Der Obermeister als lebenswirkliches Vorbild –

Gelesen von Br. Volker von Beesten –

Der Journalist und Buchautor Franz Alt hat wieder ein Buch[i]veröffentlicht – natürlich über seinen besonderen Freund Jesus von Nazareth. Alt offenbart dem Leser einen anderen Jesus als die Kirche seit 2000 Jahren ihn uns einreden will. Dieser Jesus ist lebendig, menschlich und zeitnah. Es ist keine gereinigte, abstrakte, blutleere Figur, die unerreichbar schön und edel in den Wolken schwebt.

Zu Jesus Gefolgschaft vor 2000 Jahren gehörten neben Männern auch Frauen. Das war zu der Zeit ein Unding. Aber Jesus setzte sich darüber hinweg und ihn begleiteten immer „Jüngerinnen“. Unter anderem Maria Magdalena. Was wurde nicht alles Bösartiges über diese Frau geschrieben – nur damit später in der Kirche der Vorrang der Männer begründet werden kann. Noch heute turnen in einer großen Kirche nur Männer mit Frauenkleidern vor dem Altar herum. „Die Überbewertung des Männlichen in den Jahrtausenden des Patriacharts hat Probleme geschaffen, …die ohne Integration des Weiblichen nicht mehr zu lösen sind. Diese Integration ist unsere größte Zukunftshoffnung. Deshalb ist ein Paar wie Jesus und Maria Magdalena von menscheitsgeschichtlicher Bedeutung.“[ii]

Und über Judas schreibt der Autor: „Seit 2000 Jahren wird Judas von Christen mit Schmutz beworfen ähnlich wie Jesus…damals von jüdischen Theologen. Der „Verräter“ war Jesus treuester Jünger. Nicht Judas hat Jesus verraten, sondern Petrus, als er Jesus dreimal leugnete…“[iii]

Aber Franz Alt wäre nicht Franz Alt, wenn er in diesem Buch nicht auch Stellung nehmen würde zur Gegenwart. So lautet ein Kapitel ganz aktuell „Was lernen wir aus der Corona-Krise?“. Oder seine Freude an dem amtierenden Papst Franziskus, der den Mut hat, vorzuschlagen, eine Zeile im Vaterunser zu ändern, gegen den Widerstand der deutschen Bischöfe beider Kirchen – denn so Franziskus „Gott führt uns nicht in Versuchung.“ [iv]

Die 310 Seiten des Buches lesen sich flott runter, immer mit Enthusiasmus und Spannung geschrieben; von Seite zu Seite fühlte ich mich bereichert. Für mich ist unser Obermeister jetzt mir noch näher gekommen – als ein lebendiges Vorbild, voller Kraft und Engagement für seine Überzeugung und mit unerbittlicher Klarheit gegen jegliche Heuchelei, auch wenn er damit sein Leben gefährdete.

 

[i]Das Buch kostet 24 € bei Herder und ist auch als E-Book erhältlich.

[ii]Ebenda S. 48

[iii]Ebenda S. 272

[iv]Ebenda S. 136

Unsere Beziehung zum Salomonischen Tempel.

 

Noch bevor ein Suchender aufgenommen wird, erfährt er aus Büchern oder dem Internet, dass wir Freimaurer am Tempel Salomos bauen. Doch was es damit auf sich hat, mit diesem ideellen Tempel, das sagen wir ihm nicht, oder wir bleiben vage. Deshalb möchte ich diesen Tempel heute etwas näher betrachten. Also: Was ist das, der Tempel Salomo? Oder noch anders: Was ist ein Tempel überhaupt und was hat er mit uns zu tun?

 

Tempel gibt es seit etwa 5800 Jahren. Mit dem Wort sind grundsätzlich Gebäude gemeint, in denen rituelle Handlungen ausgeführt werden, meist in Verbindung mit einer Weltanschauung oder Religion. Bei den Etruskern und Römer waren Tempel lediglich besondere Räume oder Plätze, von denen aus die Auguren den Vogelflug beobachteten. Anhand des Fluges meinten sie, die Zukunft vorhersagen zu können. [1]

 

Das wichtigste an diesen Räumen oder Plätzen: Sie waren der normalen Welt entrückt, für normale Menschen nicht zugänglich und den Auguren, also Priestern, vorbehalten.

Im Laufe der Jahre veränderte sich nicht nur die Gestalt der Tempel, sondern auch ihr Charakter. Letztendlich wurden sie zur Wohnung und Ort der Anbetung des jeweiligen Gottes. Rund um die Tempel entwickelte sich soziales, politisches und wirtschaftliches Leben. Und je stärker der Gott in das Leben der Menschen einzugreifen berechtigt war, umso lebhafter, lebendiger, weltlicher wurde das Umfeld des Tempels.

Als negativen Auswuchs beschreibt die Bibel diese Entwicklung im Jerusalemer Tempel. Zornig vertreibt Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem sogenannten Herodianischen Tempel. Das war der von König Herodes, dem Großen, in Auftrag gegebene Nachbau des Salomonischen Tempels.

Dieser Salomonische Tempel, der 1. Tempel, ist aus der sogenannten Stiftshütte hervorgegangen, jenem mobilen Heiligtum, das die Israeliten bei ihrer Flucht aus Ägypten mit sich führten. Laut Bibel gab Gott selbst Mose die Anweisung, wie er das Stiftszelt zu gliedern hat.

Es gliederte sich in drei Teile, deren Bau in der Bibel genau beschrieben wird. JHWH beginnt in der Bibel bei seiner Beschreibung von innen nach außen.

Zuerst beschreibt er wie die Bundeslade auszusehen hat, die Heimstadt für die beiden Gesetzestafeln mit den zehn Geboten. Dann folgt die Beschreibung des Allerheiligsten, in dem er, Gott, in Form der Tafeln wohnt. Danach beschreibt das Aussehen des heiligen Raumes und des Vorhofes. Bis ins kleinste Detail gibt er Mobiliar und Material und Sinn für alle Tempelteile vor.

Nun, im übertragenen Sinn nähert sich JHWH mit dieser Beschreibung von innen nach außen den Menschen: Ausgehend von seinem Wort, dem „Ich bin der ich bin“ und dem Dekalog, den zehn Geboten, über das dem Hohepriester vorbehaltene Allerheiligste und dem heiligen Raum der Priester bis zum Vorhof, in dem das einfache Volk wartete und betete.

Dabei ist der Tempel nicht nur Ort der Anbetung – nein – er ist zuallererst die Wohnung JHWH. Der hat Mose den Auftrag für die Schaffung des Stiftszelts gegeben, damit er – JHWH – „unter ihnen wohne“2

Die Gliederung des Stiftszeltes wurde im Salomonischen Tempel übernommen. In seinem Büchlein „Der salomonische Tempel“ 3  beschreibt unser Ordensbruder Giovanni Grippo die Ausmaße des Tempels:

 

„Der Tempel hatte (…) eine Länge von 35 Metern. Er bestand aus drei nacheinander angeordneten Räumen. Der Tempel bestand aus einer Vorhalle (Ulam) von 5 x 10 x 15 Meter, einem Hauptraum (Heiliges / Hekal) von 20 x 10 x 15 Meter und dem Allerheiligsten (Debir) von 10 x 10 x 10 Meter.“Das stand wahrscheinlich erhöht auf einem Podest.

Bei diesem Allerheiligsten ist also die Länge gleich der Breite und der Höhe. Es ist ein Würfel, ein Kubus, ähnlich dem, der uns durch die Grade hinweg begeleitet.

Unser freimaurerischer Tempel ist diesem salomonischen Tempel nachempfunden, nicht überall direkt baulich, aber in seiner rituellen Gliederung. Anders als in Salomos Tempel liegt bei uns die Tempeltür im Westen. Das hat historische Gründe: Seit Jerusalem für die Christen heilig ist, sind alle Heiligtümer der Christenheit mit dem Altar nach Osten ausgerichtet und die Tempeltür liegt immer dem Altar gegenüber.

Der Vorhof, den wir durch die Tempeltür betreten, reicht von dieser Tür im Westen bis unmittelbar vor die Pulte der beiden Aufseher. Aufseher und Wachthabender sitzen also im für alle zugänglichen Vorhof des Tempels.

Zwischen den beiden Aufsehern führt eine symbolische Tür in dem Mittleren Raum, den Hauptraum, das Heilige. Hier liegt unsere Arbeitstafel und in diesem Raum der Priester wird gearbeitet, mit Gott gesprochen, dem Dreifach Großen Baumeister der ganzen Welt.

 

Der Hauptraum reicht von den Pulten der Aufseher bis etwa auf Höhe der Pulte von Sekretär/ Redner auf der einen und Schatzmeister/Zeremonienmeister auf der anderen Seite. Die Arbeitstafel schließt an dieser Seite mit dem Vereinigungsband ab.

Und genau hier auf Höhe des Vereinigungsbandes liegt in der zweiten symbolischen Wand des heiligen Raumes, die Tür zum Allerheiligsten. Das ist zwingend, denn das Vereinigungsband stellt unter anderem jenes Band dar, das den Vorhang zum Allerheiligsten zusammenhielt.

Und so erklärt sich auch ein Vorgang im Aufnahmeritual, den jeder Bruder erlebt hat.

Wenn nämlich der Leidende mit den drei merkwürdigen Schritten über den Teppich geführt wird, kurz vor dem Winkelmaß und dem Vereinigungsband ankommt,

steht er unmittelbar an der symbolischen Tür zum Allerheiligsten. Dort macht er blind und Hand in Hand mit den Aufsehern eine Verbeugung vor dem Dreifach Großen Baumeister, verkörpert durch den Logenmeister.  Der sitzt genau gegenüber dieser symbolischen zweiten Tür und der Weg zu ihm führt nur über das große Licht, das Wort Gottes, die Bibel, die auf dem Altar liegt.

Doch noch darf sich der Leidende dem Allerheiligsten nicht nähern.

Zunächst wird er blind und rückwärts über die Arbeitstafel zurückgeführt, als Ehrerbietung vor Gott. Erst wenn ihm im Vorhof Salomos Siegel, das Siegel der Verschwiegenheit, aufgedrückt wurde, darf sich der Leidende durch die zweite symbolische Tür dem Allerheiligsten nähern und dort am Altar vor dem Dreifach Großen Baumeister der ganzen Welt das Gelübde ablegen.

Wenn also der Logenmeister vom Altar aus mit den beiden Aufsehern spricht, spricht symbolisch der Dreifach Große Baumeister mit dem Menschen außerhalb des Tempels. Und wie die Leviten im Heiligen Raum des salomonischen Tempels gearbeitet haben, so arbeiten wir Brüder im Mittelsten Raum unseres Tempels.

Doch, meine Brüder, wir wären nicht Freimaurer, wenn wir diese an sich schon herrlich verschränkte Symbolik nicht noch auf die Spitze treiben würden.

Bei uns Freimaurern wird aus dieser doppelten Tempel-Symbolik nämlich eine Dreifache.

Wir haben hier einen Matryoschka-Tempel: drei Tempel ineinander verschachtelt wie die traditionelle russische Steckpuppe.

Bei uns Freimaurern wird aus dieser doppelten Tempel-Symbolik nämlich eine Dreifache.

Da ist zunächst die Welt, in der wir am weltumspannenden Salomonischen Tempel bauen.

Darin steht unser freimaurerischer Tempel, das Abbild jenes Salomonischen Tempels.

Und mitten im Tempel liegt unsere Arbeitstafel, die wiederum nur ein Symbol für ein neues Arbeitsfeld ist. Sie steht für den Bruder. Denn jeder von uns ist ein Tempel, sein eigener Tempel.

Das wird deutlich, wenn der Logenmeister vor Öffnung der Loge fragt:

„Bruder 2. Aufseher, was ist die Pflicht eines guten Freimaurers, bevor die Loge geöffnet wird, insbesondere des zweiten Aufsehers?“ Der antwortet: „Nachzusehen, ob die Loge recht und gehörig gedeckt ist.“

Wenn daraufhin der Logenmeister seinen Auftrag erteilt und der 2. Aufseher ihn ausführt, haben die Brüder Zeit zu prüfen, ob sie alle profanen Gedanken, alles Störende beiseitegeschoben haben und die Arbeit beginnen können. Das, meine Brüder, ist nichts anderes als die „Inspektion“ unseres inneren Tempels, der sich hier kurzzeitig mit den anderen beiden Tempeln verbindet. Dabei bilden Augen, Ohren, Zunge, Hände und Nase die Tempeltür. Vorbei an Verstand und Gewissen geht es dann zu unsrem innersten Raum, unserem Heiligtum.

Doch dieses Heiligtum zu erreichen ist nicht leicht. Es ist zwar da, immer, ewig unzerstörbar.

Doch wir können es nur gut vorbereitet betreten, nur wenn wir alles aus diesem Tempel entfernen, es vor die Tür kehren, pro fanum, oder übersetzt: vor das Heiligtum. Das tun wir, in dem wir schweigen.

Alles was wir im Leben tun, tun wir also nicht nur in der profanen Welt, sondern auch in einem Heiligtum, das vom Schöpfer selbst gestaltet wurde und in dem er gleichzeitig anwesend ist, Teil dieser Schöpfung ist. Dieses „in der Schöpfung wohnen“ – wir erinnern uns an den Auftrag Gottes an Mose – wird auch bei uns symbolisiert durch das Allerheiligste, in dem der Logenmeister als lebendiges Symbol des Göttlichen sitzt.

Wenn wir dieses Bild weiterspinnen und die Arbeitstafel als Abbild des inneren Tempels, also als Skizze des Innenlebens des Bruders sehen, muss es etwas auf der Arbeitstafel geben, das dieses Allerheiligste symbolisiert.

Daraus, meine Brüder, ergibt sich eine zwingende Frage für jeden von uns:

Wenn dieses Symbol auf der Arbeitstafel gezeigt wird, muss dieses Symbol nicht auch eine Entsprechung in uns haben? Und wenn dem so ist; was bedeutet das für uns und unseren Ordensweg?

Mit diesen Anregungen, meine Brüder, beschließe ich meinen Vortrag und schicke Euch in den Tempel, den Ihr untrennbar immer in euch tragt.

 

Br. Stefan Szych

 

„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Mephistopheles im Faust I.

 

Ich bin immer wieder fasziniert, von dem scheinbaren Widerspruch und der Aktualität des Satzes. „Dank“ Mephistopheles ist das Böse in der Welt – doch warum lässt ein allgütiger, allwissender und allmächtiger Gott das Übel zu? Die Frage hat sich schon Hiob gestellt. Und schon vor Christi Geburt haben sich die Stoiker in Griechenland die Frage gestellt: „Warum müssen wir in dieser Welt leiden?“ Oder aktuell die Frage: Warum gibt es auf der Welt Viren, die Leiden verursachen?

In der abendländischen Tradition der Mythologie und Theologie wurden immer wieder Versuche unternommen, dem Leiden einen Sinn zu geben und zu erklären. Nach Überzeugung des Pessimisten Friedrich Nietzsche (1844-1900) kann nur der überleben, wer im Leiden einen Sinn findet. Doch worin liegt der Sinn des Leidens? Eine Antwort hat der deutsche Philosoph und Allroundwissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz 1710 versucht zu geben mit seinem Buch „Die Theodizee. Von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels.“  Warum müssen wir Menschen leiden? Leibnitz einfache Antwort lautet sinngemäß: Weil der Mensch den Sinn des Leidens nicht versteht. Leibnitz geht davon aus, dass Gott das Böse in der Welt zulässt, damit der mit Freiheit ausgestattete Mensch sich entfalten kann, indem er das Böse nicht als Hemmnis ansieht, sondern als Aufforderung zum Überwinden des Bösen und damit zur Persönlichkeitsentwicklung.

In unserer heutigen durchrationalisierten Welt hat Gott einer aufgeklärten Vernunft Platz machen müssen. Darin ist Leiden einfach Teil des Lebens. Somit stellt sich für die meisten Menschen die Frage nach dem Sinn gar nicht mehr. Und wenn doch, dann heißt es lapidar: Akzeptiere dein Leid und stelle dich dem Leben.

Damit liegt der Sinn des Leidens in der Chance, das Böse umzuwandeln, um daraus Pluspunkte für die persönliche Lebensentwicklung zu gewinnen. Ich verweise hier auf die Geschichte von Adam und Eva, die von der Schlange (Mephistopheles) verführt werden – und nun das Überleben im Schweiße ihres Angesichts verdienen müssen. Liegt der Sinn der Vertreibung aus dem Garten Eden in der Aktivierung ungeahnter Ressourcen, die im paradiesischen Leben nicht erforderlich waren und verkümmert wären? Oder wie es der libanesische Philosoph Khalil Gibran (1883-1931) positiv formulierte: „Aus dem Leiden gingen die stärksten Seelen hervor.“

Es gibt viele Beispiele, die wir alle erlebt haben und noch erleben. Da ist zum Beispiel eine Krankheit, die erst Ängste fördert, dann aber den Lebensmut weckt und „die Seele stärkt“. Oder – wie es mein Vater immer sagte – wetterfest macht. Das Übel muss gar nicht am eigenen Leib erfahren werden. Es reicht auch aus, wenn ich es unmittelbar miterlebe bzw. davon erfahre und es mich betroffen macht.

Die Antwort auf die Frage Nietzsches „Hat das Leiden einen Sinn“ kann nur lauten: Ja, denn das Böse ist Mittel zum guten Zweck – auch wenn wir das im Moment nicht erkennen können. Denn das Übel ist kein Zufall, sondern bewusst von Gott eingesetzt, um uns Menschen einen Stoß in die richtige Richtung zu geben. So könnte Gott zum Beispiel die Weltkriege und Diktaturen des 20. Jahrhunderts zugelassen haben, damit die Menschen Achtung vor dem individuellen Leben, Gedankenfreiheit, Mitgefühl, Schamgefühl, Solidarität usw. erkennen und wertschätzen.

Wenn Gott, der dreifach große Baumeister allmächtig ist, dann ist er auch Herr über die Zeit – und weiß heute schon was Morgen, in der Zukunft sein wird. Uns aber ängstigt heute das aktuelle Übel, weil wir den Sinn noch nicht sehen können. Immer aber ist aus all dem Bösen in der Welt Gutes gewachsen.  Aus der grauenvollen „dunklen Zeit“ zwischen 1939 und 1945 entstand beispielsweise eine stabile Demokratie auf deutschem Boden, die auch der aktuellen Corona-Krise trotzen kann. Vielleicht sollen wir durch das „teuflische“ Virus aufgerüttelt und aus einem „Paradies“ vertrieben werden? Der Blick in die Zukunft ist uns verwehrt, aber dank Mephistopheles wissen wir: Aus jedem Übel wächst das Gute unaufhaltsam.

Volker von Beesten

Was diskutieren die „Altpreußen“?

Jede deutsche Großloge hat in ihrer Geschichte immer wieder bedeutende freimaurerische Schriftsteller hervorgebracht. Dies gilt in besonderem Maße für die sehr alten Großlogen, welche man auch die „altpreußischen“ nennt. Es sind neben unserer Großloge die Große Nationale Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (gegründet 1740) und die ehemalige Großloge und heutige Große Loge „Royal York zur Freundschaft“ (gegründet 1798). Unsere Zirkelkorrespondenz dokumentiert durch jedes ihrer Hefte auch die aktuelle inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Lehrgebäude des Freimaurerordens. Was tut sich diesbezüglich bei den anderen „Altpreußen“? Wie wird von den Brüdern, welche dort das Wort führen, über Rituale, Quellen, Sichtweisen, Symbole, Geschichte, Sinn, Zweck und Aktualität von Freimaurerei nachgedacht?

Einen diesbezüglichen Einblick in die Bruderschaft der „Royal York“ gibt die Festschrift zum 50. Mauerjubiläum von Hermann-Friedrich Kramer, Oberredner des Inneren Orients. An den 11 Reden, Artikeln, Instruktionen aus den Jahren 2016 bis 2019 beeindrucken die fast durchgängigen Ableitungen der Positionen des Autors aus der griechischen Philosophie einerseits und die Verknüpfung seines Bildes von Freimaurerei mit aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen anderseits. Dabei spannt Bruder Kramer den Bogen vom freimaurerischen Menschenbild, über die „heilige Geometrie“ und die Pythagoreische Zahlensymbolik bis zu Vorstellungen über die Seele und der Frage nach einer aufgeklärten Religion. In den Antworten des Autors wird viel vom heutigen Selbstverständnis seiner Großen Loge deutlich. Hervorzuheben ist dabei vor allem, die inhaltliche Verwurzelung freimaurerischer Denkweisen in Gedankengebäuden, welche ihre Wirkungen lange vor Christentum, Kabbala, Aufklärung o.a. Quellen wirkmächtig entfaltet hatten. Vorbildlich ist auch die umfassende Herangehensweise an freimaurerische Fragen. So diskutiert der Autor auf nur 13 Seiten stets  allgemein-verständlich „Vorstellungen über die Seele“ an Hand von Aussagen alt-ägyptischer und darauf aufbauender jüdischer Denker (ab spätestens 1.000 v. Chr.), der Zorastiker (spätestens 600 v. Chr.) , der Orphiker (550 v. Chr.) und der Pythagoreer (ab 620 v. Chr.), von Platon (428-348) und Aristoteles (384-322), den Stoikern (um 300 v. Chr.), den Anhängern Epikurs (341-270 v. Chr.), dem vermutlichen Herangehen ans Thema durch die Essener und die jüdische Philosophie des Mittelalters, den Thesen von Origenes (185-254), Laktanz (240-320), Th. von Aquin (1225-1274), Descartes (1596-1650), Leibniz (1646-1716), Kant (1724-1804, Hegel (1770-1831) und Sartre (1905-1980). Die in Schriften und Reden anderer zeitgenössischer Autoren zu findenden Einschränkungen auf jeweilige „Lieblingsquellen“, vermisst der Leser wohltuender Weise nicht.

Übrigens: Bruder Kramer erblickte das freimaurerische Licht 1969 in einer Loge unserer Lehrart. Er bekennt im Buch, dass er mit der christlichen Ausrichtung zwar „gefremdelt“, aber die „Grundausbildung“ im Orden genossen habe. Nach 50 Jahren gibt Bruder Hermann-Friedrich Kramer mit seiner Schrift uns für diese Grundausbildung ein reiches Geschenk zurück, wie er überhaupt mit vielen unserer Brüder, z.B. der Forschungsvereinigung „Frederik“, in enger Verbindung steht. Auch dafür herzlichen Dank!

Br. Uwe Matthes

… mit einem Klick öffnen Sie ein PDF-Dokument:  FREIMAURER-Buch 

Hochwürdiger Meister,

würdige und geliebte Brüder,

 

Die Werkzeuge des Freimaurers sind…

 

natürlich rein symbolisch. Symbolische Werkzeuge sind vielfältiger als materielle, weil sie sich angepasst an die Situation neu interpretieren lassen.

Sie behalten im Fortgang der Grade nicht nur die eine anfängliche Bedeutung,

sondern können diese verändern oder neue dazu bekommen und ihre Bedeutung sogar ausdehnen.

 

Nehmen wir den Hammer. Er ist ein kraftvolles Werkzeug. Doch wie der Volksmund sagt: Wer als einziges Werkzeug einen Hammer besitzt, wird jedes Problem als Nagel begreifen.

 

Und so wird kein Bruder einen Hammer in die Hand nehmen, auf etwas in seiner Wohnung oder seinem Büro herumschlagen und dann behaupten, er arbeite freimaurerisch.

 

Der Hammer ist in der Ordens-Freimaurerei ein Gavel, ein Sitzungshammer.

Während die Brüder der Lehrart AfuAM einen Spitzhammer verwenden,

um die Ecken und alles Überflüssige von ihrem rauen Stein abzuschlagen,

hat der Hammer in der GLL eine ordnende Funktion.

 

Bruder Widmann sagt in seiner Concordanz von 1867: „Der Hammer (…) ist ein Symbol der befehlenden Macht, sowohl des Schöpfers und Regierers der Welt, als eines Herrn, Fürsten oder Meisters unter den Menschen, und als solches uralt. Er stellt das Kreuz (die aktive und passive Kraft) vor, durch dessen Kraft alle Ordnung in der Welt erhalten wird.“

 

Der Logenmeister ruft damit die Brüder zur Ordnung und auch die beiden Aufseher benutzen dieses ordnende Werkzeug. Doch der Hammerschlag des Logenmeisters ist machtvoller, denn er symbolisiert den Ordnungsruf des Dreifach Großen Baumeisters, das göttliche Gesetz. Diesem Gesetz müssen sich auch die ordnenden Kräfte von Verstand (1. Aufseher) und Gefühl (2. Aufseher) unterwerfen. Denn ohne Ausrichtung auf das göttliche Prinzip wären sie orientierungslos.

 

Wenn dieses Prinzip schon für die beiden Aufseher als hammerführende Beamte gilt, wie viel mehr muss es dann für die anderen Beamten und die Brüder im Tempel gelten?

 

Um herauszufinden, was das für den Alltag eines jeden von uns bedeutet,

möchte ich kurz auf meine Erörterung zu den Beamtenpositionen zurückkommen. Dabei habe ich ausgeführt, dass jeder Beamte über die rituelle Funktion hinaus noch mindestens eine weitere Funktion hat.

 

Dabei gehe ich davon aus, dass der Tempel im Logenhaus, ein materielles Abbild jenes Tempels ist, den jeder Bruder in seinem Innern bildet, also ein Abbild des Ortes ist, in dem der Göttliche Funke wohnt. Damit hat alles im Logentempel einen direkten Bezug zum Innenleben des Bruders.

 

Der Logenmeister symbolisiert den göttlichen Anteil,

der erste Aufseher den Verstand,

der zweite Aufseher das Gefühl,

der Zeremonienmeister Disziplin,

der Sekretär Gedächtnis und Erinnerungen,

der Schatzmeister Kondition und Gesundheit,

der Redner Selbstdarstellung und Kommunikation

und der Wachthabende hält die Konzentration aufrecht.

 

Wenn wir jeden Bruder als Abbild des materiellen Tempels im Logenhaus nehmen, kommen wir schnell dazu, dass alles was wir im Tempel tun,

eine Folge für das Leben des Bruders hat.

 

Wenn also alle Beamten ihre Arbeit an der Arbeit und dem Ordnungsruf des Logenmeister als Symbol des Dreifach Großen Baumeisters ausrichten,

kann das nur heißen, dass sich auch der Bruder bei seiner inneren Arbeit immer wieder auf den Dreifach Großen Baumeister ausrichten muss.

 

Doch wie macht man das?

Was heißt das im Alltag?

Konkreter:

Was für bedeutet das in Zeiten von Corona und der dadurch bedingten Vereinzelung?

 

PAUSE

 

Dazu stelle ich zunächst eine Prämisse auf: .

Wenn das göttliche Gesetz, das vom Logenmeister symbolisiert wird,

sich in einem Begriff zusammenfassen ließe, würde dieser Begriff „bedingungslose Liebe“ heißen.

 

Es ist das liebevollste, allumfassend und schöpferischste Prinzip,

großzügiger und selbstloser als alles, was wir uns vorstellen können,

angstfrei, wild und von einer Strahlkraft, der nichts gleichkommt.

Es ist jenes Licht, von dem es in der heiligen Schrift,

unserem größten Licht, heißt:

 

„Und Gott sprach, es werde Licht und es ward Licht.“

 

Und von nun an wird das Leben eines Freimaurers leicht:

Denn immer, wenn wir uns fragen:

 

Was sollen wir tun?

Was ist wichtig in diesen Zeiten?

Handeln wir richtig?

Werden wir ungerecht behandelt?

 

müssen wir nur eines tun:

 

Wir müssen prüfen, ob die Antwort, die uns gegeben wird und die wir uns selbst geben, diesem höchsten Prinzip dient. Machen wir einen Versuch in Form eines inneren Dialogs.

 

Nehmen wir an, ich bekomme Zweifel an der Maskenpflicht wegen Corona.

Dann könnte dieser Dialog so aussehen:

 

Frage:Welchem liebevollsten Prinzip soll die Maske dienen?

Antwort:Dem Schutz der Menschen, die sich anstecken könnten.

Gegenrede: Die Masken sollen aber kaum helfen.

Antwort:Auch wenn sie nur ein wenig helfen, tragen Sie zum Gesamtergebnis bei.

Gegenrede:Ich fühle mich aber eingeschränkt und leide darunter.

Antwort:Ich auch, aber vielleicht verhindere ich durch diese lästige Maske schlimmere Leiden bei anderen, die schwer an Corona erkranken oder deren Angehörige daran sterben. Ist es das nicht wert?

Gegenrede:Vielleicht aber auch nicht.

Antwort:Ist es nicht besser kein Risiko einzugehen, statt leichtsinnig zu sein und Menschenleben zu gefährden?

Gegenrede:Aber es sind doch nur die Alten und die mit Vorerkrankung gefährdet.

Antwort:Selbst, wenn das stimmen würde, was macht ihr Leben weniger wert als Deines? Auch sie haben ein Recht lange zu leben, und werden von Menschen geliebt, die leiden würden, wenn ihre Angehörigen sterben würden.

 

Dieser innere Dialog soll nur ein Beispiel sein.

 

Er könnte so oder so ähnlich zu jedem beliebigen Streitthema geführt werden

und sollte nur zeigen, dass die Antwort stets die liebevollste sein sollte, diejenige, die das Prinzip der Nächstenliebe, also den Kern unserer Ordensgesetze, erfüllt.

 

Erinnern wir uns an Bruder Widmann:

Der Hammer stellt auch das Kreuz dar, also das Leidenssymbol unseres Obermeisters.

Indem wir dem Hammerschlag des Logenmeisters,

also dem Ruf des Dreifach Großen Baumeisters folgen,

bleiben wir in seiner Liebe und erfüllen die Ordensgesetze,

die Richtschnur unseres Lebens als Freimaurerritter sind.

 

Es geschehe also.

 

Vortrag von Stefan Szych während der Erörterung der Johannisloge Zur unverbrüchlichen Einigkeit am 17. Juni 2020, via Zoom-Konferenz

 

Die Lehre des Mullahs

Jemand beobachtet des Nachts Nasrudin, wie dieser etwas auf dem Boden unter einer Laterne sucht. „Was hast du verloren, Nasrudin“, fragte er. „Meinen Schlüssel“, antwortete der Mullah. Beide lagen nun auf den Knien und suchten. Nach einer Weile fragte der andere: „Wo hast du ihn denn verloren?“ „Dort hinten“, und Nasrudin zeigte in die Dunkelheit. „Aber warum suchst du dann hier unter der Laterne?“ „Weil es hier hell ist.“

Für die Logik des Mullahs ist es klar: Er sucht das Verlorene im Hellen, nicht in der Dunkelheit. Denn dort sieht er ja nichts. Vielleicht schmunzeln wir jetzt über die Logik des Mullahs – und handeln doch tagtäglich selbst so. Wenn wir mit einem Problem konfrontiert werden, greifen wir erst einmal auf die gewohnten Lösungswege zurück. Die sind uns vertraut, also sichtbar. Wir blenden unbewusst Informationen aus, die im Dunklen, im Verborgenen liegen. Frei nach Bert Brecht: Man sieht nur die (Lösungen) im Lichte, die im Dunklen sieht man nicht. Ich kann auch statt „Lösungen“ sagen: Maßnahmen, Schritte, Ideen, Hoffnungen, Möglichkeiten, Antworten, etc. Wir erleben gerade die Brüchigkeit unseres Lebens. Vielleicht haben wir es immer geahnt, dann aber erfolgreich ignoriert. Wie aber wollen wir in Zukunft leben angesichts der offensichtlichen Verwundbarkeit der Welt? Die wird uns jetzt deftig bewusst gemacht. Ist ein „Weiterso“ im vertrauten Licht der Laterne möglich? In uns steckt eine Urangst vor dem Verlorensein, vor dem Bedrohtsein, das im Dunklen lauert. Bis eben meinten wir, dass wir diese Urangst in unserer abgesicherten Gesellschaft besiegt hätten. Und nun stellt sich heraus, dass wir sie nur verdeckt haben mit der Patina der Zivilisation. Wir sind auf Überleben, auf Funktionieren getrimmt. Doch dieses bedenkenlose Funktionieren ist durch ein Unsichtbares rissig geworden. Jetzt müssen wir den Mut haben, aus dem vertrauten Laternenschein ins Dunkle zu gehen, um dort nach Möglichkeiten zu suchen. Vielleicht müssen wir furchtlos zur Kenntnis nehmen: Ein Leben mit Corona ist auch ein Leben!
Johannis der Täufer verkündet in diesen Tagen: Metanoeite – die Blickrichtung ändern, umdenken – die Beherztheit haben, ins Dunkle zu blicken, sprich: in unser Unbewusstes. Wir wünschen uns Harmonie und Ausgeglichenheit und versuchen Konflikte mit unserer Umwelt zu vermeiden. Und bleiben dabei an der Oberfläche. Die Wirklichkeit, so wie wir sie plötzlich erleben, also der Stillstand und die erzwungene „Einsamkeit“ bieten jetzt für jeden von uns die einmalige Chance, eine Konfrontation mit sich selbst zu führen: Wer bin ich? Habe ich den Mut zur inneren Auseinandersetzung mit mir und meinen Werten? Wie reagiere ich auf die aktuellen Zumutungen und Beschneidungen meines Lebensgefühls? Zum Beispiel auf den Verzicht menschlicher, brüderlicher Nähe? Trägt mein Vertrauen zum Dreifach Großen Baumeister auch jetzt in der Krise? Bin ich der Souverän meines Lebens? Wenn ja, dann sollte ich jetzt umdenken und den vertrauten Laternenschein verlassen und mutig mein inneres Königreich betreten – ohne Angst vor dem Unbekannten. Denn nur dort finde ich den verlorenen Schlüssel zu meinem (!) Selbst wieder. Der ist mir abhandengekommen im profanen Alltag und der täglichen Routine. Die sich überstürzenden bzw. bestürzenden Veränderungen des Gewohnten, der erlebte Verlust der Normalität rütteln uns wach und bieten uns jetzt die Chance, neue Möglichkeiten zu geistig-seelischem Wachstum zu erproben. Wir haben in der Vergangenheit erfahren, wie wir unsere spirituelle Entwicklung fördern können – in der Stille und Schönheit der Arbeit im Tempel. Dies ist momentan nicht möglich. Also muss ich meine Möglichkeiten im Allgemeinen und im Speziellen erweitern. Jede Umgestaltung einer vertrauten Gewohnheit hat ihren Preis, denn ich weiß nicht, was sich dann im Gefüge meines Lebens noch so ändern könnte. Aber probieren will ich es.

Konkret ersetze ich hier und jetzt die Arbeit im Tempel durch „meditative Waldspaziergänge“. Bewusst nehme ich die Waldluft wahr und die Geräusche, das Wispern und Zwitschern zwischen den Bäumen, und lasse mich Schritt für Schritt in das Grün des göttlichen Gewahrseins fallen – wie in einem stillen Gebet. Klingt sehr pathetisch – ist es auch im positiven Sinne von feierlich, eindrucksvoll. Dennoch ist es nur ein bescheidener Ersatz für die Tiefenwirkung im vertrauten Tempel inmitten der Bruderschaft. Aber ich werde es nicht zulassen, dass ein „Laternenschein“ mich zur Bequemlichkeit verlockt und diesen, meinen laufenden Entfaltungsprozess stoppt. Dank Nasrudin weiß ich jetzt, wie sinnleer es ist, unter einem zufälligen Laternenschein nach dem verlorenen Schlüssel zu suchen, und dass ich sehr wohl die Chance habe, trotz Tempelverbot an meiner Bewusstheitserweiterung zu arbeiten. Danke, Mullah!

Br. Volker von Beesten

„Gehe in deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“

Liebe Brüder,

einige von Euch werden sich jetzt an die Stirn tippen mit den Worten: „Wie kann er nur in diesen Zeiten? Ist er jetzt völlig neben der Spur?“ Ist er, ganz eindeutig. Mein Leben ist aus den Fugen geraten. Die Isolation durch die Ausgangsbeschränkungen hat mich auf mich selbst zurückgeworfen. 

Müsste ich nicht tagtäglich im Homeoffice Mails sichten, löschen oder beantworten, zwei bis drei Artikel pro Woche schreiben oder auch mit dem Hund vor die Tür gehen, wäre ich schon verrückt geworden. Doch trotz aller Isolation fülle ich meinen Tag mit Aktionen: Ich sortiere die Wäsche aus, hänge Pullover, die den Winter über im Schrank gelegen haben zum Durchlüften in den Garten, zupfe dort das erste Unkraut aus den Beeten, putze zum zweiten oder dritten Mal Küche und Bad. 

Fülle ich den Tag trotz oder wegen der Isolation mit anderen Aktionen? Egal: Jedenfalls jagt eine Beschäftigung die Andere. Toll, werden einige jetzt sagen, was der so alles schafft. Der ist bestimmt froh, dass er das jetzt so nebenbei erledigen kann. Ja und Nein. Toll ist es vor allem für den Teil in mir, der nicht gut mit sich allein sein kann. Der unruhig wird, wenn es Leerlauf gibt oder in der Loge nicht irgendetwas in die Hand nehmen kann.

Ich könnte die Ruhe jetzt für mich nutzen

Nein, denn eigentlich könnte ich die Ruhe jetzt für mich nutzen, 

könnte das Radio ausschalten, oder das Internet nur sporadisch besuchen, kein Facebook, kein WhatsApp, keine Mail lesen, sondern einfach mal nur ich selber und mit mir selbst alleine sein. Doch ganz ehrlich: Will ich das? Kann ich das? Halte ich mich aus? 

Gehe in Deine Zelle,  und die Zelle wird Dich alles lehren 

diese Weisheit der Wüstenväter bekommt in diesen Tagen für mich eine ganz neue Bedeutung und eine für mich bislang ungeahnte eine nie dagewesene Aktualität. War es bei den Wüstenvätern, den Vorläufern unserer Mönchsorden, eine freiwillige oder für Gott gewählte Einsamkeit, ein Ausscheiden aus der Welt auf dem Weg zur Gottes-Erkenntnis, ist die Isolation unserer Tage eine völlig andere:

Fremdbestimmt, unheimlich, weil angstbesetzt und von unbestimmter Dauer. Im Gegensatz zu den Mönchen können wir die Isolation, die uns von den Behörden zur Eindämmung des Corona-Virus auferlegt wurde, nicht einfach abbrechen. Wir müssen ausharren und ertragen, was uns – ja wer eigentlich? aufgebürdet hat. Lasst uns die Fragen, die dazu auftauchen, nacheinander abarbeiten.

Woher kommt das Virus? So unklar auch ist, ob es von einem Schuppentier oder einer Fledermaus auf einen Menschen übertragen wurde, eine Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten ist es sicher nicht. Denn egal, was Evangelikale und andere religiöse Fanatiker auch sagen: Diese brutale Gottes-Bild widerspricht eindeutig dem Charakter des neuen Bundes, wie er in der Heiligen Schrift, unserem höchsten Licht, zwischen Gott und Mensch beschrieben wird.

Hier wird ein liebender Gott beschrieben, der mit den Menschen leidet und sich in Christus als Mensch dem Leiden stellt. Den Verschwörungstheoretikern sei gesagt: Nichts weist darauf hin, dass das Virus als Biowaffe in einem Labor erzeugt und von dort freigelassen wurde. 

Es gibt vielmehr deutliche Hinweise, dass wir Menschen, weil wir der Natur zu dicht auf die Pelle rücken, alle jene Faktoren begünstigt haben, die eine Mutation und damit ein Überspringen von der Fledermaus oder einem schuppentragenden Säugetier auf den Menschen möglich gemacht haben. Diese sogenannten Zoonosen werden weiter zunehmen, sagen Forscher, weil wir der Natur zu wenig Raum lassen und weil die Viren sich durch unsere hohe Mobilität schnell verbreiten können.

Diese Mobilität ist nun massiv eingeschränkt. Wir dürfen nicht mal mehr in den Nachbarort, wenn wir nicht einkaufen wollen oder zu zweit Spazieren gehen wollen.  Daraus ergibt sich die nächste Frage: Was will uns diese Situation sagen?

„Was für ein esoterischer Quatsch!“ werden jetzt manche sagen.Ihnen entgegne ich: Das ist keine esoterische, sondern vorrangig eine sehr praktische Frage. Und Sie lässt sich mit weiteren Fragen konkretisieren: Was mache ich mit der Zeit, die ich plötzlich übrighabe, weil die Fahrt zur Arbeit wegfällt? Wie verhalte ich mich, wenn ich meinen Partner oder meine Partnerin, ja sogar die Kinder den ganzen Tag ungefiltert um mich habe? Was fange ich mit meinem Job zuhause an, bzw. wie kann ich dort arbeiten? Wie erlebe ich mich in dieser neuen Situation? Halte ich mich aus, wenn ich mir und meinen Grenzen so oft begegne? 

Dies, meine Brüder, sind ganz konkrete Fragen an jeden von uns,ob Freimaurer oder nicht. Oft wissen wir, weiß ich keine Antwort auf diese Fragen, denn sie haben sich mir und uns nie so konkret gestellt. Wir waren zu beschäftigt, busy, wichtig. Jetzt erfahren wir hautnah, was eine ehemalige Kollegin über manch‘ ach so wichtigen Geschäftsmann sagte, der vor Bedeutung kaum gehen konnten: „Der ist wichtig, der ist ein Wicht!“

Wir stehen plötzlich nackt vor uns selbst

Corona wirft mich auf mich selbst zurück. Und oft muss ich erkennen:  „Mit diesem Wicht bin ich nicht gerne alleine.“Wenn die Betäubungsmittel „Job“ und „Karriere“ nicht mehr wirken, wenn die Scheuklappen „Kalender“ und „Smartphone“ wegfallen, Wenn Ablenkungsmanöver wie Dienstwagen und Senator-Card nicht mehr ziehen, dann stehen wir plötzlich fast nackt vor uns selbst, sehen den Wicht hässlich und ungeschminkt. 

Und dann kann ich sagen: Was ich sehe gefällt mir nicht. Oder im übertragenen Sinn: Für so einen Körper wurden Kleider erfunden, zumindest aber Dinge, die diesen unangenehmen Kerl gut verstecken. Aber das hilft mir jetzt nicht weiter. Wie das Kind im Märchen „Des Königs neuen Kleider“ ruft Corona jetzt: „Der Kerl ist nackt.“ 

Nur dieses Mal lacht niemand, weil alle nackt sind. Wir werden unruhig, gereizt, laut. Unsere dunklen Seiten wollen ans Licht, weil sie die jahrelange Gefangenschaft der Verleugnung nicht mehr dulden. Was uns zur dritten Frage bringt: Was kann ich tun? Darauf antworten die Wüstenväter: „Gehe in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“ Das heißt: Halte Dich selbst aus, ringe mit Dir und Deinen Dämonen. Stelle Dich Deiner inneren Wahrheit – also der Tatsache, dass Du nicht nur gut und schön bist, sondern auch all das, was Du am liebsten ausblendest: ungeduldig, ängstlich, zornig, ungerecht, maßlos, ….

Diese dunkle Seite hat von Alters her einen Namen: der Teufel. Es ist jener Versucher in uns, dem sich unser Obermeister stellen musste, als er für 40 Tage zum Beten und Fasten in die Wüste ging. Die 40 Tage der Fastenzeit sollen übrigens genau an diese Wüstenzeit unseres Obermeisters erinnern. Unsere Versucher zeigen sich in der Ablenkung, die wir suchen, in den Mitteln, mit denen wir unseren Blick auf unser wahres Selbst trüben: Fernsehen, Internet, Smartphone, ein tolles Projekt im Haus oder Garten, ein Buch, ein Gesellschaftsspiel und und und….

Kurz: Alles, was uns hindert uns als ganzen Menschen zu erkennen. Und jetzt? Geh in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren. Kümmern wir uns darum, dass wir diese Zelle in- und auswendig kennen, dass wir zu jederzeit blind in dieser Zelle alles finden, was wir suchen – egal ob dunkel oder hell, wohl- oder übelriechend, weich oder kratzig, zärtlich oder rau. 

Nutzen wir die Wüstenzeit, die uns Corona schenkt, um unsere eigenen Teufeleien zu durchschauen. Schauen nach innen oder wie Johannes der Täufer gesagt hat:  Ändert euren Sinn!

Stefan Szych

Als Madame de Staël nach Deutschland kam, machte sie auch Goethes Bekanntschaft. Der schöngeistige Weimarer Damenkreis um Adele Schopenhauer wollte nun von ihr wissen, welchen Eindruck er auf sie gemacht hätte. Mit kokettem Augenaufschlag bemerkte die geistvolle Französin: „Wer so gut spricht, dem hört man gerne zu. Ich habe kein Wort sagen können.“

Goethe seinerseits berichtete seinen Freunden: „Es war eine interessante Begegnung. Sie spricht gut, aber viel, sehr viel. Ich bin gar nicht zu Wort gekommen.“[i]

[i]Heiterer Anekdotenschatz, Geschichten von bekannten und berühmten Persönlichkeiten, Gondrom Verlag, Bindlach, 1996)

Das ist für mich sehr trostreich; wenn so prominente Geistesgrößen eine gemeinsam erlebte Situation so unterschiedlich interpretieren, dann mache ich mir keine Vorwürfe mehr. 

Denn wie oft erfahre ich, dass meine Frau und ich eine zusammen besuchte Einladung bei Freunden völlig anders erlebt haben. Am nächsten Morgen beim Frühstück staune ich nur über das, was meine Frau hinterfragt. Waren wir auf verschiedenen Veranstaltungen? Ist meine Wahrnehmung gestört? Ich weiß ja, dass ich immer nur das höre bzw. sehe, was ich hören und sehen kann. Aber manchmal ist der Filter denn doch zu krass.

Die Polizei kann ein Lied davon singen – nach einem Auto-Unfall schildern fünf Personen, die unmittelbar und zeitgleich beim Unfallort anwesend waren, fünf verschieden Versionen. Und alle können beschwören, dass es so abgelaufen ist. Die mannigfache Wahrnehmung ist keine Erscheinung der Neuzeit, sondern ein uraltes Menschheitsproblem. Ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Betrachtung findet sich bereits in den apokryphen Schriften. Dort beschwert sich Petrus, als Vertreter der Männergruppe, dass Maria (Magdalena) zu viel redet, er würde gar nicht zu Wort kommen. Anderswo sagt Maria, sie traue sich kaum noch, etwas zu sagen, weil sie sich von Petrus eingeschüchtert fühle.

Extrem erlebe ich jetzt Mitte April die unterschiedliche Sicht auf die Corona-Situation. In der Nachbarschaft läuft ein älteres Ehepaar auch in der eigenen Wohnung mit Mundschutz herum und winkt nur sehr von Ferne über die Hecke. Ganz anders interpretieren die aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen ein paar Menschen, die sich wie eh und je in ihrer Kneipe zum Pokern treffen – unbeeindruckt von dem allgegenwärtigen Virus: Das betrifft doch sie nicht! 

Don Juan ist ein indianischer „Mann des Wissens“, der durch die Bücher des Anthropologen Carlos
Castaneda
Weltruhm erlangt hat. Don Juan sagt, dass wir deswegen außerstande sind, die Welt so zu sehen wie sie ist, weil unser Energiefeld in unserem Gefühl eigener Wichtigkeit eingeschlossen bleibt – in dem also, was manche philosophischen Systeme unser „Ich“ nennen. Wir sind dann wie Fernsehgeräte, die nur einen einzigen Kanal empfangen können: denjenigen Sender, der für unser persönlichen Anliegen und unserer Lebensgeschichte am wichtigsten ist.

Das heißt, alles was ich sehe und höre und erlebe, existiert nur in Beziehung zu mir. Der Filter meiner Wahrnehmung ist ausschließlich durch meine Lebensgeschichte bestimmt. Was bedeutet das für mich im Umgang mit meiner Umgebung? Was ist daran so bedenklich?

Nun, weil die meisten kommunikativen Missverständnisse durch diese unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen. Ich halte meine Sicht der Dinge für die (wahre) Realität – und reagiere aus meiner Realitätssicht entsprechend darauf. Schon haben wir den schönsten Streit. Was ist zu tun?

Ich muss mir angewöhnen, die dargestellte Erlebniswelt des Anderen als mögliche Wahrscheinlichkeit, sogar als Fakt zu akzeptieren. Das ist schwer, wie ich immer wieder an mir erlebe. Denn ich muss ja etwas anerkennen, was ich so gar nicht gesehen, gehört, geschweige denn erlebt habe. Ergo: Ich muss einen zweiten Fernsehkanal in mir öffnen und dieses neue Bild auch als Möglichkeit in Erwägung ziehen. Jetzt habe ich zwei Bilder, die sich überlagern oder – im besten Falle – ergänzen zu einem Gesamtbild des Geschehens. An diesem zweiten Fernsehkanal arbeite ich noch – wie an meinem Rauen Stein, der zu meinem Leben gehört.

Volker von Besten