
Freimaurerorden
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Die Themen in dieser Ausgabe:
Drei Fragen an:
Br. Hanns Buchta
1. Was hat Dich zur Freimaurerei gebracht?
Standpunkt und Denkanstoß
Weisheit, Stärke, Schönheit
mit dem Freimaurerorden.

Br. Hanns Buchta, Jahrgang 1934, wurde in Wien geboren – hineingeboren in eine Familie, deren Wurzeln nach Österreich, Ungarn und Tschechien reichen. Das Internationale liegt ihm gewissermaßen im Blut, und es hat sein ganzes Leben durchzogen.
Beruflich war er als geschäftsführender Prokurist eines internationalen Großkonzerns unterwegs – quer durch Europa und immer wieder über den Atlantik, insbesondere nach Kalifornien. Wo andere nur Geschäftstermine wahrnahmen, knüpfte er Verbindungen: zu Menschen, zu Logen, zu Brüdern in aller Welt.
In Heidelberg gehört er zu den Gründern der Loge VI VERITATIS im Jahre 1977. Zwölf Jahre lang hat er sie als Vorsitzender Meister geführt und in dieser Zeit geprägt, was die Loge auch noch heute ausmacht. Von der ersten Stunde an lag ihm die enge Verbindung zur amerikanischen Loge im Haus (zugehörig zur American Canadian Grand Lodge) besonders am Herzen – kein Zufall, denn auch familiär führen die Fäden über den Atlantik: Sein ältester Sohn ist Deutsch-Amerikaner, seine Schwester wanderte in die USA aus. Zwei Söhne und drei Enkelkinder gehören zu seiner Familie.
Lange Jahre zog es ihn in die Berge – als begeisterter Skifahrer und Bergsteiger. Und in jüngeren Jahren war das Windsurfen seine Leidenschaft.
Was sein Leben durchzieht, ist die Begegnung mit Menschen. Woher einer kommt, war nie die Frage. Entscheidend war immer, dass man sich auf Augenhöhe begegnet.
Br. Hanns Buchta

Br. Hanns Buchta
Vor 53 Jahren war die tägliche Welt, in der man sich zu behaupten hatte, geprägt durch den Jom-Kippur-Krieg, durch stark steigende Preise infolge der gedrosselten Erdöllieferungen der arabischen Länder – gedacht als Strafe an den Westen – und durch eine verfallende Konjunktur. Wer damals im Berufsleben stand, hatte alle Hände voll zu tun, die eigene Existenz im Griff zu behalten. An autofreien Sonntagen fuhr niemand ins Grüne, und in den Büros rechnete man zum ersten Mal seit Jahren wieder damit, dass es auch abwärts gehen konnte. Das war 1973 – das Jahr meiner Aufnahme in die Freimaurerei.
Der Anlass war denkbar unfeierlich. Da war ein Praktikant im Büro, der mich zum Mittagessen ins Mannheimer Logenhaus mitnahm, wo sich mangels eigener Kantine das halbe Polizeipräsidium traf. Der damalige Logenmeister in Mannheim war Sprecher des Präsidiums und mir darüber hinaus beruflich bekannt, und so blieb es nicht aus, eines Tages nach Interessen über die Verpflegungs-Ökonomie hinaus gefragt zu werden.
Ich will bei der Wahrheit bleiben, auch wenn sie einer nachträglichen Verklärung im Wege steht: Im Hause Mannheim verkehrten zu dieser Zeit bekannte Immobilien- und Industriekaufleute. Eine Gesellschaft, der näher zu kommen schon erstrebenswert erschien. Das hat mich eigentlich, anfänglich, zur Freimaurerei gebracht. Das meiste von dem später und heute in unserer Lehrart gewichtigen Gedankengut war mir nicht eingeblendet; ich hätte auf die Frage, was einen Freimaurer ausmacht, damals keine brauchbare Antwort geben können.
Und doch war da noch etwas anderes, und rückblickend war es das Entscheidende. Mir fiel auf, dass diese Männer, wenn sie als Brüder auftraten, ein völlig anderes Gesicht zeigten, als es im Gesellschafts- und Geschäftsleben jener Jahre üblich war. Da wurde wirklich zugehört. Da wurde eine abweichende Meinung nicht als Angriff verstanden. Da spielte es am Tisch keine Rolle, wer welchen Wagen fuhr und wer wem etwas verkaufen wollte. Die Gelegenheit zu einem Gedankenaustausch mit solchen Persönlichkeiten war einer der Gründe meiner Bewerbung – und wohl der einzige Grund, der bis heute Bestand hat.

Br. Hanns Buchta
Das Wichtigste als Freimaurer, der ich das Glück habe sein zu dürfen, ist die Möglichkeit, mit jedem unserer Logenbrüder über alles, was mich bewegt, offen sprechen zu können. Das klingt einfacher, als es ist. Draußen wägt man ab, mit wem man was bespricht: mit dem Kollegen nicht, weil er im Wettbewerb/Interessenskampf steht; mit der Familie nicht, weil man sie nicht belasten will; mit dem Freund nur bis zu einer gewissen Grenze. In der Loge fällt dieses Abwägen weg. Ich kann eine Sorge, einen Zweifel, auch einen Fehler aussprechen, ohne abzuwägen, ohne zu berechnen, was er mich später kosten wird.
Dazu gehört, dass ich an Stelle von vielleicht berechtigter Kritik brüderlichen Rat erwarten darf. Das heißt nicht, dass mir nach dem Mund geredet würde – im Gegenteil, mancher Rat war unbequem und traf genau die Stelle, an der ich mich am liebsten nicht hätte treffen lassen. Aber er kam ohne Häme, ohne Belehrung und ohne den Beiklang, dass der andere daraus einen Vorteil zöge. Wer einmal erlebt hat, wie das wirkt, weiß, warum wir von Bruderkette sprechen und nicht von einem Verein.
Und schließlich das, was sich am wenigsten in Worte fassen lässt: dass ich immer wieder vorgelebt erleben durfte, was unsere Lehrart auszeichnet. Nicht in „Kanzelreden“ oder Vorträgen, sondern im Verhalten. In der Geduld eines Bruders mit einem schwierigen anderen. In der Selbstverständlichkeit, mit der jemand half und darüber kein Wort verlor. In der Haltung, mit der Brüder Schicksalsschläge trugen. Ich habe in den Jahren mehr durch Zusehen gelernt als durch Zuhören, und das ist vielleicht das Eigentliche unserer Arbeit: Sie wird nicht erklärt, sie wird gezeigt.

Br. Hanns Buchta
Sie hat mich langsamer gemacht, und das meine ich als Lob. Der junge Mann, der 1973 an jenem Mittagstisch saß, war schnell im Urteil und noch schneller in der Entgegnung. Die Arbeit am rauen Stein – ein Bild, über das ich anfangs eher gelächelt habe – ist bei mir vor allem eine Arbeit am eigenen Tempo gewesen: erst hören, dann verstehen, dann erst antworten. Ob mir das immer gelungen ist, mögen andere beurteilen. Dass ich es ohne die Loge nie versucht hätte, weiß ich sicher.
Sie hat mir zweitens beigebracht, Menschen nicht mehr nach ihrer Stellung zu sortieren. Am Tisch, im Tempel und im Gespräch danach saßen der Handwerker, der Beamte, der Kaufmann und der Professor nebeneinander, und es war nicht vorhersehbar, von wem der Satz kam, den man mit nach Hause nahm. Wer das über Jahrzehnte erlebt, verliert die Neigung, Menschen im Voraus einzuschätzen. Das hat mir im Beruf mehr genutzt als jede Beziehung oder Verbindung, um derentwillen ich ursprünglich angeklopft hatte.
Drittens hat sie mir Halt gegeben, als es ihn brauchte. Ein langes Leben bleibt von Verlusten, Rückschlägen und Zeiten der Ratlosigkeit nicht verschont. In solchen Zeiten war die Loge da – ohne dass ich darum bitten musste, ohne große Worte, aber verlässlich. Man geht abends mit einer Last in den Tempel und kommt nicht ohne sie, aber aufrechter wieder heraus. Ich habe in diesen 53 Jahren Brüder gehen sehen, denen ich vieles verdanke, und ich habe erlebt, dass die Kette darüber nicht zerreißt, sondern sich schließt.
So ist mir die Loge zu einer zweiten Heimat geworden. Nicht als Ersatz für die erste – meine Familie hat den größeren Anteil an meinem Leben –, aber als der Ort, an dem ich mich nicht erklären muss und an dem ich nach all den Jahren immer noch etwas dazulerne.
Und deshalb steht am Ende kein Rückblick, sondern ein Wunsch: Für unseren Freimaurerorden wünsche ich mir, dass junge Brüder eine solche zweite Heimat finden, wie es mir in meiner Loge VI VERITATIS in Heidelberg vergönnt ist.
„Das Hochmittelalter war eine Zeit der Innovation, und ihr Motor war die Stadt. »Stadtluft macht frei« galt nicht nur für die Bürgerrechte, sondern auch für den menschlichen Geist. Handwerk, Zünfte und Gilden schufen Wohlstand und Gemeinschaften – und wurden zum Nährboden der ersten Logen. Ausgelöst wurde dieses Wirtschaftswunder durch den Bau von Kirchen, Domen und Kathedralen, mit dem eine ganze Gesellschaft verbunden war, vom Schuster bis zum Baumeister.“
von Br. Werner H. Heussinger, Landesgroßredner

Von Br. Werner H. Heussinger, Landesgroßredner
Das Hochmittelalter war eine Zeit der Innovation, und ihr Motor war die Stadt. »Stadtluft macht frei« galt nicht nur für die Bürgerrechte, sondern auch für den menschlichen Geist. Handwerk, Zünfte und Gilden schufen Wohlstand und Gemeinschaften – und wurden zum Nährboden der ersten Logen. Ausgelöst wurde dieses Wirtschaftswunder durch den Bau von Kirchen, Domen und Kathedralen, mit dem eine ganze Gesellschaft verbunden war, vom Schuster bis zum Baumeister.
Jahrhundertelang orientierten sich diese Bauten an römischer Architektur. Doch im Frankreich des 12. Jahrhunderts war sie plötzlich da: die Gotik. Spitzbogen statt Rundbogen, hohe Säulen als inneres Gerüst, dünne Wände, große Fenster – ein Kirchenraum, den das Licht vollständig erfüllte. Die Gotik hatte keine Vorläufer und keine Experimentalphase; sie ist vollendet in ihrer Formsprache.
Ihr Ursprung lässt sich erstaunlich genau bestimmen. 1122 übernahm ein Mönch namens Suger die Leitung der Abtei Saint-Denis bei Paris. Dort lagen die Schriften jenes Dionysius, den man für den Schutzheiligen des Hauses hielt – tatsächlich stammen sie von einem unbekannten Autor um 500, der unter dem Namen des Apostelschülers Dionysius Areopagita schrieb und den wir heute Pseudo-Dionysius nennen. In diesen christlich-neuplatonischen Texten fand Suger eine Lehre, die ihn weit mehr befriedigte als die offizielle: Gott habe die Welt nicht aus dem Nichts geschaffen, sondern aus sich selbst. Alle Materie ist demnach materialisiertes Göttliches – und die Merkmale Gottes, die darin sichtbar werden, können nur Licht und Schönheit sein. Wer die Menschen zu Gott führen will, kann ihnen dann schlecht zeigen, dass er in einem dunklen Keller wohnt, also in einer romanischen Kirche.
Suger ist damit derjenige, der den biblischen Attributen Gottes, Weisheit und Stärke, als drittes die Schönheit hinzufügt. Und er ist der Erste, der Bausymbolik und Lichtsymbolik miteinander verbindet. Weil beides für die Freimaurerei zentral ist, ist es undenkbar, dass sie entstehen konnte, bevor Suger diese Gedanken entwickelt hatte.
1137 begann der Umbau. Dafür brauchte es Bauleute, die begriffen, dass ihr Material buchstäblich Gott selbst ist – Meister ihres Faches, keine Frondienstleistenden. Ständig die Göttlichkeit ihres Werkes vor Augen, werden sie irgendwann auf den Gedanken gekommen sein, dass eine solche Arbeit eine eigene Weihe verlangt, eine Initiation nach dem Vorbild von Taufe und Priesterweihe.
Von dort stammen unsere Bausymbolik, die Rollenverteilung im Ritual, die Verbindung von Hierarchie und Demokratie und das Hüten von Geheimnissen. Die Freimaurerei einseitig als Kind der Aufklärung zu betrachten, greift daher zu kurz. Unser Licht ist älter.

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