Was diskutieren die „Altpreußen“?

Jede deutsche Großloge hat in ihrer Geschichte immer wieder bedeutende freimaurerische Schriftsteller hervorgebracht. Dies gilt in besonderem Maße für die sehr alten Großlogen, welche man auch die „altpreußischen“ nennt. Es sind neben unserer Großloge die Große Nationale Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (gegründet 1740) und die ehemalige Großloge und heutige Große Loge „Royal York zur Freundschaft“ (gegründet 1798). Unsere Zirkelkorrespondenz dokumentiert durch jedes ihrer Hefte auch die aktuelle inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Lehrgebäude des Freimaurerordens. Was tut sich diesbezüglich bei den anderen „Altpreußen“? Wie wird von den Brüdern, welche dort das Wort führen, über Rituale, Quellen, Sichtweisen, Symbole, Geschichte, Sinn, Zweck und Aktualität von Freimaurerei nachgedacht?

Einen diesbezüglichen Einblick in die Bruderschaft der „Royal York“ gibt die Festschrift zum 50. Mauerjubiläum von Hermann-Friedrich Kramer, Oberredner des Inneren Orients. An den 11 Reden, Artikeln, Instruktionen aus den Jahren 2016 bis 2019 beeindrucken die fast durchgängigen Ableitungen der Positionen des Autors aus der griechischen Philosophie einerseits und die Verknüpfung seines Bildes von Freimaurerei mit aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen anderseits. Dabei spannt Bruder Kramer den Bogen vom freimaurerischen Menschenbild, über die „heilige Geometrie“ und die Pythagoreische Zahlensymbolik bis zu Vorstellungen über die Seele und der Frage nach einer aufgeklärten Religion. In den Antworten des Autors wird viel vom heutigen Selbstverständnis seiner Großen Loge deutlich. Hervorzuheben ist dabei vor allem, die inhaltliche Verwurzelung freimaurerischer Denkweisen in Gedankengebäuden, welche ihre Wirkungen lange vor Christentum, Kabbala, Aufklärung o.a. Quellen wirkmächtig entfaltet hatten. Vorbildlich ist auch die umfassende Herangehensweise an freimaurerische Fragen. So diskutiert der Autor auf nur 13 Seiten stets  allgemein-verständlich „Vorstellungen über die Seele“ an Hand von Aussagen alt-ägyptischer und darauf aufbauender jüdischer Denker (ab spätestens 1.000 v. Chr.), der Zorastiker (spätestens 600 v. Chr.) , der Orphiker (550 v. Chr.) und der Pythagoreer (ab 620 v. Chr.), von Platon (428-348) und Aristoteles (384-322), den Stoikern (um 300 v. Chr.), den Anhängern Epikurs (341-270 v. Chr.), dem vermutlichen Herangehen ans Thema durch die Essener und die jüdische Philosophie des Mittelalters, den Thesen von Origenes (185-254), Laktanz (240-320), Th. von Aquin (1225-1274), Descartes (1596-1650), Leibniz (1646-1716), Kant (1724-1804, Hegel (1770-1831) und Sartre (1905-1980). Die in Schriften und Reden anderer zeitgenössischer Autoren zu findenden Einschränkungen auf jeweilige „Lieblingsquellen“, vermisst der Leser wohltuender Weise nicht.

Übrigens: Bruder Kramer erblickte das freimaurerische Licht 1969 in einer Loge unserer Lehrart. Er bekennt im Buch, dass er mit der christlichen Ausrichtung zwar „gefremdelt“, aber die „Grundausbildung“ im Orden genossen habe. Nach 50 Jahren gibt Bruder Hermann-Friedrich Kramer mit seiner Schrift uns für diese Grundausbildung ein reiches Geschenk zurück, wie er überhaupt mit vielen unserer Brüder, z.B. der Forschungsvereinigung „Frederik“, in enger Verbindung steht. Auch dafür herzlichen Dank!

Br. Uwe Matthes

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Hochwürdiger Meister,

würdige und geliebte Brüder,

 

Die Werkzeuge des Freimaurers sind…

 

natürlich rein symbolisch. Symbolische Werkzeuge sind vielfältiger als materielle, weil sie sich angepasst an die Situation neu interpretieren lassen.

Sie behalten im Fortgang der Grade nicht nur die eine anfängliche Bedeutung,

sondern können diese verändern oder neue dazu bekommen und ihre Bedeutung sogar ausdehnen.

 

Nehmen wir den Hammer. Er ist ein kraftvolles Werkzeug. Doch wie der Volksmund sagt: Wer als einziges Werkzeug einen Hammer besitzt, wird jedes Problem als Nagel begreifen.

 

Und so wird kein Bruder einen Hammer in die Hand nehmen, auf etwas in seiner Wohnung oder seinem Büro herumschlagen und dann behaupten, er arbeite freimaurerisch.

 

Der Hammer ist in der Ordens-Freimaurerei ein Gavel, ein Sitzungshammer.

Während die Brüder der Lehrart AfuAM einen Spitzhammer verwenden,

um die Ecken und alles Überflüssige von ihrem rauen Stein abzuschlagen,

hat der Hammer in der GLL eine ordnende Funktion.

 

Bruder Widmann sagt in seiner Concordanz von 1867: „Der Hammer (…) ist ein Symbol der befehlenden Macht, sowohl des Schöpfers und Regierers der Welt, als eines Herrn, Fürsten oder Meisters unter den Menschen, und als solches uralt. Er stellt das Kreuz (die aktive und passive Kraft) vor, durch dessen Kraft alle Ordnung in der Welt erhalten wird.“

 

Der Logenmeister ruft damit die Brüder zur Ordnung und auch die beiden Aufseher benutzen dieses ordnende Werkzeug. Doch der Hammerschlag des Logenmeisters ist machtvoller, denn er symbolisiert den Ordnungsruf des Dreifach Großen Baumeisters, das göttliche Gesetz. Diesem Gesetz müssen sich auch die ordnenden Kräfte von Verstand (1. Aufseher) und Gefühl (2. Aufseher) unterwerfen. Denn ohne Ausrichtung auf das göttliche Prinzip wären sie orientierungslos.

 

Wenn dieses Prinzip schon für die beiden Aufseher als hammerführende Beamte gilt, wie viel mehr muss es dann für die anderen Beamten und die Brüder im Tempel gelten?

 

Um herauszufinden, was das für den Alltag eines jeden von uns bedeutet,

möchte ich kurz auf meine Erörterung zu den Beamtenpositionen zurückkommen. Dabei habe ich ausgeführt, dass jeder Beamte über die rituelle Funktion hinaus noch mindestens eine weitere Funktion hat.

 

Dabei gehe ich davon aus, dass der Tempel im Logenhaus, ein materielles Abbild jenes Tempels ist, den jeder Bruder in seinem Innern bildet, also ein Abbild des Ortes ist, in dem der Göttliche Funke wohnt. Damit hat alles im Logentempel einen direkten Bezug zum Innenleben des Bruders.

 

Der Logenmeister symbolisiert den göttlichen Anteil,

der erste Aufseher den Verstand,

der zweite Aufseher das Gefühl,

der Zeremonienmeister Disziplin,

der Sekretär Gedächtnis und Erinnerungen,

der Schatzmeister Kondition und Gesundheit,

der Redner Selbstdarstellung und Kommunikation

und der Wachthabende hält die Konzentration aufrecht.

 

Wenn wir jeden Bruder als Abbild des materiellen Tempels im Logenhaus nehmen, kommen wir schnell dazu, dass alles was wir im Tempel tun,

eine Folge für das Leben des Bruders hat.

 

Wenn also alle Beamten ihre Arbeit an der Arbeit und dem Ordnungsruf des Logenmeister als Symbol des Dreifach Großen Baumeisters ausrichten,

kann das nur heißen, dass sich auch der Bruder bei seiner inneren Arbeit immer wieder auf den Dreifach Großen Baumeister ausrichten muss.

 

Doch wie macht man das?

Was heißt das im Alltag?

Konkreter:

Was für bedeutet das in Zeiten von Corona und der dadurch bedingten Vereinzelung?

 

PAUSE

 

Dazu stelle ich zunächst eine Prämisse auf: .

Wenn das göttliche Gesetz, das vom Logenmeister symbolisiert wird,

sich in einem Begriff zusammenfassen ließe, würde dieser Begriff „bedingungslose Liebe“ heißen.

 

Es ist das liebevollste, allumfassend und schöpferischste Prinzip,

großzügiger und selbstloser als alles, was wir uns vorstellen können,

angstfrei, wild und von einer Strahlkraft, der nichts gleichkommt.

Es ist jenes Licht, von dem es in der heiligen Schrift,

unserem größten Licht, heißt:

 

„Und Gott sprach, es werde Licht und es ward Licht.“

 

Und von nun an wird das Leben eines Freimaurers leicht:

Denn immer, wenn wir uns fragen:

 

Was sollen wir tun?

Was ist wichtig in diesen Zeiten?

Handeln wir richtig?

Werden wir ungerecht behandelt?

 

müssen wir nur eines tun:

 

Wir müssen prüfen, ob die Antwort, die uns gegeben wird und die wir uns selbst geben, diesem höchsten Prinzip dient. Machen wir einen Versuch in Form eines inneren Dialogs.

 

Nehmen wir an, ich bekomme Zweifel an der Maskenpflicht wegen Corona.

Dann könnte dieser Dialog so aussehen:

 

Frage:Welchem liebevollsten Prinzip soll die Maske dienen?

Antwort:Dem Schutz der Menschen, die sich anstecken könnten.

Gegenrede: Die Masken sollen aber kaum helfen.

Antwort:Auch wenn sie nur ein wenig helfen, tragen Sie zum Gesamtergebnis bei.

Gegenrede:Ich fühle mich aber eingeschränkt und leide darunter.

Antwort:Ich auch, aber vielleicht verhindere ich durch diese lästige Maske schlimmere Leiden bei anderen, die schwer an Corona erkranken oder deren Angehörige daran sterben. Ist es das nicht wert?

Gegenrede:Vielleicht aber auch nicht.

Antwort:Ist es nicht besser kein Risiko einzugehen, statt leichtsinnig zu sein und Menschenleben zu gefährden?

Gegenrede:Aber es sind doch nur die Alten und die mit Vorerkrankung gefährdet.

Antwort:Selbst, wenn das stimmen würde, was macht ihr Leben weniger wert als Deines? Auch sie haben ein Recht lange zu leben, und werden von Menschen geliebt, die leiden würden, wenn ihre Angehörigen sterben würden.

 

Dieser innere Dialog soll nur ein Beispiel sein.

 

Er könnte so oder so ähnlich zu jedem beliebigen Streitthema geführt werden

und sollte nur zeigen, dass die Antwort stets die liebevollste sein sollte, diejenige, die das Prinzip der Nächstenliebe, also den Kern unserer Ordensgesetze, erfüllt.

 

Erinnern wir uns an Bruder Widmann:

Der Hammer stellt auch das Kreuz dar, also das Leidenssymbol unseres Obermeisters.

Indem wir dem Hammerschlag des Logenmeisters,

also dem Ruf des Dreifach Großen Baumeisters folgen,

bleiben wir in seiner Liebe und erfüllen die Ordensgesetze,

die Richtschnur unseres Lebens als Freimaurerritter sind.

 

Es geschehe also.

 

Vortrag von Stefan Szych während der Erörterung der Johannisloge Zur unverbrüchlichen Einigkeit am 17. Juni 2020, via Zoom-Konferenz

 

Die Lehre des Mullahs

Jemand beobachtet des Nachts Nasrudin, wie dieser etwas auf dem Boden unter einer Laterne sucht. „Was hast du verloren, Nasrudin“, fragte er. „Meinen Schlüssel“, antwortete der Mullah. Beide lagen nun auf den Knien und suchten. Nach einer Weile fragte der andere: „Wo hast du ihn denn verloren?“ „Dort hinten“, und Nasrudin zeigte in die Dunkelheit. „Aber warum suchst du dann hier unter der Laterne?“ „Weil es hier hell ist.“

Für die Logik des Mullahs ist es klar: Er sucht das Verlorene im Hellen, nicht in der Dunkelheit. Denn dort sieht er ja nichts. Vielleicht schmunzeln wir jetzt über die Logik des Mullahs – und handeln doch tagtäglich selbst so. Wenn wir mit einem Problem konfrontiert werden, greifen wir erst einmal auf die gewohnten Lösungswege zurück. Die sind uns vertraut, also sichtbar. Wir blenden unbewusst Informationen aus, die im Dunklen, im Verborgenen liegen. Frei nach Bert Brecht: Man sieht nur die (Lösungen) im Lichte, die im Dunklen sieht man nicht. Ich kann auch statt „Lösungen“ sagen: Maßnahmen, Schritte, Ideen, Hoffnungen, Möglichkeiten, Antworten, etc. Wir erleben gerade die Brüchigkeit unseres Lebens. Vielleicht haben wir es immer geahnt, dann aber erfolgreich ignoriert. Wie aber wollen wir in Zukunft leben angesichts der offensichtlichen Verwundbarkeit der Welt? Die wird uns jetzt deftig bewusst gemacht. Ist ein „Weiterso“ im vertrauten Licht der Laterne möglich? In uns steckt eine Urangst vor dem Verlorensein, vor dem Bedrohtsein, das im Dunklen lauert. Bis eben meinten wir, dass wir diese Urangst in unserer abgesicherten Gesellschaft besiegt hätten. Und nun stellt sich heraus, dass wir sie nur verdeckt haben mit der Patina der Zivilisation. Wir sind auf Überleben, auf Funktionieren getrimmt. Doch dieses bedenkenlose Funktionieren ist durch ein Unsichtbares rissig geworden. Jetzt müssen wir den Mut haben, aus dem vertrauten Laternenschein ins Dunkle zu gehen, um dort nach Möglichkeiten zu suchen. Vielleicht müssen wir furchtlos zur Kenntnis nehmen: Ein Leben mit Corona ist auch ein Leben!
Johannis der Täufer verkündet in diesen Tagen: Metanoeite – die Blickrichtung ändern, umdenken – die Beherztheit haben, ins Dunkle zu blicken, sprich: in unser Unbewusstes. Wir wünschen uns Harmonie und Ausgeglichenheit und versuchen Konflikte mit unserer Umwelt zu vermeiden. Und bleiben dabei an der Oberfläche. Die Wirklichkeit, so wie wir sie plötzlich erleben, also der Stillstand und die erzwungene „Einsamkeit“ bieten jetzt für jeden von uns die einmalige Chance, eine Konfrontation mit sich selbst zu führen: Wer bin ich? Habe ich den Mut zur inneren Auseinandersetzung mit mir und meinen Werten? Wie reagiere ich auf die aktuellen Zumutungen und Beschneidungen meines Lebensgefühls? Zum Beispiel auf den Verzicht menschlicher, brüderlicher Nähe? Trägt mein Vertrauen zum Dreifach Großen Baumeister auch jetzt in der Krise? Bin ich der Souverän meines Lebens? Wenn ja, dann sollte ich jetzt umdenken und den vertrauten Laternenschein verlassen und mutig mein inneres Königreich betreten – ohne Angst vor dem Unbekannten. Denn nur dort finde ich den verlorenen Schlüssel zu meinem (!) Selbst wieder. Der ist mir abhandengekommen im profanen Alltag und der täglichen Routine. Die sich überstürzenden bzw. bestürzenden Veränderungen des Gewohnten, der erlebte Verlust der Normalität rütteln uns wach und bieten uns jetzt die Chance, neue Möglichkeiten zu geistig-seelischem Wachstum zu erproben. Wir haben in der Vergangenheit erfahren, wie wir unsere spirituelle Entwicklung fördern können – in der Stille und Schönheit der Arbeit im Tempel. Dies ist momentan nicht möglich. Also muss ich meine Möglichkeiten im Allgemeinen und im Speziellen erweitern. Jede Umgestaltung einer vertrauten Gewohnheit hat ihren Preis, denn ich weiß nicht, was sich dann im Gefüge meines Lebens noch so ändern könnte. Aber probieren will ich es.

Konkret ersetze ich hier und jetzt die Arbeit im Tempel durch „meditative Waldspaziergänge“. Bewusst nehme ich die Waldluft wahr und die Geräusche, das Wispern und Zwitschern zwischen den Bäumen, und lasse mich Schritt für Schritt in das Grün des göttlichen Gewahrseins fallen – wie in einem stillen Gebet. Klingt sehr pathetisch – ist es auch im positiven Sinne von feierlich, eindrucksvoll. Dennoch ist es nur ein bescheidener Ersatz für die Tiefenwirkung im vertrauten Tempel inmitten der Bruderschaft. Aber ich werde es nicht zulassen, dass ein „Laternenschein“ mich zur Bequemlichkeit verlockt und diesen, meinen laufenden Entfaltungsprozess stoppt. Dank Nasrudin weiß ich jetzt, wie sinnleer es ist, unter einem zufälligen Laternenschein nach dem verlorenen Schlüssel zu suchen, und dass ich sehr wohl die Chance habe, trotz Tempelverbot an meiner Bewusstheitserweiterung zu arbeiten. Danke, Mullah!

Br. Volker von Beesten

„Gehe in deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“

Liebe Brüder,

einige von Euch werden sich jetzt an die Stirn tippen mit den Worten: „Wie kann er nur in diesen Zeiten? Ist er jetzt völlig neben der Spur?“ Ist er, ganz eindeutig. Mein Leben ist aus den Fugen geraten. Die Isolation durch die Ausgangsbeschränkungen hat mich auf mich selbst zurückgeworfen. 

Müsste ich nicht tagtäglich im Homeoffice Mails sichten, löschen oder beantworten, zwei bis drei Artikel pro Woche schreiben oder auch mit dem Hund vor die Tür gehen, wäre ich schon verrückt geworden. Doch trotz aller Isolation fülle ich meinen Tag mit Aktionen: Ich sortiere die Wäsche aus, hänge Pullover, die den Winter über im Schrank gelegen haben zum Durchlüften in den Garten, zupfe dort das erste Unkraut aus den Beeten, putze zum zweiten oder dritten Mal Küche und Bad. 

Fülle ich den Tag trotz oder wegen der Isolation mit anderen Aktionen? Egal: Jedenfalls jagt eine Beschäftigung die Andere. Toll, werden einige jetzt sagen, was der so alles schafft. Der ist bestimmt froh, dass er das jetzt so nebenbei erledigen kann. Ja und Nein. Toll ist es vor allem für den Teil in mir, der nicht gut mit sich allein sein kann. Der unruhig wird, wenn es Leerlauf gibt oder in der Loge nicht irgendetwas in die Hand nehmen kann.

Ich könnte die Ruhe jetzt für mich nutzen

Nein, denn eigentlich könnte ich die Ruhe jetzt für mich nutzen, 

könnte das Radio ausschalten, oder das Internet nur sporadisch besuchen, kein Facebook, kein WhatsApp, keine Mail lesen, sondern einfach mal nur ich selber und mit mir selbst alleine sein. Doch ganz ehrlich: Will ich das? Kann ich das? Halte ich mich aus? 

Gehe in Deine Zelle,  und die Zelle wird Dich alles lehren 

diese Weisheit der Wüstenväter bekommt in diesen Tagen für mich eine ganz neue Bedeutung und eine für mich bislang ungeahnte eine nie dagewesene Aktualität. War es bei den Wüstenvätern, den Vorläufern unserer Mönchsorden, eine freiwillige oder für Gott gewählte Einsamkeit, ein Ausscheiden aus der Welt auf dem Weg zur Gottes-Erkenntnis, ist die Isolation unserer Tage eine völlig andere:

Fremdbestimmt, unheimlich, weil angstbesetzt und von unbestimmter Dauer. Im Gegensatz zu den Mönchen können wir die Isolation, die uns von den Behörden zur Eindämmung des Corona-Virus auferlegt wurde, nicht einfach abbrechen. Wir müssen ausharren und ertragen, was uns – ja wer eigentlich? aufgebürdet hat. Lasst uns die Fragen, die dazu auftauchen, nacheinander abarbeiten.

Woher kommt das Virus? So unklar auch ist, ob es von einem Schuppentier oder einer Fledermaus auf einen Menschen übertragen wurde, eine Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten ist es sicher nicht. Denn egal, was Evangelikale und andere religiöse Fanatiker auch sagen: Diese brutale Gottes-Bild widerspricht eindeutig dem Charakter des neuen Bundes, wie er in der Heiligen Schrift, unserem höchsten Licht, zwischen Gott und Mensch beschrieben wird.

Hier wird ein liebender Gott beschrieben, der mit den Menschen leidet und sich in Christus als Mensch dem Leiden stellt. Den Verschwörungstheoretikern sei gesagt: Nichts weist darauf hin, dass das Virus als Biowaffe in einem Labor erzeugt und von dort freigelassen wurde. 

Es gibt vielmehr deutliche Hinweise, dass wir Menschen, weil wir der Natur zu dicht auf die Pelle rücken, alle jene Faktoren begünstigt haben, die eine Mutation und damit ein Überspringen von der Fledermaus oder einem schuppentragenden Säugetier auf den Menschen möglich gemacht haben. Diese sogenannten Zoonosen werden weiter zunehmen, sagen Forscher, weil wir der Natur zu wenig Raum lassen und weil die Viren sich durch unsere hohe Mobilität schnell verbreiten können.

Diese Mobilität ist nun massiv eingeschränkt. Wir dürfen nicht mal mehr in den Nachbarort, wenn wir nicht einkaufen wollen oder zu zweit Spazieren gehen wollen.  Daraus ergibt sich die nächste Frage: Was will uns diese Situation sagen?

„Was für ein esoterischer Quatsch!“ werden jetzt manche sagen.Ihnen entgegne ich: Das ist keine esoterische, sondern vorrangig eine sehr praktische Frage. Und Sie lässt sich mit weiteren Fragen konkretisieren: Was mache ich mit der Zeit, die ich plötzlich übrighabe, weil die Fahrt zur Arbeit wegfällt? Wie verhalte ich mich, wenn ich meinen Partner oder meine Partnerin, ja sogar die Kinder den ganzen Tag ungefiltert um mich habe? Was fange ich mit meinem Job zuhause an, bzw. wie kann ich dort arbeiten? Wie erlebe ich mich in dieser neuen Situation? Halte ich mich aus, wenn ich mir und meinen Grenzen so oft begegne? 

Dies, meine Brüder, sind ganz konkrete Fragen an jeden von uns,ob Freimaurer oder nicht. Oft wissen wir, weiß ich keine Antwort auf diese Fragen, denn sie haben sich mir und uns nie so konkret gestellt. Wir waren zu beschäftigt, busy, wichtig. Jetzt erfahren wir hautnah, was eine ehemalige Kollegin über manch‘ ach so wichtigen Geschäftsmann sagte, der vor Bedeutung kaum gehen konnten: „Der ist wichtig, der ist ein Wicht!“

Wir stehen plötzlich nackt vor uns selbst

Corona wirft mich auf mich selbst zurück. Und oft muss ich erkennen:  „Mit diesem Wicht bin ich nicht gerne alleine.“Wenn die Betäubungsmittel „Job“ und „Karriere“ nicht mehr wirken, wenn die Scheuklappen „Kalender“ und „Smartphone“ wegfallen, Wenn Ablenkungsmanöver wie Dienstwagen und Senator-Card nicht mehr ziehen, dann stehen wir plötzlich fast nackt vor uns selbst, sehen den Wicht hässlich und ungeschminkt. 

Und dann kann ich sagen: Was ich sehe gefällt mir nicht. Oder im übertragenen Sinn: Für so einen Körper wurden Kleider erfunden, zumindest aber Dinge, die diesen unangenehmen Kerl gut verstecken. Aber das hilft mir jetzt nicht weiter. Wie das Kind im Märchen „Des Königs neuen Kleider“ ruft Corona jetzt: „Der Kerl ist nackt.“ 

Nur dieses Mal lacht niemand, weil alle nackt sind. Wir werden unruhig, gereizt, laut. Unsere dunklen Seiten wollen ans Licht, weil sie die jahrelange Gefangenschaft der Verleugnung nicht mehr dulden. Was uns zur dritten Frage bringt: Was kann ich tun? Darauf antworten die Wüstenväter: „Gehe in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“ Das heißt: Halte Dich selbst aus, ringe mit Dir und Deinen Dämonen. Stelle Dich Deiner inneren Wahrheit – also der Tatsache, dass Du nicht nur gut und schön bist, sondern auch all das, was Du am liebsten ausblendest: ungeduldig, ängstlich, zornig, ungerecht, maßlos, ….

Diese dunkle Seite hat von Alters her einen Namen: der Teufel. Es ist jener Versucher in uns, dem sich unser Obermeister stellen musste, als er für 40 Tage zum Beten und Fasten in die Wüste ging. Die 40 Tage der Fastenzeit sollen übrigens genau an diese Wüstenzeit unseres Obermeisters erinnern. Unsere Versucher zeigen sich in der Ablenkung, die wir suchen, in den Mitteln, mit denen wir unseren Blick auf unser wahres Selbst trüben: Fernsehen, Internet, Smartphone, ein tolles Projekt im Haus oder Garten, ein Buch, ein Gesellschaftsspiel und und und….

Kurz: Alles, was uns hindert uns als ganzen Menschen zu erkennen. Und jetzt? Geh in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren. Kümmern wir uns darum, dass wir diese Zelle in- und auswendig kennen, dass wir zu jederzeit blind in dieser Zelle alles finden, was wir suchen – egal ob dunkel oder hell, wohl- oder übelriechend, weich oder kratzig, zärtlich oder rau. 

Nutzen wir die Wüstenzeit, die uns Corona schenkt, um unsere eigenen Teufeleien zu durchschauen. Schauen nach innen oder wie Johannes der Täufer gesagt hat:  Ändert euren Sinn!

Stefan Szych

Als Madame de Staël nach Deutschland kam, machte sie auch Goethes Bekanntschaft. Der schöngeistige Weimarer Damenkreis um Adele Schopenhauer wollte nun von ihr wissen, welchen Eindruck er auf sie gemacht hätte. Mit kokettem Augenaufschlag bemerkte die geistvolle Französin: „Wer so gut spricht, dem hört man gerne zu. Ich habe kein Wort sagen können.“

Goethe seinerseits berichtete seinen Freunden: „Es war eine interessante Begegnung. Sie spricht gut, aber viel, sehr viel. Ich bin gar nicht zu Wort gekommen.“[i]

[i]Heiterer Anekdotenschatz, Geschichten von bekannten und berühmten Persönlichkeiten, Gondrom Verlag, Bindlach, 1996)

Das ist für mich sehr trostreich; wenn so prominente Geistesgrößen eine gemeinsam erlebte Situation so unterschiedlich interpretieren, dann mache ich mir keine Vorwürfe mehr. 

Denn wie oft erfahre ich, dass meine Frau und ich eine zusammen besuchte Einladung bei Freunden völlig anders erlebt haben. Am nächsten Morgen beim Frühstück staune ich nur über das, was meine Frau hinterfragt. Waren wir auf verschiedenen Veranstaltungen? Ist meine Wahrnehmung gestört? Ich weiß ja, dass ich immer nur das höre bzw. sehe, was ich hören und sehen kann. Aber manchmal ist der Filter denn doch zu krass.

Die Polizei kann ein Lied davon singen – nach einem Auto-Unfall schildern fünf Personen, die unmittelbar und zeitgleich beim Unfallort anwesend waren, fünf verschieden Versionen. Und alle können beschwören, dass es so abgelaufen ist. Die mannigfache Wahrnehmung ist keine Erscheinung der Neuzeit, sondern ein uraltes Menschheitsproblem. Ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Betrachtung findet sich bereits in den apokryphen Schriften. Dort beschwert sich Petrus, als Vertreter der Männergruppe, dass Maria (Magdalena) zu viel redet, er würde gar nicht zu Wort kommen. Anderswo sagt Maria, sie traue sich kaum noch, etwas zu sagen, weil sie sich von Petrus eingeschüchtert fühle.

Extrem erlebe ich jetzt Mitte April die unterschiedliche Sicht auf die Corona-Situation. In der Nachbarschaft läuft ein älteres Ehepaar auch in der eigenen Wohnung mit Mundschutz herum und winkt nur sehr von Ferne über die Hecke. Ganz anders interpretieren die aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen ein paar Menschen, die sich wie eh und je in ihrer Kneipe zum Pokern treffen – unbeeindruckt von dem allgegenwärtigen Virus: Das betrifft doch sie nicht! 

Don Juan ist ein indianischer „Mann des Wissens“, der durch die Bücher des Anthropologen Carlos
Castaneda
Weltruhm erlangt hat. Don Juan sagt, dass wir deswegen außerstande sind, die Welt so zu sehen wie sie ist, weil unser Energiefeld in unserem Gefühl eigener Wichtigkeit eingeschlossen bleibt – in dem also, was manche philosophischen Systeme unser „Ich“ nennen. Wir sind dann wie Fernsehgeräte, die nur einen einzigen Kanal empfangen können: denjenigen Sender, der für unser persönlichen Anliegen und unserer Lebensgeschichte am wichtigsten ist.

Das heißt, alles was ich sehe und höre und erlebe, existiert nur in Beziehung zu mir. Der Filter meiner Wahrnehmung ist ausschließlich durch meine Lebensgeschichte bestimmt. Was bedeutet das für mich im Umgang mit meiner Umgebung? Was ist daran so bedenklich?

Nun, weil die meisten kommunikativen Missverständnisse durch diese unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen. Ich halte meine Sicht der Dinge für die (wahre) Realität – und reagiere aus meiner Realitätssicht entsprechend darauf. Schon haben wir den schönsten Streit. Was ist zu tun?

Ich muss mir angewöhnen, die dargestellte Erlebniswelt des Anderen als mögliche Wahrscheinlichkeit, sogar als Fakt zu akzeptieren. Das ist schwer, wie ich immer wieder an mir erlebe. Denn ich muss ja etwas anerkennen, was ich so gar nicht gesehen, gehört, geschweige denn erlebt habe. Ergo: Ich muss einen zweiten Fernsehkanal in mir öffnen und dieses neue Bild auch als Möglichkeit in Erwägung ziehen. Jetzt habe ich zwei Bilder, die sich überlagern oder – im besten Falle – ergänzen zu einem Gesamtbild des Geschehens. An diesem zweiten Fernsehkanal arbeite ich noch – wie an meinem Rauen Stein, der zu meinem Leben gehört.

Volker von Besten

Auf den Spuren der Freimaurer im Elbe-Weser-Dreieck  

Freimaurerische Forschungsvereinigung Frederik e. V., 2019, ohne ISBN, 162 Seiten, Hardcover, 12 EUR

Als Elbe-Weser-Dreieck wird das Land zwischen Elbe und Weser bezeichnet, auch gerne „nasses Dreieck“ genannt. Im Grunde ist es eine große Halbinsel zwischen den beiden Flusslaufen und der Nordsee. Bremen und Hamburg bilden ihre Eckpunkte und an der Nordwestspitze findet man Cuxhaven. In der dortigen Loge „Anschar zum Friedenshafen“ ist Br. Manfred Mittelstedt Logenmeister, wie es in den Logen des Freimaurerordens heißt. In akribischer Kleinarbeit hat er – gemeinsam mit einem Autorenteam und der Unterstützung dreier Logen in Bremerhaven, Cuxhaven und Stade – eine Art Inventarverzeichnis des freimaurerischen Wirkens im Elbe-Weser-Dreieck geschaffen.

Unterteilt ist das Buch in drei große Abschnitte. Der erste Teil beschreibt sämtliche Straßen, Wege, Plätze und Anlagen in der Region, die in Bezug zu Freimaurern stehen, meist jedoch vordergründig, dem Namen nach. Im zweiten Teil werden Gebäude, Gedenk-, Kultur- und Grabstatten sowie Schiffe und Kapitäne aufgeführt, die einen freimaurerischen Hintergrund besitzen. Und der dritte Teil erzahlt die Logengeschichte, die Historie der Logenhäuser und widmet einen Abschnitt auch der Freimaurerei in der Nazi-Zeit und dem Wiederaufbau danach. In einem vierten, kleineren Teil wird für den Außenstehenden noch kurz erklärt, was unter Freimaurerei zu verstehen ist.

Eingerahmt wird das Buch von den Begriffen „Frieden und Freiheit“, es ist „Gewidmet allen Menschen, die guten Willens sind“. Man merkt deutlich, dass der Herausgeber jemand ist, dem genau diese Themen sehr am Herzen liegen und der sich schon lange mit dem Wirken von Freimaurern und der Freimaurerei zum Wohle der Gesellschaft beschäftigt.

Das Buch ist ein wertvoller Beitrag einerseits für die Regionalgeschichte, andererseits kann es auch als Blaupause fur ähnliche Projekte in anderen geografischen Zusammenhangen dienen und damit speziell der lokalen und regionalen Freimaurerforschung. Die Veröffentlichung ist als Publikation der „Freimaurerischen Forschungsvereinigung Frederik e. V.“ erschienen, die der Großen Landesloge angehört und in Flensburg ihren Sitz hat. Es ist zum Preis von 12,- EUR (zzgl. Versandkosten) zu beziehen über die Forschungsvereinigung „Frederik“ unter der E-Mail-Adresse: klaus.bettag@ewetel.net. 

Quelle: „Humanität“

Fünf Gründe, warum man dieses Buch lesen sollte

Das Buch des 1951 geborenen Wiener Priesters Michael Heinrich Weninger sollte man lesen, weil der Autor:

  1. Die Geschichte der Freimaurerei einbettet, in die Real- und Geistesgeschichte der jeweiligen Epoche, unter besonderer Berücksichtigung der Kirchengeschichte. Dr. Weninger vermeidet dabei inhaltliche Einseitigkeiten sowie Überspitzungen und ist stets bemüht der Freimaurerei vorurteilsfrei gegenüber zutreten.
  2. Michael Heinrich Weninger aus heutiger Sicht die Freimaurerei einschätzt, ohne dabei das inhaltliche Fundament und die Methodik der katholischen Theologie zu verlassen.
  3. Stets fair setzt sich der frühere österreichische Spitzendiplomat, kritisch mit anderen Sicht-weisen (auch offiziellen) Verlautbarungen von Experten und Amtsträgern seiner Kirche zur Entwicklung, dem Wesen und der Bedeutung der Freimaurerei auseinander. Der Vorteil dieser Schrift dabei: es geschieht interdisziplinär.
  4. Pater Weninger bringt durch sein akribisches Quellenstudium Licht in den vom II. Vaticanum (1962 – 1965) ermöglichten Dialogprozess zwischen katholischer Kirche und Freimaurerei.
  5. Dem Wiener Autor ist es zu verdanken, dass ein Stück der historischen Lebensleistung von Franz Kardinal König (1905-2004) in ein verbessertes Licht gerückt wird.

Das Buch ist mehr als lesenswert!

Uwe Matthes

Liebe Brüder,

285 Seiten Studium, und das Fehlwissen über den 2. Grad ist überwunden;)

Br. Wolfgang Krüger hat hier eine Wissenslücke gefüllt, an der nicht nur die BBr. Gesellen, sondern glücklicherweise auch alle weiterführenden Grade profitieren werden.

Ein wahrer Schatz, der über das Sekretariat der GLL erworben werden kann (muß)…

Br. J. Wenzel

PS: Mein Horizont, den 2. Grad betreffend, ist nun derart erweitert, dass ich dieses Lehrbuch allen BBr. weiterempfehlen muss!