
Freimaurerorden
Sie lesen hier den aktuellen Newsletter zur Homepage der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland.
Die Themen in dieser Ausgabe:
Drei Fragen an:
Br. Mirko Rosenfeld
1. Wie bist Du zur Freimaurerei gekommen?
2. Was ist für Dich das Wichtigste als Freimaurer?
3. Wie hat die Freimaurerei Dich und Dein Leben verändert?
Standpunkt und Denkanstoß
Auf der Suche nach dem eigenen Platz
mit dem Freimaurerorden.

Bruder Mirko Rosenfeld wurde 1980 in Schwerin geboren und ist bis heute mit seiner Jugendliebe verheiratet. Seit sechsundzwanzig Jahren übt er den Beruf des selbstständigen Tätowierers aus. Im Jahr 2014 wurde er in den Freimaurerorden aufgenommen, seit 2024 steht er als Vorsitzender Meister an der Spitze seiner Johannisloge „Harpokrates zur Morgenröthe“ in Schwerin.
Als Tätowierer konnte Mirko stets das tun, was er wollte – und ebenso wichtig: nie etwas tun, das er nicht wollte. Tag für Tag begegnet er Menschen, denen er auf ganz unterschiedliche Weise nahekommen darf, um ihre persönlichen Themen in Bildsprache zu übersetzen. Diese besondere Nähe verbindet Mirko mit einer handwerklichen Finesse, die er beständig weiterentwickelt.
Br. Mirko Rosenfeld

Br. Mirko Rosenfeld
Zur Freimaurerei kam ich letztlich auf einfache Weise. 1987 wurde ich noch in der damaligen DDR eingeschult. Nachdem mein Vater früh verstarb, passte ich schon bald nicht mehr besonders gut in das Bildungssystem der Nachwendezeit. Meine Korrektive suchte ich dort, wo es mir richtig erschien. Ich fand Anschluss in den Subkulturen und versammelte eine Reihe außergewöhnlicher Menschen um mich. So kam es, dass ich mich nach meinem Zivildienst mit knapp neunzehn Jahren als Tätowierer selbstständig machte und seitdem nicht mehr zurückblickte.
Mit meinem Handwerk, das sich als Branche gerade erst selbst schuf, hatte ich so viel Erfolg, dass ich einige meiner Freunde ausbilden konnte und seither jeden Tag gemeinsam mit ihnen an dem arbeiten darf, was wir lieben.
Mit dreißig Jahren war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich in einer erfolgreichen, selbst geschaffenen Blase wohlfühlen durfte. Entwicklung war im Handwerk und in der künstlerischen Darstellung möglich, ich hatte die Liebe gefunden und hätte es von dort an einfach laufen lassen können. Was für eine schreckliche Vorstellung!
Mit Symbolen zu arbeiten, einen Übergang von immanenter Wirklichkeit hin zu transzendenter Wahrnehmung zu schaffen, hielt ich ohnehin schon immer für meine Sache. Schon beruflich. Dachte ich.
Das Logenhaus lag in direkter Nachbarschaft zu meinem Wohn- und Arbeitsumfeld, und ich wollte mehr darüber erfahren. Letztlich schrieb ich eine höfliche E-Mail an die Loge und wurde – wie ich heute weiß, höchst ungewöhnlich – noch am selben Tag zu einem Gästeabend eingeladen. Die Brüder hielten mich und meine Äußerlichkeit damals aus, und wir wuchsen zusammen. Subkultur war schließlich mein Ding. Dachte ich.
Ich fand eine Bruderschaft, die mich bis heute froh, glücklich und stolz macht. Ich durfte Männern begegnen, die in meiner selbst geschaffenen Blase nicht vorgekommen wären.

Br. Mirko Rosenfeld
Meine Vorstellung von Progression bekam eine neue Dimension. Ich konnte und kann von Menschen außerhalb meines damaligen Horizonts lernen. Und es gibt Brüder, die Hilfe von mir annehmen. Auch das macht mich glücklich.
In meiner Freimaurerei bildet die Gestalt des Obermeisters einen wesentlichen Ausgangspunkt. In ihr werden die Würde und die soziale Angebundenheit des Menschen auf eine Weise sichtbar, die ich vollständig annehmen kann.
Ich weiß heute – und möchte dies in jedem Menschen erkennen –, dass ich auf Liebe und Beziehung hin ausgerichtet bin.
Jeder Mensch besitzt eine eigene, intrinsische Würde und Personalität, vor der sich jede gesellschaftliche Über- oder Unterordnung rechtfertigen muss.
Ich erkenne meine eigenen, gegebenen und erlernten Eigenschaften als Bruder an. In meiner inneren Loge bin ich daher für alles zuständig. Außerhalb, im Bruderbund, habe ich mich noch mit keinem Bruder auseinandergesetzt, ohne dass er eine Saite in mir zum Schwingen gebracht hätte. Für dieses wichtige Geschenk bin ich dankbar!

Br. Mirko Rosenfeld
Als Meister meiner inneren Loge, aber auch als gewählter Vorsitzender Meister unserer Bruderschaft, möchte ich immer wieder versuchen, das beste Verhältnis von Verantwortung zu finden: Jeder soll für den ihm eigenen Bereich Verantwortung übernehmen können.
Dieses Prinzip soll dazu ermutigen, paternalistische Haltungen zu überwinden und eine Kultur gegenseitiger Mitverantwortung zu fördern.
Ich möchte so viel Selbstständigkeit und Selbstermächtigung wie nur möglich ermöglichen – und zugleich so viel Hilfe wie nötig geben und annehmen dürfen.
Als christlicher Freimaurer darf ich die Gegenwart nicht als feststehendes Schicksal verstehen, sondern als ein Feld persönlicher und gemeinschaftlicher Umkehr.
Für mich sind dies Grundlagen einer Liebesfähigkeit, die sich in verschiedenen Formen ausdrückt: Agape | Philia | Eros
Ich bin dankbar und froh, dass ich nun, dreizehn Jahre nach meiner Aufnahme in den Bund, noch immer tun kann, was ich will.
Inzwischen weiß ich jedoch auch, dass ich nicht wollen kann, was ich will. Gerade deshalb möchte ich Verantwortung übernehmen. Das Gegenteil von Liebe ist Gleichgültigkeit. Dass ich den Glauben, über meine eigene Willensentscheidung hinaus, gefunden habe, ist für mich eine unmittelbare Folge meiner Freimaurerei. Die daraus entstehende Entängstigung hilft mir, vernünftig und liebevoll zu leben. So hoffe ich.
von Br. Werner H. Heussinger, Landesgroßredner

Heinrich Heine (1797–1856)
Diese Fragen sind uralt – und sie lassen den Menschen bis heute nicht los. Seit zwei Jahrtausenden prägen sie die abendländische Metaphysik. Religion, Philosophie und, als jüngste im Bunde, die Psychologie ringen um Antworten. Dichter, Denker und Naturwissenschaftler gleichermaßen. Und auch jeder Freimaurer, der dem Bund beitritt, treibt letztlich diese eine Frage um: Wo ist mein Platz? Was ist der Sinn meines Lebens?
Dieses Bedürfnis ist zutiefst menschlich – und dabei völlig unabhängig von Glauben oder Konfession. Doch woher kommt der Drang, solche Fragen überhaupt zu stellen?
Ein Blick auf das Wort religio hilft weiter, auch wenn seine Herkunft umstritten ist. Cicero leitet es von relegere ab: wieder durchgehen, überdenken, wieder lesen – das gewissenhafte Vollziehen eines Rituals. Spätere Denker wie Lactantius und Augustinus deuten es anders: religare, „wieder verbinden“. Religion als Rückbindung des Menschen an Gott.
Zwei Ebenen lassen sich unterscheiden. Kollektiv stiftet Religion Kultur – es gibt keine menschliche Gesellschaft ohne sie. Selbst dort, wo der Glaube schwindet, bleibt das Kulturchristentum als Identitätsanker bestehen: in Riten, Bildern, Geschichten. Der Philosoph Alexander Grau nennt das treffend eine kollektive Identitätsstiftung, die Halt gibt, auch ohne geteilten Glauben.
Individuell aber bleibt die Frage nach dem eigenen Sein. Nach dem Sinn der Existenz. Nach jener numinosen Sehnsucht, die uns antreibt – eine Sehnsucht nach Einheit.

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