Die Lehre des Mullahs

Jemand beobachtet des Nachts Nasrudin, wie dieser etwas auf dem Boden unter einer Laterne sucht. „Was hast du verloren, Nasrudin“, fragte er. „Meinen Schlüssel“, antwortete der Mullah. Beide lagen nun auf den Knien und suchten. Nach einer Weile fragte der andere: „Wo hast du ihn denn verloren?“ „Dort hinten“, und Nasrudin zeigte in die Dunkelheit. „Aber warum suchst du dann hier unter der Laterne?“ „Weil es hier hell ist.“

Für die Logik des Mullahs ist es klar: Er sucht das Verlorene im Hellen, nicht in der Dunkelheit. Denn dort sieht er ja nichts. Vielleicht schmunzeln wir jetzt über die Logik des Mullahs – und handeln doch tagtäglich selbst so. Wenn wir mit einem Problem konfrontiert werden, greifen wir erst einmal auf die gewohnten Lösungswege zurück. Die sind uns vertraut, also sichtbar. Wir blenden unbewusst Informationen aus, die im Dunklen, im Verborgenen liegen. Frei nach Bert Brecht: Man sieht nur die (Lösungen) im Lichte, die im Dunklen sieht man nicht. Ich kann auch statt „Lösungen“ sagen: Maßnahmen, Schritte, Ideen, Hoffnungen, Möglichkeiten, Antworten, etc. Wir erleben gerade die Brüchigkeit unseres Lebens. Vielleicht haben wir es immer geahnt, dann aber erfolgreich ignoriert. Wie aber wollen wir in Zukunft leben angesichts der offensichtlichen Verwundbarkeit der Welt? Die wird uns jetzt deftig bewusst gemacht. Ist ein „Weiterso“ im vertrauten Licht der Laterne möglich? In uns steckt eine Urangst vor dem Verlorensein, vor dem Bedrohtsein, das im Dunklen lauert. Bis eben meinten wir, dass wir diese Urangst in unserer abgesicherten Gesellschaft besiegt hätten. Und nun stellt sich heraus, dass wir sie nur verdeckt haben mit der Patina der Zivilisation. Wir sind auf Überleben, auf Funktionieren getrimmt. Doch dieses bedenkenlose Funktionieren ist durch ein Unsichtbares rissig geworden. Jetzt müssen wir den Mut haben, aus dem vertrauten Laternenschein ins Dunkle zu gehen, um dort nach Möglichkeiten zu suchen. Vielleicht müssen wir furchtlos zur Kenntnis nehmen: Ein Leben mit Corona ist auch ein Leben!
Johannis der Täufer verkündet in diesen Tagen: Metanoeite – die Blickrichtung ändern, umdenken – die Beherztheit haben, ins Dunkle zu blicken, sprich: in unser Unbewusstes. Wir wünschen uns Harmonie und Ausgeglichenheit und versuchen Konflikte mit unserer Umwelt zu vermeiden. Und bleiben dabei an der Oberfläche. Die Wirklichkeit, so wie wir sie plötzlich erleben, also der Stillstand und die erzwungene „Einsamkeit“ bieten jetzt für jeden von uns die einmalige Chance, eine Konfrontation mit sich selbst zu führen: Wer bin ich? Habe ich den Mut zur inneren Auseinandersetzung mit mir und meinen Werten? Wie reagiere ich auf die aktuellen Zumutungen und Beschneidungen meines Lebensgefühls? Zum Beispiel auf den Verzicht menschlicher, brüderlicher Nähe? Trägt mein Vertrauen zum Dreifach Großen Baumeister auch jetzt in der Krise? Bin ich der Souverän meines Lebens? Wenn ja, dann sollte ich jetzt umdenken und den vertrauten Laternenschein verlassen und mutig mein inneres Königreich betreten – ohne Angst vor dem Unbekannten. Denn nur dort finde ich den verlorenen Schlüssel zu meinem (!) Selbst wieder. Der ist mir abhandengekommen im profanen Alltag und der täglichen Routine. Die sich überstürzenden bzw. bestürzenden Veränderungen des Gewohnten, der erlebte Verlust der Normalität rütteln uns wach und bieten uns jetzt die Chance, neue Möglichkeiten zu geistig-seelischem Wachstum zu erproben. Wir haben in der Vergangenheit erfahren, wie wir unsere spirituelle Entwicklung fördern können – in der Stille und Schönheit der Arbeit im Tempel. Dies ist momentan nicht möglich. Also muss ich meine Möglichkeiten im Allgemeinen und im Speziellen erweitern. Jede Umgestaltung einer vertrauten Gewohnheit hat ihren Preis, denn ich weiß nicht, was sich dann im Gefüge meines Lebens noch so ändern könnte. Aber probieren will ich es.

Konkret ersetze ich hier und jetzt die Arbeit im Tempel durch „meditative Waldspaziergänge“. Bewusst nehme ich die Waldluft wahr und die Geräusche, das Wispern und Zwitschern zwischen den Bäumen, und lasse mich Schritt für Schritt in das Grün des göttlichen Gewahrseins fallen – wie in einem stillen Gebet. Klingt sehr pathetisch – ist es auch im positiven Sinne von feierlich, eindrucksvoll. Dennoch ist es nur ein bescheidener Ersatz für die Tiefenwirkung im vertrauten Tempel inmitten der Bruderschaft. Aber ich werde es nicht zulassen, dass ein „Laternenschein“ mich zur Bequemlichkeit verlockt und diesen, meinen laufenden Entfaltungsprozess stoppt. Dank Nasrudin weiß ich jetzt, wie sinnleer es ist, unter einem zufälligen Laternenschein nach dem verlorenen Schlüssel zu suchen, und dass ich sehr wohl die Chance habe, trotz Tempelverbot an meiner Bewusstheitserweiterung zu arbeiten. Danke, Mullah!

Br. Volker von Beesten

„Gehe in deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“

Liebe Brüder,

einige von Euch werden sich jetzt an die Stirn tippen mit den Worten: „Wie kann er nur in diesen Zeiten? Ist er jetzt völlig neben der Spur?“ Ist er, ganz eindeutig. Mein Leben ist aus den Fugen geraten. Die Isolation durch die Ausgangsbeschränkungen hat mich auf mich selbst zurückgeworfen. 

Müsste ich nicht tagtäglich im Homeoffice Mails sichten, löschen oder beantworten, zwei bis drei Artikel pro Woche schreiben oder auch mit dem Hund vor die Tür gehen, wäre ich schon verrückt geworden. Doch trotz aller Isolation fülle ich meinen Tag mit Aktionen: Ich sortiere die Wäsche aus, hänge Pullover, die den Winter über im Schrank gelegen haben zum Durchlüften in den Garten, zupfe dort das erste Unkraut aus den Beeten, putze zum zweiten oder dritten Mal Küche und Bad. 

Fülle ich den Tag trotz oder wegen der Isolation mit anderen Aktionen? Egal: Jedenfalls jagt eine Beschäftigung die Andere. Toll, werden einige jetzt sagen, was der so alles schafft. Der ist bestimmt froh, dass er das jetzt so nebenbei erledigen kann. Ja und Nein. Toll ist es vor allem für den Teil in mir, der nicht gut mit sich allein sein kann. Der unruhig wird, wenn es Leerlauf gibt oder in der Loge nicht irgendetwas in die Hand nehmen kann.

Ich könnte die Ruhe jetzt für mich nutzen

Nein, denn eigentlich könnte ich die Ruhe jetzt für mich nutzen, 

könnte das Radio ausschalten, oder das Internet nur sporadisch besuchen, kein Facebook, kein WhatsApp, keine Mail lesen, sondern einfach mal nur ich selber und mit mir selbst alleine sein. Doch ganz ehrlich: Will ich das? Kann ich das? Halte ich mich aus? 

Gehe in Deine Zelle,  und die Zelle wird Dich alles lehren 

diese Weisheit der Wüstenväter bekommt in diesen Tagen für mich eine ganz neue Bedeutung und eine für mich bislang ungeahnte eine nie dagewesene Aktualität. War es bei den Wüstenvätern, den Vorläufern unserer Mönchsorden, eine freiwillige oder für Gott gewählte Einsamkeit, ein Ausscheiden aus der Welt auf dem Weg zur Gottes-Erkenntnis, ist die Isolation unserer Tage eine völlig andere:

Fremdbestimmt, unheimlich, weil angstbesetzt und von unbestimmter Dauer. Im Gegensatz zu den Mönchen können wir die Isolation, die uns von den Behörden zur Eindämmung des Corona-Virus auferlegt wurde, nicht einfach abbrechen. Wir müssen ausharren und ertragen, was uns – ja wer eigentlich? aufgebürdet hat. Lasst uns die Fragen, die dazu auftauchen, nacheinander abarbeiten.

Woher kommt das Virus? So unklar auch ist, ob es von einem Schuppentier oder einer Fledermaus auf einen Menschen übertragen wurde, eine Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten ist es sicher nicht. Denn egal, was Evangelikale und andere religiöse Fanatiker auch sagen: Diese brutale Gottes-Bild widerspricht eindeutig dem Charakter des neuen Bundes, wie er in der Heiligen Schrift, unserem höchsten Licht, zwischen Gott und Mensch beschrieben wird.

Hier wird ein liebender Gott beschrieben, der mit den Menschen leidet und sich in Christus als Mensch dem Leiden stellt. Den Verschwörungstheoretikern sei gesagt: Nichts weist darauf hin, dass das Virus als Biowaffe in einem Labor erzeugt und von dort freigelassen wurde. 

Es gibt vielmehr deutliche Hinweise, dass wir Menschen, weil wir der Natur zu dicht auf die Pelle rücken, alle jene Faktoren begünstigt haben, die eine Mutation und damit ein Überspringen von der Fledermaus oder einem schuppentragenden Säugetier auf den Menschen möglich gemacht haben. Diese sogenannten Zoonosen werden weiter zunehmen, sagen Forscher, weil wir der Natur zu wenig Raum lassen und weil die Viren sich durch unsere hohe Mobilität schnell verbreiten können.

Diese Mobilität ist nun massiv eingeschränkt. Wir dürfen nicht mal mehr in den Nachbarort, wenn wir nicht einkaufen wollen oder zu zweit Spazieren gehen wollen.  Daraus ergibt sich die nächste Frage: Was will uns diese Situation sagen?

„Was für ein esoterischer Quatsch!“ werden jetzt manche sagen.Ihnen entgegne ich: Das ist keine esoterische, sondern vorrangig eine sehr praktische Frage. Und Sie lässt sich mit weiteren Fragen konkretisieren: Was mache ich mit der Zeit, die ich plötzlich übrighabe, weil die Fahrt zur Arbeit wegfällt? Wie verhalte ich mich, wenn ich meinen Partner oder meine Partnerin, ja sogar die Kinder den ganzen Tag ungefiltert um mich habe? Was fange ich mit meinem Job zuhause an, bzw. wie kann ich dort arbeiten? Wie erlebe ich mich in dieser neuen Situation? Halte ich mich aus, wenn ich mir und meinen Grenzen so oft begegne? 

Dies, meine Brüder, sind ganz konkrete Fragen an jeden von uns,ob Freimaurer oder nicht. Oft wissen wir, weiß ich keine Antwort auf diese Fragen, denn sie haben sich mir und uns nie so konkret gestellt. Wir waren zu beschäftigt, busy, wichtig. Jetzt erfahren wir hautnah, was eine ehemalige Kollegin über manch‘ ach so wichtigen Geschäftsmann sagte, der vor Bedeutung kaum gehen konnten: „Der ist wichtig, der ist ein Wicht!“

Wir stehen plötzlich nackt vor uns selbst

Corona wirft mich auf mich selbst zurück. Und oft muss ich erkennen:  „Mit diesem Wicht bin ich nicht gerne alleine.“Wenn die Betäubungsmittel „Job“ und „Karriere“ nicht mehr wirken, wenn die Scheuklappen „Kalender“ und „Smartphone“ wegfallen, Wenn Ablenkungsmanöver wie Dienstwagen und Senator-Card nicht mehr ziehen, dann stehen wir plötzlich fast nackt vor uns selbst, sehen den Wicht hässlich und ungeschminkt. 

Und dann kann ich sagen: Was ich sehe gefällt mir nicht. Oder im übertragenen Sinn: Für so einen Körper wurden Kleider erfunden, zumindest aber Dinge, die diesen unangenehmen Kerl gut verstecken. Aber das hilft mir jetzt nicht weiter. Wie das Kind im Märchen „Des Königs neuen Kleider“ ruft Corona jetzt: „Der Kerl ist nackt.“ 

Nur dieses Mal lacht niemand, weil alle nackt sind. Wir werden unruhig, gereizt, laut. Unsere dunklen Seiten wollen ans Licht, weil sie die jahrelange Gefangenschaft der Verleugnung nicht mehr dulden. Was uns zur dritten Frage bringt: Was kann ich tun? Darauf antworten die Wüstenväter: „Gehe in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren.“ Das heißt: Halte Dich selbst aus, ringe mit Dir und Deinen Dämonen. Stelle Dich Deiner inneren Wahrheit – also der Tatsache, dass Du nicht nur gut und schön bist, sondern auch all das, was Du am liebsten ausblendest: ungeduldig, ängstlich, zornig, ungerecht, maßlos, ….

Diese dunkle Seite hat von Alters her einen Namen: der Teufel. Es ist jener Versucher in uns, dem sich unser Obermeister stellen musste, als er für 40 Tage zum Beten und Fasten in die Wüste ging. Die 40 Tage der Fastenzeit sollen übrigens genau an diese Wüstenzeit unseres Obermeisters erinnern. Unsere Versucher zeigen sich in der Ablenkung, die wir suchen, in den Mitteln, mit denen wir unseren Blick auf unser wahres Selbst trüben: Fernsehen, Internet, Smartphone, ein tolles Projekt im Haus oder Garten, ein Buch, ein Gesellschaftsspiel und und und….

Kurz: Alles, was uns hindert uns als ganzen Menschen zu erkennen. Und jetzt? Geh in Deine Zelle, und die Zelle wird Dich alles lehren. Kümmern wir uns darum, dass wir diese Zelle in- und auswendig kennen, dass wir zu jederzeit blind in dieser Zelle alles finden, was wir suchen – egal ob dunkel oder hell, wohl- oder übelriechend, weich oder kratzig, zärtlich oder rau. 

Nutzen wir die Wüstenzeit, die uns Corona schenkt, um unsere eigenen Teufeleien zu durchschauen. Schauen nach innen oder wie Johannes der Täufer gesagt hat:  Ändert euren Sinn!

Stefan Szych

Als Madame de Staël nach Deutschland kam, machte sie auch Goethes Bekanntschaft. Der schöngeistige Weimarer Damenkreis um Adele Schopenhauer wollte nun von ihr wissen, welchen Eindruck er auf sie gemacht hätte. Mit kokettem Augenaufschlag bemerkte die geistvolle Französin: „Wer so gut spricht, dem hört man gerne zu. Ich habe kein Wort sagen können.“

Goethe seinerseits berichtete seinen Freunden: „Es war eine interessante Begegnung. Sie spricht gut, aber viel, sehr viel. Ich bin gar nicht zu Wort gekommen.“[i]

[i]Heiterer Anekdotenschatz, Geschichten von bekannten und berühmten Persönlichkeiten, Gondrom Verlag, Bindlach, 1996)

Das ist für mich sehr trostreich; wenn so prominente Geistesgrößen eine gemeinsam erlebte Situation so unterschiedlich interpretieren, dann mache ich mir keine Vorwürfe mehr. 

Denn wie oft erfahre ich, dass meine Frau und ich eine zusammen besuchte Einladung bei Freunden völlig anders erlebt haben. Am nächsten Morgen beim Frühstück staune ich nur über das, was meine Frau hinterfragt. Waren wir auf verschiedenen Veranstaltungen? Ist meine Wahrnehmung gestört? Ich weiß ja, dass ich immer nur das höre bzw. sehe, was ich hören und sehen kann. Aber manchmal ist der Filter denn doch zu krass.

Die Polizei kann ein Lied davon singen – nach einem Auto-Unfall schildern fünf Personen, die unmittelbar und zeitgleich beim Unfallort anwesend waren, fünf verschieden Versionen. Und alle können beschwören, dass es so abgelaufen ist. Die mannigfache Wahrnehmung ist keine Erscheinung der Neuzeit, sondern ein uraltes Menschheitsproblem. Ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Betrachtung findet sich bereits in den apokryphen Schriften. Dort beschwert sich Petrus, als Vertreter der Männergruppe, dass Maria (Magdalena) zu viel redet, er würde gar nicht zu Wort kommen. Anderswo sagt Maria, sie traue sich kaum noch, etwas zu sagen, weil sie sich von Petrus eingeschüchtert fühle.

Extrem erlebe ich jetzt Mitte April die unterschiedliche Sicht auf die Corona-Situation. In der Nachbarschaft läuft ein älteres Ehepaar auch in der eigenen Wohnung mit Mundschutz herum und winkt nur sehr von Ferne über die Hecke. Ganz anders interpretieren die aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen ein paar Menschen, die sich wie eh und je in ihrer Kneipe zum Pokern treffen – unbeeindruckt von dem allgegenwärtigen Virus: Das betrifft doch sie nicht! 

Don Juan ist ein indianischer „Mann des Wissens“, der durch die Bücher des Anthropologen Carlos
Castaneda
Weltruhm erlangt hat. Don Juan sagt, dass wir deswegen außerstande sind, die Welt so zu sehen wie sie ist, weil unser Energiefeld in unserem Gefühl eigener Wichtigkeit eingeschlossen bleibt – in dem also, was manche philosophischen Systeme unser „Ich“ nennen. Wir sind dann wie Fernsehgeräte, die nur einen einzigen Kanal empfangen können: denjenigen Sender, der für unser persönlichen Anliegen und unserer Lebensgeschichte am wichtigsten ist.

Das heißt, alles was ich sehe und höre und erlebe, existiert nur in Beziehung zu mir. Der Filter meiner Wahrnehmung ist ausschließlich durch meine Lebensgeschichte bestimmt. Was bedeutet das für mich im Umgang mit meiner Umgebung? Was ist daran so bedenklich?

Nun, weil die meisten kommunikativen Missverständnisse durch diese unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen. Ich halte meine Sicht der Dinge für die (wahre) Realität – und reagiere aus meiner Realitätssicht entsprechend darauf. Schon haben wir den schönsten Streit. Was ist zu tun?

Ich muss mir angewöhnen, die dargestellte Erlebniswelt des Anderen als mögliche Wahrscheinlichkeit, sogar als Fakt zu akzeptieren. Das ist schwer, wie ich immer wieder an mir erlebe. Denn ich muss ja etwas anerkennen, was ich so gar nicht gesehen, gehört, geschweige denn erlebt habe. Ergo: Ich muss einen zweiten Fernsehkanal in mir öffnen und dieses neue Bild auch als Möglichkeit in Erwägung ziehen. Jetzt habe ich zwei Bilder, die sich überlagern oder – im besten Falle – ergänzen zu einem Gesamtbild des Geschehens. An diesem zweiten Fernsehkanal arbeite ich noch – wie an meinem Rauen Stein, der zu meinem Leben gehört.

Volker von Besten

Auf den Spuren der Freimaurer im Elbe-Weser-Dreieck  

Freimaurerische Forschungsvereinigung Frederik e. V., 2019, ohne ISBN, 162 Seiten, Hardcover, 12 EUR

Als Elbe-Weser-Dreieck wird das Land zwischen Elbe und Weser bezeichnet, auch gerne „nasses Dreieck“ genannt. Im Grunde ist es eine große Halbinsel zwischen den beiden Flusslaufen und der Nordsee. Bremen und Hamburg bilden ihre Eckpunkte und an der Nordwestspitze findet man Cuxhaven. In der dortigen Loge „Anschar zum Friedenshafen“ ist Br. Manfred Mittelstedt Logenmeister, wie es in den Logen des Freimaurerordens heißt. In akribischer Kleinarbeit hat er – gemeinsam mit einem Autorenteam und der Unterstützung dreier Logen in Bremerhaven, Cuxhaven und Stade – eine Art Inventarverzeichnis des freimaurerischen Wirkens im Elbe-Weser-Dreieck geschaffen.

Unterteilt ist das Buch in drei große Abschnitte. Der erste Teil beschreibt sämtliche Straßen, Wege, Plätze und Anlagen in der Region, die in Bezug zu Freimaurern stehen, meist jedoch vordergründig, dem Namen nach. Im zweiten Teil werden Gebäude, Gedenk-, Kultur- und Grabstatten sowie Schiffe und Kapitäne aufgeführt, die einen freimaurerischen Hintergrund besitzen. Und der dritte Teil erzahlt die Logengeschichte, die Historie der Logenhäuser und widmet einen Abschnitt auch der Freimaurerei in der Nazi-Zeit und dem Wiederaufbau danach. In einem vierten, kleineren Teil wird für den Außenstehenden noch kurz erklärt, was unter Freimaurerei zu verstehen ist.

Eingerahmt wird das Buch von den Begriffen „Frieden und Freiheit“, es ist „Gewidmet allen Menschen, die guten Willens sind“. Man merkt deutlich, dass der Herausgeber jemand ist, dem genau diese Themen sehr am Herzen liegen und der sich schon lange mit dem Wirken von Freimaurern und der Freimaurerei zum Wohle der Gesellschaft beschäftigt.

Das Buch ist ein wertvoller Beitrag einerseits für die Regionalgeschichte, andererseits kann es auch als Blaupause fur ähnliche Projekte in anderen geografischen Zusammenhangen dienen und damit speziell der lokalen und regionalen Freimaurerforschung. Die Veröffentlichung ist als Publikation der „Freimaurerischen Forschungsvereinigung Frederik e. V.“ erschienen, die der Großen Landesloge angehört und in Flensburg ihren Sitz hat. Es ist zum Preis von 12,- EUR (zzgl. Versandkosten) zu beziehen über die Forschungsvereinigung „Frederik“ unter der E-Mail-Adresse: klaus.bettag@ewetel.net. 

Quelle: „Humanität“

Fünf Gründe, warum man dieses Buch lesen sollte

Das Buch des 1951 geborenen Wiener Priesters Michael Heinrich Weninger sollte man lesen, weil der Autor:

  1. Die Geschichte der Freimaurerei einbettet, in die Real- und Geistesgeschichte der jeweiligen Epoche, unter besonderer Berücksichtigung der Kirchengeschichte. Dr. Weninger vermeidet dabei inhaltliche Einseitigkeiten sowie Überspitzungen und ist stets bemüht der Freimaurerei vorurteilsfrei gegenüber zutreten.
  2. Michael Heinrich Weninger aus heutiger Sicht die Freimaurerei einschätzt, ohne dabei das inhaltliche Fundament und die Methodik der katholischen Theologie zu verlassen.
  3. Stets fair setzt sich der frühere österreichische Spitzendiplomat, kritisch mit anderen Sicht-weisen (auch offiziellen) Verlautbarungen von Experten und Amtsträgern seiner Kirche zur Entwicklung, dem Wesen und der Bedeutung der Freimaurerei auseinander. Der Vorteil dieser Schrift dabei: es geschieht interdisziplinär.
  4. Pater Weninger bringt durch sein akribisches Quellenstudium Licht in den vom II. Vaticanum (1962 – 1965) ermöglichten Dialogprozess zwischen katholischer Kirche und Freimaurerei.
  5. Dem Wiener Autor ist es zu verdanken, dass ein Stück der historischen Lebensleistung von Franz Kardinal König (1905-2004) in ein verbessertes Licht gerückt wird.

Das Buch ist mehr als lesenswert!

Uwe Matthes

Liebe Brüder,

285 Seiten Studium, und das Fehlwissen über den 2. Grad ist überwunden;)

Br. Wolfgang Krüger hat hier eine Wissenslücke gefüllt, an der nicht nur die BBr. Gesellen, sondern glücklicherweise auch alle weiterführenden Grade profitieren werden.

Ein wahrer Schatz, der über das Sekretariat der GLL erworben werden kann (muß)…

Br. J. Wenzel

PS: Mein Horizont, den 2. Grad betreffend, ist nun derart erweitert, dass ich dieses Lehrbuch allen BBr. weiterempfehlen muss!

Die Krone des Lebens

 

 „Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen, aber er schreit in unserem Schmerz. Der Schmerz ist sein Megafon, um die taube Welt zu wecken.“ Clive Staples

 

Die Coronavirus-Epidemie hat unsere ganze Gesellschaft schlagartig erwischt und jeder von uns ist auf die eine oder andere Weise betroffen. Wir wissen noch nicht wie lange sie anhält und in welchem Umfang die Konsequenzen ausfallen werden, eins ist aber jetzt schon sicher: die Epidemie zeigt uns in aller Deutlichkeit unseren Platz auf dieser Welt und lässt uns auf eine drastische Weise mit den Grundfragen des Lebens auseinandersetzen, vor allem wer wir sind und warum wir auf diese Welt gekommen?

Die Ironie der Geschichte ist, dass wir Menschen uns selbst für die K r o n e  d e r  S c h ö p f u n g  halten, werden aber jetzt grade mit einem winzigen unsichtbaren Lebewesen konfrontiert, dass uns dazu zwingt, Demut zu üben und über die wirkliche Bedeutung von diesem unserem Status nachzudenken. Es liegt an uns, diese Gelegenheit als Chance zu erkennen und uns den Tiefen des Mysteriums namens Leben zu widmen und uns mit verstärkter Intensität an unsere freimaurerischen Grundfeste zu besinnen.

Die meisten von uns brauchen nicht mit dem Tod zu rechnen und was wir im nun stark veränderten Alltag zu tun haben, sagen uns unser Erster Aufseher und all die Nachrichten in den Medien. Damit kommen wir gut durch die schwierigen Zeiten und werden die Krise früher oder später in den Griff bekommen. Die uns aber dabei begleitenden Gefühle der Unruhe und Verunsicherung verwechseln wir oft viel zu schnell mit dem Zweiten Aufseher in uns und es ist genau an dieser Stelle, wo wir als Freimaurer besonders aufpassen müssen. Zwar wurden uns all die nötigen Werkzeuge in die Hand gegeben, um auch in unsicheren Zeiten das Vertrauen in unsere wahre Quelle der Stärke zu bewahren, wir müssen diese aber auch richtig einzusetzen wissen.

Vor allem ist es wichtig zu erkennen, dass es keinesfalls der Zweite Aufseher ist, der in uns die Ängste und die mulmigen verunsichernden Gefühle erzeugt, sondern ein Impostor, eine aktive Kraft in uns, die seinen Platz einnimmt und uns mit voller Wucht ins Weltliche, Irdisch-vergängliche zu drücken versucht. Genau gegen diese Kraft, die „stets das Böse will“, haben wir während der Aufnahme vom Zweiten Aufseher das Siegel der Verschwiegenheit auf die Zunge gedrückt bekommen, auf die Stelle wo die doppelte Natur des Menschen am stärksten zum Ausdruck kommt und sowohl für das  W o r t  als auch für den  V e r d a u –   u n g s t r a k t  steht. Die Zunge ist der Inbegriff des Materiellen und Verderblichen und beides hat hier ihre wichtigsten Schnittstellen. Ist es denn ein Zufall, dass sich der Coronavirus auch hauptsächlich durch den Mund bis zu den Lungen vorarbeitet?

Als Teil der chemisch-elektrischen Belohnungssystems in unserem Körper ist das Gefühl ein Sprecher des Irdisch-vergänglichen und solange es spricht, ist es für uns nicht leicht, den wahren Zweiten Aufseher zu hören, der für das  G e w i s s e n  steht und die Verbindung zur echten Weisheitsquelle in uns aufzubauen vermag. „Ganz leise“spricht diese Quelle in uns, um unsere Willensfreiheit nicht zu gefährden. Um ihr wirklich zuhören zu können, müssen wir das Gefühlschaos in uns mäßigen oder „temperieren“.  Diesem Ziel dienen unsere Tempelarbeitenund genau aus diesem Grund ruft uns unser innerer Logenmeister ständig zur Ordnung. Je stärker das Leiden in uns ist, desto lauter muss er werden, um sich Gehör zu verschaffen.

Es drängt sich aber die Frage auf, was können wir tun, während die Tempelarbeiten ausgesetzt werden?

Im 4. Jahrhundert nach Christus schrieb der in Kappadokien predigende Gregor von Nazianz:„Der Mensch ist nicht Mikrokosmos im Makrokosmos, sondern umgekehrt – es ist die große Welt in eine kleine Welt eingesperrt“. Alles was die erschaffene Welt, der Kosmos beinhaltet, ist im Menschen vorhanden, es gibt aber auch etwas, was dem Kosmos fehlt, die Gabe nämlich, das  E b e n b i l d   G o t t e s zu sein. Der Mensch ist nach einem speziellen göttlichen Plan erschaffen und soll über die Welt bzw. den Kosmos herrschen. So steht es auch auf der allerersten Seite der Bibel, die wir im Freimaurerorden „unser Größtes Licht“nennen: „Seid fruchtbar, und vermehrt euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“

Diese Gabe ermöglicht es uns, den Kontakt zur Urquelle aufzunehmen, und wenn unser Erster Aufseher den Weg zur Weisheit durch das intellektuelle Räsonnieren aufzeigt, weiß unser Zweiter Aufseher die Abkürzung durch die versteckte innere Tür in unserem Herzen zu nehmen. Während der Tempelarbeiten öffnen wir aktiv diese Tür und tauchen in eine besondere mystische Zeit ein, die uns aus dem Alltäglich-profanen herausbringt und die Berührung mit dem Ewigen ermöglicht. Das Öffnen dieser Tür geschieht durch das Gebet, das am Anfang der Tempelarbeit erfolgt, aber auch das freimaurerische Klopfen ist eine spezielle Form des Gebets, die sich auf die Worte des Matthäus-Evangeliums bezieht: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Fern vom Logenhaus und den anderen Brüdern können wir kein komplettes Ritual der Tempelarbeit durchführen, der Weg des inneren Gebets steht uns aber weiterhin zur Verfügung und wir können und sollen diese wunderbare Möglichkeit auf jeden Fall nutzen, grade angesichts der Tatsache, dass auch unser Körper ein Tempel ist: „Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Korinther 3:16). Die geistige Ebene erfordert allerdings eine viel intensivere Art der inneren Arbeit, bei der wir nicht bloß entspannt das Geschehen im Tempel beobachten und dem Wortaustausch der Beamten lauschen können. Hier müssen wir alles selbst tun, können uns aber auf wahre Entdeckungen gefasst machen, sollte uns durch die göttliche Gnade die Tür von der anderen Seite geöffnet werden.

Wenn wir die Inhalte des I. Grades wirklich verstanden und unsere göttliche Herkunft mit dem ganzen Herzen akzeptiert haben, werden wir auch wissen, worum wir zu bitten haben. Als Freimaurer arbeiten wir daran, unsere Seele „gottähnlich zu gestalten“, um es mit den Worten von Bruder Hieber zum Ausdruck zu bringen. Wir lernen, uns aus der Abhängigkeit vom Irdisch-vergänglichen zu befreien und lassen unser inneres Licht auf unsere Gedanken, Regungen und Handlungen leuchten und genau darum soll es in unseren Gebeten gehen.

Es macht keinen Sinn, nach dem gesellschaftlichen und finanziellen Erfolg oder nach der Beliebtheit beim anderen Geschlecht und dadurch einer noch größeren Verankerung im Weltlich-profanen zu fragen, denn wenn wir mit uns selbst wirklich ehrlich sind, werden wir erkennen, dass uns diese Abhängigkeit nicht gut tut. Nichts spricht gegen den Erfolg an sich, es ist aber diese Sucht danach, die uns von dem Weg der Erleuchtung abhält und uns täglich verzehrt. Abgesehen davon können wir mit unserem begrenzten Verstand die Vorgänge auf der Welt nicht überblicken und auch die Folgen eines solchen Erfolges nicht absehen. Als gutes Beispiel gibt es dazu eine freie Version des berühmten Märchens von Gebrüder Grimm „Von dem Fischer und seiner Frau“

Der alte Mann hat einen Goldfisch gefangen und sagt: „Ich möchte jung, schön, reich und berühmt sein und an meiner Seite möchte ich eine schöne junge Frau haben, die mich vergöttert!“ Der Fisch antwortet: „Es geschehe also!“ Der alte Mann lässt ihn los und sieht plötzlich, dass er auf einem weichen Bett in einem luxuriösen Palastschlafzimmer liegt. Durch das Fenster beleuchten die Strahlen der aufgehenden Sonne das Laub eines herrlichen Hofparks. Die Tür öffnet sich und eine bildhübsche junge Dame in einem durchsichtigen Negligé betritt den Raum, geht auf ihn zu, küsst ihn sanft und sagt mit einem Lächeln: „Ferdinand, Liebes, steh auf, wir müssen nach Sarajevo …“

(Für die es nicht wissen, mit der Ermordung des Erben des österreichisch-ungarischen Reichsthrons Ferdinand in Sarajevo begann der Erste Weltkrieg.)

Wie ist es denn mit dem Beten um das schnellere Enden des Leidens auf der Welt, vor allem des Leidens der „Unschuldigen“? Grade in Krisenzeiten entsteht oft die Frage „warum lässt Er es zu?“. Es gibt sogar Menschen die es wirklich meinen:„wenn es Gott gäbe, hätte er all das nicht zugelassen“. Darauf können wir nur antworten: „Warst du es, der an Seiner Stelle gekreuzigt wurdest?“Wenn wir jemanden hören: „wo war Gott als die Ärzte aus letzter Kraft für das Überleben der Kranken gekämpft haben?“,ist die einzig richtige Antwort: „Er war da, denn es ist für Ihn üblich, am Kreuz zu sein!“

Lassen wir unsere Herzen öffnen und sie bis zum Rande mit Vertrauen und Zuversicht erfüllen, uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen und uns mit Gelassenheit um einander kümmern! Die aktuelle Epidemie lehrt uns, diese Welt ist vergänglich, unsere fragile Stabilität kann jederzeit zusammenbrechen und unsere wirtschaftliche Lage zu einem Desaster verkommen. Es sind aber nicht die Börsenwerte, die uns stark machen, sondern die L i e b e  in unseren Herzen. Niemand kann sie uns nehmen, diese stärkste aller Kräfte, von der es steht: „Nun aber bleibt  G l a u b e,  H o f f n u n g,  L i e b e, diese drei; aber die  L i e b e ist die größte unter ihnen.“(1. Korinther 13:13 )

Wenn die Krise vorbei ist, haben wir als Gesellschaft die Wahl, entweder nichts daraus zu lernen und weiterhin ein hedonistisch sorgloses Leben mit kurzfristigen Zielen zu führen, das unsere Schwächen und Begierden bedient, oder die in der Not erfahrenen Liebe und Zuwendung zu Norm zu machen und sie wie das wertvollste Gut von Herz zu Herz weiter zu reichen. Erst dann werden wir der Worte würdig: „Glückselig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er sich bewährt hat, wird er die  K r o n e  d e s L e b e n s  empfangen, welche der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben.“(Jakobus 1,12)

 Br. B.K., Redner der altehrwürdigen St.-Johannisloge „Zum rothen Adler“, Hamburg

Weisheit – Schönheit – Stärke –

Wer bist Du?

Es war einmal ein Mann, der schwer erkrankt war und im Koma lag. Auf einmal erschien es ihm, als sei er im Himmel und stünde vor einem Richterstuhl.

Wer bist du?“, fragte eine Stimme.

Ich bin der Bürgermeister.“

Ich habe nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern: Wer dubist.“

Ich bin der Ehemann von Marta, der Lehrerin in unserem Dorf.“

Ich habe nicht gefragt, wessen Ehemann du bist, sondern: Wer dubist.“

Ich bin Mitglied im Golfclub.“

Ich habe nicht gefragt, in welchem Verein du bist, sondern: Wer bist du.“

Ich bin der Vater von drei Kindern.“

Ich habe nicht gefragt, wessen Vater du bist, sondern: Wer bist du.“

Ich bin Christ“, kam jetzt die Antwort, schon ratloser.

Ich habe nicht nach deiner Religion gefragt, sondern: Wer bist du.“

Und so ging es immer weiter. Alles, was der Mann erwiderte, schien keine befriedigende Antwort zu sein auf die Frage: Wer bist du.

Der Mann war aber keineswegs tot, sondern erwachte wenig später aus dem Koma. Zum Erstaunen aller wurde er bald wieder ganz gesund. Der Mann beschloss nun, der Frage „Wer bin ich?“ auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, wer er denn wirklich sei.

Nach Anthony de Mello

Wer bin ich: Das ist eine der grundlegenden Fragen des Menschen, mehr oder weniger bewusst. Uns Freimaurer treibt die Frage bewusst um. Es geht um Selbsterkenntnis nach dem markanten Spruch von Delphi „Gnothi Seautón“ – „Erkenne dich selbst“. Eine schwierige Übung. Wenn vor dem Richterstuhl alle Antworten mit meinen Alltags-Rollen nicht zählen, was bleibt dann übrig? Dann muss ich zwangsläufig den Blick von außen nach innen wenden. Dafür bietet der November die beste Gelegenheit. Jetzt zieht sich die Natur in sich selbst zurück, um dann mit neuer Kraft wieder ins Außen gehen zu können. Auch wir können in diesen dunklen Tagen uns zurücknehmen und mehr nach innen schauen. Jetzt sollten wir unserem Innenleben, unserem Selbst, diesem „angeborenen und unveränderlichen Charakter“ (Schopenhauer), die größte Aufmerksamkeit widmen. Die Wissenschaftler wie Psychologen und Soziologen behaupten, dass es den „unveränderlichen Charakter“, also das wahre, konstante Ich, in uns nicht gibt, ja, nicht geben kann, weil der ständige Austausch mit der Umwelt es immer wieder umformt. Das wäre auch sinnvoll, weil nur durch diese Anpassungsfähigkeit wir im Wettkampf des Lebens bestehen können. Dem kann ich nicht zustimmen.

Für mich geht die Schöpfung Mensch auf ein geistiges Urbild aus dem Licht zurück. Und im Zentrum meines Herzens ist das göttliche Gesetz eingewoben und jede Seele ist bestrebt, ihr wirkliches Selbst, den göttlichen Lichtfunken im Herzen zu erkennen. Deshalb meine ständige Suche nach Selbsterkenntnis, nach meiner Individualität, meiner Authentizität.

Auch Dietrich Bonhoeffer musste sich mit der Frage „Wer bin ich?“ auseinandersetzen. Im Juni 1944 in der Gefängniszelle hat er sie in einem Gedicht aufgearbeitet. Er verdichtet in diesen Versen den Widerspruch zwischen der Fremdwahrnehmung durch seine Wärter und Mitgefangenen und seiner eigenen Selbstwahrnehmung: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?…Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich?“ Bonhoeffer beschreibt schonungslos den Zwiespalt seiner Existenz im Gefängnis: Einerseits wirkt er auf seine Umwelt wie ein Gutsherr in seinem Schloss. In seiner Selbst-Wahrnehmung allerdings erlebt er sich als schwach, voller Angst und Zweifel. Diesen Zwiespalt erlebe ich häufig auch an mir/in mir. Im Alltag schiebe ich ihn dann schnell beiseite.

Bonhoeffers Gedicht endet mit „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“ Selbst wenn ich mich diesem starken Glauben anschließen kann, beantwortet das für mich noch nicht meine Frage „Wer bin ich?“.

Mit dieser Frage haben sich schon alle Philosophen (Descartes, Wittgenstein, u.v.m.) mehr oder weniger intensiv auseinandergesetzt. Nietzsche zum Beispiel fordert mich auf: „Werde wer du bist.“ Und? Zeigt er mir auch einen Weg auf? Richard David Precht hat sogar sein Buch mit der Frage betitelt: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Aber auch hier geht es eher um die vielen Rollen, die ich im Leben spiele, weniger um die letzte Erkenntnis meiner Selbst. Ich will aber eine Antwort finden, die vor dem Richterstuhl Bestand hat.

Im Johannesevangelium stehen sieben Ich-bin-Worteunseres Obermeisters: u.a. „Ich bin das Licht der Welt“ (6,35) und „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (14,6). Nach Licht und Wahrheit streben wir Ordensbrüder. Und die Lehre des Obermeisters kann uns dabei die Wegmarke schlechthin sein. Vielleicht finde ich auf diesem Weg zu mir – zu der Antwort: Wer bin ich?

Die Basis der Ich-bin-Worte ist die alttestamentarische Offenbarungsformel Gottes mit der Kernaussage „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14). Aber ich kann mich doch nicht hinstellen und auf die Frage „Wer bist du?“ antworten mit „Ich bin, der ich bin“. Oder doch? Klingt das nicht ziemlich anmaßend? Und zweitens – weiß ich dann, wer ich bin oder weiche ich nur aus, um mich nicht festzulegen?

Was also würde ich vor dem Richterstuhl antworten? Nach meiner heutigen Erkenntnis vielleicht so: Ich bin ein Teil der göttlichen Schöpfung, einmalig, unverwechselbar, mit einer göttlichen Gabe in mir – Kurz: Ich bin ich.

 

Es geschehe also

Br. Volker von Beesten

JL Alma an der Ostsee, Kiel

volker@vonbeesten.eu

Die Werke von Karl Gartz II. – 100 und mehr Jahre alt – aktueller denn je!

Ich muss gestehen: Ich habe auf dieses Buch nicht gewartet, denn von Karl Gartz war mir bislang lediglich ein bemerkenswerter Aufsatz über die Arbeitstafel in IV (damalige Zählung) in Erinnerung: Wie haben sich die Symbole genau dorthin entwickelt und warum? Welche neuen Symbole entsprechen den bereits bekannten? Einen solch lebhaften und präzisen Vergleich hatte ich bis dato noch nicht gelesen.

 

Außerdem erinnere ich mich, wie bemerkenswert ich fand, dass es diesem Autor gelang, einerseits Detailwissen zu vermitteln, sich darin aber nicht zu verlieren, sondern stets den „roten Faden“, die Meta-Ebene unseres Ordens dabei im Blick zu behalten und diese sozusagen herausmeißeln zu wollen. Und jetzt halte ich einen 400seitigen Wälzer in den Händen: „Quintessenz – Gesammelte Werke von Br. Karl Gartz II.“. Karl Gartz war von 1865 bis 1916 Mitglied unseres Ordens, er war ein bemerkenswerter Schriftsteller, Schriftleiter der Zirkelkorrespondenz, und vielleicht würde man ihn heute als einen der bedeutenden Symboliker bezeichnen.

 

Neben vielen wichtigen Ämtern innerhalb unseres Ordens bekleidete er auch das des Landesgroßmeisters zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nein, ich hatte nicht auf dieses neue Buch gewartet, weil mir nicht klar war, wie viel Material da zu sichten, zu ordnen und zu sammeln war und dass es noch so viel mehr von diesem bemerkenswerten Ordensschriftsteller gab als die mir bekannte Schrift über den Vergleich der Arbeitstafeln. Die Brüder Frank Mielke und Marco Grohmann aus Köln haben in akribischer Kleinarbeit seine Vorträge gesammelt, behutsam redigiert und erstmals in einem Band zusammengefasst. Mitglieder der Forschungsvereinigung Frederik haben dieses Buch in den letzten Tagen automatisch erhalten. Auf der Homepage der Frederik ist das Buch auch überdies erhältlich. Schon das Inhaltsverzeichnis verspricht „Ordenslektüre pur“.

 

Ich habe erst knappe 100 Seiten gelesen und freue mich, so intensiv wie selten in den letzten Jahren, unsere Lehre inhalieren zu können. Die klare 100 Jahre alte Sprache ist präzise und macht allein von Form und Klarheit schon Lust aufs Lesen. Bemerkenswert: Wie aktuell und relevant heute diese Texte noch sind. Es zeigt uns einmal mehr, dass unser Orden den Anspruch auf eine überzeitliche Allgemeingültigkeit erhebt. Keins dieser vor langer Zeit geschriebenen Worte wirkt auf mich verstaubt oder überholt oder bedürfte einer Anpassung. Was mir viele Jahre gefehlt hat und worüber ich mich besonders freue: Gartz beschäftigt sich intensiv mit den Fragebüchern. Unsere Fragebücher sind in den letzten Jahrzehnten in der allgemeinen Wahrnehmung etwas abgerutscht. Zu einer Art Beiwerk oder Schmuck. Vielen Brüdern sind sie unbekannt, anderen erscheinen sie (zu) rätselhaft, im schlimmsten Fall findet man sie irrelevant. Aber das Gegenteil ist der Fall: Unsere Fragebücher sind älter als unsere Rituale (u.a. weil auch viel weniger häufig verändert und angepasst) und die Basis derer, also ein Verständnis unserer Inhalte, kann nicht erfolgen ohne intensive Beschäftigung mit ihnen.

 

Dazu müssen wir allerdings in unserer heutigen Zeit wieder lernen, was die Beschäftigung mit Frage und Antwort genau bedeutet. Unsere Fragebücher präsentieren keine mathematischen Fragen, die durch Logik und Nachdenken erschlossen werden könnten.

 

Ist dies aber erst einmal der Fall, dann sind sie unschätzbar wertvoll. Gartz widmet einen guten Teil seiner Schriften den Fragebüchern, tut dies aber nicht ausschließlich. Da war es also in meinen Augen überfällig, aus so berufener Feder eine Ausdeutung und Erläuterung unserer Fragebücher zu lesen und ihnen damit für mich wieder einen neuen Stellenwert und eine ganz neue Relevanz zu geben. Ich habe nicht drauf gewartet, aber nur, weil ich gar nicht wusste, dass da noch 400 Seiten Gartz an den verschiedensten Stellen warten wiederentdeckt und veröffentlicht zu werden.Mit großer Neugier und Freude am Lesen und Dank an die Herausgeberfreue ich mich auf den Rest des Buches und kann es nur empfehlen.

 

Link zum Shop:

https://forschungsvereinigung-frederik.de/frederik-shop/quintessenz/

 

Von Br. Michael Münstedt, JL „Freimut und Wahrheit zu Cöln“, Köln

 

 

 

Eine Liebeserklärung an die Freimaurerei!

Sapere aude! – Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und natürlich geht es um Persönlichkeitsentwicklung. Großartig. Das vorliegende Werk vermittelt einen entmystifizierten, ganzheitlichen und gerade deshalb spannenden Einblick in die Freimaurerei und ihr gesellschaftlich vernetztes wie auch persönliches Wirken, wie es gegenwarts- und zukunftsbezogen in dieser Modernität, Frische und Vollkommenheit noch nie zu lesen gewesen ist. Zwar bleibt das Eine oder Andere offen – und trotzdem oder gerade deshalb bleibt die spannende Neugier des Lesers auch nach erfolgter Lektüre erhalten. Das ist von den Autoren aber auch so gewollt.

In jedem Kapitel spürt man die Autorität der vier Autoren, die ihre insgesamt über 100 Jahre freimaurerische Erfahrung von Ursprung, Gehalt und Anwendung des freimaurerischen Traditionsgutes in dieses Buch einbringen.

Auch werden bisher wenig bekannte historische, politische und inhaltliche Zusammenhänge aufgelöst und in Zusammenhang mit einigen bekannten außergewöhnlichen Persönlichkeiten gebracht. Aber es wird sich eben nicht nur auf die Geschichte und Vergangenes beschränkt, wie bei dem Thema „Freimaurerei“ sonst üblich, sondern unsere aktuellen Probleme werden aufgenommen und mit der Vision einer zweiten Aufklärung Lösungsmöglichkeiten vieler aktueller und gerade auch persönlicher Probleme sowie der Weg in eine bessere und angstfreie Zukunft aufgezeigt.

Sie beschreiben die Zukunft unserer Gesellschaft als eine klare Herausforderung an unsere Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung und machen uns hierfür mit freimaurerischen Methoden und Werkzeugen vertraut. Unmissverständlich klar wird hierbei, dass es zu den „Menschenrechten“ auch „Menschenpflichten“ gibt und jeder sich seiner moralischen und ethischen Verantwortung bewusstwerden muss, um Individualität mit Intuitionsfähigkeit zu entfalten. Es entsteht die Idee einer von den persönlichen Interessen erweiterten Schicksalsgemeinschaft verantwortlich Handelnder, mit Tugenden wie Empathie und Respekt, die die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander bilden.

So werden wir in diesem Buch auf lebendige Weise mit dem ältesten und preiswertesten Persönlichkeitsentwicklungs-Programm vertraut gemacht, dass durch Mitgliedschaft lebenslang gebucht werden kann – und nicht zuletzt ist es eine Liebeserklärung an die deutsche Freimaurerei.

Br. Hans-Peter Meinzer

PS: Die „Frederik“ verschickt das Buch an ihre Mitglieder;)