dieser Trieb nicht in uns angelegt, so würden wir noch heute in den einstigen Höhlen hausen. Das ist die Krux, dass wir Menschen oft nicht erkennen, wann wir „den Bogen überspannen“. So ist es auch mit unserem aktuellen liberalen Wirtschaftssystem. Natürlich hat der „ach so böse Kapitalismus“ uns allen einen ungeahnten Wohlstand gebracht, den wir genießen wollen und sollen. Aber da sind auch dauerhafte Schäden entstanden – nicht nur in der Umwelt, sondern auch in unserem Selbstverständnis, in unserem Körper und in unserem Geist, unserer Seele. Leider haben wir Menschen auch hier zu viel des Guten getan bzw. tun es noch immer – schleichend haben sich die negativen Veränderungen in uns und um uns eingenistet.

Unter Verschlimmbessern leide ich auch immer wieder bei Theater- oder Opernbesuchen. Wenn denn Hamlet im Fahrstuhl auf die Bühne einstolpert und im Stakkato hastig seinen Text herunterrasselt, dann weint es in mir. Es gibt immaterielle Güter, die sollte man nicht verbessern wollen – oder wie würde es klingen, wenn wir im Vaterunser plötzlich beten: „Und gewähre uns Pardon für unsere Sünden“?

Zu diesen abstrakten Wert-Gütern zähle ich auch unsere Rituale, unsere Legenden und Symbole in allen Erkenntnisstufen. Klar könnten wir sie dem Zeitgeist anpassen, aber dann würden sie ihre Kraft und Ausstrahlung verlieren. Rituale, Legenden, Symbole sollen ja nicht unseren Verstand ansprechen, sondern an dem Diktator Verstand vorbei unsere Seele, unser Selbst berühren und erweitern. Gerade in der Distanz zur Alltagssprache liegt die Kraft unserer Rituale: Jetzt tauche ich ein in eine andere Welt und lockere mich in der gedankenleeren Gegenwart. Ähnlich ergeht es mir auch beim Yoga und besonders in der Meditation mit der Affirmation: In Ruhe und Sammlung schöpfe ich Kraft für Körper, Geist und Seele.

Hinter allem Bemühen um Veränderung steckt nach meiner Erfahrung immer eine positive (!) Absicht des Handelnden – natürlich aus seiner subjektiven Sicht. So wollte ich ja meinen Vortrag nicht versaubeuteln, sondern verbessern. Und unser kapitalistisches Wirtschaftssystem hatte ja nicht von vornherein die Absicht, die Umwelt und das Menschsein zu zersetzen. Das Problem ist, dass wir Menschen mit unserem begrenzten Verstand nie die nachfolgenden Auswirkungen unseres Wollens und Handelns voraussehen können. Der Schöpfer hat uns nun mal mit einem freien Willen ausgerüstet; auch den freien Willen zum Unfug. Vielleicht ist das aber auch für uns die einzige Möglichkeit, aus Erfahrung zu lernen und sich zu entfalten.

Ich werde nie wieder einen Vortrag „aufbrezeln“ mit verkopften Sätzen. Der Mann mit dem Bogen wird nie wieder einen Bogen mit Jagdbildern verzieren wollen. Ein Aspekt auf dem Weg der Selbsterkenntnis ist die Erfahrung, dass im richtigen Maß des Wollens das Geheimnis der (spirituellen) Entfaltung, der Zufriedenheit, der inneren Harmonie und des Frohsinns liegt.

Volker von Beesten

 

Schick Sal – geschicktes Heil

Es lebte einmal ein Mann auf einer kleinen Insel.
Eines Tages spürte er, dass die Insel unter ihm zitterte.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Aber als die Insel zu zittern aufhörte, beschloss er, erst einmal abzuwarten.
Wenig später brach ein Stück der Küste und fiel tosend ins Meer. Der Mann war beunruhigt.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Da er aber auch gut ohne das Stück leben konnte, beschloss er, weiter abzuwarten.
Kurz danach fiel ein zweites Stück seiner Insel ins Meer. Der Mann erschrak nun heftiger.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Doch als nichts weiter passierte, beschloss er, abzuwarten.
“Bis jetzt” sagte er sich, “ist ja alles gut gegangen.”
Es dauerte nicht lange, da versank die ganze Insel im Meer und mit ihr der Mann, der sie bewohnt hatte.
“Vielleicht hätte ich doch etwas tun sollen,” war sein letzter Gedanke, bevor er ertrank.

Nach Franz Hohler (u.v.a. Träger des Alice-Salomon-Poetik-Preises 2014)

 

Der Mann auf der Insel, das bin ich, das sind wir alle. Wir leben alle auf einer kleinen Insel. Das ist unsere Lebensinsel. Manchmal zittert unsere Insel-Welt. Ganz leise, denn das „Schicksal“ kommt immer erst mit leisen Schritten, mit leisen Ankündigungen. So habe ich es – ganz banal – erlebt im eigenen Garten. Erst war das Unkraut in der Kräuterspirale winzig und ich beachtete es nicht näher. Weil mir das Unkrautjäten lästig war. Doch dann breitete es sich mehr und mehr aus; wurzelte tief und erstickte die wunderbaren Küchen-Kräuter. Letztendlich musste ich die Kräuterspirale Stück für Stück umgraben, alle Kräuter vernichten – und fluchte leise vor mich hin: „Vielleicht hätte ich doch früher etwas tun sollen.“

Dramatischer traf es meinen Freund Werner: verheiratet, erfolgreicher Geschäftsmann und begeisterter Fußballer. Er hatte kaum Zeit für die Familie und überhörte all die Bitten seiner Frau und seiner Tochter nach mehr Gemeinsamkeit. Eines Morgens sah er in der Diele seines Hauses eine Schultüte – da erfuhr er, dass heute seine Tochter eingeschult werden würde. Einen Moment zögerte er, ob er den Bitten seiner Frau und seiner Tochter nachkommen sollte – aber dann entschloss er sich, doch den wichtigen Geschäftstermin wahrzunehmen: „Ihr schafft das schon alleine!“

Ein paar Monate später zeigte seine Frau ihm ein Last-Minute-Angebot einer Reise nach Zypern – wie oft hatten sie doch in der Verlobungszeit davon geschwärmt: Zypern – die Götterwelt und Sonne und Meer. Aber jetzt schüttelte Werner den Kopf: da sei ein wichtiges Fußballspiel seiner Mannschaft, da ginge es um Klassenerhalt etc. Und so flog seine Frau mit Tochter alleine nach Zypern. Kurz über lang – genau dort auf Zypern lernte seine Frau einen Mann kennen und beantragte bald die Scheidung. Werners Insel versank im Meer – heute ist er ein „alter“ Mann – ohne Saft und Kraft.

Das Schicksal tönt nicht mit Pauken und Trompeten, sondern klopft leise an. Gut, wenn wir sensibel sind und auf das Klopfen hören und reagieren. Schicksal halten viele Menschen für Kismet, für gegeben, dagegen sei der Mensch machtlos. Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. Für mich ist jedes Ereignis eine Chance, mich auf meinem Lebensweg zu orientieren. Schicksal ist für mich „Schick-Sal“ – „geschicktes Heil“! Ich achte bewusst auf Zeichen aus meiner Umgebung: Da schnappe ich im Vorübergehen einen Satz auf, der eigentlich gar nicht für mich bestimmt ist – da ich ihn aber höre, nehme ich ihn auf als Hinweis, als Tipp, als Bote. Da sehe ich ein Buch, eine Zeitungsnotiz, und natürlich jede Begegnung mit einem Menschen – so banal all das zu sein scheint – für mich sind das Hinweise, manchmal auch Handlungsanweisungen, die ich umsetzen soll. Eben „geschicktes Heil“.

Mein Vater ist im 2. Weltkrieg als Pilot siebenmal hinter der russischen Front abgeschossen worden – und hat sich immer wieder in die eigenen Reihen durchgeschlagen. Er lebte nach dem Motto: Du bist deines Schicksals Schmid. Anpacken, nie aufgeben. Das hat sich bei mir eingeprägt. In diese meine aufnahmebereite Stimmung passte der Schlager von Conny Froboess: „Auch du hast dein Schicksal in der Hand“. Klingt alles sehr banal, aber hat mich bis heute geprägt – und lebenstauglich gemacht. Ich bin nicht hilflos einem anonymen Geschick ausgeliefert, sondern kann die Fäden meines Lebens in der Hand halten. Egal was passiert, ich sehe darin immer eine Aufforderung zum „Sollte ich etwas tun?“ und eine Chance „Was kann ich daraus lernen?“ Natürlich lebe ich zurzeit – wie wir alle – in einer Komfortzone. Meine Frau hat recht, wenn sie daraufhin weist, dass in einem Kriegsland, im Unwetter á la Dorian auf den Bahamas, im Tsunami oder bei einer bösartigen Krankheit á la Krebs etc. es schwer fallen dürfte, dass als „geschicktes Heil“ anzunehmen. Ich antworte dann meiner Frau immer, dass man ja in den Ereignissen oder gerade mit den Ereignissen wachsen kann. Jedenfalls bemühe ich mich, meine Insel intensiv im Auge zu behalten und auf alle Warnzeichen zu reagieren. Manchmal brachen wirklich große Teile meiner Lebensinsel ab – doch im Nachherein haben sich die schmerzhaftesten Abbrüche stets als die größten Chancen für meine Weiterentwicklung und spirituellen Erkenntniswinkel erwiesen. Immer und immer wieder hat sich meine Insel verändert, teils verkleinert, aber auch erweitert. Ich bin meinem „Schicksal“ sehr dankbar – für mich ist es ist wirklich „geschicktes Heil“.

Br. Volker von Beesten

Hochwürdige, würdige und geliebte Brüder,

im Namen unseres Hochwürdigen Meisters – Br. Arno Moos – möchten wir Sie hiermit informieren, dass am 07. September 2019 um 11.00 Uhr in Alzey die neue Johannis-Loge »Zum brennenden Dornbusch« unter der Konstitution der »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland e. V.« gestiftet werden wird. Es handelt sich dabei um ein historisches Novum, weil die »Große Landesloge« seit ihrer Gründung (1770) noch keine Tochterloge in Rheinland-Pfalz hatte.

In Anhang finden Sie die Hotelempfehlungen sowie die Einladung

Am 6. September findet ab 18.00 Uhr eine Begrüßung samt Sektempfang für die am Vorabend angereisten Schwestern, Brüder und Gäste statt. Hierfür ist eine Anmeldung erforderlich, da anhand von Namenslisten der Zugang zum Stadtweingut gewährt werden wird. Es wird eine Buchlesung ab 18.30 Uhr stattfinden sowie ab 19.30 Uhr lateinamerikanische Live-Musik gespielt werden (Buffet, Getränke und Eintritt werden 25,- € kosten).

Am 7. September findet ab 11.00 Uhr in den gleichen Räumlichkeiten die Lichteinbringung statt. Für Gäste und Schwestern ist zeitgleich eine Stadtführung durch Alzey geplant. Hierfür ist die genaue Anzahl der an der Führung Interessierten zu melden. Ab 13.30 Uhr findet die rituelle Tafelloge statt. Die Brüder werden gebeten, sich für die Tempelarbeit und die Tafelloge anzumelden. (Tafelloge samt Getränken wird 30,- € kosten.)

Nach einer kleinen Pause werden ab 17.30 Uhr die Ansprachen der Vorsitzenden Meister und der Stadtrepräsentanten folgen. Ab 18.30 Uhr wird eine musikalische Untermalung auf das Essen á la carte mit Schwestern, Brüdern und Interessierten um 19.30 Uhr Appetit machen.

Weitere Details finden sich auf unserer beigefügten Einladung.

Bitte melden Sie sich umgehend und verbindlich an, da nur eine limitierte Platzanzahl zur Verfügung steht. Wer sich bereits angemeldet hat, ist in unserer Liste registriert und hat eine Rückmeldung erhalten. Falls nicht, bitte erneut melden. Danke!

Herzliche und brüderliche Grüße

i.d.u.h.Z.

Br. Giovanni Grippo,

Vorsitzender Meister

Mobil 0177-7229779

 

 

 

Die neue Anschrift ab 1. Juli 2019 lautet:

Vereinigten Großlogen von Deutschland,
Bruderschaft der Freimaurer e.V.,
Peter-Lenné-Str. 1 – 3,
14195 Berlin.

The new address as of 1 st July 2019 is:

Vereinigte Großlogen von Deutschland,
(United Grand Lodges of Germany),
Peter-Lenné-Str. 1 – 3,
14195 Berlin – Germany.

Die GLLdFvD hat einen neuen Landesgroßmeister! Mit Br. Uwe Matthes wurde auf der HV 2019, mit großer Mehrheit ein erfahrener Bruder zum Vorsitzenden der GLL gewählt. Zur Seite stehen ihm als 1. Landesgroßaufseher, Br. Andreas Mangelsen und als 2. Landesgroßaufseher, Br. Jörg Keutmann. Diese drei Brüder bilden den geschäftsführenden Vorstand für die nächsten drei Jahre. Beim Johannisfest wurden die BBr. feierlich in ihre Ämter eingesetzt.

Text: Jürgen Wenzel, Bild: Torsten Küster

Legenden

Mit einem Klick geht es zum Vortrag von Br. Klaus Bettag

Ehrwürdiger Meister, meine lieben Brüder!

Vor kurzem hat man auf einem Dachboden in Schweden eine Kiste gefunden, in der sich viele alte Schriften befanden. So z.B. eine Zeichnung, die zum 2. Stiftungsfest der JL „Zu den drei Rosen“ im Jahr 1772, also vor fast 250 Jahren, aufgelegt wurde. Sie entspricht in ihrem blumigen Gewand und ihrer Ausführlichkeit dem Gedankengut der damaligen Zeit und doch müssen wir feststellen, dass sich heute kaum etwas geändert hat. Sie sollte uns zum Nachdenken anregen. (Br. Gernot Riebenstein)

Die Zeichnung (der Vortrag) trägt den Titel: „Über den Werth der Menschen“

Wenn der Mensch über etwas nachzudenken Ursache hat, so ist es über sich selbst. Zwar geschieht dieses von den meisten, denn sinnt nicht der Ehrgeitzige nur immer darauf, wie er einen höhern Rang und mehr Ehre erlange, der Wollüstige, wie er seine sinnlichen Begierden befriedige, und der Geitzige, wie er Schätze sammle? Das nennen sie, über sich selbst nachdenken. Aber von einem solchen Nachdenken kann in einer Versammlung von Freymaurern die Rede nicht seyn. (Versammlung bedeutet Tempelarbeit). Hier kömt es nicht auf den Reichthum oder auf die Schätze oder auf andre äußerliche Vorzüge an, die nur dem Scheine nach Vorzüge sind, und so wenig einen Einfluß auf die Glückseeligkeit der Menschen haben, daß sie selbige vielmehr hindern und öfters ganz zerstöhren.

Ganz anders ist das Nachdenken eines vernünftigen Mannes, eines Freymaurers, über sich selbst beschaffen. Er denkt blos an den Zustand, in welchem sich seine Seele befindet, wie weit er sich von den Lastern entfernt und an Tugenden zugenommen hat. Dieß beschäftigt ihn täglich, und giebt ihm Anlaß, sich immer mehr von den Unvollkommenheiten loszureißen und sich der Göttlichkeit seines Ursprungs wieder zu nähern.

Ich zweifle nicht daran, meine Brüder, daß Sie sämtlich diese Prüfung ihrer selbst, welche uns auch schon die Gesetze unsers Ordens so sehr anempfehlen, zum öftern anstellen. Freylich finden wir nicht selten, indem wir dieses thun, vieles, das uns außerordentlich demüthigt, und es werden wenig Menschen seyn, welche nicht diese oder jene Stelle aus ihrem Leben hinweg wünschen sollten. Bisweilen aber finden wir doch auch Ursachen, mit uns nicht unzufrieden zu seyn, wenigstens mit einzeln Handlungen. Doch auch der Beste wird dabey gewahr, daß er nicht zu allen Stunden gleich edel denkt und handelt, und daß er sehr auf seiner Hut seyn muß, damit das moralische Gebäude, an welchem er Jahre lang gearbeitet hat, nicht in einer unglüklichen Minute wieder einstürze.

Diese Gedanken, meine Brüder, führen mich auf einen sehr natürlichen Gange zu einigen Betrachtungen über den Werth der Menschen, welche ich ihnen jetzo mitzutheilen die Ehre haben werde, wenn Sie mir indes ein geneigtes Gehör gönnen wollen, das ich mir um desto sichrer verspreche, je wichtiger der Gegenstand meiner Rede ist, wenn auch gleich die Ausführung desselben nur unvollkommen ist.

Wenn ich von dem Werthe der Menschen spreche, so versteht es sich von sich selbst, daß darunter kein solcher Werth gemeint sey, nach welchem barbarische Nationen ihm Sclaven zu schätzen pflegen, da freylich ein junger starker Kerl theurer ist als hundert Gellerts. (verstorbener schwächlicher Gelehrter). Eben so wenig kommen hier Talente und Gemüthsgaben in Betrachtung. Helden, Staatsmänner, Philosophen, Gelehrte, Künstler, so groß sie immer seyn mögen, wenn ihr Herz diesen Eigenschaften nicht entspricht, so sind sie unsres Beyfalls ganz unwürdig.

Unter dem Werthe der Menschen verstehe ich hier blos ihren moralischen Werth; die übrigen Eigenschaften derselben mögen beschaffen sein, wie sie wollen. Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht   und klein, ein König könte Sclav, ein Sclave König seyn. Hier kömt alles aufs Herz an; das Herz, das heischen Gesinnungen und Thaten, das Herz allein macht den wahren Werth der Menschen aus, und nach selbigem beurtheilen und schätzen wir alle und jeden. Der bekannte grose Philosoph, der in seinen seltsamen Meinungen nur zu oft recht hat, giebt den Menschen schuld, daß sie nichts in seiner natürlichen Beschaffenheit lassen, sondern alles verderbten. Was aber haben sie wohl mehr verderbt als sich selbst; dafür haben sie eine Menge falscher Begriffe und Vorurtheile eingeführt, daß eine Erfahrung von vielen Jahren auch den aufmerksamsten und scharfsinnisgsten Beobachter kaum die Helfte davon entdeken und vermeiden lehrt.

Wohin ich mein Auge werfe, herrscht Thorheit oder Betrug, und um kein Sonderling zu scheinen, muß man sich der Welt wenigstens gleich stellen. Nur zu oft wird der wahre Werth eines Menschen, dem es an diesem oder jenem Äusserlichen Scheine fehlt, verkannt, und Verdienste bey dem einen übersehen, von welchen ein andrer kaum die Helfte besitzt, und sich damit die Verehrung eines ganzen Königreichs zuzuziehen weiß. Dieser wird um einer Handlung willen in den Kerker geworfen, durch welche ein andrer auf den Gipfel der Hoheit steigt.

Unsinnige Sterbliche, wann werdet ihr Wahrheit vom Betruge, Schein vom Wesen und Größe vom Dunste unterscheiden lernen! Doch es ist schwer, durch alle die labyrinthischen Krümmen hindurch zu schauen, zwischen welche sich der betrügerische Mensch verbirgt. Hinter der Larve der Demuth wohnt Hochmuth, Dienstfertigkeit ist Eigennutz, Freundschaft Haß, Höflichkeit Verachtung, und es giebt kein Laster, das nicht eine Tugend oder gute Eigenschaft hätte, deren Namen und Gewand es zu erborgen pflegt. Es gehört ein sehr aufmercksamer Beobachter dazu, dieses allezeit von jenem zu unterscheiden. Wie glücklich wären wir, wenn wir nach dem Wunsche jenes alten Weltweisen Fenster in die Brust machen, das ist alle Verstellung aus dem menschlichen Herzen verbannen könten. Ich hoffe wenigstens, daß niemand von uns etwas dagegen einzuwenden haben dürfte. Wenn es wahr ist, daß noch kein Mensch seine Talente und Fähigkeiten so hoch getrieben hat, als er sie hätte treiben können; so ist auch wenigstens eben so gewiß, daß noch niemand seinen moralischen Werth zu einer solchen Höhe gebracht, als er denselben hätte bringen können. Zu jenem sind nur wenig Menschen, nemlich solche, die vor andern vorzügliche Gaben besitzen, fähig; diese könten wir alle, denn der ehrliche, der rechtschaffene Mann ist auch ohne Talent schätzbar, und es ist mehr ein witziger Einfall eines unserer besten Schriftsteller, wenn er sagt, man wäre sehr wenig, wenn man weiter nichts als ein ehrlicher Mann wäre als daß er’s im Ernst hätte meinen sollen. (Lessing in Minna von Barnhelm). In Absicht auf die große Welt mag sein Ausspruch gelten, aber in Ansehung der Moralität ist dieses der erste, der vornehmste Character; ein Character, den man nothwendig haben muß, um in unsere Gesellschaften den Eingang zu erhalten.

Der großmüthige, der freygiebige, der Mann, der mit einem Worte Tugend hat, kann dieser nicht in der That seyn, wenn ihm jenes fehlt, so glänzend auch seine andern Eigenschaften seyn mögen. Bey der Welt kömt vieles darauf an, daß man, um hochgeschätzt zu werden, selbst etwas aus sich mache. Es gehört Grimasse dazu, sich in ein gewisses Ansehen zu setzen, und wer diese nicht machen kann, spielt gemeiniglich eine sehr schlechte Rolle auf diesem Schauplatze. Sehen Sie, wohin Sie wollen, und Sie werden finden daß die Sache sich wirklich so verhält.

Alles dieses glänzende Wesen aber, diese gierige Minen, womit der große Name auf geringere herablächelt, diese andächtige Stellung, womit uns Philander von seiner Frömmigkeit überzeugen will, Stephans Eifer, womit er uns zu dienen sucht, sind blos ein Firnis, hinter welchem wir gerade das Gegentheil von dem was sie seyn wollen, erblicken würden, wenn wir Gelegenheit fänden, ihnen diesen Firniß abzuziehen. Unsre Gesetzbücher bedienen sich eines vortreflichen Sinnbilds, wenn sie von den Fehlern des menschlichen Herzens reden; sie nennen sie Risse und Lücken und haben uns diese Mauerkelle gegeben, selbige damit zu bewerfen und auszufüllen. Manche Münze hat ein schönes Gepräge und den Schein des edelsten Metalls; allein der Probier und der Schmelztiegel geben uns einen weit geringern Gehalt zu erkennen, als wir gedacht hätten.

Der war gewiß kein flüchtiger Beobachter von dem Werthe der Menschen, welcher sagte, die meisten verdienten nicht, daß man sie mehr als einmal sähe, und es würde schwer fallen ihm das Gegentheil zu beweisen. Ich glaube nun so viel von dem moralischen Werth der Menschen gesagt zu haben, als jeder von uns zur Prüfung seiner Selbst und andre brauchen dürfte. Denn dieser eine Werth ist es, wie Sie wissen, worauf bey der Maurerey am meisten gesehn wird. Nach demselben beurtheilen wir unsere Mitglieder, darum ist es geschehen, daß unser Orden den Unterschied der Stände aufgehoben hat, welcher so vieles Unheil in der Welt anrichtet.

Man nenne mir ein Laster, das nicht seinen Ursprung wenigstens zum Theil demselben zu dancken hätte. Wer würde etwas vom Neid, dem Stolz und von der Habsucht wissen, wenn nicht die ursprüngliche Gleichheit aufgehoben worden wäre. Diese niedrigen, unnatürlichen Laster, welche den grösten Monarchen unter seinen geringsten Unterthan herabsetzen! Doch was Monarchen! Blos jene Laster haben sie uns nothwendig gemacht, wenn sie anders nothwendig sind, und wenn man nicht in einem Staate, wo jeder einander gleich wäre, glücklicher zu leben vermag. Doch diese Untersuchung würde mich zu weit führen. – Aber trotz diesem Unterschiede der Stände wohnen auch in Hütten Edle und in Pallästen Armseelige. –

Schon durch diese Gleichheit ist die Freymaurerey, wenn sie auch sonst nichts gutes hätte, die vortreflichste aller Gesellschaften. Wie glücklich sind wir, daß wir Freymaurer sind. Das heist, Leute, welche die Vorurtheile der Welt von Rang, Ehre, Reichthum, abgelegt haben, und jeden blos nach seinem moralischen Preise schäzen. Eine Wahrheit, die uns zwar schon das Recht der Vernunft lehrt, die aber von allen ohne Ausnahmen verkannt, und blos noch von den Freymaurern ausgeübt wird. Wie glücklich würden die Weltbürger seyn, wenn sie diesen Grundsatz annähmen, und wie nützlich würde auch aus dieser Betrachtung die Ausbreitung, und wenn ich so sagen darf, die Algemeinheit der Freymaurerey werden! Doch dieses ist, wie vieles Gute in der Welt mehr zu wünschen als zu hoffen.

Die Feyer des heutigen Tages, meine Brüder, es ist, wie Ihnen bekannt ist, der Stiftungstag der gerechten und vollkommenen Loge zu den drey Rosen, setzt mein Herz in eine freudige Bewegung, die, ich bin überzeugt, alle diejenigen, welche an dem Wohl der Maurerey überhaupt und insbesondre an dem Flor der Rosenloge theil nehmen, gleich starck empfinden. Es sind nicht länger als 2 Jahre, da diese Loge unter dem Beystande des göttlichen Baumeisters errichtet ward, und doch kann sie in Ansehung auf Menge und Würdigkeit ihrer Mitglieder sich mit den ältesten Logen messen. Wir zehlen an Mitgliedern über 60, von denen aber verschiedene abwesend sind, und unsere geehrteste Schwesterloge zur goldenen Kugel hat ebenfals ihren Anfang von uns genommen. Etwas zum Lobe unsrer Mitglieder zu sagen, verbietet mir ihre Bescheidenheit. Es ist genug, wenn ich vor ihnen sämtlich behaupte, daß sie gute Maurer sind. Lassen Sie uns, meine theuersten Brüder, den heutigen Tag mit dankvollen Empfindungen gegen unseren obersten Baumeister begehen, und dann uns unter einander und über einander freuen, daß wir Maurer sind und den algütigen Vater dieses Alls bitten, daß er uns auch künftig unter seinen Schutz nehme, und sich unsre Arbeiten wohlgefallen lasse. Ξ

Ehrwürdiger Meister, meine Zeichnung ist beendet.

Br. Gernot Riebenstein, Altlogenmeister der JL „Zu den Drei Rosen“, hielt diesen Vortrag am 28.03.2019 bei der JL „Absalom zu den drei Nesseln“.