Liebe Brüder,

285 Seiten Studium, und das Fehlwissen über den 2. Grad ist überwunden;) Br. Wolfgang Krüger hat hier eine Wissenslücke gefüllt, an der nicht nur die BBr. Gesellen, sondern glücklicherweise auch alle weiterführenden Grade profitieren werden. Ein wahrer Schatz, der über das Sekretariat der GLL erworben werden kann (muß)…

Br. J. Wenzel

Die Krone des Lebens

 

 „Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen, aber er schreit in unserem Schmerz. Der Schmerz ist sein Megafon, um die taube Welt zu wecken.“ Clive Staples

 

Die Coronavirus-Epidemie hat unsere ganze Gesellschaft schlagartig erwischt und jeder von uns ist auf die eine oder andere Weise betroffen. Wir wissen noch nicht wie lange sie anhält und in welchem Umfang die Konsequenzen ausfallen werden, eins ist aber jetzt schon sicher: die Epidemie zeigt uns in aller Deutlichkeit unseren Platz auf dieser Welt und lässt uns auf eine drastische Weise mit den Grundfragen des Lebens auseinandersetzen, vor allem wer wir sind und warum wir auf diese Welt gekommen?

Die Ironie der Geschichte ist, dass wir Menschen uns selbst für die K r o n e  d e r  S c h ö p f u n g  halten, werden aber jetzt grade mit einem winzigen unsichtbaren Lebewesen konfrontiert, dass uns dazu zwingt, Demut zu üben und über die wirkliche Bedeutung von diesem unserem Status nachzudenken. Es liegt an uns, diese Gelegenheit als Chance zu erkennen und uns den Tiefen des Mysteriums namens Leben zu widmen und uns mit verstärkter Intensität an unsere freimaurerischen Grundfeste zu besinnen.

Die meisten von uns brauchen nicht mit dem Tod zu rechnen und was wir im nun stark veränderten Alltag zu tun haben, sagen uns unser Erster Aufseher und all die Nachrichten in den Medien. Damit kommen wir gut durch die schwierigen Zeiten und werden die Krise früher oder später in den Griff bekommen. Die uns aber dabei begleitenden Gefühle der Unruhe und Verunsicherung verwechseln wir oft viel zu schnell mit dem Zweiten Aufseher in uns und es ist genau an dieser Stelle, wo wir als Freimaurer besonders aufpassen müssen. Zwar wurden uns all die nötigen Werkzeuge in die Hand gegeben, um auch in unsicheren Zeiten das Vertrauen in unsere wahre Quelle der Stärke zu bewahren, wir müssen diese aber auch richtig einzusetzen wissen.

Vor allem ist es wichtig zu erkennen, dass es keinesfalls der Zweite Aufseher ist, der in uns die Ängste und die mulmigen verunsichernden Gefühle erzeugt, sondern ein Impostor, eine aktive Kraft in uns, die seinen Platz einnimmt und uns mit voller Wucht ins Weltliche, Irdisch-vergängliche zu drücken versucht. Genau gegen diese Kraft, die „stets das Böse will“, haben wir während der Aufnahme vom Zweiten Aufseher das Siegel der Verschwiegenheit auf die Zunge gedrückt bekommen, auf die Stelle wo die doppelte Natur des Menschen am stärksten zum Ausdruck kommt und sowohl für das  W o r t  als auch für den  V e r d a u –   u n g s t r a k t  steht. Die Zunge ist der Inbegriff des Materiellen und Verderblichen und beides hat hier ihre wichtigsten Schnittstellen. Ist es denn ein Zufall, dass sich der Coronavirus auch hauptsächlich durch den Mund bis zu den Lungen vorarbeitet?

Als Teil der chemisch-elektrischen Belohnungssystems in unserem Körper ist das Gefühl ein Sprecher des Irdisch-vergänglichen und solange es spricht, ist es für uns nicht leicht, den wahren Zweiten Aufseher zu hören, der für das  G e w i s s e n  steht und die Verbindung zur echten Weisheitsquelle in uns aufzubauen vermag. „Ganz leise“spricht diese Quelle in uns, um unsere Willensfreiheit nicht zu gefährden. Um ihr wirklich zuhören zu können, müssen wir das Gefühlschaos in uns mäßigen oder „temperieren“.  Diesem Ziel dienen unsere Tempelarbeitenund genau aus diesem Grund ruft uns unser innerer Logenmeister ständig zur Ordnung. Je stärker das Leiden in uns ist, desto lauter muss er werden, um sich Gehör zu verschaffen.

Es drängt sich aber die Frage auf, was können wir tun, während die Tempelarbeiten ausgesetzt werden?

Im 4. Jahrhundert nach Christus schrieb der in Kappadokien predigende Gregor von Nazianz:„Der Mensch ist nicht Mikrokosmos im Makrokosmos, sondern umgekehrt – es ist die große Welt in eine kleine Welt eingesperrt“. Alles was die erschaffene Welt, der Kosmos beinhaltet, ist im Menschen vorhanden, es gibt aber auch etwas, was dem Kosmos fehlt, die Gabe nämlich, das  E b e n b i l d   G o t t e s zu sein. Der Mensch ist nach einem speziellen göttlichen Plan erschaffen und soll über die Welt bzw. den Kosmos herrschen. So steht es auch auf der allerersten Seite der Bibel, die wir im Freimaurerorden „unser Größtes Licht“nennen: „Seid fruchtbar, und vermehrt euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“

Diese Gabe ermöglicht es uns, den Kontakt zur Urquelle aufzunehmen, und wenn unser Erster Aufseher den Weg zur Weisheit durch das intellektuelle Räsonnieren aufzeigt, weiß unser Zweiter Aufseher die Abkürzung durch die versteckte innere Tür in unserem Herzen zu nehmen. Während der Tempelarbeiten öffnen wir aktiv diese Tür und tauchen in eine besondere mystische Zeit ein, die uns aus dem Alltäglich-profanen herausbringt und die Berührung mit dem Ewigen ermöglicht. Das Öffnen dieser Tür geschieht durch das Gebet, das am Anfang der Tempelarbeit erfolgt, aber auch das freimaurerische Klopfen ist eine spezielle Form des Gebets, die sich auf die Worte des Matthäus-Evangeliums bezieht: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Fern vom Logenhaus und den anderen Brüdern können wir kein komplettes Ritual der Tempelarbeit durchführen, der Weg des inneren Gebets steht uns aber weiterhin zur Verfügung und wir können und sollen diese wunderbare Möglichkeit auf jeden Fall nutzen, grade angesichts der Tatsache, dass auch unser Körper ein Tempel ist: „Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Korinther 3:16). Die geistige Ebene erfordert allerdings eine viel intensivere Art der inneren Arbeit, bei der wir nicht bloß entspannt das Geschehen im Tempel beobachten und dem Wortaustausch der Beamten lauschen können. Hier müssen wir alles selbst tun, können uns aber auf wahre Entdeckungen gefasst machen, sollte uns durch die göttliche Gnade die Tür von der anderen Seite geöffnet werden.

Wenn wir die Inhalte des I. Grades wirklich verstanden und unsere göttliche Herkunft mit dem ganzen Herzen akzeptiert haben, werden wir auch wissen, worum wir zu bitten haben. Als Freimaurer arbeiten wir daran, unsere Seele „gottähnlich zu gestalten“, um es mit den Worten von Bruder Hieber zum Ausdruck zu bringen. Wir lernen, uns aus der Abhängigkeit vom Irdisch-vergänglichen zu befreien und lassen unser inneres Licht auf unsere Gedanken, Regungen und Handlungen leuchten und genau darum soll es in unseren Gebeten gehen.

Es macht keinen Sinn, nach dem gesellschaftlichen und finanziellen Erfolg oder nach der Beliebtheit beim anderen Geschlecht und dadurch einer noch größeren Verankerung im Weltlich-profanen zu fragen, denn wenn wir mit uns selbst wirklich ehrlich sind, werden wir erkennen, dass uns diese Abhängigkeit nicht gut tut. Nichts spricht gegen den Erfolg an sich, es ist aber diese Sucht danach, die uns von dem Weg der Erleuchtung abhält und uns täglich verzehrt. Abgesehen davon können wir mit unserem begrenzten Verstand die Vorgänge auf der Welt nicht überblicken und auch die Folgen eines solchen Erfolges nicht absehen. Als gutes Beispiel gibt es dazu eine freie Version des berühmten Märchens von Gebrüder Grimm „Von dem Fischer und seiner Frau“

Der alte Mann hat einen Goldfisch gefangen und sagt: „Ich möchte jung, schön, reich und berühmt sein und an meiner Seite möchte ich eine schöne junge Frau haben, die mich vergöttert!“ Der Fisch antwortet: „Es geschehe also!“ Der alte Mann lässt ihn los und sieht plötzlich, dass er auf einem weichen Bett in einem luxuriösen Palastschlafzimmer liegt. Durch das Fenster beleuchten die Strahlen der aufgehenden Sonne das Laub eines herrlichen Hofparks. Die Tür öffnet sich und eine bildhübsche junge Dame in einem durchsichtigen Negligé betritt den Raum, geht auf ihn zu, küsst ihn sanft und sagt mit einem Lächeln: „Ferdinand, Liebes, steh auf, wir müssen nach Sarajevo …“

(Für die es nicht wissen, mit der Ermordung des Erben des österreichisch-ungarischen Reichsthrons Ferdinand in Sarajevo begann der Erste Weltkrieg.)

Wie ist es denn mit dem Beten um das schnellere Enden des Leidens auf der Welt, vor allem des Leidens der „Unschuldigen“? Grade in Krisenzeiten entsteht oft die Frage „warum lässt Er es zu?“. Es gibt sogar Menschen die es wirklich meinen:„wenn es Gott gäbe, hätte er all das nicht zugelassen“. Darauf können wir nur antworten: „Warst du es, der an Seiner Stelle gekreuzigt wurdest?“Wenn wir jemanden hören: „wo war Gott als die Ärzte aus letzter Kraft für das Überleben der Kranken gekämpft haben?“,ist die einzig richtige Antwort: „Er war da, denn es ist für Ihn üblich, am Kreuz zu sein!“

Lassen wir unsere Herzen öffnen und sie bis zum Rande mit Vertrauen und Zuversicht erfüllen, uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen und uns mit Gelassenheit um einander kümmern! Die aktuelle Epidemie lehrt uns, diese Welt ist vergänglich, unsere fragile Stabilität kann jederzeit zusammenbrechen und unsere wirtschaftliche Lage zu einem Desaster verkommen. Es sind aber nicht die Börsenwerte, die uns stark machen, sondern die L i e b e  in unseren Herzen. Niemand kann sie uns nehmen, diese stärkste aller Kräfte, von der es steht: „Nun aber bleibt  G l a u b e,  H o f f n u n g,  L i e b e, diese drei; aber die  L i e b e ist die größte unter ihnen.“(1. Korinther 13:13 )

Wenn die Krise vorbei ist, haben wir als Gesellschaft die Wahl, entweder nichts daraus zu lernen und weiterhin ein hedonistisch sorgloses Leben mit kurzfristigen Zielen zu führen, das unsere Schwächen und Begierden bedient, oder die in der Not erfahrenen Liebe und Zuwendung zu Norm zu machen und sie wie das wertvollste Gut von Herz zu Herz weiter zu reichen. Erst dann werden wir der Worte würdig: „Glückselig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er sich bewährt hat, wird er die  K r o n e  d e s L e b e n s  empfangen, welche der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben.“(Jakobus 1,12)

 Br. B.K., Redner der altehrwürdigen St.-Johannisloge „Zum rothen Adler“, Hamburg

Weisheit – Schönheit – Stärke –

Wer bist Du?

Es war einmal ein Mann, der schwer erkrankt war und im Koma lag. Auf einmal erschien es ihm, als sei er im Himmel und stünde vor einem Richterstuhl.

Wer bist du?“, fragte eine Stimme.

Ich bin der Bürgermeister.“

Ich habe nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern: Wer dubist.“

Ich bin der Ehemann von Marta, der Lehrerin in unserem Dorf.“

Ich habe nicht gefragt, wessen Ehemann du bist, sondern: Wer dubist.“

Ich bin Mitglied im Golfclub.“

Ich habe nicht gefragt, in welchem Verein du bist, sondern: Wer bist du.“

Ich bin der Vater von drei Kindern.“

Ich habe nicht gefragt, wessen Vater du bist, sondern: Wer bist du.“

Ich bin Christ“, kam jetzt die Antwort, schon ratloser.

Ich habe nicht nach deiner Religion gefragt, sondern: Wer bist du.“

Und so ging es immer weiter. Alles, was der Mann erwiderte, schien keine befriedigende Antwort zu sein auf die Frage: Wer bist du.

Der Mann war aber keineswegs tot, sondern erwachte wenig später aus dem Koma. Zum Erstaunen aller wurde er bald wieder ganz gesund. Der Mann beschloss nun, der Frage „Wer bin ich?“ auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, wer er denn wirklich sei.

Nach Anthony de Mello

Wer bin ich: Das ist eine der grundlegenden Fragen des Menschen, mehr oder weniger bewusst. Uns Freimaurer treibt die Frage bewusst um. Es geht um Selbsterkenntnis nach dem markanten Spruch von Delphi „Gnothi Seautón“ – „Erkenne dich selbst“. Eine schwierige Übung. Wenn vor dem Richterstuhl alle Antworten mit meinen Alltags-Rollen nicht zählen, was bleibt dann übrig? Dann muss ich zwangsläufig den Blick von außen nach innen wenden. Dafür bietet der November die beste Gelegenheit. Jetzt zieht sich die Natur in sich selbst zurück, um dann mit neuer Kraft wieder ins Außen gehen zu können. Auch wir können in diesen dunklen Tagen uns zurücknehmen und mehr nach innen schauen. Jetzt sollten wir unserem Innenleben, unserem Selbst, diesem „angeborenen und unveränderlichen Charakter“ (Schopenhauer), die größte Aufmerksamkeit widmen. Die Wissenschaftler wie Psychologen und Soziologen behaupten, dass es den „unveränderlichen Charakter“, also das wahre, konstante Ich, in uns nicht gibt, ja, nicht geben kann, weil der ständige Austausch mit der Umwelt es immer wieder umformt. Das wäre auch sinnvoll, weil nur durch diese Anpassungsfähigkeit wir im Wettkampf des Lebens bestehen können. Dem kann ich nicht zustimmen.

Für mich geht die Schöpfung Mensch auf ein geistiges Urbild aus dem Licht zurück. Und im Zentrum meines Herzens ist das göttliche Gesetz eingewoben und jede Seele ist bestrebt, ihr wirkliches Selbst, den göttlichen Lichtfunken im Herzen zu erkennen. Deshalb meine ständige Suche nach Selbsterkenntnis, nach meiner Individualität, meiner Authentizität.

Auch Dietrich Bonhoeffer musste sich mit der Frage „Wer bin ich?“ auseinandersetzen. Im Juni 1944 in der Gefängniszelle hat er sie in einem Gedicht aufgearbeitet. Er verdichtet in diesen Versen den Widerspruch zwischen der Fremdwahrnehmung durch seine Wärter und Mitgefangenen und seiner eigenen Selbstwahrnehmung: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?…Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich?“ Bonhoeffer beschreibt schonungslos den Zwiespalt seiner Existenz im Gefängnis: Einerseits wirkt er auf seine Umwelt wie ein Gutsherr in seinem Schloss. In seiner Selbst-Wahrnehmung allerdings erlebt er sich als schwach, voller Angst und Zweifel. Diesen Zwiespalt erlebe ich häufig auch an mir/in mir. Im Alltag schiebe ich ihn dann schnell beiseite.

Bonhoeffers Gedicht endet mit „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“ Selbst wenn ich mich diesem starken Glauben anschließen kann, beantwortet das für mich noch nicht meine Frage „Wer bin ich?“.

Mit dieser Frage haben sich schon alle Philosophen (Descartes, Wittgenstein, u.v.m.) mehr oder weniger intensiv auseinandergesetzt. Nietzsche zum Beispiel fordert mich auf: „Werde wer du bist.“ Und? Zeigt er mir auch einen Weg auf? Richard David Precht hat sogar sein Buch mit der Frage betitelt: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Aber auch hier geht es eher um die vielen Rollen, die ich im Leben spiele, weniger um die letzte Erkenntnis meiner Selbst. Ich will aber eine Antwort finden, die vor dem Richterstuhl Bestand hat.

Im Johannesevangelium stehen sieben Ich-bin-Worteunseres Obermeisters: u.a. „Ich bin das Licht der Welt“ (6,35) und „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (14,6). Nach Licht und Wahrheit streben wir Ordensbrüder. Und die Lehre des Obermeisters kann uns dabei die Wegmarke schlechthin sein. Vielleicht finde ich auf diesem Weg zu mir – zu der Antwort: Wer bin ich?

Die Basis der Ich-bin-Worte ist die alttestamentarische Offenbarungsformel Gottes mit der Kernaussage „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14). Aber ich kann mich doch nicht hinstellen und auf die Frage „Wer bist du?“ antworten mit „Ich bin, der ich bin“. Oder doch? Klingt das nicht ziemlich anmaßend? Und zweitens – weiß ich dann, wer ich bin oder weiche ich nur aus, um mich nicht festzulegen?

Was also würde ich vor dem Richterstuhl antworten? Nach meiner heutigen Erkenntnis vielleicht so: Ich bin ein Teil der göttlichen Schöpfung, einmalig, unverwechselbar, mit einer göttlichen Gabe in mir – Kurz: Ich bin ich.

 

Es geschehe also

Br. Volker von Beesten

JL Alma an der Ostsee, Kiel

volker@vonbeesten.eu

Die Werke von Karl Gartz II. – 100 und mehr Jahre alt – aktueller denn je!

Ich muss gestehen: Ich habe auf dieses Buch nicht gewartet, denn von Karl Gartz war mir bislang lediglich ein bemerkenswerter Aufsatz über die Arbeitstafel in IV (damalige Zählung) in Erinnerung: Wie haben sich die Symbole genau dorthin entwickelt und warum? Welche neuen Symbole entsprechen den bereits bekannten? Einen solch lebhaften und präzisen Vergleich hatte ich bis dato noch nicht gelesen.

 

Außerdem erinnere ich mich, wie bemerkenswert ich fand, dass es diesem Autor gelang, einerseits Detailwissen zu vermitteln, sich darin aber nicht zu verlieren, sondern stets den „roten Faden“, die Meta-Ebene unseres Ordens dabei im Blick zu behalten und diese sozusagen herausmeißeln zu wollen. Und jetzt halte ich einen 400seitigen Wälzer in den Händen: „Quintessenz – Gesammelte Werke von Br. Karl Gartz II.“. Karl Gartz war von 1865 bis 1916 Mitglied unseres Ordens, er war ein bemerkenswerter Schriftsteller, Schriftleiter der Zirkelkorrespondenz, und vielleicht würde man ihn heute als einen der bedeutenden Symboliker bezeichnen.

 

Neben vielen wichtigen Ämtern innerhalb unseres Ordens bekleidete er auch das des Landesgroßmeisters zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nein, ich hatte nicht auf dieses neue Buch gewartet, weil mir nicht klar war, wie viel Material da zu sichten, zu ordnen und zu sammeln war und dass es noch so viel mehr von diesem bemerkenswerten Ordensschriftsteller gab als die mir bekannte Schrift über den Vergleich der Arbeitstafeln. Die Brüder Frank Mielke und Marco Grohmann aus Köln haben in akribischer Kleinarbeit seine Vorträge gesammelt, behutsam redigiert und erstmals in einem Band zusammengefasst. Mitglieder der Forschungsvereinigung Frederik haben dieses Buch in den letzten Tagen automatisch erhalten. Auf der Homepage der Frederik ist das Buch auch überdies erhältlich. Schon das Inhaltsverzeichnis verspricht „Ordenslektüre pur“.

 

Ich habe erst knappe 100 Seiten gelesen und freue mich, so intensiv wie selten in den letzten Jahren, unsere Lehre inhalieren zu können. Die klare 100 Jahre alte Sprache ist präzise und macht allein von Form und Klarheit schon Lust aufs Lesen. Bemerkenswert: Wie aktuell und relevant heute diese Texte noch sind. Es zeigt uns einmal mehr, dass unser Orden den Anspruch auf eine überzeitliche Allgemeingültigkeit erhebt. Keins dieser vor langer Zeit geschriebenen Worte wirkt auf mich verstaubt oder überholt oder bedürfte einer Anpassung. Was mir viele Jahre gefehlt hat und worüber ich mich besonders freue: Gartz beschäftigt sich intensiv mit den Fragebüchern. Unsere Fragebücher sind in den letzten Jahrzehnten in der allgemeinen Wahrnehmung etwas abgerutscht. Zu einer Art Beiwerk oder Schmuck. Vielen Brüdern sind sie unbekannt, anderen erscheinen sie (zu) rätselhaft, im schlimmsten Fall findet man sie irrelevant. Aber das Gegenteil ist der Fall: Unsere Fragebücher sind älter als unsere Rituale (u.a. weil auch viel weniger häufig verändert und angepasst) und die Basis derer, also ein Verständnis unserer Inhalte, kann nicht erfolgen ohne intensive Beschäftigung mit ihnen.

 

Dazu müssen wir allerdings in unserer heutigen Zeit wieder lernen, was die Beschäftigung mit Frage und Antwort genau bedeutet. Unsere Fragebücher präsentieren keine mathematischen Fragen, die durch Logik und Nachdenken erschlossen werden könnten.

 

Ist dies aber erst einmal der Fall, dann sind sie unschätzbar wertvoll. Gartz widmet einen guten Teil seiner Schriften den Fragebüchern, tut dies aber nicht ausschließlich. Da war es also in meinen Augen überfällig, aus so berufener Feder eine Ausdeutung und Erläuterung unserer Fragebücher zu lesen und ihnen damit für mich wieder einen neuen Stellenwert und eine ganz neue Relevanz zu geben. Ich habe nicht drauf gewartet, aber nur, weil ich gar nicht wusste, dass da noch 400 Seiten Gartz an den verschiedensten Stellen warten wiederentdeckt und veröffentlicht zu werden.Mit großer Neugier und Freude am Lesen und Dank an die Herausgeberfreue ich mich auf den Rest des Buches und kann es nur empfehlen.

 

Link zum Shop:

https://forschungsvereinigung-frederik.de/frederik-shop/quintessenz/

 

Von Br. Michael Münstedt, JL „Freimut und Wahrheit zu Cöln“, Köln

 

 

 

Eine Liebeserklärung an die Freimaurerei!

Sapere aude! – Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und natürlich geht es um Persönlichkeitsentwicklung. Großartig. Das vorliegende Werk vermittelt einen entmystifizierten, ganzheitlichen und gerade deshalb spannenden Einblick in die Freimaurerei und ihr gesellschaftlich vernetztes wie auch persönliches Wirken, wie es gegenwarts- und zukunftsbezogen in dieser Modernität, Frische und Vollkommenheit noch nie zu lesen gewesen ist. Zwar bleibt das Eine oder Andere offen – und trotzdem oder gerade deshalb bleibt die spannende Neugier des Lesers auch nach erfolgter Lektüre erhalten. Das ist von den Autoren aber auch so gewollt.

In jedem Kapitel spürt man die Autorität der vier Autoren, die ihre insgesamt über 100 Jahre freimaurerische Erfahrung von Ursprung, Gehalt und Anwendung des freimaurerischen Traditionsgutes in dieses Buch einbringen.

Auch werden bisher wenig bekannte historische, politische und inhaltliche Zusammenhänge aufgelöst und in Zusammenhang mit einigen bekannten außergewöhnlichen Persönlichkeiten gebracht. Aber es wird sich eben nicht nur auf die Geschichte und Vergangenes beschränkt, wie bei dem Thema „Freimaurerei“ sonst üblich, sondern unsere aktuellen Probleme werden aufgenommen und mit der Vision einer zweiten Aufklärung Lösungsmöglichkeiten vieler aktueller und gerade auch persönlicher Probleme sowie der Weg in eine bessere und angstfreie Zukunft aufgezeigt.

Sie beschreiben die Zukunft unserer Gesellschaft als eine klare Herausforderung an unsere Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung und machen uns hierfür mit freimaurerischen Methoden und Werkzeugen vertraut. Unmissverständlich klar wird hierbei, dass es zu den „Menschenrechten“ auch „Menschenpflichten“ gibt und jeder sich seiner moralischen und ethischen Verantwortung bewusstwerden muss, um Individualität mit Intuitionsfähigkeit zu entfalten. Es entsteht die Idee einer von den persönlichen Interessen erweiterten Schicksalsgemeinschaft verantwortlich Handelnder, mit Tugenden wie Empathie und Respekt, die die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander bilden.

So werden wir in diesem Buch auf lebendige Weise mit dem ältesten und preiswertesten Persönlichkeitsentwicklungs-Programm vertraut gemacht, dass durch Mitgliedschaft lebenslang gebucht werden kann – und nicht zuletzt ist es eine Liebeserklärung an die deutsche Freimaurerei.

Br. Hans-Peter Meinzer

PS: Die „Frederik“ verschickt das Buch an ihre Mitglieder;)

Die Geschichte der Loge „Anschar zum Friedenshafen“ zu Cuxhaven mit vielen Höhen aber auch mit den Tiefen von 1874 bis in die Gegenwart, 2019, lässt sich in drei wichtige Abschnitten darstellen:

  1. Die Jahre 1874 bis 1935

Schon sehr früh, ab 1814, ist das Wirken der Freimaurer in Cuxhaven nachweisbar. Ab 1873 gab es die ersten Zusammenkünfte, daraus entstand am 7. Februar 1874 ein Freimaurerisches Kränzchen. Brüder, vor allem aus Hamburg, die in Cuxhaven ihrem Beruf nachgingen, trafen sich fortan regelmäßig. Später, ab 1891, begann die Initiative für eine Logengründung. Am 30. Oktober 1894 wurde das Grundstück für die Loge (Grüner Weg 18) gekauft. Ein Jahr später, am 15. Oktober 1895, war das neue, heute noch genutzte, sehr repräsentative Logenhaus fertiggestellt. Am 10. November 1895 erfolgte die feierliche Weihe der Freimaurerloge ”Anschar zum Friedenshafen” (AzF) zu Cuxhaven. Mit 16 Brüder begann die Loge 1895.

Im Jahre 1900 war die Loge schon auf 41 Brüder angewachsen. Auch in der Zeit des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 kamen die Brüder im Logenhaus regelmäßig zusammen. Der Gesellschaftsraum im Erdgeschoss diente allerdings als Reservelazarett. Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Bruderschaft weiter. Ab 1928 plante man wegen der beginnenden Raumnot ein neues Logenhaus zu bauen. 1929 erreichte die Loge mit 154 Brüder ihren Höchststand. Mit den aufkommenden Nazis und den entwürdigenden Angriffen und der Hetze gegen die Freimaurer traten ab 1931 /1932 nach und nach viele Brüder aus. Sie fürchteten vor allem um ihr berufliches Fortkommen. Neuzugänge gab es nicht mehr. Die Angriffe der Nazis verstärkten sich mit deren Machtergreifung ab 1933. 1935 mussten sich die Logen wegen des Verbots durch die Nazis auflösen. Zuletzt waren es noch 35 Brüder. Auch die Freimaurerische Vereinigung auf Helgoland von 1903 gab es nicht mehr.

  1. Die Jahre 1945 bis 1995

Cuxhaven wurde am Ende des 2. Weltkrieges, am 8. Mai 1945, von den königlich-britischen Truppen besetzt. Der Stadtkommandant war in Großbritannien Freimaurer. Bei einem Gang durch die Stadt stieß er in der Mittelstr. auf eine Tischlerei mit dem Zunftzeichen der Tischler (Zirkel, Winkel und Hobel). Der Offizier fragte den Inhaber, ob er ein „Freemason“ (Freimaurer) sei. Man schickte ihn zu Johann Krooß in die Prinzessinnentrift. Dort sah er an der Wand das Logenschwert von 1895, das seit 1935 privat aufbewahrt wurde. Major Trotter empfahl Bruder Krooß, für die Loge einen Antrag auf Vereinsgründung zu stellen. Sofort kamen die früher amtierenden Brüder zusammen. Man formulierten den Antrag in englischer Sprache und brachten ihn dem britischen Stadtkommandanten. Der Antrag wurde schon am 31. Mai 1945 genehmigt und am selben Tag ins Vereinsregister eingetragen. Es war die erste Eintragung eines Vereins nach dem Kriege in Cuxhaven und es war zugleich auch die erste Genehmigung, eine Loge in Deutschland nach dem Kriege wieder zu errichten. Allerdings funktionierte keine Postversorgung und so trafen sich erst am 14. Juni 1945, einen Monat und sechs Tage nach Kriegsende, 31 treu verbliebene Brüder. Die königlich-britische Militärregierung hatte zudem dafür gesorgt, dass den Brüdern in ihrem früheren Logenhaus, was zu der Zeit noch als Heimatmuseum der Stadt Cuxhaven fungierte, zunächst ein Raum für die Zusammenkünfte zur Verfügung gestellt wurde. Am 14. Juni 1945 wurde beschlossen, das Johannisfest 10 Tage später, am 24. Juni 1945 zu begehen. Für dieses Treffen wurde der Bruderschaft empfohlen, doch bitte Essbesteck und Teller für ein einfaches Mahl mitzubringen. Das 50. Stiftungsfest im November 1945 viel mangels Heizmaterial aus. Man beschloss, lieber im Sommer 1946 zusammenzukommen.

Die mit der AzF-Loge befreundete Nachbar-Loge „Zu den drei Ankern“ in Bremerhaven nutzte ab Sommer 1946 auch die Räumlichkeiten der Loge in Cuxhaven, da es in Bremerhaven erst ab 1949 möglich war, wieder eine Loge einzurichten. Die Brüder beider Logen hielten nicht nur damals, sondern bis heute einen engen brüderlichen Kontakt. Der weitere Aufbau der Loge „Anschar zum Friedenshafen“ folgte. 1950 wurde das Logenhaus wieder Eigentum der AzF.

1955 wurde das 60. Stiftungsfest würdevoll begangen. Bruder Ernst Fischer stiftete seiner geliebten Loge „Anschar zum Friedenshafen“ eine besondere Skulptur: „Der Bruder“. Diese Figur ist ein besonderes Schmuckstück im Vorraum des Tempels. Abgüsse wurden der Provinzialloge von Niedersachsen in Hamburg und auch der Großen Landesloge in Berlin übergeben. Eine erste Restaurierung des Hauses erfolgte in den 50er-Jahren. 1988 begannen die gründlichen Umbauten der Räume im Logenhaus. Das einladende Treppenhaus erhielt seine frühere Pracht zurück und auch der Tempel im Obergeschoss erstrahlt seither in eindrucksvoller Stärke und Schönheit. 1994 konnten die Brüder der AzF eine Tochterloge, die Loge „Zum goldenen Steig“ in Passau gründen. Ein Jahr später, 1995, beging die Loge „Anschar zum Friedenshafen“ ihr 100. Stiftungsfest.

  1. Die Jahre von 1995 bis 2019

Von 1996 bis 2001 und von 2003 bis 2013 konnten mehrere neue Mitglieder aufgenommen werden, jedoch verlor die Loge in den Zeiträumen u. a. durch viele Sterbefälle mehr Brüder. Augenblicklich (2019) steigt die Zahl der Mitglieder wieder leicht an. Eine andere Form der Öffentlichkeitsarbeit, das monatliche „Freimaurer-Forum“, zeigt wohl Wirkung.

Um einen weiteren Interessentenkreis für die Loge zu erreichen, wird voraussichtlich Ende April 2019 ein Buch „Auf den Spuren der Freimaurer im Elbe-Weser-Dreieck“ vorgestellt. Beteiligt sind die Logen aus Bremerhaven, Cuxhaven und Stade. In dem Werk werden u. a. Namen von Freimaurern zu finden sein, die z. B. durch Straßennamen in der Region geehrt worden sind.

Text und Bild: Br. Manfred Mittelstedt, JL „Anschar zum Friedenshafen“ zu Cuxhaven