
Freimaurerorden
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Das Thema dieser Ausgabe:
Der Mythos von der freimaurerischen Weltverschwörung
Landesgroßredner Werner H. Heussinger erklärt, woher dieser Mythos kommt, warum soziale Medien ihn befeuern und was dagegen hilft.
mit dem Freimaurerorden.

Werner H. Heussinger hat als Mitgründer und Vorstand einer börsennotierten Unternehmensgruppe, als Bestsellerautor und Lehrbeauftragter die Finanzmärkte aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet. Er war einer der führenden Zertifikate-Experten Deutschlands und ist seit 2007 Mitglied des Fachbeirats am isf Institute for Strategic Finance der FOM – Hochschule für Oekonomie und Management. In seinen Büchern und Vorträgen befasst er sich mit Behavioral Finance, Massenpsychologie und vor allem mit den Auswirkungen der digitalen Revolution auf das Menschsein.
Seit 1997 ist er christlicher Freimaurer und in zahlreichen philanthropischen Einrichtungen aktiv. So ist er stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Hilfe zur Selbsthilfe Suchtkranker und Suchtgefährdeter (Suchthilfestiftung) und Vorstand der Heidelberger Gespräche Gesellschaft.
1935 wurde die Freimauerei durch die Nationalsozialisten in Deutschland als „verschwörerischer Geheimbund“ verboten. Es begann die sogenannte „Dunkle Zeit“. Über die Hintergründe und die teils bis in die Gegenwart hineinwirkende NS-Propaganda sprach WDR-Zeitzeichen mit Werner H. Heussinger im Hörfunk der ARD.
Werner H. Heussinger
Werner H. Heussinger
Wenn sie das täten, wären Freimaurer erstaunlich schlecht darin. Man hat ihnen schon vorgeworfen, Revolutionen angezettelt, Regierungen gelenkt und Pandemien erfunden zu haben. Wer eine Loge von innen kennt, weiß: Der Abend endet mit Ritual, Vortrag und einem gemeinsamen Essen, nicht mit der Weltherrschaft. Interessanter ist die Frage, warum bestimmte Menschen den Freimaurern das immer wieder andichten. Die Antwort sagt wenig über Freimaurer aus, aber viel über den Umgang mit Unsicherheit.
Werner H. Heussinger
Das Muster ist älter als die Freimaurerei. Zuvor hatte man an den Jesuiten eingeübt, wie ein angeblicher Geheimbund aussieht: international vernetzt, streng diszipliniert und einflussreich an den Höfen. Nach der Französischen Revolution lag dieses Raster bereit. Um 1797 erklärte der Verschwörungstheoretiker Abbé Barruel den Umsturz zum Werk von Freimaurern und Illuminaten. Seine tödlichste Form fand das Muster in den „Protokollen der Weisen von Zion“, einer Fälschung, die schon 1921 als solche entlarvt wurde und dennoch zur Rechtfertigung des Völkermords der Nationalsozialisten diente. Wer heute von einer „geheimen Elite“ raunt, landet deshalb oft beim Antisemitismus.
Werner H. Heussinger
Weil Menschen, die frei und ohne Dogma miteinander denken, für jedes autoritäre System eine Zumutung sind. Mussolini verbot die Logen 1925, die Nationalsozialisten lösten sie bis 1935 auf und verfolgten viele Brüder. Auch die kommunistischen Regime duldeten keine Freimaurerei, mit Ausnahme Kubas.
Werner H. Heussinger
Erich Ludendorff, General im Ersten Weltkrieg, einer der Väter der „Dolchstoßlegende“ und früher Unterstützer Hitlers. Nach der gescheiterten Frühjahrsoffensive 1918 wurde er entlassen, 1923 scheiterte er mit Hitler beim Putsch in München, später auch als Kandidat für das Amt des Reichspräsidenten. Die Gründe suchte er nie bei sich, sondern bei anderen: Juden, Jesuiten, Kommunisten, der Vatikan und natürlich die Freimaurer sollten schuld sein. „Weltjudentum“ und Freimaurer hätten demnach gemeinsam den Krieg ausgelöst und Deutschlands Niederlage verursacht. Als vermeintlicher Nationalheld fand er damit Gehör.
Werner H. Heussinger
Bis ins Absurde. Mit seiner zweiten Frau Mathilde deutete er Geschichtsdaten pseudo-kabbalistisch und fabulierte sogar von Außerirdischen. 1937 verdächtigte er Stalin, ein Beauftragter des Dalai-Lama zu sein. Immer mehr wurde Ludendorffs geistiger Zustand infrage gestellt. Selbst Hitler wurde das zu viel: Er behauptete schließlich, Ludendorff sei selbst Freimaurer. Wirrer geht’s immer. Das Bittere daran: Ludendorffs Zerrbild der Freimaurerei hat überlebt. Im Netz werden seine Thesen bis heute in allen Sprachen geteilt und mit anderen Theorien vermengt.
Werner H. Heussinger
Mehr, als mir lieb ist. Eine Spekulationsblase und eine Verschwörungserzählung funktionieren nach demselben Prinzip. Eine eingängige Geschichte verbreitet sich, jeder neue Anhänger gilt als Beweis, Zweifler werden als Ahnungslose verspottet. Herdenverhalten, Selbstüberschätzung und die Vorliebe für bestätigende Informationen kenne ich von der Börse ebenso wie aus Telegram-Gruppen. Der Nobelpreisträger Robert Shiller spricht von „Narrative Economics“: Geschichten bewegen Märkte ebenso wie Meinungen. Einen Unterschied gibt es allerdings. Eine Blase platzt irgendwann. Eine Verschwörungstheorie erklärt jede Widerlegung zum Teil der Vertuschung.
Werner H. Heussinger
Sie sind der Brandbeschleuniger. Das Geschäftsmodell der Plattformen beruht auf Aufmerksamkeit, und ihre Algorithmen lernen, was uns am stärksten fesselt. Das sind vor allem Wut und Empörung, kaum je Ausgewogenheit. Eine Studie in „Science“ zeigte 2024, dass Menschen empörende Falschmeldungen sogar teilen, ohne sie gelesen zu haben. Aus der Suchthilfe kenne ich den Mechanismus dahinter: die unregelmäßige Belohnung wie am Spielautomaten. Man weiß nie, ob der nächste Wisch etwas Aufregendes bringt, und genau das hält uns fest. Was früher mühsam in Pamphleten weitergegeben wurde, erreicht heute in Stunden Millionen. Die „Maschine“ belohnt nicht die Wahrheit, sondern die Erregung.
Werner H. Heussinger
Einen breiten Hass wie in den 1930er-Jahren gibt es in unserer Demokratie nicht. Die alten Bilder leben aber unter neuen Namen weiter, etwa als „Globalisten“, „Deep State“ oder „Great Reset“. Gefährlich wird es immer dann, wenn Gesellschaften unter Druck geraten: In Wirtschaftskrisen, Kriegen und Pandemien suchen Menschen einfache Antworten und einen Schuldigen. Für manche ist die Freimaurerei dann die ideale Projektionsfläche. Gelassenheit ist deshalb richtig, Sorglosigkeit wäre falsch.
Werner H. Heussinger
Nicht auslachen! Zuhören und nachfragen, auch wenn es schwerfällt. Dumm oder böse sind die Betroffenen in der Regel nicht. Hinter fast jeder Verschwörungserzählung stecken Angst und der Wunsch nach Kontrolle in einer unübersichtlichen Welt. Eine Verschwörung ist paradoxerweise tröstlicher als der Zufall, denn dann hat die Welt wenigstens einen Plan. Aus der Suchthilfe wissen wir, dass Beschämung niemanden zurückholt, Beziehung und Geduld dagegen schon. Für Freimaurer heißt das: Logen öffnen, zu Gästeabenden einladen und offen über ihre Werte und ihre Geschichte sprechen. Gegen Dunkelheit hilft nur Licht. Das ist seit 300 Jahren unser Programm.

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