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Ehrwürdiger Meister, meine lieben Brüder!

Vor kurzem hat man auf einem Dachboden in Schweden eine Kiste gefunden, in der sich viele alte Schriften befanden. So z.B. eine Zeichnung, die zum 2. Stiftungsfest der JL „Zu den drei Rosen“ im Jahr 1772, also vor fast 250 Jahren, aufgelegt wurde. Sie entspricht in ihrem blumigen Gewand und ihrer Ausführlichkeit dem Gedankengut der damaligen Zeit und doch müssen wir feststellen, dass sich heute kaum etwas geändert hat. Sie sollte uns zum Nachdenken anregen. (Br. Gernot Riebenstein)

Die Zeichnung (der Vortrag) trägt den Titel: „Über den Werth der Menschen“

Wenn der Mensch über etwas nachzudenken Ursache hat, so ist es über sich selbst. Zwar geschieht dieses von den meisten, denn sinnt nicht der Ehrgeitzige nur immer darauf, wie er einen höhern Rang und mehr Ehre erlange, der Wollüstige, wie er seine sinnlichen Begierden befriedige, und der Geitzige, wie er Schätze sammle? Das nennen sie, über sich selbst nachdenken. Aber von einem solchen Nachdenken kann in einer Versammlung von Freymaurern die Rede nicht seyn. (Versammlung bedeutet Tempelarbeit). Hier kömt es nicht auf den Reichthum oder auf die Schätze oder auf andre äußerliche Vorzüge an, die nur dem Scheine nach Vorzüge sind, und so wenig einen Einfluß auf die Glückseeligkeit der Menschen haben, daß sie selbige vielmehr hindern und öfters ganz zerstöhren.

Ganz anders ist das Nachdenken eines vernünftigen Mannes, eines Freymaurers, über sich selbst beschaffen. Er denkt blos an den Zustand, in welchem sich seine Seele befindet, wie weit er sich von den Lastern entfernt und an Tugenden zugenommen hat. Dieß beschäftigt ihn täglich, und giebt ihm Anlaß, sich immer mehr von den Unvollkommenheiten loszureißen und sich der Göttlichkeit seines Ursprungs wieder zu nähern.

Ich zweifle nicht daran, meine Brüder, daß Sie sämtlich diese Prüfung ihrer selbst, welche uns auch schon die Gesetze unsers Ordens so sehr anempfehlen, zum öftern anstellen. Freylich finden wir nicht selten, indem wir dieses thun, vieles, das uns außerordentlich demüthigt, und es werden wenig Menschen seyn, welche nicht diese oder jene Stelle aus ihrem Leben hinweg wünschen sollten. Bisweilen aber finden wir doch auch Ursachen, mit uns nicht unzufrieden zu seyn, wenigstens mit einzeln Handlungen. Doch auch der Beste wird dabey gewahr, daß er nicht zu allen Stunden gleich edel denkt und handelt, und daß er sehr auf seiner Hut seyn muß, damit das moralische Gebäude, an welchem er Jahre lang gearbeitet hat, nicht in einer unglüklichen Minute wieder einstürze.

Diese Gedanken, meine Brüder, führen mich auf einen sehr natürlichen Gange zu einigen Betrachtungen über den Werth der Menschen, welche ich ihnen jetzo mitzutheilen die Ehre haben werde, wenn Sie mir indes ein geneigtes Gehör gönnen wollen, das ich mir um desto sichrer verspreche, je wichtiger der Gegenstand meiner Rede ist, wenn auch gleich die Ausführung desselben nur unvollkommen ist.

Wenn ich von dem Werthe der Menschen spreche, so versteht es sich von sich selbst, daß darunter kein solcher Werth gemeint sey, nach welchem barbarische Nationen ihm Sclaven zu schätzen pflegen, da freylich ein junger starker Kerl theurer ist als hundert Gellerts. (verstorbener schwächlicher Gelehrter). Eben so wenig kommen hier Talente und Gemüthsgaben in Betrachtung. Helden, Staatsmänner, Philosophen, Gelehrte, Künstler, so groß sie immer seyn mögen, wenn ihr Herz diesen Eigenschaften nicht entspricht, so sind sie unsres Beyfalls ganz unwürdig.

Unter dem Werthe der Menschen verstehe ich hier blos ihren moralischen Werth; die übrigen Eigenschaften derselben mögen beschaffen sein, wie sie wollen. Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht   und klein, ein König könte Sclav, ein Sclave König seyn. Hier kömt alles aufs Herz an; das Herz, das heischen Gesinnungen und Thaten, das Herz allein macht den wahren Werth der Menschen aus, und nach selbigem beurtheilen und schätzen wir alle und jeden. Der bekannte grose Philosoph, der in seinen seltsamen Meinungen nur zu oft recht hat, giebt den Menschen schuld, daß sie nichts in seiner natürlichen Beschaffenheit lassen, sondern alles verderbten. Was aber haben sie wohl mehr verderbt als sich selbst; dafür haben sie eine Menge falscher Begriffe und Vorurtheile eingeführt, daß eine Erfahrung von vielen Jahren auch den aufmerksamsten und scharfsinnisgsten Beobachter kaum die Helfte davon entdeken und vermeiden lehrt.

Wohin ich mein Auge werfe, herrscht Thorheit oder Betrug, und um kein Sonderling zu scheinen, muß man sich der Welt wenigstens gleich stellen. Nur zu oft wird der wahre Werth eines Menschen, dem es an diesem oder jenem Äusserlichen Scheine fehlt, verkannt, und Verdienste bey dem einen übersehen, von welchen ein andrer kaum die Helfte besitzt, und sich damit die Verehrung eines ganzen Königreichs zuzuziehen weiß. Dieser wird um einer Handlung willen in den Kerker geworfen, durch welche ein andrer auf den Gipfel der Hoheit steigt.

Unsinnige Sterbliche, wann werdet ihr Wahrheit vom Betruge, Schein vom Wesen und Größe vom Dunste unterscheiden lernen! Doch es ist schwer, durch alle die labyrinthischen Krümmen hindurch zu schauen, zwischen welche sich der betrügerische Mensch verbirgt. Hinter der Larve der Demuth wohnt Hochmuth, Dienstfertigkeit ist Eigennutz, Freundschaft Haß, Höflichkeit Verachtung, und es giebt kein Laster, das nicht eine Tugend oder gute Eigenschaft hätte, deren Namen und Gewand es zu erborgen pflegt. Es gehört ein sehr aufmercksamer Beobachter dazu, dieses allezeit von jenem zu unterscheiden. Wie glücklich wären wir, wenn wir nach dem Wunsche jenes alten Weltweisen Fenster in die Brust machen, das ist alle Verstellung aus dem menschlichen Herzen verbannen könten. Ich hoffe wenigstens, daß niemand von uns etwas dagegen einzuwenden haben dürfte. Wenn es wahr ist, daß noch kein Mensch seine Talente und Fähigkeiten so hoch getrieben hat, als er sie hätte treiben können; so ist auch wenigstens eben so gewiß, daß noch niemand seinen moralischen Werth zu einer solchen Höhe gebracht, als er denselben hätte bringen können. Zu jenem sind nur wenig Menschen, nemlich solche, die vor andern vorzügliche Gaben besitzen, fähig; diese könten wir alle, denn der ehrliche, der rechtschaffene Mann ist auch ohne Talent schätzbar, und es ist mehr ein witziger Einfall eines unserer besten Schriftsteller, wenn er sagt, man wäre sehr wenig, wenn man weiter nichts als ein ehrlicher Mann wäre als daß er’s im Ernst hätte meinen sollen. (Lessing in Minna von Barnhelm). In Absicht auf die große Welt mag sein Ausspruch gelten, aber in Ansehung der Moralität ist dieses der erste, der vornehmste Character; ein Character, den man nothwendig haben muß, um in unsere Gesellschaften den Eingang zu erhalten.

Der großmüthige, der freygiebige, der Mann, der mit einem Worte Tugend hat, kann dieser nicht in der That seyn, wenn ihm jenes fehlt, so glänzend auch seine andern Eigenschaften seyn mögen. Bey der Welt kömt vieles darauf an, daß man, um hochgeschätzt zu werden, selbst etwas aus sich mache. Es gehört Grimasse dazu, sich in ein gewisses Ansehen zu setzen, und wer diese nicht machen kann, spielt gemeiniglich eine sehr schlechte Rolle auf diesem Schauplatze. Sehen Sie, wohin Sie wollen, und Sie werden finden daß die Sache sich wirklich so verhält.

Alles dieses glänzende Wesen aber, diese gierige Minen, womit der große Name auf geringere herablächelt, diese andächtige Stellung, womit uns Philander von seiner Frömmigkeit überzeugen will, Stephans Eifer, womit er uns zu dienen sucht, sind blos ein Firnis, hinter welchem wir gerade das Gegentheil von dem was sie seyn wollen, erblicken würden, wenn wir Gelegenheit fänden, ihnen diesen Firniß abzuziehen. Unsre Gesetzbücher bedienen sich eines vortreflichen Sinnbilds, wenn sie von den Fehlern des menschlichen Herzens reden; sie nennen sie Risse und Lücken und haben uns diese Mauerkelle gegeben, selbige damit zu bewerfen und auszufüllen. Manche Münze hat ein schönes Gepräge und den Schein des edelsten Metalls; allein der Probier und der Schmelztiegel geben uns einen weit geringern Gehalt zu erkennen, als wir gedacht hätten.

Der war gewiß kein flüchtiger Beobachter von dem Werthe der Menschen, welcher sagte, die meisten verdienten nicht, daß man sie mehr als einmal sähe, und es würde schwer fallen ihm das Gegentheil zu beweisen. Ich glaube nun so viel von dem moralischen Werth der Menschen gesagt zu haben, als jeder von uns zur Prüfung seiner Selbst und andre brauchen dürfte. Denn dieser eine Werth ist es, wie Sie wissen, worauf bey der Maurerey am meisten gesehn wird. Nach demselben beurtheilen wir unsere Mitglieder, darum ist es geschehen, daß unser Orden den Unterschied der Stände aufgehoben hat, welcher so vieles Unheil in der Welt anrichtet.

Man nenne mir ein Laster, das nicht seinen Ursprung wenigstens zum Theil demselben zu dancken hätte. Wer würde etwas vom Neid, dem Stolz und von der Habsucht wissen, wenn nicht die ursprüngliche Gleichheit aufgehoben worden wäre. Diese niedrigen, unnatürlichen Laster, welche den grösten Monarchen unter seinen geringsten Unterthan herabsetzen! Doch was Monarchen! Blos jene Laster haben sie uns nothwendig gemacht, wenn sie anders nothwendig sind, und wenn man nicht in einem Staate, wo jeder einander gleich wäre, glücklicher zu leben vermag. Doch diese Untersuchung würde mich zu weit führen. – Aber trotz diesem Unterschiede der Stände wohnen auch in Hütten Edle und in Pallästen Armseelige. –

Schon durch diese Gleichheit ist die Freymaurerey, wenn sie auch sonst nichts gutes hätte, die vortreflichste aller Gesellschaften. Wie glücklich sind wir, daß wir Freymaurer sind. Das heist, Leute, welche die Vorurtheile der Welt von Rang, Ehre, Reichthum, abgelegt haben, und jeden blos nach seinem moralischen Preise schäzen. Eine Wahrheit, die uns zwar schon das Recht der Vernunft lehrt, die aber von allen ohne Ausnahmen verkannt, und blos noch von den Freymaurern ausgeübt wird. Wie glücklich würden die Weltbürger seyn, wenn sie diesen Grundsatz annähmen, und wie nützlich würde auch aus dieser Betrachtung die Ausbreitung, und wenn ich so sagen darf, die Algemeinheit der Freymaurerey werden! Doch dieses ist, wie vieles Gute in der Welt mehr zu wünschen als zu hoffen.

Die Feyer des heutigen Tages, meine Brüder, es ist, wie Ihnen bekannt ist, der Stiftungstag der gerechten und vollkommenen Loge zu den drey Rosen, setzt mein Herz in eine freudige Bewegung, die, ich bin überzeugt, alle diejenigen, welche an dem Wohl der Maurerey überhaupt und insbesondre an dem Flor der Rosenloge theil nehmen, gleich starck empfinden. Es sind nicht länger als 2 Jahre, da diese Loge unter dem Beystande des göttlichen Baumeisters errichtet ward, und doch kann sie in Ansehung auf Menge und Würdigkeit ihrer Mitglieder sich mit den ältesten Logen messen. Wir zehlen an Mitgliedern über 60, von denen aber verschiedene abwesend sind, und unsere geehrteste Schwesterloge zur goldenen Kugel hat ebenfals ihren Anfang von uns genommen. Etwas zum Lobe unsrer Mitglieder zu sagen, verbietet mir ihre Bescheidenheit. Es ist genug, wenn ich vor ihnen sämtlich behaupte, daß sie gute Maurer sind. Lassen Sie uns, meine theuersten Brüder, den heutigen Tag mit dankvollen Empfindungen gegen unseren obersten Baumeister begehen, und dann uns unter einander und über einander freuen, daß wir Maurer sind und den algütigen Vater dieses Alls bitten, daß er uns auch künftig unter seinen Schutz nehme, und sich unsre Arbeiten wohlgefallen lasse. Ξ

Ehrwürdiger Meister, meine Zeichnung ist beendet.

Br. Gernot Riebenstein, Altlogenmeister der JL „Zu den Drei Rosen“, hielt diesen Vortrag am 28.03.2019 bei der JL „Absalom zu den drei Nesseln“.

Veranstaltungen

Würdige Brüder,
liebe Brüder Meister,

mit großer Freude lädt Sie die Johannisloge Rose und Akazie im Namen der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland zum 52. Johannismeister-Seminar in das Düsseldorfer Logenhaus ein.

Das Meisterseminar zeichnet sich durch ein inhaltlich breites Spektrum an Vorträgen aus und wird so zu einer idealen Möglichkeit, Ihre freimaurerische Forschung zu vertiefen und zu erweitern. Die Vorträge enden in einer offenen Frage- u. Diskussionsrunde, in der die aufgekommenen Fragen beantwortet werden und Anregungen aktiv besprochen werden können.

Am Freitagabend starten wir das Seminar in ungezwungener Atmosphäre zum gegenseitigen Kennenlernen mit Büffet und Getränken. Dieser Abend bietet Ihnen die Möglichkeit zu einem brüderlichen Austausch, treffen Sie „alte“ Weggefährten und schließen Sie neue Freundschaften. Das Meisterseminar verbindet Brüder aus dem ganzen Bundesgebiet und macht es so zu einer einzigartigen Veranstaltung.

Es ist uns gelungen, besonders erfahrene Brüder zu gewinnen, die uns an ihren hochkarätigen Forschungsergebnissen und ihrem Wissen teilhaben lassen werden. Es werden die Themenbereiche Alchemie, Symbolerfahrung und deren Deutung, die Pythagoreer, vergleichende Ritualteile mit anderen Lehrarten und historische Betrachtung, eingebunden.

Am Samstag bieten wir Ihnen noch ein interessantes Rahmenprogramm, das uns zum Goethemuseum führen wird, durch das uns der Direktor des Museums, Prof. Dr. Wingertszahn, führen wird und spannende Einblicke in das Leben und Wirken von Br. Goethe gewährt. In einem traditionellen Düsseldorfer Brauhaus werden wir dann das Seminar abrunden.

Alle Details finden Sie auf den folgenden Seiten, dazu auch alle Kontaktdaten des Organisationsteams – bitte melden Sie sich jederzeit bei Fragen.

Einladung zum Johannismeister-Seminar 2019

Buchungsformular Meisterseminar

Wir freuen uns auf Sie!

Ihr Ihnen i.d.u.h.Z. treu verbundene

Br. Lars Wolters

(Logenmeister JL R+A D-dorf)