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Was diskutieren die „Altpreußen“?

Jede deutsche Großloge hat in ihrer Geschichte immer wieder bedeutende freimaurerische Schriftsteller hervorgebracht. Dies gilt in besonderem Maße für die sehr alten Großlogen, welche man auch die „altpreußischen“ nennt. Es sind neben unserer Großloge die Große Nationale Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (gegründet 1740) und die ehemalige Großloge und heutige Große Loge „Royal York zur Freundschaft“ (gegründet 1798). Unsere Zirkelkorrespondenz dokumentiert durch jedes ihrer Hefte auch die aktuelle inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Lehrgebäude des Freimaurerordens. Was tut sich diesbezüglich bei den anderen „Altpreußen“? Wie wird von den Brüdern, welche dort das Wort führen, über Rituale, Quellen, Sichtweisen, Symbole, Geschichte, Sinn, Zweck und Aktualität von Freimaurerei nachgedacht?

Einen diesbezüglichen Einblick in die Bruderschaft der „Royal York“ gibt die Festschrift zum 50. Mauerjubiläum von Hermann-Friedrich Kramer, Oberredner des Inneren Orients. An den 11 Reden, Artikeln, Instruktionen aus den Jahren 2016 bis 2019 beeindrucken die fast durchgängigen Ableitungen der Positionen des Autors aus der griechischen Philosophie einerseits und die Verknüpfung seines Bildes von Freimaurerei mit aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen anderseits. Dabei spannt Bruder Kramer den Bogen vom freimaurerischen Menschenbild, über die „heilige Geometrie“ und die Pythagoreische Zahlensymbolik bis zu Vorstellungen über die Seele und der Frage nach einer aufgeklärten Religion. In den Antworten des Autors wird viel vom heutigen Selbstverständnis seiner Großen Loge deutlich. Hervorzuheben ist dabei vor allem, die inhaltliche Verwurzelung freimaurerischer Denkweisen in Gedankengebäuden, welche ihre Wirkungen lange vor Christentum, Kabbala, Aufklärung o.a. Quellen wirkmächtig entfaltet hatten. Vorbildlich ist auch die umfassende Herangehensweise an freimaurerische Fragen. So diskutiert der Autor auf nur 13 Seiten stets  allgemein-verständlich „Vorstellungen über die Seele“ an Hand von Aussagen alt-ägyptischer und darauf aufbauender jüdischer Denker (ab spätestens 1.000 v. Chr.), der Zorastiker (spätestens 600 v. Chr.) , der Orphiker (550 v. Chr.) und der Pythagoreer (ab 620 v. Chr.), von Platon (428-348) und Aristoteles (384-322), den Stoikern (um 300 v. Chr.), den Anhängern Epikurs (341-270 v. Chr.), dem vermutlichen Herangehen ans Thema durch die Essener und die jüdische Philosophie des Mittelalters, den Thesen von Origenes (185-254), Laktanz (240-320), Th. von Aquin (1225-1274), Descartes (1596-1650), Leibniz (1646-1716), Kant (1724-1804, Hegel (1770-1831) und Sartre (1905-1980). Die in Schriften und Reden anderer zeitgenössischer Autoren zu findenden Einschränkungen auf jeweilige „Lieblingsquellen“, vermisst der Leser wohltuender Weise nicht.

Übrigens: Bruder Kramer erblickte das freimaurerische Licht 1969 in einer Loge unserer Lehrart. Er bekennt im Buch, dass er mit der christlichen Ausrichtung zwar „gefremdelt“, aber die „Grundausbildung“ im Orden genossen habe. Nach 50 Jahren gibt Bruder Hermann-Friedrich Kramer mit seiner Schrift uns für diese Grundausbildung ein reiches Geschenk zurück, wie er überhaupt mit vielen unserer Brüder, z.B. der Forschungsvereinigung „Frederik“, in enger Verbindung steht. Auch dafür herzlichen Dank!

Br. Uwe Matthes